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Nationalzeitung · 1906-05-18 · Heft 36 (18.5.1906) · p. [Seite]

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 36 (18.5.1906)
Date
1906-05-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Mmchkitmz Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Redaktion: IX/1, Wasagaste 31. Telephon Nr. 14723. Eprechstrrnben s An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vorm. Postadresse: „Nationalzeitung" Wie». 1X|I. Beicliwerdett wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Manuskripte werden nUbt xurlekaestem. Bostsparlasscn-Konto 47037. In das Abonnement kann r täglich eintreten. Erscheint jeden Dienstag nnd Freitag. Eigentum einer Losietiit. — Herausgeber und Chefredakteur: Jakob Kraus;. Inserate übernehmen die firmen: I. vanneberg, Itt. Dukes Nachfolger, lsaasenstein & Vogler, Rudolf Masse, M. pozsomst, R. Schale! in Wien ferner alle Rnnoncen-Lxpeditionen im Auslande. Einzel-Nummer in Wien IS Heller. 9- Administration: Telephon AbomrementS-Prets r Für Wien n. Oesterreich- Ungarn s. Frankozustcllung: Ganzjährig . . . . K 18.- Halbjährig . . . . K « — Vierteljährig . . . K 3.— Für das gesamte AnSl i > b Ganzjährig . . . K 15.18 NI IX/1, 1® afag astr 31. Nr. 14783. Preis der Anzeigen: Diebmal gespült.Nonpareillezeile oder deren Raum 12 d. „Eingesendet" die Zspaltige Nonpareillezeile Sv Heller. Bei mehrmaligen Aufträgen entsprechender Rabatt. Berschleißftellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenonnnen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, II. Große Schiffgasse 7; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse 7. Ur. 36. Wien, Freitag den 18. Mai 1906 (23. Ijar 5666). VIII. Jahrgang. Die Jagd aus Juden. - I. Är. Im Hinterlande Oesterreichs, im j dunkelsten Teile dieses auch sonst nicht allzu! glücklicher: Nationalitätenstaates, wird jetzt! von Völkerrecht und Humanität unbehelligt ' eine förmtiche Jagd aus Menschen veranstaltet. Ju Galizien, wo bekanntlich nichts, auch die wildeste Ausschreitung gegen Gesetz und gute Sitte, nicht unmöglich ist, geht jetzt eine Russenvertreibung vor sich, die sich vor dem deutschen Muster nicht zu schämen braucht. Menschen, die nichts anderes verbrochen haben, als daß sie eines natürlichen Todes sterben und nicht durch die ruchlose Hand eines blutrünstigen HnliganS vor der Zeit ms Jenseits wollen befördert werden, und um dies zu erreichen, in ihrer Naivität nach Galizien geflohen sind, werden unbarmherzig aus ihrem armseligen Schlupfwinkel geholt und an die Grenze befördert, d. h. aus russisch, den mordenden Gesellen der „Schwarzen Hundert" , . überantwortet; Männer, die in schwerer, müh- |? seliger Arbeit, die ihnen zn Hanse in ihrem! „Vaterlande" vorenthalten ward, ihr Leben j fristen, lverden dem ehrlichen Brotverdienst j entrissen, an die Grenze eskortiert, um an j Rußland ausgefolgt oder in die Geist und j .Körper tötende Ungewißheit gestoßen zn wer- - den. Frauen und Mädchen, die sich zu Hause i in Rußland nicht schänden lassen wollten, und j hier im freien Oesterreich einen schlveren,! moralisch einwandfreien Erwerb suchen und I zum größten Teile auch gesunden haben, wer- 1 den mit Gewalt auf die Straße gesetzt, die zu den russischen Franenschändern und Notzüchtigen: führt. Ja, noch mehr, Menschen, die schon seit zwei bis drei Jahren in Galizien leben, zufolge ihres Barvermögens oder einer einträglichen, ehrlichen Arbeit, dem Lande oder ihren: Aufenthaltsorte nicht nur nicht zur Last fallen, svlldern ihnen eher noch Nutzer: bringen, werden wie gefährliche Strolche deS Landes verwiesen. Und die galizischen Behörden, denen man sonst die weitgehendste Nachsicht gegen die schwachen Menschen, die sich gegen daS Gesetz vergehen, „nachrühmt", legen in diesem Falle einen Eifer an den Tag, der geradezu unheimlich wirkt. Man erzählt, daß wohlhabende Leute, denen diese eigentümliche Art von Russellfreundlichkeit schon ungmütlich wurde, mit SchiffSkarten versehen ^zur Bahn fuhren, um dem gastlichen Galizier: für immer den Rücken zu kehren, von den Geheimspitzeln aus den: Wagen gehoben und an die Grenze geschoben wurden. Allerdings vergaßen wir zur Rechtfertigung der galizischci: Behörden hervorzuheben, daß diese wie Wild gehetzten Bien scheu Inder: ans Rußland sind, und daß die galizischen Beamten mit ihren eigenen Inden verhältnismäßig nicht viel besser Verfahren, wobei ihnen noch der mildernde Umstand in Aurechnung gebracht werden soll, daß sie all dies ungestraft, ungestört begehen dürfen. Man fragt sich unwillkürlich, waS veranlaßt die galizischen Behörden, gegen die russischen Inder: so unrnenschlich vorzugehen? Als die Polen aus Rußland und Deutschland vor politischer: Berfolgunger: in Galizier: Schutz suchten, fanden sie ihn hier in ausgiebigstem Maße. Man machte keinen Unterschied zwischen Leuten, die in ihrer Heimat politisch kornpronüttiert waren, und solchen, die der wirtschaftliche Ruin nach Galizien trieb, wo sie oft ihre Konspirationen weiter spannen. Auch Rmhenen, dcner: der russische Boden zu heiß wurde, konnter: in Galizien ruhig und unbehelligt eine bessere Zukunft abwarter: oder sich hier eine neue Existenz gründen. Nur die Juden, diese von aller Welt getretenen, wie ein ^pielball hin- und hergeworfenen Unglücksmenschen, finden nicht einmal in Galizien, dem unbegehrlichsten aller Länder, vorübergehend Unterkunft, obgleich sie sich ruhig Verhalten, niemandem zur Last fallen. Es ist auch nicht anzunehmen, daß n:an dem alliierten Deutschland einen Gefallen erlveisen wollte, inden: man es aus der nicht sehr splendid Isolation, in welcher es sich mit der skandalösen Ausweisungsschmach befand, herauszureißen versuchte, denn dazu wären die galizischen Polen, dere:: Stammesgenossen im deutschen Reiche genau so verfolgt werden, wie die Juden in Rußland und Galizien, am allerwenigsten berufen. Ob gerade Rußland damit ein Gefallen erwiesen wird, daß ihnen die unzufriedenen oder ängstlichen Elemente zurückgeschickt werden, Feuilleton. Alvrämele Ehasn's Glück nnd Ende. Vor: David Rothblum. (Fortsetzung.) Und ehe es der Litwak merken konnte, war er schon draußen. Er konnte sich gar nicht fassen, das ganze kam ihn: vor wie ein foppender Traun:. In der einen Hand hielt er krampfhaft eii: Bündel Geldes, mit der anderen trocknete er sich den Schweiß von seinem Angesicht. Die im Vorzimmer harrenden Leute umstanden ihn, da sie merkten, daß etwas Ungewöhnliches mit ihm vorging. Er aber streckte seine freie Hand aus nnd sagte verwundert nnd verzweifelt: „Ich verstehe nicht." Die guten Leute draußen, die schon den Rabbi und seine Wege gekannt haben, trösteten ihn: So mancher wisse nicht wie der Rabbi zu seinen Entschlüssen komme. Hauptsache sei, daß man seine Ratschläge unverzüglich und genau befolge. Der Litwak machte sich nun mit seiner ganzen Familie auf den Weg. Er fuhr sonder Rast und Aufenthalt, bis er nach Krakau kam. In der alten Polenstadt angelangt, begab er sich sofort zum Raw und überbrachte ihm die Botschaft des Rabbi von Premyschlau. Reb Berisch nahm ihn ehrerbietig auf und setzte ihm Wein und gute Speisen vor. Der Litwak aber tat wie Elieser, der Knecht Abrahams, nahm keinen Bissen zu sich, sondern harrte der Dinge, die da kommen werden. Nach längerem Schweigen sprach der Krakauer Raw: „Ich bin ob dieser neuesten Zeitung sehr erfreut. Dein: seitdem Meierl, unser alter Chasn gestorben ist, gibt es in unserer Khile keinen Frieder:. Jede Partei rvill einen anderen Chasn anstellen. Jeder Rosch-Hakohel hat seinen Liebling. Es waren schon sehr viele Streitigkeiten in der Gemeinde, die zu einem verheerender: Feuer aufzulodern drohten. Nun dich aber der Premyschlaner geschickt hat, so werden sich wohl alle auf dich einiger:. Deru: den: Worte dieses auserlesenen Frommen wird viel Vertrauen geschenkt. Gehe beruhigt nach Hause; ich werde deine Angelegenheit in der Sitzung Vorbringen ur:d dich darin von unserem Entschlüsse verständigen." Und richtig erhielt unser Litwak am nächsten Tage die Verständigurig, daß er am erster: Selichottage in der Alten-Schul vorbeter: rverde. Und sollte da seine Stimme gefallen — ließ man ihm sagen —■ dann werde er als Chasn an dieser ehrrvürdiger: Stätte angestellt rverder:. Als Abraham diese Nachricht erhielt, wurde es ihn: recht bange ums Herz. Wie sollte er, ein Mann, der eS nicht wagte, laut zu sprechen, Wern: zehn Leute zusammen waren, der: Akut aufbringen, einiger: Hundert Menscher: vorzubeten! Und dies obendrein in der Alten-Schul, die gegen tausend Jahre alt ist, in der die größten Männer unseres Volkes gewirkt nnd gebetet Haber:; in der Alten-Schul, in der, wie es ja allbekannt ist und nicht weiters erzählt zu lverden braucht, allrnitterrrächtlich die Geister sich versammeln, um abwechselnd eine Thorarolle der Heiligen Lade zu entnehme!: und darirr zu lesen! —- Ueberhaupt vorzubeten! Hat er denn je vorgebetet:' Wird seine schwache Stinune sich dieser großen Gemeinde vernehmlich rrrachen können:' Und wird er die traditionellen Gesänge zun: Ausdrucke zrr bringen vermögen, lvie es sich gehörte Der Litwak wurde von Tag zu Tag unruhiger. Manchmal überkan: ihn eine solche Angst, daß ihn: der kalte Schweiß auf die Stirne trat. Er aß und trank nicht vor Aufregung und hatte böse Träume, sodaß er rm Die nächste Nummer erscheint Dienstag den 22. Mai. -»«

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