Mannheim
Compact Memory

Nationalzeitung · 1906-05-04 · Heft 32 (4.5.1906) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 32 (4.5.1906)
Date
1906-05-04
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2429839-2429840-2429872--227-2430305
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Nationalzeituntz Nr. 32 hat sich die Vertretung der ge sa nrt eir Inte r e s s e n des jüdischen Volkes zur Aufgabe gestellt. Sic hat diese Aufgabe bisher treu erfüllt, und wird ihr auch in Zukunft nicht untreu werden! Die Redaktion der „Rativnalzcitung". Der neue Ministerpräsident. I. Kr. Baron v. Gautsch mußte dem Widerstande der Polen gegen seine Kompromißvorschläge weichen. Die dadurch entstandene Krise — soweit sie die Personen betriff! — wurde rasch beigelegt. An Stelle der scheidenden Beamtenminister, des Ministers des Innern, Graf Bylandt-Rheidt hat ebenfalls seine Demission gegeben, wurde ein anderer Beamter zuin Ministerpräsidenten ernannt. Wenn man an die langwierige, die Fundamente des Reiches erschütternde Krise, welche in Ungarn soeben ihren Abschluß gefunden denkt, ist man geneigt, eine Beruhigung darin zu finden, daß es in Oesterreich keine parlamentarische Regierung gibt, und demzufolge auch Aenderungen in der Regierung ohne besondere Erschütterungen vor sich gehen können. Der neue Ministerpräsident, der gleichzeitig das Portefeuille des Ministeriums des Inuern übernommen hat, ist Prinz Konr a d z u H o h e n l o h e, der gewesene Landespräsident der Bukowina. Tie Bukowina war kür den nunmehrigen Ministerpräsidenten eine vorzügliche politische Schule. Hier lernte erden Widerstreit der verschiedenen Nationalitäten an der Quelle kennen und hier hatte er Gelegenheit auf die Wünsche der einzelnen Volksgruppen näher einzugehen, und durch persönliches Eingreifen ausgleichend und verlohnend auf die einzelnen Völkerschaften zu wirken. Und gerade die Tätigkeit des Ministervräsidenten Prinzen Hohenlohe in der Buko- '.vina ist es, die uns Juden auch betreffs seiner Leitung der Reichspolitik Beruhig u n g gewähren, kann. Prinz Hohenlohe hatte in der Bukowina die beste Gelegenheit, die Juden sowohl als nationalen Körper, wie auch als Religionsgenossenschafl in ihrer Ursprünglichkeit unmittbar kennen und schätzen zu lernen. Er konnte hier erfahren, daß die nationalen und gesetzestreuen Juden dort, wo sie in größeren Massen beisammen wohnen, und im Bewußtsein ihres politischen, kultnrellen und moral-ethischen Wertes, eine selbstbewußte Politik treiben, zu einen wichtigen politischen Machtfaktor werden können, deren nationales Judentum ohne religiöse Grundlage zu konstruieren, sein Entschluß ist der schlagendste Beweis für meine schon unzählige Male aufgestellte Behauptung, daß der jüdische Nationalismus ohne jüdische Religion ein Prachtbau ohne Fundament sei, ein herrlich ausgedachtes Lebensbild darstelle, das den Beschauer packt und ergreift, aber ebenso stark enttäuscht, sobald er dahinter kommt, daß das, was er geschaut, nur ein Lebensbild, aber nicht das Leben selbst ist und daß die Akteure nach Schluß des letzten Aktes sich allen erborgten Tands entledigen und ein den Schilderungen des Lebensbildes entgegengesetztes wirkliches Leben beginnen. Durch das Schlagwort: „Religion ist Privatsache", wodurch die Irreligiösen und Areligiösen dem jüdischen Nationalismus gewonnen werden sollten, wurde auch die äußerste Konsequenz der Jrreligiösität, die Taufe, zur Privatsache gestempelt und jeder unbefangen Denkende wird zugeben müssen, daß die T a u f e in allen ihren Graden und Formen von dem einfachen Austritt aus dem Judentum bis zum zeremoniellen Eintritt in eine fremde .Mrche ein rein religiöser Akt ist und vom Standpunkte des die Religion zur Privatsache stempelnden, theoretisch jüdischen Nationalismus nicht gut verurteilt werden kann. Hier gleich ein Beispiel: Nehmen wir an, Waschbar1 Wasserdicht! Geruchlos! Einfluß auf den Gang der allgemeinen Politik nur woltuend wirken muß." Die Verhältnisse in der Bukowina mußten dem Prinzen Hohenlohe die Ueberzeugung beibringen, daß eine Erziehung der Juden zu religiös und national selbstbewußten Menschen auch für das Reich von eminenter Bedeutung ist, weil solche Juden gleichzeitig die verläßlichsten Bürger des Staates sind, während die aufdringliche Politik der Assimilationsjuden nicht nur den Abfall vom Judentume, sondern auch eine Züchtung von charakterschwachen, unstäten, stets der jeweiligen Macht sich zuwendenden Männern herbeiführen muß, btc nicht nur das Judentum an sich schädigen, sondern auch für die Erhaltung des Staates eine Gefahr bilden. Die gesetzestrenen und nationalen Juden begrüßen daher den neuen Leiter der Regierung mit aufrichtiger Freude und in der Anhoffnung dessen, daß er bald die Ueberzeugung gewinnen werde, daß das, was in der Bukowina möglich ist, auch in den übrigen Ländern des Reiches, wo Juden in größerer Zahl beisammen wohnen, möglich sein muß, und daß er nur der Politik seines Vorgängers, den Juden nur dann den Zntritt zu öffentlichen Aemtern zu gewähren, wenn sie durch den Taufschein das amtliche Zeugnis ihrer Charakterlosigkeit erbracht haben, brechen wird. In England und .Ungarn herrscht die Sitte, daß die Juden die jeiveiligen. neuen Regierungen begrüßen und ihnen ihre Wünsche vortragen. Die nationalen Juden hatten schon lange keinen so triftigen Grund von dieser Sitte Gebrauch zu machen als jetzt, und vielleicht noch nie eine so berechtigte Hoffnung auch gehört zu werden, als bei diesem Regierungswechsel. Die Wahlreform soll unter Dach gebracht werden und den Juden droht die Gefahr leer auszugehen. Dort, wo Juden Aussicht haben, ein Mandat zu erringen, bilden sich Waffenbrüderschaften zwischen Assimilationsjuden und den Machthabern mit dem Vorsatze, den religiösei'üund nationalen Juden die Möglichkeit einer Vertretung ihrer Interessen zu rauben und sie zu einer Politik zu zwingen, die gleichbedeutend wäre mit dein inneren Zerfalle des Judentums und einer Verseuchung des öffentlichen Lebens durch politische Jmmoralität. Dies müßte dein neuen Ministerpräsidenten uahegelegt werden und Prinz Hohenlohe ist der Mann, der ein ehrliches Wort zu verstehen und zu würdigen vermag. Adolf Gelber hat sich konfessionslos erklärt, oder protestantisch oder gar katholisch getauft. Nehmen wir ferner an, er nimmt eine Frau, die dieselben Wandlungen durchgemacht hat wie er. Vom religiösen Gesichtspunkt hat er und seine Frau nichts anfgegebeu, denn sie hatten au'ü ebedem keine jüdN'b-vcligiose Lebensanschauung und ihre Lebensweise war alles eher als religiös-jüdisch. Vom rein nationalen Gesichtspunkte genommen können sie dabei dieselben bleiben, die sie vordem waren, sie können in jüdischnationalen Vereinen schwungvolle, die Zuhörer berückende Reden halten, sie können in jüdischnationalen Zeitschriften die flammendsten Artikel veröffentlichen und brauchen nur noch den Schekel zu entrichten, und wir lvüßten nicht, wer es mit ruhigem Gewissen wagen könnte, diesen beiden ein Vergehen an dem Judentum vorzuwerfen! Ich weiß nicht, ob diese Schilderung bei Herrn Adolf Gelber zutrisst, ich habe den Ursachen, die ihn zu seinem Schritte bewogen, nicht nachgeforscht, denn diese sind tatsächlich Privatsache und für mein Urteil auch irrelevant. Ich habe es nur ad oculos demonstrieren wollen, wie unhaltbar die Auffassung von einem reinen rassentheoretischen oder nur psychischen Nationalismus bei uns Juden ist, wenn wir von der Tradition, die in unserer Religion das ausschlaggebende Binde- Politische Rundschau. Die Ausweisung russischer Juden wird nun mehr nicht nur in D e u t s ch l a n d, sondern auch bei uns in Oesterreich ganz systematisch betrieben. Die Ausweisungsschmach hat in den reichsdelltschen freihitlicheu Blättern einen Entrüstungssturm entfesselt, der wenigstens eine Milderung des Ausweistmgsverfahrens berbeiführte. Daß in Oesterreich das Land Galizien es ist, welches an der Spitze der Ausweiflmgskainpagnc marschiert, wird niemand, der die galizischen Verhältnisse kennt, wundern. Aber am Platze ist wohl die Frage: „Wo sind jetzt die angeblichen Führer der galizischen Inden, die Herren Dr. B y k, K o l i' c r usw., denen sich doch jetzt Gelegenheit bieten würde, ihre in letzter Zeit so gerne verkündete Liebe für ihre „Glaubensgenossen" durch die Tat zu beweisen, indem sie die Unglücklichen vor den Verfolgungen — und die Behörden ihres geliebten Galizien vor der Schmach, ruhige Elemente ' aus dein Lande gewiesen zu haben, zu behüten. Die meisten der Ausgewieseuen haben in verschiedenen Betrieben Arbeit gernnden oder sind wohlhabende Leute, die niemandem zur Last fallen, alle aber befinden sich bereits seit mehreren Monaten in Galizien, ohne Grund zur Beanstandung gegeben zu haben. Nun wird den Aermsteu nachstehende kategorische Zuschrift der Lemberger Bezirkshauptmannschaft eingehändigt: „Da die im Innern des russischen Staates durch den russisch-japanischen Krieg hervorgernsenen Zustände schon einen normalen Gang angenommen haben und daselbst die Gefahr für die Juden bereits geschwunden ist, verbiete ich Ihnen und Ihrer Familie den weiteren Aufeutz halt hier im Lande und fordere Sie entschieden und unwiderruflich auf, mit Frau und Kindern sowohl Ihren bisherigen Aufenthaltsort als auch die Grenzen dieses Reiches zu verlassen, und nach Rußland, beziehungsweise in Ihren Geburtsort oder in jene Ortschaft zurückzu kehren, von wo Sie hergekommen sind, und dies spätestens binnen dreißig Tagen nach Einhändigung dieser Aufforderung, Und eigen falls Zwangsmaßregeln angewendet und Sie nach dem nächsten Grenzorte gebracht werden sollen. Stattbaltereirat F r a n z." * Graf Witte sott Petersburger Telegrammen zufolge den: Zaren seine Demission überreicht haben. Hiernach hat die Reaktion über den zweideutigen Liberalismus Witte den Sieg davongetragen. Durch die Annahme der Demission Wittes wird auch die soeben abgeschlossene Milliardenanleihe in das richtige Licht geglied zwischen Generation und Zeitalter erblickt, Abstand nehmen wollen. Die orthodoxen Juden haben diese Lücke in dem Aufbau des modernen jüdischen Nationalismus erkannt und dieser an sich bedeutungsvollen Bewegung das größte Mißtrauen entgegengebracht, uitb so kam es, daß eine Strömung, die auf die Erhaltung des Judentums hinausläuft, nicht nur nicht die Mithilfe des konservativen Elementes ün Judenturue besitzt, sondern sich zu ihr inr Gegensätze befindet. Daher komnü es auch, daß die politischen Assimilationsjuden im Kahal mehr Einfluß üben auf diese konservative, und wenn auch buvd) kein geschriebenes Programm beeinflußte, aber instinktiv und naturgemäß nationale Volksschichte durch Zugeständnisse religiöser Natur mehr Einfluß üben, als alle selbstbewußten, noch so rührigen, aber der jüdischen Religion entfrenldeten nationalen Führer. Und diesern Umstande wird es auch zuzuschreiben Zein, daß diejenige orthodoxe Gruppe im Zionismus, die sich um die Flagge des „Misrachi" schart, über kurz oder lang die religiöse Frage mit aller Entschiedenheit zur Diskussion stellen wird. Adolf Gelber ist ein Beweis dafür, daß der Nationalismus allein, besonders bei uns westlichen Juden, denen es noch an allen Behelfen für die praktische Betätigung Pollenz echte Reform‘Scbwmsblätter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.