Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 24 (27.3.1906)
- Date
- 1906-03-27
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 2 Nationalzeitung Nr. 24 und unterhält sich lebhaft mit seinen Besuchern. Ein Vorbeter des „American Hcbrew" stattete dein Krankenvor einigen Togeneilten Besuch ab. „Stört Sic der Spektakel der Erdarbeiter draußen incht zu sehr?" frng er ihn. „Nein." antwortete der Dichter, „ich gewöhne mich allmählich an ihn. Die ersten Tage nahm ich gar kein Interesse an dem Vorgangen uin. nach. Ich hatte nur das eine Beivlchtsein, das; ich meinen Körper nicht inehr zu bewegen vermag, das; meine- Junge mir den- Gehorsam versagt hat und meine Glieder unbeweglich getvordeir sind. Erft als ich ,;u begreifen! begann, was nur eigentlich widerfahren ist, da begann ich auch den Lärm auf der Straße zu Hörern Dieser Lärnr brachte es nur zum Bewußtsein, daß die Welt, von der ich ausgeschlossen wurde, durch eine dünne Wand von mir abgeschieden ist, und so oft nur die Hammerschläge und die Rufe der Arbeiter zu Gehör kamen, faßte ich frischen Brut, denn ich fühlte, daß die Welt n'cch lebt, obgleich ich an ihren Bewegungen- und Lebensäußerungeil nicht tcilnehincnkann." Im Verlaufe des Gesprächesschilderte er mit der' ihmeigenen- Lebhaftigkeit seine jüngsten Reiseerlebirisse auf dein Wege nach Baltinrore und zurück. Diese Rei feschilderun g erschien auch im „ Zeitgeist" und Uxu° die letzte Arbeit, die er vor seiner plötzlichem Erkrankung schnob. Als der Besucher erklärte, diese Arbeit nicht geleserr zu habeu, ureinte der Dichter, daß diese Reiseschilderung von Fmhmännern für eirr Meisterwerk der beschreibenden' Prosa gehalten werde. . „Ja," sagte er dann, „meine letzte Arbeit rvar -dieser Artikel. Ich selbst halte ihn für eine recht hübsche Schilderung. Der nächtliche Ritt, die vor mir dahinflichenden LichterschmntMgeu, die hundertfältigen uuerkläricheir Rufe und Geräusche, die ausder undurchdringlichem! Finsternis an mein Ohr drangen-, das alles lebt noch letzt lebendig in-. meinem Geiste, eigentlich müüte ich sagen, inder einen Hälfte meines Hirnes," fügte er mit einem LächM. hm-zu, „denn; die andere Hälfte ist gelähmt." Er gedachte auch seiner zwei jüngsten Gedichte, nach seinem eigenen Urteile „feine Gedanken, hübsch allsgeführt". Da trat wieder Besuch ins .Kraickeiizinimer. „Ach, lvelch angenehmes Gefühl ist es, ein frisches Gesicht zu sehcu, lrenn manselbst krank darniederliegt," sagte der Kranke die Augen schließend. „Man liegt da allein, sinnend, und fühlt sich wie losgerissen von Gottes lebendigem Weltall, ein gebrochener Zweig, gefallenes Laub, und die Welt nimmt ihren ungestörten Laus, und steint einen vergessen zu haben. Da erblicken Sie plötzlich das bekannte Gesicht eines Freundes, und Sie habcir I die Empfillduug, die ganze Welt komme 311 Ihnen, liebevoll besorgt 11m Ihr Wohlergehen, Sie zu trösten." „Ko-iunnu Ihre Kollegen Sie nicht besuchen?" fragte einer den- Dichter. „O ja! Einer, zwei, drei, aber nicht uoit denen, mit tvelchenich in jüngsten' Zeit zllsalmnengearbeitet habe. Diese kommen nicht. 'Als meine Frau ihnen die Nachricht zukommen ließ, daß ich vonr Schlage gerührt wurde, dagaben sie im „Zeitgeist" die trockene Nachricht: , „Unser Kollege Morris Rosenfeld hat einen Schlaganfall erlitten und wird in einigen. Tagen wiederhergestellt sein." Ein anderes Blatt hat, wie meine Frau mir erzählte, sehr freundlich über mich geschuieben. Nichtsdestoweniger ist das gute Verhältnis zwischen den jüdischen Publizisten recht bemerkenswert. In früherem Tagen pflegten wir einander anzugreifen und es tobte ein persönlicher Kaiilyf unteruns. Heute wissendie jüdischen Publizisten es bereits 31t schätzen, daß sie Mitglieder einer Genwinschaft sind, und -daß die sachlichen Kämpfe, welche sie cmszufechtni haben-, mit ihren Persönlichkeiten nichts zu. tun haben-. Dieser Einsicht ist es zuzuschreibem, daß dev Herausgeber des „Tageblatt" persönliche Angriffe gegen den Herausgeber des „Bonvärts" nicht mehr zugibt undebenso um'gekehrt. Ich iVaielibir I Wasserdicht! Osruehlosl freue mich sehr über diese Besserling den Zuständc." Daml kam, er wieder auf seinen Zustand zu sprechen. Er ist sich dessen belvußt, das; e-r vor Ablauf mehrerer Monate die Beweglichkeit des Körpers nichl zurückerlaugeuwerde. Das ist auch die Ansicht seiner Aerste. Die Aussicht auf monatelange Untätigkeit drückt ihn; sehr n-iedor. Er kann sich gar nicht in. die Situation hineiildenken, monatelang regungslos dazuliegcn, währenddra-ußen> sich alles fertbelvegt, aber er weiß auch ganz genau, lvelche Vor - schriften er zu befolgen hat, unr die Besserung seines Zustandes zri beschleu-u-igeu; außerdem sor-gcnauch seine Frau und Töchter dafür, daß alles in Ordnung gehe. Das Hospital, in welchem Morris Rosenfeld seiner Genechmg cn.tgegcnhmirt, llt eine Privataustalt und ist für Besucher den ganzeu Tag zugänglich. A. Grüner. Eine Heine-Feier in Gorlice. Auf den; Drümmvin des jüdischnationalen Vereines „Hatcchija", ivelcher infolge der Jndol-enz seiner Mitglieder zlM'lmde ging, entstand ein neuer nationaler Verein, gegründet von gern Geschlechte, welches das schwächere genannt wird; cs entstand der „Verein' jüdischer Frauen und Mädchen;". Und eigentümlich, dieses schwächere Geschlecht zeigte sich in natioj naler und kuttmeller Arbeit viel zäher uivb stärker als das sogenannte' starke Geschlecht, und ihr Verein hat berechtigte Aussicht, ßt gedeihen-. „Aber durch! Airmut allein herrscht und herrsche das Weib," und um diese Amnut besser zur Geltung bringen zu können, beschränkt sich der Verein nicht bloß auf nationale oder kulturelle Arbeit, sondern zieht auch die Geselligkeit in. den Bereich seiner Wirk- [amfeit. Ein schüchterner Versuch mit einein Perez-Abend - - welcher voWoinmcn gelang — gab dem Vereine Den Mut, an ein größeres Unteruehmelr h-erangutreten. Die Wiederkehr des 50. Todestages des Dichters des „Buches der- Lieder" gab einen willkommenen Anlaß dazu itnib am 12. d. M. veranstaltete . dler- Vereiir eine Heineseier. Dank der Benin Hungen- . der Präsidentin des Festkomitees Frau Dr. Kohlt, welcher die Herren. Alerandrowicz uavb Feusterblau lvacker grir Seite standen, gelang die Feier über alle Erwartung. Die Festrede hielt Herr Fensterblau und feierte Heine in seiner bekannten dialektischen Meisterschaft . als Dichter, als .Künstler .als Philosoph, als Sozialreformer und — als Jude. Au das Jii.de nt mir Heiu-es wagte sich Herr Feusterblau nur schüchtern heran und war bemüht, diesem nach Möglichkeit auszuweichen. Herr Fensterblau als gründlicher Kenner Heitres sollte doch wissen, daß das schönste air dieser monumentalem Dichtergestalt das spezifisch Jüdische war, und dennoch unterließ er es, diese schöne Seite gebührend zu> entwickeln. Fräulein Recht aus Krakau entzückte Znit -ihrem kunstvollen! Gesangsvovtlroge. Fpl. Recht ist inehr als eine kiitistsi-irnige. Dilettantin, Frl. Recht ist ein; eininent künstlerisches Talent. Herr Mirski am Klavier, trug viel zum Erfolge bei. Auch die Deklamationen der Frls. Klammöv lind Schielt fielen recht nett -aus. Nach Schluß des offiziellen Teiles des Abendes blieb die zahlreiche Gesellschaft an dem. reichlich nnb geschmackvoll arrangievten- Buffets in animierter Unterhaltung noch lange beisammeu und mau schied in vorgerückter Stunde vonein-aiider mit dom Wlmsche, sich wieder bei gleicher Gelegenheit ßtufmiifiuctt^mfi-iKbciu Dasfinanzielle Ergebnis ivar ein äußerst gllfriedouftiettondes, und den- Reinertrag bestimmte der Bereill. zur Verteillmg unter die jüdischeil Armen!. Eine charakteristische Episode verdient noch hier Erwählllmg Zll; finden, lvelche wir hiermit alleili Afsimilationsapostetil znr Kellutnis bringen. Die hiesigen Intelligenzler chri-st-licher Knirfeffion untorlasferi! es bei keiner össtutlicheu Gelegenheit, an — die Tasche ihrer Viitbürgev jüdischcir Glanbekls zll appellieren, mvd niemals ohli-e Erfolg. Nun besitzt das hiesige K-afino — welchem übrigens auch die jiidische Intelligenz als Mitglieder augehört — ein Klavier — nebenbei bemerkt, einen elenden Klimperkasten. . lreiches zu allen möglicheil und unnwglicheu; Veranstaltinigeir bereitlvilligst ausgeborgt lvird. Auch unstn Fcstkonlitee weildete sich aiv deir Präses des- 5kasiuos mit der Bitte tun, Ueberlassung. des Klavieres für die Feier. Der Präses des Kasiilos, ein vorurteilsfreier Advokat, sagte ohne lveitoles zu. Nlin, zeigte cs sich, daß der Präses die R'echuuug ohne den, löblichen Allsschuß gemacht ha<t, und es lvurd-e ihm bedeutet, daß er einen Staatsakt von großer Tragweite lviderrcchtlich allein' dlirchpiführcii. im Begriff ist, lvelches der löbliche Ausschliß n-icht duldeir lvill. Der P^räses sah sich somit -gezivungen, diese wichtige Sache dem. hohen Ausschllsse zur Approbatioil! vorzulegem li-ild es fanden; sich fünf reife Männer, dalnnteldrei Doktoren, in dieser Körperschaft, lvelche die Zusage des Pläses zu Falle bracksteu, lindbeschlossen, das Klavier dem Koinitee nicht zu geben, öt-ber die Herren, lväreu keine Polen, lven-nsie ihren Autisemitisimls in tlgerrd ein Mäiltelcheu uicht kleideil sollten, diesmal lvnrd-e aber dieses Mäntelchenzur Schellenkappe des Hanslvlirsts. Die Herreil beschlossen; — und dieser Beschluß lvlrvde im. Pro-öeikolle verejistigt — das; das Klavier eines polmscheiti Kasinos zerr Heineseier nicht hergegebcu lverden kann, lveil Heine ein — Polenfresser und — Iüdenfrefser war. Daß die Herren! für nnö Juden eine Lanze brachen, ist ja recht scholl, -wir weifell aber diese lulgebeteue Vel-llndigllirg entschieden zurück. Heine gehört uns- und wir bitten, ihn llilsercr Gerichtsba'l'kest gefälligst zll übeelasseu. Das; aber Heiile ein Polenfresser lvar. ist eine imgelii-elie Entdccklmg der fünf lveistn Männer des Gorlicer Äiasinos, li-nd diese igirorauk1 Entgleisung ist lvirklich Mliwez-Ählich.. Die Herren habeil- Heims- Blich „Ueber Polen'" und über „Ludwig Bör-ll-e" tnchk gelesen!, delln sollst ulü.ßteilsic Uu’ffcn, daß Heine der einzige Deutsche Dichter lvar, ivelcher über Polen lmd über die polnische.Rastoil eine gute sympathische Meinung hatte. Hoin-e schrieb auch das -Gedicht „Zwei Ritter", li-ild hier zeigt sich die prophetische Gabedes Dichters, öemt die Krapülinskis irmb Waschlapskis süld troch' immer nicht ausgestorbeil!. H. Aus " " . sDumawahlen. — Die neue Revolution. — Hausdurchsuchung im Odessaer jiddischen Krankerchause. — Spießrutenlaufen jüdischer Arbeiter. — Hetzschriften der russischen Negierung. — Kruschewa«- Kandidat von Kischenew. — VorberoiNtnge« für die Ostern. — Zwischen zwei Grerrzen. — Die österreichische Grenze gesperrt. — Die Trostlosigkeit der Situation.) J-ill Zeichen der Dumawahlen lvird jetzt in Rusjland sv viel Blut verg-vssen, daß inan sich in die öe wen teste Kampfzeit .pirückversetzt sieht, lvelche den Ausgaligsplmkt der ilmlväl-zungen in Rußland bildete. Masselurwrde werden verübt — znm Wöhle des Vaterlandes, das der Nnhe bedarf. Di-e Mittel zur 'Herstellnn-g der i)tatöc silld Hinrichtlmg, Anspeitschnng, Kerker und ährAiche russische Beschlvichti'gnn'gsinittel, dllrch lvelche das re-vblVereiüde Volk indes Mortes schrecklichstem Silln-e m'nndtvt genl'acht werdeu soll. Die Ätachpichtel>, die in den -letztem Tagen aus denl Innern tllilstlan-ds ke-lmlnm, beuten da'ralts hin, da st öi-e Nenvlntivrl mit wettet Krnst eingesetzt hat, ll-nd da st sich in ihre-nl Gesol-ge Ic'tte Greilel zeigerl, die in Rusz-l'and liluime'hr seit mehr als drei Jahren auf der Taaesvrdnnua silld. Das; die Inden llut-er d-er revolllttollären Äte- »veg-uu-a und lln-ter den A-n-strena-miaender Regierung deö Ansstandes Herr zll werde-»r, am »vet* stell zll leiden habe», ist tu Rlißland ebenfalls „nirr llatürlich". -INl folg enden seien die Ereignisse der jiiirgsten Tage registriert, svüveit sie die Illden -betreffen: Pollenz echte Reform=$cbwei$$blätter ililieMol 4929