Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 25 (30.3.1906)
- Date
- 1906-03-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Mmchtitmz Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Eigrulnmrr und Hrrarwgrber: 3nhob Kraus;. Inserate übernehmen die firmen: 3. Vannel>erg, lN. Bufes Nachfolger, lfaasenstein & Vogler, Rtiöolf Masse, M. pozsonyi, N. Lchalek in Vien ferner alle Annoncen. Expeditionen im kiuslande. Einzel - Nummer in Wien IS Heller. VerschleißsteÜen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen—werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, Il/3, Stefaniestrage 12; Robert Weiß, Wien, s. Jakobergasse 7. Nedakllon: IX/1. Wasagallr 81. Telephon Mr. 1472.1. Sprechstunden: An Wochentagen von 10 bi« 12 Uhr vorm. Postadresse: „Nattonalzeitung" Wie«. >Xj>. H«<k|pcr4cn wegen verspSteier oder gar nickt erfolater gulrellung erbitten mir uns drinoend. — Minvrllrlpk« Werden nickt znröcköcitcm. Bostsparlassen-Konto 47087. 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Wer die Geschichte der Juden Galiziens .sowie ihr knechtisches Verhältnis zum Polen--; klub auch nur oberflächlich kennt, wird zugeben müssen, daß die Enunziation des Grafen , Dzieduszycki für die weitere Entwicklung der Juden Galiziens von eminenter Wichtigkeit ist. »Ich sympathisiere aber mit dem Zionismus, weil er eine Bewegung der Wahrheit, im Gegensätze zur Lüge des 19. Jahrhunderts, die voraab, daß die Juden, Polen, Deutsche oder Tschechen seien". Man greift sich all den Kopf, ob man nicht träume, man reibt sich die Augen, ob man wirklich den Ausspruch eines Allpolen und nicht etwa ein phantastisches Zukunftsbild irgend eines Idealisten vor sich hat. Der "Obmann desjenigen Polenklubs, der Jahrzehnte und Jahrzehnte hindurch mit russischer Willkür die Juden Galiziens, die sich nicht polonificren wollten, unterdrückte, sie wirtschaftlich und geistig knebelte, erklärt heute, daß das Erwachen des jüdischen Selbstbewußtseins, die Nenaissance der Juden, eine - ethische Bewegung darstellt; der mächtige Vertreter der Schlacht«, die den galizischen Juden in die verächtlichste Erwerbssphäre hineindrängte, sie zu willenlosen Werkzeugen des Polenklubs geradezu zwangsweise verzog, gibt die Erklärung ab, daß all das was der Polenklub bisher von den Juden Galiziens forderte: daß sie ihre jüdische Eigenart aufgeben, sich nicht nur als Polen geben, sondern auch Polen werden sollen — eine Lüge des vergangenen Jahrhunderts sei; der Obmann desjenigen Polenklubs, tit dessen Geiste sein Hausjude DrdByk handelte, als er die zionistischen Vereine bei den ausübenden Organen der Schlacht«, den polnischen Behörden denunzierte und ihre Auflösung herbeiführte, gibt unumwunden zu, daß diese zionistischen Vereine die Wahrheit vertreten, im Gegensätze zur Lüge von den Polen mosaischer Konfession. Ist im Polentlub tatsächlich diese Wandlung zum Besseren vor sich gegangen, dämmert es wirklich in den Köpfen der Schlachtzizen. so ist das sicherlich unter dem Drucke der Tatsachen, unter der Gewalt der Geschehnisse der letzten Monate erfolgt. Auch der Polenklub mußte schließlich zur Ueberzeugung gelangen, daß der Typus drs modernen Juden weder in dem verknöcherten, durch Not und Drangsal verschüchterten Hausjuden irgend eines Schlachtzizen, noch in der Gestalt irgend eines durch höhere Kriecherei zu Ansehen gelangten Hausjuden des gesamten Polenklubs, sondern nur unter denjenigen Juden zu suchen ist, die ohne Rücksicht auf die Gnade oder Ungnade ein eiherrschenden Klasse an dem Wiederaufbau ihres eigenen Volkstumes arbeiten, die sich der modernen Kultur nicht verschließen, aber ihre Ergebnisse zum Wohle ihrer eigenen Nation zu verwenden trachten und die endlich auch die Ueberzeugung haben, daß sie nur dann verläßliche und brauchbare Mitglieder desjenigen Landes zu sein vermögen, in dessen Mitte sie leben, wenn sie gleichzeitig ehrliche, aufrichtige Mitglieder ihrer eigenen Nation sind. Auch äußere Symptome scheinen dafür zu sprechen, daß der Polenklnb seine bisherige Auffassung über die Pflichten der Juden in Galizien geändert hat. So hat Dr. Byk, der bekanntlich als Redner in der Debatte über die Wahlreform vorgemerkt war, im letzten Momente auf das Wort verzichtet. Man kennt die Anschauungen Doktor Byks zur Genüge und man weiß, wessen man gewärtig sein konnte, wenn er wirklich zu Wort gekommen wäre. Aber die Taktik des Polenklubs verbot e§, in demselben Momente, da sein Obmann es für nötig fand, die erwähnte Enunziation zu tun, den Dr. Byk auf die Zionisten loszulassen. Und da ist uns denn das Wort entschlüpft, an das wir sofort dachten, als wir voll der in jedem Falle wichtigen Unterredung Kenntnis erhielten: die Taktik! Der Ministerpräsident hat es den Polen vor dem ganzen Reiche ins Gesicht gesagt. Die Polen Habel, für ihre staatserhaltende Politik Feuilleton. Der letzte Akt. Die jüngste Nummer dieses Blattes brachte eine kurze Notiz über eine iin, Budapestar jüdischen Spital vorgenommenen Taufe nach katholisch e m R i i u s. Ter Fall, um den es sich hier handelt, ist so typisch mnö abschreckend Zugleich, daß er verdient, naher beleuchtet z-u. Word eil . Die Taufe -des jüdischen! Malers Alexander Bihari ist der letzte Akt eines Assimilanteuroinanes, wie ihn das e-ntjudete Leben dev Neuzeit zu Dich enden schafft, aber die Begleitelscheinnngen! dieses Falles lassen uns einen Einblick machen in die Psyche einer christlichen Gattin, die sich herabläßt, einen- Inden zum Manne zu. wählen. Und «dieser Einblick ist, trotz des romantischen- Anstriches, den die Mischgatt'in dem, ganzen« Akt zu geben, bemüht war, d'iv so abstoßender, daß er geeignet erscheint manchen unserer Juden, die — es sind auch Zionistei, unter ihnen — in der Mi schöbe nichts Unjüdisches, nichts Antinationales erblicken, von feiern Wahne zn heilen. Alexander B i h a r i ist eilt im Ungarn am gesehener Maler, feinci Werke fanden stets große Anerkennung, die SSritif war immer voll Lobes übe,' sein-e Leistungen. Die jüdischen Blätter verzeichneteir mit Stolz seine Erfolge. Vor ungefähr zwei Jahren — Bihari stand damals im f ü nfzi g st e n Lebensjahre — machte er. die Bekanntschaft der damals zwanzigjährigen Konlnuinallehrerin! Emilie K i n dl o w i t s ck. Fräulein K'indlowitsch war eine geborene' K a t h o l i k i n nnb hing stets mit großem, Eifer an ihrer Religion. Nach halbjähriger Bekanntschaft entschloß sich die strenggläubige Katbolikin dein berühmten jüdischen Maler znm Standesamt zn folgen, woselbst ihre Ehe geschlossen! wurde. In den jüdischen Kreisen, denen Bihari angehört, fand man 'an dieser Ehe höchstens den gelvaltigen. Altorsnnt«ersch,i«ed anszusetzen, aber man, nannte sie kurzweg« eine „Künstlerehe". Bihari erhielt aus den „beiten" jüdischen Kreisen zahlreiche Gratulationen! und im übrigen, fand mm, sich mit der Sache rasch ab. Der Ehe entsproß ein- Kind, welches sofort katholisch getauft tvn«rde. Bihari blieb Jude, vielleicht« ans Irreligiolsität, vielleicht ans Indifferent ism ns, aber vielleicht auch deshalb, weil er als Jude von der jüdische«!!! Presse besser geföldert Würde, als wenn er die Taufe nimmt. Ain 14. d. Mts, erkrankte der Künstler plötzlich an einem schweren Leidem, das eine sorgfältige Svitalsbehandlung, erforderte. Die hervorragenidstenjüdischen« Persönlichkeiten dev ungarischen Hauptstadt wetteiferten in« den, Bo streben, ihm im jüdischen Spitale, wo Bihari Anfnahlne fand, eine exzeptionelle Behandlung zu« erwirken. Dem Künstlerpatienten wurde ein beson'dc'res .Kra-n'ken'ziinme-r eilügerämnt und alles aufgeboten, daß es den, K'rmFen an nichts mangle. Auch! wurde gestattet, daß die Gattin des Künstlers, ins Spital übersiedle, damit sie, ihren!! Wunsche entsprechend, an der Pflege ihres schwerkranken« Gattern persönlich teilnehme. Der Zustand des Kranken ve'rsch-limrnert-e sich von Tag zu- Tag. Sonntag den 18. März trat- Frau Bihari ganz unvermittelt am den Verwalter des jüdische Spitales intt! der Frage heran, ob sie d i e T a n s e i h r e s M a n n e s i ,n j ü d i - s ch e n Spital e vornehmen. lassen dürfet Der überraschte Ber-lvalter fragte die Frau, wie sie ans diesen „sonderbaren« Gedanken" komine. Frau' Bihari erklärte: „Als Ivir heirateten, gab mir mein- Mann das Versprechen; er werde zu'M' katholischen' Glauben« übeltvetern. Ta er jetzt schwerkmnk und sein. Zustand besorgniserlegend ist, nmß ich mich beeilen, die Taufe vo'rnehnüen zn lassen, e Hees zn sp ä t! i st." Ter Verwalter sagte gelassen: „Dieses Die nächste Nummer erscheint Dirntag den 3. April.