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Nationalzeitung · 1906-05-18 · Heft 36 (18.5.1906) · p. Seite 2

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 36 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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beite 2 müssen wir cutdj bezweifeln. Es ist also einfach unerfindlia^ lvas die galizifche Bureaukratie mit einem Male 31t diesen drakonischen Ntaßnahrnen veranlassen konnte. Und keine Behörde, lveder eine politische noch eine jüdische, keine namhafte.Organisation itnD kein nichtjüdisches Tagblatt findet sich, das gegen dieses unerhörte Borgehen auch nur ein Bort der Mißbilligung vorbrächte. Die freihestlichen Parteien im Reichsrate schweigen. Die Sozialdemokraten tun so, _ wie wenn nichts vorgefallen wäre. Ihre deutschen Gesinnungsgenossen haben durch die Aufdeckung der schmachvollen Ausweisungen aus Deutschland Triumphe gefeiert und sich die Znstinunnng der nichtreaktionären bürgerlichen Parteien errungen. U n s e r e Sozialdeilwkraten fürchten sich, daß sie auch wegen eines solchen freiheitlichen Unternehmens — es handelt sich ja bloß um Juden — als Judenschutztruppe verschrien lverden und bei der nächsten Wahl einige arische Stimmen verlieren könnten. Tie Freist n n i g e n im Deutschen Reiche haben ihren Minister des Innern: durch eine zweite Interpellation zum Reden gebracht. Bei uns sind nicht einmal die Freiheitlichen zum Reden zu bewegen. Niemand rührt sich zugunsten dieser armen, von allen Menschen verlassenen Juden, nicht die „Union", nicht die Zionisten, niemand . . . Und diese zu Tode geüngstigten Juden lebten Zu Hause jjt dem Wahne, daß Oesterreich ein freier Staat sei, in dem freie, aufrechte Juden leben, mit einem Rückgrat, das sich niemals krümmt, auch vor einem galizifchen Bezirkshauptmann nicht, und in ihrer Naivität suchten sie schütz bei uns, die wir selber Sklaven sind, die wir Einigkeit und Zusammengehörigkeit nur dann zu predigen vevtehen, wenn wir, die „freien" Juden, etwas erreichen wollen, aber nicht einmal soviel vermögen, daß unseren Brüdern, die nichts verbrochen haben und auch hier nichts verbrechen wollen, der Aufenthalt in diesem Lande nicht verweigert werde. In Deutschland haben die Juden wenigstens alle Anstrengungen gemacht, um die Ausweisungen zu verhindern, und ihren Bemühungen gelang es wenigstens, eine Milderung des Verfahrens herbeizuführen. Oesterreich ist ein ungesunder Staat, es ist, als ob seine Völkerschaften von einem Delirium erfaßt wären, in welchem menschliche Regungen nicht zur Geltung gelangen können, und unsere Juden sind nicht besser als die übrigen Nationalitäten . . . Und schweigen auch unsere freiheitlichen Parteien, rühren sich auch unsere Juden nicht, Schlafe stöhnte und schrie. Sein Weib und seine Kinder waren sehr besorgt und sahen ahnungsschwer der Zukunft entgegen. Als aber die Selichotnacht kam, die gefürchtete und doch herbeigesehnte Nacht, da wurde es ihm mit einem Male ruhig ums Herz. Die Angstgefühle waren ganz verschwunden. Er nahm einen Sidur rmd begann inbrünstig zu beten. Er betete aus den Psalmen. Und als er zur Stelle kam, lvo es heißt: „In meiner Not rufe ich dich an, 0 Gott," da löste es sich wie ein Stein von seinem Herzen und er Hub an bitterlich zu weinen. Und er faltete seine Hände, richtete einen Blick gegen den Himmel und sprach in vollster Hingebung zu dem, der das All erschaffen hat: „Du hast meinen Großvater für deinen heiligen Namen auf dem Scheiterhaufen sterben lassen. Mein Vater aber ließ sein Leben mit Schina auf den Lippen unter dem Schwerte des Feindes. Mich und meine zehn Kinder hast du in deiner Güte gerettet aus der höchsten Not. Errette mich, Allheiliger, nun aus der größten Schande: Nimm mein Gebet mit Wohlgefallen auf, wenn ich vor deiner Gemeinde mit zitternden Knien stehen werde. Tu es den: großen Frommen von Preinyschlan zuliebe unb zuliebe meinen kleinen Kindern, die noch nicht gesündigt haben. Laß deine Wunder walten, großer, allmächtiger, starker Gott!" Waschbar! — _ Nationalzeitung der Feind schweigt nicht, ihm ist nichts schlecht genug, das uns Juden angetan wird. Die Ehristtichsozialen, die Berlifsantisemiten, haben durch Prof. Stur in eine Interpellation im Reichsrat einbringen lassen, in welcher sie sich wegen des Zuzuges russischer Juden beklagen. Das ist allerdings angesichts der empöreitden Vorgänge in Galizien scholl der unerhörteste Zynismus, aber sie Habel: recht, unsere Aittisemiten: Die freiheitlicheil Parteien: lvollen von der galizischen Ausweisungsschuiach nichts wissen, lvarun: sollten sie die Antisemiten zur .Kenntnis nehmen? Drum frisch drauf losgedroschei: auf die Juden, sie haben ohnehin feinen Verteidiger! Tie ausgewiesenen russischen Juden lverden zu Hause von der Gastfreulwschaft erzählen, die ihlle'n bei uns zuteil gelvordei:, sic lverdel: auch unseren Heldenmut rühinei:, mit den: wir ihre Sache vertreten haben. Diese Judei: werden zu Hause eil: freies Rußland erkämpfei: hetfell, und wer lveiß, ob lvir incht dereillst bei ihnen in Rußland lverder: Schutz suchen müssen. Eine im eigenen Freiheitskampfe geborene freie Judengeneration wird allerdings jüdischer sein, als ihre westlichen Brüder es heute sind . . . Die Berliner Metzgerinnung gegen die Schußdetäudung. In ihrer jüngsten Monatssitzung hat sich die hiesige Metzgerinnung mit der geplanten Polizeiverordnung über die obligatorische Schußbetäubung auf den: städtischen Schlachthofe beschäftigt und einstinunig beschlossen, in dein Widerstalld gegen dieselbe zu beharren. DaS Referat erstattete Herr Obermeister Burg, welcher nach den: Berichte der „Allgemeinen Fleischer-Ztg." ausführte: Das Töten soll künftig nicht in ehr von den Fleischern, sondern von Angestellten des Schlachthofes, unb zwar von den dort beschäftigten Handwerkern durch Schußapparate ausgeführt werden. Man habe, nachdem diese Absicht zuerst durch die „Allgemeine Fleischer- Zeitung" bekannt geworden lvar, sich mit den: Schlachthofdirektor G 0 l tz in Verbindung gesetzt und ibm die schweren Schädigungel: vor Augen zu führen gesucht, die das Fleischergelverbe durch eine solche Verordnung erleiden werde. Man habe aber den Eindruck gewönne!:, daß die Einführung der Verordiuing nach den derzeitigen Anschauungen des Direktors Goltz nur noch eine Frage der Zeit sein werde. Man habe sich daher n: einem Rundschreiben an eine große Anzahl deutscher Fleischerinnungen gewendet, um deren Urteil über den Schußapparat, wo er eingeführt ist, zu erbitten. Es Noch lvar das letzte Wort nicht ausgesprochen, als auf der Straße draußen der Ruf des SelichotweckerS erscholl. Und der Litlvak hörte, wie der Wecker durch die stillen, finsteren Gassen rief: „Jüdeloch, Jüdeloch, koschere, heilige Jüdeloch, steht auf, stehet ans, Gott zu dienen, zu Selichot!" Da lveckte auch er sein Weib und die älteren blinder. Er half der: Kleinen beim Anziehen und verrichtete mit ihnen das Morgengebet. Dann tat er noch einen schlveren Seufzer und verließ daS Haus. Draußen sah n:an schon Leute mit den Kerzen in der Hand in die Bethäuser wallen. Es waren zmueist alte Leute, die in gottesdienstlichen Sachen jünger sind als die Jungen, denn es lvar noch früh. Als der Litlvak in die Hoichegaß kan:, an derei: äußersten: Ende sich die Alten-Schul befindet, hörte er, wie einige Leute sich gegenseitig von dem neuen Chasn erzählten, der heute zun: ersten Mal in der Alten-Schul vorbeten lverde unb der eine Stimme haben solle, wie es die Welt noch nicht gehört hat. Der Litlvak ging an ihnen gesenkten Hauptes vorbei und hörte sein Herz schlagen. Als er die Alten-Schul betrat, begrüßtei: ihn auf der Treppe vierGaboim, zwei auf jeder Seite. Sie sagten ihn: „Willkommen" und er nickte ihnen stumn: und resigniert zu. In dem iS r. 06 sind weit über fünfzig Antlvorten eingegangel: und zlvar darunter von solchei: Obermeistern, die mitten in: geschäftlichen Leben stehen. Ter Referent bringt eine Anzahl dieser Gutachten auSzngslveise zur Verlesung. Nur einige seien hervorgehoben: München: Alle mit den: Behrschen Schußapparat angestellten Versuche haben kein befriedigendes Resultat ergeben. Hannover: Das schlechte Ausbluten der Tiere, lvelche mit einen: Schußapparat getötet werden, leistet dem Verderben des Fleisches besonders iln Sonuner großer: Vorschub. Das Gehirn lvird fast unbrauchbar. Königsberg i. Pr.: Die Anwendung der Schußapparate hat einen schädigenden Einfluß auf das Ausbluten der Tiere, lvoruister die Haltbarkeit des Fleisches schlver leidet. Eine Ent)vertul:g des Gehirns durch die Pulverladung des SchußapparateS . ist in jeden: Falle festgestellt. Mainz: Mit dem Behrschei: Apparat sind die Versuche angestellt, lvelche stets ein negatives Resultat ergeben haben. Bereits beim viertel: Schuß versagte der Apparat. Absolut gegen jede Anwendung haben sich u. a. noch die Jnnm:gsvertreter von Tilsit, Lübeck, Straßburg i. E., Kottbus, Schlverin, München ui:d eine große Zahl anderer Städte ausgesprochen. Der Referent schlug nunmehr vor, unter Hinweis auf diese Gutachten eine Denkschrift zu genehmigen, die als Protest gegen die geplante Polizeiverordnung an dasPolizeipräsidium,das Kuratorium des Vieh- und Schlachthofes und den Magistrat abgesendet lverden soll. Auf dem Cchlachthofe dürfe nicht allein die Wisfenschaft, sondern auch die Praxis das Wort haben. Das Töten gehe auf den: Berliner Schlachthofe so schnell lvie n:öglich vor stchz Rohheiten, wie sie früher vorgekoininen, werden jetzt incht mehr geduldet; freilich, eine TodeSart, die vollständig schmerzlos sei, gebe es nicht. Man dürfe aber auch nicht im Interesse nervöser Damen oder übereifriger Tierschützler eine gewisse Gefühlsduselei nicht zu weit treiben. Jedenfalls sei es ein Recht des Fleischergewerbes, das Töten der Tiere selbst vorzunehmen. Der Obermeister der Fleischerinnung Herr Schmidt ergänzte aus inzwischen weiter eingegangenen Gutachtei: die Ausführungen des Referenten. Auch aus der Versammlung heraus wurde die geplante Verordnung lebhaft bekämpft und als eine Schmach für das ganze Fleischergewerbe bezeichnet. Auf eine Anfrage erklärte der Referent noch, daß das Schächten durch augestellte Schächter beibehalten werden soll, wie er von anderer maßgebender Seite erfahren habe. Direktor Goltz habe sich über diese Frage nicht genau ausgesprochen. Im weiteren Verlaufe der sehr angeregten Debatte alten, großen Betsaal, in dem die unzähligen Kerzci: ein dännnerig schimmerndes Licht verbreiteten, standen die Männer dicht alleinandergedrängt und harrten atemlos des neuen Vorbeters. AuS den Fenstern der drei Weiberschulen guckten die neugierigen Frauen und äugten nach dem frelnden Mann, von den: noch nieluand etwas gehört und der es doch erlebt hat, in der Alten-Schul, an der Stelle eines Reb Meier Chasn, vor Gott zu stehen und für seine Kinder zu beten. Abraham hat dies alles nicht gesehen. Er ließ sich sofort zun: Raw führen, der an der Morgenwand feinen Sitz hatte, entbot ihm ehrerbietig seinen Gruß und schritt entschlossen auf das Betpnlt zu. Dort augelangt, hüllte er sich in einen weiten Talles. Er schlug wie verzweifelt die Hüilde über den eingehüllten Kbps, den er tief gegen: die Erde in Ehrfurcht beugte. Er lispelte ein Gebet. Die Gemeinde schwieg in heiliger Erlvartung. Dann verstummte er auch. Und es herrschte eine tiefe, heilige Stille in der Alten-Schul der Stadt Krakau. Da Plötzlich kan: ein Toi:, so nuichtig, so stark, so schön und herzbewegend, daß die Säulen erzitterten und die Gemeinde erbebte. Es lvar ein Ton, lvie ihn noch kein :nenschliches Ohr vernonnuen. Ein Ton, so milde lvie die Barmherzigkeit und doch so stark lvie ein llv»! Pollenz echte Reform «Schweissblätter sind die besten fall eil

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