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Nationalzeitung · 1906-05-04 · Heft 32 (4.5.1906) · p. [Seite]

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 32 (4.5.1906)
Date
1906-05-04
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. 9—— ' ' ~ ..% Redaktion: IX/1. Wasagastr 31. Telephon Nr. 147»». Sprechstunden r An Wochentagen von 10 bis IS Uhr vorm. Vostadreffe: ..Nationalzeitung" Wien, 1X|I. 0mt)W(rd<n wegen verspäteier ober gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — M»nu»hrlpl« werden nickt nnrnehge,teilt. Postsparkasten-Konto 47037. In bas Abonnement kann man täglich eintreren. S—-:-d Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Eigentum eiuer SoMSt. — Herausgeber und Chefrebabteur: Jakob Kraus;. Inserate übernehmen die firmen: 2. vanneberg, M. Vutes Nachfolger, lfaasenstein & Vogler, Hubolf Masse. M. pozsonqi, A. Schale! in Wien ferner alle Annoncen. Expeditionen im Auslände. Einzel-Nummer in Wien 15 Heller. r---- Administration: Telephon AbounementS-PreiS r Für Wie» u. Oesterreich- Ungarn s. Frankozustellung: Ganzjährig. . . .Kl».- Halbjährig . . . . K Vierteljährig . . . K » — Für daS gesamte Slnsl r b Ganzjährig . . . K 15.1» 9 -- IX/i, Wafagaste 81. Nr. 14788. Preis der Anzeigen: Diekmal gespült. Nonpareille» zeile ober bereu Raum 12 h. „Etngeseudet" bieNpattige Nonpareillezeile 50 Heller. Bei mehrmaligen Aufträgen entsprechenber Rabatt. m Verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, II. Große Schiffgässe 7; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse 7. Ur. 38 Wie«, Freitag den 4. Mai 1906 (9. Ijar 5666). VIII. Jahrgang. Programmatische Tätigkeit. Von heute au bildet unser Blatt das Eigentum einer Sozietät. Um nicht den Gedanken aufkommen zu lassen, daß mit diesem inneren Wechsel rein geschäftlicher Natur auch die R i cht u n g unseres Blattes eine umstürzende Wandlung erfahren habe, halten wir es für angezeigt, diese Richtung von neuem genauer zu präzisieren. Die „Nationalzeitung" bleibt nach wie vor ihrer st r e n g nationalen Tendenz treu, und wird diesem ihrem politischen Bekenntnisse in allen Fragen, in welchen das Judentum in Betracht kommt, klaren Ausdruck, verleihen. Die „Nationalzeitung" wird nach wie vor den Standpunkt vertreten, daß der Nationalismus ohne Religion eine Halbheit bedeutet, und wird mit allem Nachdrucke f n r d i e F o rd e r u n g e n der ge sehest reuen I ud e n, als der berufensten Vertreter eines durch religiöse Ueberzeugung gefestigten Nationalismus eintreten. Unser Blatt wird aber auch darauf hinarbeiten, daß die gesetzestreuen Juden sich untereinander vereinigend, an der nationalen Gestaltung des Judentums tatkräftigen Anteil nehmen, weil wir nur darin eine Gewähr für die Erhaltung unserer Religion, und ihres modernen Ausdrucks, d. i. unseres Volkstums erblicken. In der Politik wird die „Nationalzeitung" auch in Zukunft für einen gesetzlichen Schütz z aller Volksminderheiten eintreten und die An-? erkennung des eigenen Volkstums durch das Gesetz und die anderen Nationalitäten anstreben. Zur Erreichung dieses Zieles werden wir die Bereinigung der Juden zu einer N e i ch s - o r g a n i s a t i o n befürworten, aus deren Milte die legalen Vertreter der österreichischen Inden zu wählen wären. In der allgemeinen Judenfrage werden wir zwei Ziele im Auge behalten: das Endziel, das im B a s.e l e r Pro g r a m m niedergelegt ist, und eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina als dem Lande, das uns durch Gerichte und Ueberlieierung heilig gemocht, erstrebt. Vor diesem Endziele werden wir aber das näherliegende Ziel der Hintanhaltung einer planlosen Zerstreuuna unserer Volksteile nicht vergessen, weil wir der Ansicht sind, daß das große nationale und religiöse Vermogeu, das wir in 'üusereu östlichem Brüdern beißen, verloren gehen müßte, wenn nicht alle Inden sich in dem Bestreben einigen, diesen ewig plan- und ziellos hernmwandernden Volksmassen ein T e r r i t o r i u m zu sichern, auf welchem der nationale mrd religiöse Geist für die Erkämpfung des Endzieles groüaeniaen und konserviert wird. Wir werden daher als Mittel zur Erreichung dieser beiden Ziele alle Bestrebungen fördern, die im Sinne der Brüsseler Konferenz auf eine einheitliche und planmäßige N e guli e r u n g d e r E m i g r a - t i o n abzielen, und dabei unser Augenmerk darauf richten, daß die Verteilun-'' und Verwendung unserer Stammesbrüder nicht zum Schaden ihrer religiösen Betätigung erfolge. An die Kult u s g e in e i n d e werden wir auch in Hinkunft die Forderung stellen, daß sie ihrer übernommenen Pflicht entsprechend d e m R itus n n d Kultus aller Mitglied e r Rechnung trage, für die religiöse und nationale Erziehung aller Bewohner der Stadt im Sinne unserer Tradition sorge, daß ihre Repräsentanten die Vertreter aller Volksschichten, und nicht ausschließlich der Reichen und religiös, wie national Indifferenten seien. Wir werden auch in Zukunft alle Mittel anwenden, daß die Knltusgemeinde mit einein Stabe von administrativen und K u l i u s b e a m ten ausgestattet werde, der sowohl durch entsprechende Entlohnung, wie auch durch eine unverrückbare Festlegung der Dienst- und Avancementverhältnisse jene Unabhängigkeit erlange,... durch, welche,-die Beamten der Gunst oder Mißgunst des Einzelnen entrückt und in den Dienst der Gesamtheit gestellt werden. Wir haben hier nur die wichtigsten Gesichtspunkte, von denen sich die „Nationalzeitung" leiten läßt, erwähnt, und auch diese mit Rücksicht auf den Raum nur flüchtig angedeutet. Eine Garde neu gewonnener hervorragender Mitarbeiter hat es übernommen, die einzelnen Punkte von Fall zu Fall in ausführlichen Artikeln zu besprechen. Die „Nationalzeitung" will durchaus nicht in den Fehler der Einseitigkeit verfallen. Sie Feuilleton. Wieder einer! Von Jakob Krauß. Eigentlich sind es wohlgezählte Einhundertsiebenundzwanzig, die in der jüngsten Zeit in Wien dem Judentum den Rücken gekehrt haben. Ich gebrauche absichtlich diese Redewendung und spreche nicht von einer Taufe, ersteus weil diese Bezeichnung den Tatsachen am sichersten entspricht, und ferner deshalb, weil ich der Anschauung entgegentreten will, als ob es vom Standpunkte des Judentums weniger Verlverflich wäre, wenn jemand das Judentum verläßt, ohne die Taufe zu nehinen, als wenn er die äußerste Konsequenz seiner Verleugnung, des Judentums zieht und sich offen zu einer anderen Religion bekennt, vulgo: sich taufen läßt. Für mich ist bei einem solchen Entschlüsse nur das eine maßgebend: der Betreffende hat öffentlich und offiziell erklärt, daß er. ans der jüdischen Gemeinschaft austritt, alles übrige ist mir gleichgültig. Das Register über die jüngsten Austritte in Wien enthält viele mehr oder weniger bekannte Namen, wieder andere solche, die erst durch die Lumperei, die sie durch ihren Abfall begangen, aus dem Dunkel emporsteigeu, in dem ihre Existenz bis heute verharrte, aber einer ist unter ihnen, von dem wir es am allerwen'-^Zn erwartet hätten, daß er dereinst auf unserer Totenliste stehen werde, von dem es keiner vermuten konnte, daß er als „Wieder einer" in diese Gesellschaft geraten lvürde. Und dieser „Wieder einer" ist Adolf G e l b e r, Redakteur des „Neuen Wiener Tagblatt", derselbe Adolf Gelb e r, der in der vorjüngsten Nummer der „Welt" mit einem Aufsatze paradierte, aus dessen jeder einzelnen Zeile ein „guter Jude" zu uns spricht. Ein „guter Jude!" Wie viel Mißbrauch wird mit dieser schönsten aller Benennungen, die dem modernen jüdischen Wortschätze eigen ist, in jüngster Zeit getrieben. In früheren Zeiten nannten wir denjenigen einen „guten Inden", der bis znm Martyrium gesteigerte Frömmigkeit mit einem ans Unendliche grenzenden Glauben an die Unverwüstlichkeit des Judentums nicht nur als Volk und Religion, sondern als Gefübl. das in jedem Juden unauslöschlich leben mülle, vereinte. Der „gute Jude" war ein Heiliger, nickt weil ihn die jüdische Kirche, d. h. die Synagoge dazu ernannte, sondern weil er im Heiligtum der jüdischen Lehre, des jüdischen Volkstums aufging, und weil die Summe alles Sittlichen, alles Ewigen und sich immerwährend ^ortmlamenden, das den Geist unserer Religion ausmacht, und unserem Volkstum Gehalt gibt, in einem solchen „guten Juden" eine Verkörverung fand. Heute ist es anders! Heute gehört es fast zum bon ton, ein „guter Jude", genau so wie Umstürzler, zu sein. Aber beides nur unter fick, und so lange man dadurch nicht mit irgend einem anderen Jnteressenkreise in Konflikt gerät. Wie viele „rote Exzellenzen" gibt es, die ihre Arbeiter ausbeuten, und wie viele werden von eines Jonrs, Klubs oder Vereins Gnaden zu einem „guten Juden" geeicht, die später bei dem ersten besten Zwiespalt zwischen ihrem nuten. Judentum und einem noch so trivialen Gefühle, sich gegen da serstere entscheiden! Vielen dünkt der Schritt Adolf Gelbers ein Psncholonisckes Rätsel und viele ftihlten sich in ihrer beschaulichen Zuversicht geradezu alarmiert, als sie Adolf Gelber in der Gesellschaft der Abtrünnigen fanden. Wir vermögen in dem Vorgehen des gefeierten „Mosessorschers" nichts rätselhaftes zu erblicken und noch weniger kann uns „wieder einer" aus der Fassung bringen. Adolf Gelber ist die treffendste Antwort auf all die Versuche, die gemacht wurden, ein Die nächste Nummer erscheint Dienstag den 8. Mai.

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