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Nationalzeitung · 1906-05-18 · Heft 36 (18.5.1906) · p. Seite 4

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 36 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Vorstand, dessen langjähriges Mitglied der Verstorbene war. einen fast unersetzlichen Verlust. Kais. Rat Moritz Hirsch stand außerhalb des eigentlichen Parteigetriebes. Seiner üillen, bescheidenen Natur widerstrebte die Politik im landläufigen Sinne, er erblickte die Hauptaufgabe der Juden darin, die bestehenden jüdischen Institutionen wirtschaftlich zu stärken und auszugestalten, damit sie einerseits eine schützende Zufluchtsstätte für die armen, verlassenen Glaubens- und Stammesbrüder, und gleichzeitig auch ent solides Fundament für den weiteren Ausbau der jüdischen Gemeinde werden können. Diesem seinem Ideal widmete er seine ganze, durch Arbeitsliebe und Erfahrung gestärkte Arbeitskraft, als langjähriger Finanzreferent der Kultusgemeinde. Wer die finanziellen Verhältnisse der Wiener Kultusgemeinde noch vor 10 Jahren kannte und sie mit den heutigen vergleicht, wird eine Idee bekommen, von der großen, hingebungsvollen Arbeit, die der ,Finanzminister der Kultusgemeinde". wie der Verstorbene von Eingeweihten genannt wurde, im Interesse eines Anwachsens der größten jüdischen Gemeinde selbstlos geleistet hat. Auch das Referat über den Rechnungsabschluß für das Jahr 1906, dessen Erledigung auf der Tagesordnung der am 20. d. M. stattfindenden öffentlichen Plenarsitzung des Kultusvorstandes steht, ist seine — leider letzte — Arbeit. Der edle Charakter und seine hervorragende kaufmännische Bildung des Dahingeschiedenen fanden auch in nichtjüdischen Kreisen wiederholt Anerkennung. Er war Ritter des Franz Josef-Ordens und des belgischen Leopold-Ordens, Präsident des österr.-ungar. Exportvereines und der Oelindustriegesellschaft, Vizepräsident der Nesselsdorfer Wagenbaufabriksgesellfchaft, Zensor mehrerer großer Banken usw. Üeber den Verlauf des Leichenbegängnisses, welches gestern, den 17. d. M. stattfand, werden wir in der Dienstagnummer berichten. Wien. Die „Oesterreichisch-JsraelitisHe Union" berief für den 14. d. M. in den Festsaal des „Hotel Continental" eine Versammlung der jüdischen Wähler ein, welche infolge wiederholter Provokationen seitens der erschienenen Sozialdemokraten sehr stürmisch verlief und nach einem Referate des Herrn Dr. Alexander Mintz und einer längeren Diskussion, an der u. a. die Herren Sekretär Fleischer, Dr. Schalit, Dr. Weisengrün, Bezirksrat Brill und Gemeinderat Dr. Hein sich beteiligten, folgende Resolution angenommen hat: „Die im „Hotel Continental" am 14. Mai tagende jüdische Versammlung verurteilt jeden Versuch, die jüdischen Wählermassen direkt oder indirekt zur altliberalen Politik zurückzuführen und verlangt, getreu dem moein volles Glas dem blinden Abba vor und teilen den Rest brüderlich unter sich. Abba trinkt, die Augen offen und immer nach oben gerichtet. Seine Stirn ist jetzt weiß wie Marmor. Er selbst gleicht einem Wunderrabbi. — Dann erzählt Abba seiner Geschichte zweiten Teil: „Noch war das Jahr nicht um, als Awrämele der berühmteste Mann im Lande wurde. Man hat ihn nicht mehr den Litwak und auch nicht Neb Abraham geheißen, sondern kurzweg Awrämele. Seine Frau hieß fortan Awrämeles Frau, seine Kinder Awrämeles Kinder und die Alte-Schul Awrämeles Schul. Alles, was nur in irgend einer Beziehung zu ihm stand, wurde mit seinem Namen benannt. Hier muß ich noch etwas erwähnen, lvas in die erste Hälfte meiner Geschichte gehört. Als Awrämele nach jener wunderbaren Selichotnacht seiner Frau vor innerer Erregung um den Hals gefallen lvar, begannen seine zehn Kinder, die glaubten, oaß ihr Vater plötzlich den Verstand verloren habe, zu heulen und zu schreien. Ihre Stimmen klangen dabei so schön, daß sich ihr Geheul wie ein herrlicher Chorgesang ausnahm. Awrämele merkte dies sofort und verstand, daß sich das große Wunder auch auf seine Kinder erstreckt hat. Er richtete sohin seine sechs Söhne ab — die vier Mädchen konnte er nicfjt verwenden — und erschien an einem der nächsten Feiertage mit feinem neuen Chor in der Alten-Schnl, um die betende Nationalzeitung dernen Poslnlate, nach Vertretung aller! Wählerschichten in den Vertretungskörpern, daß and) in den Wiener Gemeinderat Vertreter jüdischer Interessen entsendet werden. Sie fordert, daß die nengelvählten jüdischen Gemeinderäte auf der Basis volkstümlicher Politik jüdische Interessen zu berücksichtigen verpflichtet werden. Zugleich erklärt die Äersammlnng, bei der Wahl im zweiten Wahlkörper der antiklerikalen Liste ihre Stimmen znznwenden. Wien. (Dank.) Es gelangten an uns viele Zuschriften, welche Herrn Seide Komet wegen seiner selbstlosen Hingabe für die Zwecke des Vereines „Machsike hadath" Vertrauen und Dank aussprechen und uns bitten, öffentlich zu sagen, daß sein Ausscheiden sehr bedauert, aber sein Verhalten zur Lösung der Krise im genannten Vereine gebilligt und hoch bewertet wird. Diesem Ersuchen kommen wir angesichts der großen Verdienste des Herrn Komet Und der maßlosen Verdächtigungen gegen ihn gerne nach. Wien. (Baurat Oskar Marmorek.) Herr Architekt Oskar M a r m ore k, Mitglied des großen zionistischen Aktionskomitees, wurde vom Kaiser zum Baurat ernannt. Die Essegger zionistische Studentenschast bereitet sich schon lebhaft für den Empfang der Kongreßteilnehmer des .Zweiten Kongresses der Zionisten auS den südsl. Ländern" vor. Zahlreiche Vereine und Korporationen haben ihre Teilnahme zugesagt. Agram. Der Präses der .Bar Giora" (Wien), Herr Alexander Licht hielt im „Agramer jüd. Mittelschülerverein einen gelungenen Vortrag über Palästinakolonisatio n". Otynia (Galizien), 10. Mai. Auf Anregung und Betreiben des Präsidenten des hiesigen Vereines „Zion" wird hier in den nächsten Tagen ein A u s k u n ftsburea u f ii r j ii d i s ch e E m i g r a n t e u eröffnet werden. ilnptn. Budapest. Die Zunahme der Austritte ans dem Judentum in der Bndapester Kultusgemeinde hat auch die hiesigen Neologenführer! zum Nachdenken veranlaßt, wie tvir hierüber an anderer stelle berichten. Beim Rabbinat a ngemeldete Austritte erfolgten im verlaufenen Jahre insgesamt 101. Wenn wir sogar die übrigen Fälle doppelt so hoch beziffern, so ergibt sich noch immer ein günstigeres Resultat, als bei uns in W i c n, das bezüglich der Judentaufen auch verhältnismäßig den traurigen ersten Platz in der Welt einninunt. Nr. 36 Budapest. (Tic Erfol g e eines j ü d is ch e u L e b r c r s.) Ter Bndapester .uomukunallelirer Julius lsabel hat ein Schreib- und Lesellnterrichtsl)stein erfunden, mittels -welchen sowohl die kleinen minder der ersten Ele me Mar klaffe als auch die erwachsenen Analphabeten bi »inen 8 bis IN Stunden das ganz geläufige Schreiben und Lesen zu erlernen inrstande sind. Tie zuerst in h e b r ä i s ch e r S p r a ch e he rau sgegebenc Fidel ist binnen 2 Jahren in 0 verschiedenen Sprache» erschienen. Ter nup arische LandeAlierteidigungsmilrister Feld zeug meister v. B i - har ordnete snd Zahl 91(102/96 erst jünpst au, daß die Mannschaft (Analphabeten) der un>g>arischen Ovuved mittels dieses Systems unterrichtet werde. Nun -verfügte der österreichischi-nugarische gemeinsame Kriegs minister F-eldzeug-m-eister von Pit re ich snd Zahl 141/5, daß diese Schreibmwb Lefennterrrchtsmethodc, „welche gelegentlich der bei einzelnen Truppenkhrpern stattgehabten Erprobung ijiberraschende Resultate ergeben hat", in den Mann'schastsschnlen der ganzen Armee mrwendet -inerde. Mutsche« Reich. Berlin, 14. Mai. Der 10. Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland ist ans den 4. und 6. Juni 1906 nach Hannover, Börsen, Osterstraße 16 b, eiuberufen worden. Die Tagesordnung ist wie folgt festgesetzt: 1. Eröffnungsrede des Präsidenten des Zentralkomitees. 2. Bericht des Zentralbureaus. 3. Die allgemeine Lage der zionistischen Bewegung. Referenten: Assessor Dr. F r i e d m a n n und Berthold F e i w e l. 4. Palästinafragen. Referent: Professor Dr. Marburg. 6. Neuwahlen. Berlin. Eine von der Berliner Zionistischen Vereinigung für Donnerstag -den 26. April einberatfene Jiidischs Vo-lksversaintnÄuwg, in der Herr Dr. Leopold Kahn-Wien über „Zionismus und Diaspora" sprach, hat folgende Resolution einstimmig angenommen: „Die Versammlung spricht Ihr tiefstes Bedauern über die fortgesetzten unbegrünbeten- Ausweisungen russischer Indenaus. Sie protestiert gegen diese Verletzung der Menschlichkeit und stellt fest, daß die Regierung daimit Indirekt die Inden-feindli-chen Behörden- -Rußlands nuterstützt." Dr. M. S. Znckermandel. -Am 24. April feierte Herr Rabbiner Dr. M. S. Zucke rmaüdel, seit 1898 Dtiftsrabbüier der Mora-^Sal.-Leipziger- Stiftung in BreSlau (als Nachfolger des angescheuen Lexikographen Prof. Lowy), seinen 70. Geburtstag. -Der Jubilar ist in Ungar.-Brod (Mähren) als -Sohr: des Rabblu.ats-Assessors Samson Zuckerlimndel geboren, besuchte die Jefchiwoh des berü-hmten R-abbin-ers Salo-mon- Quetsch in Leipttik, dmrn -das Gymnasium in Nickolsburg, wo der damalige inährische Lapdesrabbmer und Gemeinde zehnfach zu verblüffen und seinen Ruhm hundertfach zu vergrößern. So kam es, daß die Alte-Schul an jedem Samstag übervoll von Menschen war. Die Gaboim machten sich den Ruhm ihres Chasns zuuutzen, drängten die armen Beter aus dem Hause und verpachteten deren Plätze an die Reichen für schweres Geld. Leute, deren Fuß schon lauge das Gotteshaus nicht betreten hatte, wurden die eifrigsten Beter, durch Awrämeles Chorgesang bezwungen und bekehrt. Es kamen auch adelige Gojim herbei, in deren Paläste Awrämeles Ruf gedrungen war, und obwohl ihnen der Korn seines Gesanges unverständlich blieb, weil sie die heilige Sprache nicht verstanden, so horchten sic doch stundenlang den erhabenen Tönen des Wundermannes und dem Chor seiner Engelkinder . . . Zn jener Zeit lebte in Krakau der Fürst Ehlomirski. Das war ein streinreicher polnischer Schlachziz, der außer einem Marmorpalais in der Stadt, allsgedehnte Güter im Lande besessen hat. Nebst diesen Gütern im Lande nannte er unzählige Schlösser in Rußland sein eigen, deren wahren Wert ihm selbst nicht bekannt war. Sein jährliches Einkommen dürfte so rund einige Millionen allsgemacht haben. Er war nicht so durch seinen Reichtllili berühmt, als durch seine Freigebigkeit und die Art und Weise seilles Lebens. Er gab nämlich sehr oft lustige Abende lind veranstaltete großartige Feste, zu denell die Schlachzizen aus allen Ecken und Enden des Landes herbeiströmten. Solche Veranstaltlmgen zogen sich manches Mal tagelang hin. Er bezog für diese Zwecke berühmte Sänger aus Italien, Tänzerinlren aus Paris, Taschenspieler aus Kvnstantinopel unb Geiger aus der Pußta. Immer wußte er seinen'Gästen etwas Neues, Ueberraschendes, zuweilen noch llicht Dagewesenes zu bieten. So trank und unterhielt lnan sich bei ihm die Nächte hindurch, bis mall berauscht auf die merkloürdigsten Sachen kam, Ausschreitllngen verschuldete oder gar bewußtlos unter die Tische fiel. Mit besonderem Ponrp feierte aber der Fürst Ehlomirski den Geburtstag seiner Frau. Sie war eine berühmte Schönheit und der Fürst hatte sie sehr lieb. Da verfiel er gewöhnlich auf etwas Eigeilartiges, womit er seiile Gäste verblüffte. Einmal ließ er einen ganzen Zirkus mit unzähligen Pferdeil und anderen Tieren ans denl Allsland kommen, um bei den Geluirtstagsfeierlichkeiten die Gäste zu unterhalten. Ein anderes Mal hat er hundert Mohren nnb hundert Mohrinnen aus Aegypten bezogen, die mit ihren Fenerkünsten die hohe Gesellschaft entzückteil. Und so freuten sich schoil alle Schlachzizen nnb Freunde Chlomirskis, die 31t den Geladenen gehörten, auf den Geburtstag der Frau Fürstin, der für sie ein wahrer Freudentag lvar. Allch dieses Mal lläherte sich der Geburtstag der Fürstin und der Fürst saß in seinem Salon und dachte darüber llach, lvas er denn eigeiltlich für die bevorstehendell Feierlichkeiten anordnen solle. Es fiel ihul nichts Rechtes ein und lvas ihm einfiel, lvar schon einmal dagewesen. Pferde, Löwen, Opernsänger, Tänzerinnen, Gaukler,

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