Mannheim
Compact Memory

Nationalzeitung · 1906-03-09 · Heft 19 (9.3.1906) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 19 (9.3.1906)
Date
1906-03-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/2429839-2429840-2429859--132-2430197
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 4 Nationalzettimg Nr. 19 Gräber harrt, um nun diese monumentale Halle anstusuchen, die eine Verbindung beider, der Beryangeühett und der Zukunft darstellt. Lange zögerten wir mit der Schlußsteinlegnng, in dem niederdrückenden Bewußtsein, daß der Tag der Uebernahme der Zeremonienhalle ans den Händen der Bauleitung, trotz er Befriedigung über das gelungene Werk dennoch ein erschiitteruder sein wird. Wie bei dem Baue des zweiten Heiligtums, das Weinen derjenigen, die das erste noch gekannt hatten, die Freudenstimmen des anderen Geschlechtes übertönte, so übertönt heute das Schluchzen derjenigen, die ein teures Wesen irr dem alten ^Friedhöfe zur Ruhe gebettet haben, die Freudeustimmen der Genugtuung, daß wir nun im Besitze einer künstlerisch ansgebauten Halle für die ueUen Ruhestätte snrd. Miit der Errichtung derselben sind wir Dank schuldig dein ausgezeichneten berühmten Baukünftler Herrn k. k. Baurat Wilhelm Stiassny, der hier ein großartiges Kunstwerk der Pietät für die kommenden Geschlechter errichtet hat. Nicht minder dem altbewährten! Präsidenten unserer Knltusgemeinde -Herrn MIoriz Lettner, der sowohl die Ideen des Baues selbst proponiert. als auch die Mittel %n demselben herbeigeschafft hat, gleich wie sein Name mit allen Institutionen kulturellen und wohltätigen Charakters eng verknüpft ist." In bezug auf die Bedeütimg «der Zeremonienhalle im jüdischen Leben wurde vom Redner auf die Schilderung des Begräbnisses des Patriarchen Jakob im ersten B. M. Angewiesen, rvo bereits eine solche in dem Sinne erwähnt 'wird, daß sich in derselben die Leidtragenden gesammelt haben und die Trauerreden abgehalten wurden. Am Schluffe des zweiten B. Sam. wird uns ankttngend an dieselbe hebräische Bezeichnung erzählt, daß nach einem großen Sterben in 'Jerusalem auf das Gebet Davids dem dort thronenden Todesengel -Einhalt geboten wurde und diese Halle dann als eine heilige angesehen wurde. So möge auch non dieser Halle, über deren Kuppel der Toöesengel schwebt, Einhalt demselben geboten werden und der unvermeidliche Tod uns nach erfüllter Le'berrsaufgabe erscheinen, als ein Erlöser für das .Himmelreich." Diese Worte des verehrten Rabbiners übten einen mächtigen Eindruck auf die Anwesenden. Hierauf nahm Baurat Stiassny in üblicher Werse die Schlußstein leg ung vor. Der Schlußstein, welcher in Jerusalem gebrochen ist, deckt -die in -einer Metallkapsel ruhende Urkunde, die von dem GeMeindesekretär Herrn Jnseld inschiwnngvollen Worten verfaßt ist und in Kürze die Geschichte der Chewra Kadischa und 'der später entstandenen Kultusgemeinde Baden enthält. Zum Schlüsse rezitierte der Oberkantor einen Trauerpsalm und das Kadisch-Gebet, womit die Feierlichkeit ihr Ende erreichte. Abends versammelten sich die hervorragendsten Gemeindemitglieder und Gäste im HotelRausnitz zu einemiChewra- Mahle, welches -bis in die späten Abendstunden feinen -harmonischen Verlauf nahm, und bei welchem dem Kultusvorsteher Herrn Lettner, 'Herr Bäumt Stiassny und der Gattin des letzteren die herzlichsten Ovationen davgebracht wurden. Bo« den Leiden der marokkanischen Inden. (Aus einem Schreiben des Divektors der Alliance-Schule Herrn Gueroü in Casablanca.) Die Juden von M'zab. Mer Tageinärsche nördlich von Casablanca liegt der Flecken M'zab, auch „Stadt 'des Riii Jzon Amael" 'genannt; rings nnMben von Bsdmnendörfern wie z. B. Beni- Hof Quardiga, wo zahlreiche Juden! leben, zumeist Hausierer oder Schuhflicker, die von. den Märkten und Messen, die in -dieseir 'Ktisiengegenden häufig sind, hierher gezogen, wurden. Das Ausbleiben dev Ernte hat die Araber in diesem Jahre besonders anspruchsvoll gemacht, der Hunger peitscht alle ihre räuberischen! Instinkte auf, sodaß sie unsere armen Glaubensgenossen ohne Gnade mißhandeln. Der Maghzen, wegen -der Rivalitäten der Mächte an keine Rücksicht gebunden, setzt seine Draugfalierungenl fori; uuaufhötlich werden unsere Glaubensgenossen durch neue Schreckensnachrichten beunruhigt. Viele, die die Angriffe der Araber auf Leben und Habe nicht länger ertragen können, verlassen ihre Dörfer, um sich in den Städten an der Küste zu zerstreuen, wo sie bei ihren Brüdern' Zuflucht zu finden hoffen. Ein trauriger Exodus hat begonnen. Meist werden die Unglücklichen auf dein Wege alle ihrer Habseligkeit,en beraubt ud gelangen in schauderhaftem Zustande am Ziel ihrer Reise an. So ging es einigen- Unglücklichen«, aus derer: Munde ich das folgende vernahm: Die Schuhflickerfamiliö Zenou bewohnte seit langem« M'zab. Da sie keine Aribeit mehr fand, so entschloß sie sich, nach Casablanca zu gehen. Der Vater, drei Söhrre, ihre Frauen, zwei Schlvestern und zwei kleine Kinder nrachten sich auf die Reise. .Karrm hatten sie M'zab verlassen, als eine Räuberbande sich auf sie stürzte uu>d sie airsplünderte. In Quardiga stoßen sie auf einen Araber, dem sie eine Gelosuunne schulden, rmd der nun die Schuld von ihnen eiuforder!. Umsonst erzählen die Flrichtlirrge ihr Abenteuer. Der Araber verhindert die Beerdigung des auf dem Wege vor Schreck gestorbenen Familienvaters ' und behält als Geißel eine der, Frauen zurück, die im achten Monate schwanger ist; er droht, sie zwangsweise dem Islam zuzuführen, -wenn man ihm nicht feine 40 Duws gibt. Jetzt hat sich der Trupp in unserer Schule eingefunden. Ein« und ei-nein halben Monat hatte er für die Reise von M'zab nach Casablanca gebraucht. Ich gab den- Unglücklichen- Kost und schrieb dem, englischen Kvnful, er möge sich bei «dein! Kaid verwenden, damit man die Frau zurückgebe. Konsul Mac Lean schickte mir einen, seiner persönlichen' Freunde, dev mich zum Kaid begleitete. Wir erhielten ein Schreiben an den. Kaid von Quardiga mrd veranstalteten eine kleine Sammlung-. Die Flüchtlinge marschiertenzurück, um die junge Frau zurückzuholen, und ich erfahre soeben«, daß sie ihren Angehörigen übergeben worden ist. Gefangene Juden in Casablanca. Im April 1906 setzte folgender Vorfall die jüdische Gemeinde von Casablanca in Bewegung: ~ Ein arabischer Trunkenbold hatte die Gewohnheit, täglich, in dem« Laden eines unserer Glaübensgenossen zu betteln. Eines Abends, voller noch als gewöhnlich, und erbittert durch die Abweisung, die er erfuhr, -wollte er aus dem Laden eine Flasche Getränk gewaltsam wegnehmen. Der jüdische Budiker entriß sie ihm. Ein Handgemenge folgte. Die einen sagen, daß der Budiker den. Trunkenbold stieß, so-daß er rücklings hinfiel und auf der Stelle einem Schlaganfallerlag. Andere mein-en, daß der Jude ihnauf den Kopf schlug und der Araber au den Folgen« dieser Schläge starb. Wie dom auch sei, die Bevölkerung fand darin eine schöne Gelegenheit, auf die Juden loszugoheni. Mehrere wurden schwer, andere leicht verwundet. Während einiger Tage herrschte Panik. Arrf meine Anregung schritt dev fvawzösrsche Konsul energisch ein. Die Unruhen legten sich allmählich, aber der Kaid sperrte den angeblich Schuldigen, um den Forderungen der Menge -ein wenig entgegenzukommen, ein.. Die Zeugen, auf welche sich dieser berief, wurden festgenommen und ebenfalls ohne irgend ein Prozeßverfahren auf brutalste Weise eingekevkert. Von dieser Zeit an verblieben die Aermsten im Gefängnis trotz aller zu. ihren Gunsten unternommenen Schutte. Erst vor wenigen Tagen wurden sie in Freiheit gefetzt dank km neuerlichen Eingreifendes französischen Konsularsekretärs, der sich auf mein! Be!reiben beim Gouvornerrr für sie veUvendetie. Einer der bisher gefangen Gehaltenen verfiel soeben in schwere Krankheit. Der Konsularsekretär begab sich 'darauf zum. Gouverneur un«d erklärte ihm, daß er ihn persönlich verantwortlich inache, wenn der Kranke sterben sollte. Darauf befahl der Gouverneur, daß mau für die Wiederherstellung der Gefangenen Sorge trage. Kultuslebe« i« einer mährischen Stabt. (Siehe Nr. 6, 8, 9,10,11,19, u. 15 der „Nat.-Ztg.") Der Ausschuß der Kültusgemeinde Nikolsburg hat dem Kultusvovsteher Herrn «Philipp Kohn das Bertrailen votiert. Wer lacht da nicht? Wir können derr- Herren ArrsWußmitgliedern nur eine Entschuldigung zugestehen: Sie sind «überrütnpett worden. Gut in-szeniert war ja die Sache. Auf der Tagesordnung der Ditzulig standen einige minder bolang-lvse Punkte, sowie die von einem! Mtrtgiliede angeregte Aenderung -des Kultusstatnts, Um die bisher willkürlich ausaelibte Macht der am Ruder Befindlichen «in wenrg einzuschrälvken, iirsbeson-^-- der« um eine ungerechte Bemessung der Kultussterlerrl unmöglich zu macheri. Es handelte sich - nun darum, zu verhüten, daß etwa oppositionelle^ Ausschußmitglieder dieser Sitzurig beiwohnen. Es wurden darum auch nicht alle Ausschußmügltede v« eingela-öen. Insbesondere mußten diejenigen^ Ausschußmitglteder, welche derr Mit haben, den reichen Bonzen bis Gewissen zu reden, von dieser Sitzung ferngehalten werden. Ja, nmn ging sü'-' wxlt, sogar den Anreger derAenderung desKültttM« statuts von dieser Sitzung ausztrschlietzen. Borsicht ist, eben der bessere Teil. Lieber feig als dumm. Es durfte diese Aendermig des Statuts nicht zufi« «kommen, trotzdem durch die letzthin ins« -gezerrten willkürlichen Steueröenreffungen förmlich revolutionäre Stimmung unter de» Kultusgerueiudern-iigliederu herrscht. Die Aenderüng des Statiits ist ja nicht notwendig, unsere Führer besiudeu sich ja unter dem alten viel bLsser. Es bestände die Gefahr, daß in absehbarer Mt eine ,-gerechte" Aufteilung der Steuenr erzielt w'iirde, der Geldsack ist aber das heiligste Öväs bliebe gar manchem, wenn ihm der Geldsack verloren ginge, rvahrscheinlich nichts als der hohle KWf), der fft unantastbar. «Der -Antrag mutzte also uiedergestimmt werden. Es sollte aber auch in ''dieser Sitzung eine VerichiiguttgSkommissio-n Mbähtt werden, mit der Ausgabe, die In der Presse erhobenen Borwürse abzulengnen. Also eigentlich. «tue Ableugnungskommission. Entbehren nuft unsere Vorwiirfe des Tatsächlichen? Der beste Beweis für die RichtigVoit der von uns ev- HMnen Borwürfe ist wohl der, daß bisnun kein «AuAschichinttglted eine Wahl in dieser AbleugnMgskomrnission annahm. Wie denn wicht? «Welcher Mensch von Ehavakter wird sich zu einer soDön Mission mißbrauchen lassen? ^,'Das Bertrauens«votum für den KuttusvorstHer -wurde aber angenommen. /"Wir richten nun an gewisse Herren KitltuSaichschußmitglteder die Höfliche Anfrage und wollen kläre Antrvort. Ist es richtig, daß Beträge, die für Wohltäiigkeitsakte Vorbehalten waren, anderen Zwecken, insbesondere teilweise einer Sieuerentlastung eiuzeDer Besserbemittelter zngeführt.wurden? Ist ess:richtig, daß die Minderbemittelten tm Bevgleiche zu einzelnen am Ruder befindlichen Befferbemittelten ungewöhnlich hoch besteuert wurden? .>^Jst es richtig, daß gegen die in der Opposition befindlichen befferbemittelten die Steuerschraube unnachsichtlich angemendet wurde? .-/-'Ist es richtig, daß die öffentliche «Schilderung der unhaltbaren Verhättniffe in der „Humanitären, gemeinnützigen, aus den Geldern der Armen" gegründeten VorschuUassa, fürs erste eine Sistierung der schon bewilligten stqtutenwidrigeil Remunemtionen und insvesondeM die Resignation des Kultusvorstehers als Ausschutzmitglied dieser Kassa herbeiführte? Ist esu Nichtig, daß der KultussteuerbemessungskommWon über .einzelne K-ultusgemeindemitzlieder unrichtige Daten vorgelegt nmrden? xd'Wie die Beschlüsse des Knltusausschusses (Stehe Bes Hamedrifch, Neuschule usw. ufw.) ausgefnhrt werden, ist auch vielen gleichgülttg, es genügt gar manchem, werm er am grünen Tisch srWr und den Weisheitsevgüssen der Herren Grassel, Toch usw. usw. lauschen kann, Sehr verehrte Herren Ausschußmitglreder, wM-rsind der Meinung, die Einsetzung einer «UntersMüngskomm iffion über die geschilderten Uebelftande 'märe notwendiger als eine Äbleugnungskrchwns>sion. ..... Wir haben, Gott sei Dank, ehrliche, charaktervolle Männer genug (wir erwähnen unter den vielen nur einige: Herr Bezivksarzt Dr. «Muter, Adpokat Dr. Knöpfmacher, Guispächter Rudolf LäMkl, Hernmnn Stiasni usw. usw.), deren Aussprstch sich alle beugen «würdeii. «Mir haben in der «Schilderung der herrschenden Uebelstände Namen- und Dateil gebracht, die siW nicht wegzuleuguen. Mir erklären auch, nochlange nicht fertig zu sei«, und gedeüken in den folgenden Artikeln noch gar Vieles airs Licht zu bringen, gleichgültig, oh es-eventuellen AbleugnungskolMiMionen gestillt oder nicht, die Wahrheit muß an den Dag itnd die werden auch zehn «SlbleugnungskoMmiffionen' nicht aiifhalten- . f Wir können auch mit Stolz auf positive Resultate unseres Wirkens Hinweisen. Was von dem «Reservefonds der Vorschußkassa noch zu retten ist, dürfte auch für statusge-mäße Wohltütigkeitszwecke gettet worden sein, und die diesjährige Steueviessungs'kommission mußte unter dem Drucke Oefseuktichkeit nach anderen als den bisher üblichen Grundsätzen izusammengestellt werden, wenn auch die Resultate der diesjährigen Bemessung yych manches zrr' wünscherr übrig ließen, ein großer, sehr großer Fortschritt gegen die Ungerechtigkeiten der -früheren ist es doch. . Mit einem Beserrstriche ist eben ein solcher ,/Uugiusstall nicht zu reinigen. Für diesmal wollen -.«»vir mit einer Strophe des -schönen Gedichtes von I. Auerbach schließen: «» '.Heran! Heran! «-Hämisch gaffen die Feigen unS an. ll' Mögen sie kindisch <t- Grinsen und spotten! Mögen sie hiindtsch Würfeln und trotten! Das schwellt erst die Brüst dem rechten Mann, Gassen die Feigen irnd Neider ihn an. G. K. R«sr«s Mgmkft«« der Wische« Seldftwehr i« K«ljla«d. Folgender Aufruf geht uns zn: Noch lebt in aller Angedetcken die petnigende Erinnerung arr die entsetzlichen Mordtaten, denen tausende unserer armen jüdischen Brüder in Rußland zum Opfer siele». Zum Ziele altsersehen für die planmäßig entfesselten Sklaveninfttnkte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.