Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 25 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nationalzeitung Nr. 25 oeite 2 stets ihren Lohn erhalten. Jawohl! Die Polen haben noch niemandem eine Freundschaft erwiesen, ohne dafür zehnfachen Lohn zu fordern, und die Polen, die in ihrem Lande keinen jüdischen Lehrer anstellen, die selbst den jüdischen Religionsunterricht zu ungunsten des hebräischen beeinflussen, die ferner alles aufbieten, um die Juden wirtschaftlich und geistig Niederdrücken, um sie ihren eigenen Wüirscheu gefügig zu machen: diese Polen lassen sich nicht einmal zu einer platonischen Liebeserklärung herbei, wenn sie nicht dabei einen Vorteil — und keinen geringen — erhoffen. Wir quittieren die Aeußerung des Grafeil D z i e d u s z i c k i mit dem Gefühle der Genugtuung, die lvir bei jedem Fortschritt unserer Bewegung empfiilden müssen. Wir werden die Polen au diese Sympathiekundgebung erinnern, wenn siesie selbst vergessen sollten, aber lvir warnen vor weitergchenden Konsequenzen, die etwa mallche aus diesem Lockrufe zu ziehen geileigt wären. Schmer lasten auf unfereu Brüdern in Galizien die Folgen der Schlachzizenpolitik, und auch wir inl Westeil haben den Polen gar vieles voll unserer heutigen Lage zu verdanken. Es muß vieles lvieder gut gemacht lverderl, ehe wir vergesseil lernen .... Einstellung der Weiterbeförderung russischer Emigranten in Wien. Da es sich bei der Sichtung der in Wien augesammelteu zahlreichen Emigranten j'eüeiiö der „Israelitischen Allianz" ergab, daß ein großer Teil der Auswanderer zur Weiterbeförderung gänzlich ungeeignet ist, fo daß diese Aermsten durch die zwecklose Reise nach Wien nur in unnützer Weise ihre eigenen letzten Milte! oder die Unterstützung der Provirizkomitses der „Allianz" verschwenden, so hat der Vorstand beschlossen, ähnlich wie es bei der großen Emigration in den 90er Jahren geschah, die Sichtungen in Wien ganz elnzuftellen und niit denselben die hart an der russischen Grenze befindlichen Filialen der „Allianz" zu betrauen. Dort lvird es viel leichter sein, die Auswanderer nach Kategorien zu gruppieren und diejenigen, welche erwerbsunfähig sind, unter Verrneidung unnützer Ausgaben auf kürzestem Wege nach den von der Zentrale der „Allianz" in Wien zu gebenden Direktiven nach den entsprechenden Reisezielen in überseeische Länder zu befördern, während die nichtgeeigneten Elemente, soweit der Aufenthalt in der Heimat für sie faktisch ohne Gefahr ist, dorthin zurückkehren können oder soweit die begründete Furcht vor Exzessen fortbesteht, in der Nähe der Grenze für Rechnung der „Allianz" bis zum Eintritt der Ruhe verpflegt werden können. Knltuslebrn in einer mährischen Stadt. NikolSbnrg, 14. März. Franz De u i jclj nennt sich der Verfasser der B e r t raue n s f u n d qeb u n q, welche der KultnSansfchuß der FsraetiUlWemeinde OiifoIMntTö seinem 'Vorstande widmete. 'Franz Deutsch it-eimt sich der Man'«, der uns das Wort „Stisber" eutg-oaeuschlendert. Herr -Franz T>eutsch uinimt es -mit den vielen Pflichtendie feine Ehrenämter ni'i’t sich briu-g-en sehr genau. Herr Franz Deutsch ist „Vorstand" dev Ehervra K-aöischa, „AuSschu-ß-mitskied" der Jsm«etiten-stadtgemei'nde, „dlnSschn-ßmitglied" der -Kn'ltusgemeünde, Obmann des Orts sch ill-rates nfw. lvstv., beiletbe kein Streber, sondern, rvi'e gesagt, ein pflichteifriges, aufopferndes Mi-t-glied der KiiltuS- ::>e dtitolsburg, der Tag -und Nacht, besonderS bÄ Nacht, seinen vielen Obliege »denen nachzukenuueu trachtet. Welche Pflichten z. B. hat HerriFrauz Deutsch als Vorstand der C'he'wra Kadisch-a zu ersrilleu. Täglich zu bestmnnten Stun'deu besucht er die Krauten, die Armen, hier tröstet er, dort ist irgend eine llnterstützun-g nötig, er bringt sic, ist ein Todesfall irgendwo eingetreten, er ist gewiß der erste An'w-e sende bei denvorznnehmen-den rituellen Prozeduren, daß er bei keinem Leiche u-begäu-gu'isse fehlt, braucht -wohl nicht erst betont zu >rerden, böswillige Personen bdhanpteu wohl, ihn selten be'i 'Ulnng seiner Pflichten gesehen zu -hreden. d wie -gesagt, dies sind nur böswillige, Herr Franz Deutsch ist eben so bescheiden, daß man seine Anwese n-heiit nie „hört" oder fühlt, er sveiß sich so im Hintergunnde zu halten, daß er förmlich oeoschwiirdet und so .zur dein Gerüchte beiträgt, er wäre nicht anwesend gewesen. Wie gesagt, ein volktmuinener Mensch, wie er rmrr jeder GeneratWN vereinzelt geboren wird. Daß tksvtz der großen Sorgfalt, mit der dieses Vorstandsmitglied seinen schweren Pflichten bei der Ehervra Kadischa nachkvM'int, noch inuner nicht alles in Ordnung ist, beweist nur, daß die Vorstandsmitglieder überbürdet sind, bei einem Armen- und Kranlen-ftande von zirka 2ö Familien' find eben 7 Vvrstän-de zu wenig und dürsten drnm auch selbe in Kurze auf r>() erhöht werden. Freitag den!). Äiärz 1000 ivnrde uns im Wege der Presse der Vorwurf entgegengeschleudert, wir bringen entstellte n»wahre Berichte. Es ist bricht richtig, daß die für wohltätige Zwecke bestiimmte Gelder anderen Zwecken zngefi'chrt werden. Dienstag den w. März UMl ereignete sich folgender Vorfall: Herr Jbik Kolm, ein 72jähr-iger geistesschwacher blutarmer Greis, Sohn des verstorbenen Mrene Ran Fsat Krön, Entel -des verstorbenen tllabbiiierö dlbra'haw T re bi t sch, tllesse des verstorbenen Rabbiners Samuel Kvhli' und (Soii'frn des verstorbenen Rabbiners Moses Köhn, machte seine Wohnung, die er über 20 Fahre „allein" bewohnte, riüiimen. (Der Mann ist, ivie hier allgemein bekannt, seit milkdostens 20 Fahren schivachsinnig.) Als nun die Personen, die die ivenigen Habselig leiten des Jtzig Kolm transportieren sollten, die Wohnnng desselben betraten, bot sich ihnen eilt Anblick, wie er empörender, ekelhafter, grausiger «nicht sein tonnte. Die von Schmutz triefeudeu, tohlschivarzen Wände des Zimmers, die wohl während der langen Zeit, die der derzeitige Inhaber selbes bewohnte, noch nie gereinigt ivnrden, erinnerte «lebhaft all die unterirdischen Kasematten des Ssiielbergeö. Der Fußboden w«ar mit einer förmlich lebendigelt Decke von Wau«zen, Läufen, -Flöhen, Schwabenbesät. Fn der Bettstelle befand sich verfaultes Stroh. Fn der.doch wer vermag dieses alles zn schildern, ivo eiu«e för-mlickze Gäufehant bei der bloßen Erinnerung einem überläuft. Genug davon. Wir wollen nur noch erwähnen, daß infolge der Wei'gernn-g der Arbeiter, diese Sachen zu transportieren, nichts anderes übrig blieb, als alles durchs Fenster auf die Straße z-u werfen, wo sich nun zn-rn Entsetzen, der zahlreich a n gesa mmelten -Passanten das diverse Ungeziefer auf der Straße lustig bewegte und breit machte. Wir hätten gewollt, daß die Herren Vorstände der Eheivra Kadischa diese lebende betvegli-che 9lntlage ihrer Pslichtvorsäuin-nis mit angesehen rind die drastischen Worte, mi«t welchen die Passanten die Herrelt Vorstände charakterisierten, mli't a»gehört hätten.. An, 00. Jänner d. F. schrieben wir (siehe Nr. 8 der Nat'ioual-Zeituug): Ihr tReichen, habt ihr -euch schon einmal das Lebell ein«es arill-en kranlken illikolslnirger Juden angesehen, wir schilderten die n-noera-litivortliche Bern acht äffignng, die die Knltnsgemeinde ans dieseln Gebiete duldet. tllnii, nnsere Zeilen ivnrden der „iv o h l v e rd i e lt t e n tll i ch t a ch t n li g", wie sich der Verfasser der Verlranellskllaidgebn-lig so bescheiden ansdrückt, zngeführt. Wenn mm schon Herr Franz Deutsch mit feinen Alntspstichten so „überbürdet" ist, daß er nicht „allem" nachkonimen kann, >vo stecken denn die andere li sechs Bbrsteber? iEiiterr 72fährigen amnen Greis, der noch daztl seit über 20 Jahren geistesschivach ist, müsse>r die Läuse bei lebendigelli Leibe fressen, während die für Wo!)ltätigteitszuvecke bestiinnttcn Gelder alldereli Zlvecken zugeführt iverden, so ivill es das Ge recht i g 9:: * S^eslil) l uh’K re v he r rschendell (S \ ig ne i Spital ist eine j ü d i s ch e Anstalt, im-b cs würde gewiß BefroinDeu evreqeu, wenn in feinen' Maller,c ein Taufakt vollzogen würde. Int übtigeu fühle ich urich nicht kompetent, in dieser An'gelcgen'hqit eine Erlairbnis erteilen oder eine solche ,zu verweigern. Ich glaube jedoch, daß Sie eine solche Erlausinls k a ti m e r w i r k c u werden." Am Montag Nachnlitlag erschien Frau Bihari in Bealeitung dreier Herren im Hospital, givei von istnen mären die bekannten Maler Julius Z v m b v r i lind Ignag U j v a v i uud der dritte ein glattrasiert e x H c r r i u 3 i p i l. Der glattrasierte Mami ersuchte die beiden Begleiter, im Hose zu warten, „ich )verde Sie schon rufen lassen", sagte er un-ü ging mit der Frau ins Kn an ken.fi mim er. Rach einer Biertelstlinde kam der Glattrasierte in g e i ft l i ch e m n 3 u g e ans dem Krankenfinnuer. Auf die Frage des Verwalters, ivas das zli bedeuten' bade, antwortete Fratr Bihari knrz: „D a s i st d e r G e i st l i ch e, d e r m e i n c 11 M a 11 11 s 0 e b c it g e t a n f t hat!" Tie beiden Maler sind im Hofe geblieben, so daß die Taufe 0 h n e 3 e it st e it vorgeiwmmen wurde. Und nun kommt das charakteristische Bco ment in diesem Roman, ans dem Leben. Am Tage nach der Taufe äußerte Frau Bihari den Wunsch, ihren Mann aus dem Spital lvegfüh Waschbar! ftaaserdichn Qaruchlos! reu 31t lassen. Die Spilalsärzte protestierten' gegen den Transport des Schwerkl-ankeir und lehnten jede Beraunvortung für die Folgen desselben ab. Aber die Frau lief; nicht locker und sagte entschieden: „Ich tue es dauir a iis in e i ue B e r a n t >u 0 r t u u g!" So wurde denn der arme, i» den Schoß der alleiusetigmacheudeii .Kirche hiiuibereskamotierte jüdische Künstler iur sterbenden Zustande in das Sviral des „Roten Kreuzes" traupvrtiert. Alle U-mstäude deuten daraus hin, das; Bihari lvähreud des Taufaktes nicht bei vollem Bewußtsein tvar, und daß mau es hier mit einem Falle jener „Wegtausev" zu tun hat, welche die katholische Kirche so gerne bei .Kindern, oder, ivie indiesem Falle bei Besiim-uugs losen, St erbende ir auzuweudeu pflegt. Daß wir in unserer Beurteilung des Sachverhaltes 9techt haben, geht ans den Uuterr-cdungau her vor, ivelche Biidapester Iouriialisteir mit den an dem schrecklichen Falle Beteiligte.», gepflogen, haben. So hatte der ^Berichterstatter des „A'-eneii Blldapefter Abendblattes" mit der Schlvester der Frau Bihari, Fräulein- K i n d - t 0 iv i t s ch, die an der Pflege des Krailken ebenfalls teiluahm, folgendes 3>viegesprach: „Ist es richtig, daß man Ihnen im« jüdische»- Spitale uahelegte, den Patienten anderswohin zu führend" „Das ist eirt schieden uirrichtig. Die Sache steht ganz anders. Brau machte meiner Schlvester, als sie ihre A'bsicht, den« Kirau-keu taufen zu tasseir, äußerte, dagegen, wohl Eiiv iveuduugeu, die doch leicht begreiflich sind, als aber die Taufe bereits veillzogeu war, da nahm mau das (Mscheheue zur Keun-tiris. Der Kranke irurde inubivie vor aufs- Sorgsältigste behairdelt und iveder meiner Schlvester, noch uns gegenüber nicht mit einem. Worte ein Borivurf gemacht. Ich kann sagen, daß die Leitung des jüdischen- Spitales sich uns gegenü>ber sehr schön, tadellos ben-ommen hat." „War er lvähreud des Taufaktes bei Be siimnng^" fragte der Berichterstatter lveiker. „Das lveis; ich nicht, denn ich Uw. nicht. dabei. Ick) weis; bloß soviel, daß mein Schwager, als er nach gesu-ud uw, lviederhokt sagte, e«r werbe?,u-m katholischen' Glauben übertreten. Dies sei er seiner Faan und seiu-eur Kinde schuldig. Bnbt) ist ivohl katholisch, ober mein' Schlvager ivünscht-e gerade deshalb, daß er nicht anderen (stlanbens sei, als sein-e Frau und sein Kind." „Warendie Herren Ujvari und Zombori beim Taufakte zugegen^" „Oknuif; Ich« liabe ja die Herieu mit dem Geistlichen bis zrir Türe des Krankeirfimmers begleitet. Allerdings gingen' die Herren Ujvari Polletiz echte Reform-$chwci$$blätter LMM.