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Nationalzeitung · 1906-05-18 · Heft 36 (18.5.1906) · p. Seite 3

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 36 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3(3 Nativualzeitung Seite wurde vor allem auch beklagt, daß die Innung bisher noch nicht einmal zu einem Gutachten über die geplante Veränderung aufgefordert fei. Obermeister Schmidt gab sodann auf Befragen noch einige Erläuterungen zur Vorgeschichte der ganzen Sache, die durch tierschutzlerische Bestrebungen angeregt ist. Vorn Referenten wurde die von Direktor Goltz im Jahre 1898 angestellten Versuche nütgeteilt, uni die Blutverluste bei den einzelnen Tötungsarten zu ermitteln. Die Resultate dieser Ermittlungen sind zur Zeit veröffentlicht. Direktor Goltz führt daS Resultat dieser Untersuchungen jetzt als Argument für seine Anschauungen vor, die aber auch für die Fleischer maßgebend seien, da auch Goltz habe feststellen müssen, daß gewisse Mengen Blut bei Anwendung des Schußapparates Zurückbleiben, die zwar klein sein mögen, aber auch so genügen würden, um schädigend auf die Erhaltung deS Fleisches zu wirken. Der vorgelegte Entlvurf der Denkschrift wurde genehmigt. Wie bekannt und an dieser Stelle wiederholt dargelegt wurde, sind es die angeblich unbestrittenen Vorzüge der Schußbetäubung, mit welcher gegenwärtig das Foltern gegen das Schächten beschönigt und seine Unterdrückung gefordert wird. Der nachdrückliche Widerstand, den die größte Metzgerinnung Deutschlands und nüt ihr zahlreiche weitere Faehvereinignngen dieser „unfehlbaren" Tötungsart aus rein sachlichen Gründen entgegenstellen, lvird, wie zuversichtlich gehofft werden darf, ihren Eindruck auf die besonnenen, unbefangenen Tierschuhkreise nicht verfehlen. Was in aller Welt sollte denn die Männer der Praxis zu dieser einmütigen Stellungnahme bestimmen, wenn nicht die aus ständiger unmittelbarer Beobachtung gewonnene Erkenntnis, daß die Lobpreisung der „ alleinberecht igten" Schußtötung tatsächlich unberechtigt, daß ihre zwangsweise Einführung nicht nur nicht zu empfehlen, sondern aus ökonomischen und vor allem aus hygienischen Gründen zu verwerfen ist. Ain letzten Ende haben doch die Metzger, denen tagtägliche Erfahrungen ausgedehntester Art zu Gebote stehen, über die Frage der Ausblutung und damit der Haltbarkeit des Fleisches ein gewichtigeres Urteil, als der Ex-Fabrikinspektor von Schwartz, der Medizinalrat Mittermaier und die anderen Veterinärautoritäten gleicher Kompetenz! Unter diesem Gesichtspunkte gewinnt die Aktion der Fleischerinnung für die Verteidigung unserer rituellen Schlachtart auch dann hervorragende Bedeutung, lvenn sie wider Erwarten ohne unmittelbaren Erfolg bleiben sollte. - . Das Schachtvervat in Argentinien. Vor einiger Zeit ging eine Notiz durch die jüdische Presse, der zufolge die Argentinische Regierung das Schächten verboten hätte. Die „Auskunftsstelle für jüdische Auswanderer nach Südamerika und den Südstaaten der Union" wendete sich an die Argentinische Gesandtschaft in Berlin mit einem Schreiben, in dem hervorgehoben wurde, daß zu einer Zeit, in der unsere Glaubensgenossen aus Rußland in größerer Zahl sich Argentinien znwenden, deren Einwanderung den: Lande nur die größten Vorteile bringen kann, da sich unsere Glaubensgenossen erfahrungsgemäß stets als nützlicher die Wohlfahrt und die Kultur des Landes fördernde Staatsbürger erlviefen haben, eine Maßregel wie die oben erwähnte geeignet sei, die Einwanderung unserer Glaubensgenossen nach Argentinien zu hemmen. Darauf ist nun folgendes Schreiben des Argentinischen Gesandten und bevollmächtigten Ministers in Berlin, Dr. Jndalecio Goinez, an die Auskunftsstelle gelangt: B e r l i n, 9. Mai 1906. Sehr geehrte Herren! Ich kann Sie versichern, daß die Regierung der Argentinischen Republik keine einzige Vorschrift erlassen hat gegen die Freiheit irgend eines Einwohners ihres Landes, die if)tt an der freien Ausübung seines Kultus verhindern tonnte, sei er auch wer er sei, insofern er nicht gegen die Ordnung und die öffentliche Moral verstößt. Sollte sich irgend jemand ungerechtfertigterweise behindert fühlen an der freien Ausübung seiner Religionspflichten, so kann er mit Vertrauen auf Erfolg au die Föderaljustiz^appellieren, welche ohne Zweifel sofort das Hindernis beseitigen wird. Ich begrüße Sie, ineine Herren, aufrichtig und zeichne Dr. Jndalecio Gomez Gesandter der Argentinischen Republik. Aus der soeben erschienenen amtlichen Statistik über die Einwanderung in Argentinien für das Jahr 1905 entnehmen wir folgende Daten: Die Gesamteinwanderung betrug im Jahre 1905 177.117 Personen gegenüber 126.567 in: Jahre 1904. An erster Stelle stehen die Italiener mit 88.950. ' Es folgen dann die Spanier mit 63.029. Au dritter Stelle die Juden mit 7516. Mmlgsschllu uAmsMdkMll. Inland. Die sozialdemokratische Presse und besonders die „Arbeiter-Zeitung" hört nicht auf, die Juden Wiens dafür zu beschimpfen, weil sie angeblich bei den jüngsten Gemeinderatswahlen für den vierten Wahlkörper die Sozialdemokraten nicht unterstützt hatten. Obgleich uns diese Taktik der „Arbeiter-Zeitung" nach den jeweiligen Wahlen nicht mehr überrascht, so müsien wir dieses Vorgehen der Sozialdemokraten um so niedriger hängen, als es die sozialdemokratischen Führer vorzüglich verstehen, vor den Wahlen an den Türen unserer reichen Juden zu klopfen, was sie natürlich nicht abhält, in der Wahlagitation den Antisemiten eine übrigens gar nicht vorhandene Konzilianz gegen die „jüdischen Fabrikanten und Lieferanten" vorzuwerfen. Eines dieser interessanten Dokumente, welche beweisen, daß die Sozialdemokraten es nicht verschmähen, diese „jüdischen Fabrikanten und Lieferanten" für ihren Wablfonds anzuschnorren, wird in der jüngsten Nummer des in Krakau erscheinenden „Jüdischen Arbeiter" veröffentlicht, und verdient weiteren Kreisen zugänglich gemacht zu werden. Es ist dies ein Brief, den die reichsten Juden des ersten Bezirkes vor der Wahl des vierten Wahlkörpers erhalten haben. Der Brief lautet: „Euer Hochwohlgeboren! Am 9. Mai findet die Wahl des vierten Wahlkörpers in den Gemeinderat statt, in den für den 1. Bezirk die Christlichsozialen Ihnen bildungsfeindlichen Parteigegner als Kandidaten aufstellen. Im Kampfe gegen den verrohenden Antisemitismus sind wir in diesem Bezirke auf die Unterstützung der gesamten freiheitlichen Intelligenz angewiesen, und bitten Euer Hochwohlgeboren, Ihr Scherflein zu den Kosten dieses Kampfes beitragen zu wollen. Mit vorzüglicher Hochachtung Sozialdemokratisches Wahlkomitee 1. Bezirk. Gemeinderatswahlen 1906. Grünwald m. p., Otto Urbach m. p., Schriftführer. Obmann. Beilage, eine Postanweisung." Kaiser!. Rat Moritz Hirsch. Dienstag den 15. d. M. verschied hier nach kurzem Leiden der Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde, Herr kais. Rat Moritz Hirsch, im Alter von 67 Jahren. Durch den Tod dieses in allen Kreisen der jüdischen Bevölkerung Wiens gleichgeachteten Mannes erleidet die Wiener Kultusgemeinde und besonders der Donner: Abraham, der neue Ehasn. saug Jisgadal. „Jisgadal, wejiskadasch sehiuei rabbo ..." Und die ganze Geiueinde wurde von seinem Gesang ergriffen. Das Entzücken der Andächtigen stiea mit jeder Minute. Und inniger ward die Andacht. Männer und Frauen ließen die Tränen rinnen. Die Gemeinde betete laut, schreiend. Doch kaum daß der Ehasn seine bezaubernde Stimme vernehmen ließ, verstunnnte alles in erwartenden Entzücken. Die Stimme des Mannes drang bis an das äußerste Ende der Hoichegaß und lockte die Vorübergehenden heran, sodaß sie stehen blieben unb mitbeteten, wenn sie Inden lvaren, oder mit offenem Maule gafften, wenn sie das Unglück hatten, Gojim zu sein. Und als der Ehasn nüt gewaltiger Stimme das Gebet znm Himmel stieß: „Stürze uns nicht ins Greisenalter, verlaß uns nicht, so unsere Kräfte uns verlassen!", Wurde die ganze Gemeinde von Schluchzen ergriffen und es beteten den Satz nicht bloß alle nütanhörenden Inden, sondern auch die dranßenstehendeu Gojim, obwohl sie nicht wußten, was sie sagten. So einen Ehasn hat die Stadt Krakau noch nicht besessen. Die Stadt Krakau? So einen Ehasn hat die Welt noch nicht gehört. Rein, Kinder, das hat die Welt noch nicht gehört. Als das Beten zu Ende war, stürzte man von allen Seiten auf den Ehasn zu. Jeder wollte ihn sehen, jeder ihm die Hand drücken oder wenigstens seilten Talles berühren. Es entstand ein schrecklicher, ohrenbetäubender Tumult. Kinder, die ntan quetschte und alte Leute, denen man auf die Füße trat, schrien und fluchten. Einige Weiber — und so eine Frechheit ist nickst geschehen, solange die Welt steht — kletterten durch die Fenster in die Männerschnl, tun seiner attsichtig zu werden. Von der Straße her drängte das Gesindel dermaßen, daß man für die Alten-Schul fürchten mußte. So kam es, daß der Schennes im Aufträge des Raw dreimal mit der Faust ans den Al-Memor aufschlug und ansrief: „Jüden, der Raw fordert euch auf, nach Hause zu gehen!" Die Gemeinde gehorchte zwar der Aufforderung des Raw, doch blieben Männer und Weiber mtf der Gasse stehen, bis der Ehasn heranskam. Als sie ihn erblickten, schrien sie alle ans voller Kehle: „Jascher .Koach, Reb Alvrämele!" „Jascher Koach, Reb Awrämele!" Und die ganze Stadt, hat an ienem Tage von nichts anderein gesprochen, als von dent fremden Ebasn. Die eine» sagten, er sei ans Konstantinopel, während die anderen behaupteten, er stannne direkt ans Jeruscholajim, >vo er im Beth-Hamikdasch würde singen können, lvenn es noch bestünde. Alle lvaren I aber darin einig, daß er weitaus Reb Meiern — Gott Hab' ihn selig — überrage. Und so kam es, daß Awräinele Ehasn in der Alten-Schul gelvorden ist, die da steht in der Stadt Krakau. Die ganze Stadtgeineinde hat es gelvünscht und verlangt. Zur selben Zeit aber, als die Stadtväter Alvrämelen znm echten Ehasn ihrer Gemeinde ernannt haben, saß er, der Premyschlaner, auf seinem Stuhl und lachte vor Freude aus vollem Herzen. Denir das höchste Glück genoß seine himmlische Seele, lvenn er einen: Juden aus der Not half oder einen Bettler über Nacht in Neichtun: tauchte.- „Und nun, meine Kinder, ruhet ans. Ich bin erst nüt der einen Hälfte meiner Geschichte zu Ende. Soll ich euch die andere nwrgen erzählen?" „Rein, Abbeleben," schreien die Kleinei:, „erzähle sie uns heute zu Ende. Wir sind alle so nellgierig, erzähl', erzähle!" „Gut, ich will euren Wmst'ch erfüllen. Doch müßt ihr mich ausruhen lassen, lveil ich ein wenig nüide bin." „Dann erhole dich, Abbeniu." Da greifen die älteren Bachurim in die Tasche und legen die Groschen zusanuuen. Dann senden sie den Schan:es nn: eine Flasche Apfelinost, der in: Hallse verschenkt wird, seven KREBS APOTHEKE 5. niTTcLBflCH föalsam.SSSÄ'il-« Wien, I., Hoher Markt Nr. 8 (Palais Sina) im Zentrum der Stadt. + Hausmittel — wird nach wie vor nach den bewährt. Vorschriften erzeugt Preis I Fläschchen 20 Heller.

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