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Nationalzeitung · 1906-03-06 · Heft 18 (6.3.1906) · p. Seite 2

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 18 (6.3.1906)
Date
1906-03-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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.>*ite 2 Nationalzeitung Nr. 18 gesunde nationale Prinzip wurde speziell in der Bukowina nicht in allen Kvnseq uenzen durchgeführt. Bei den Juden machte man, wie so oft, wenn die Gleichberechtigung für sie in Frage kommt, auch diesmal Halt. Weithin vornehmlich wurde die Forderung nach gesetzlicher Anerkennung der jüdischen Nationalität besonders in Galizien und der Bukowina erhoben. Allg. Dr. Straucher lieh ihr auch im Parlament ernste Worte. Gewichtige Argurncnie wurden für die Berechtigung dieser Forderung vorgebracht. Das Erstarken des nationalen Bewußtseins bei den anderen Nationen ist wohl das gewichtigste. Wo sich alle auf sich selbst besinnen, wo alle ihr Haus bestellen, wo alle ihre Eigenart mit einem Wall umgeben und vor Angriffen zu bewahren suchen, da durfte man die Juden nicht ausschließen, ihnen nicht die Möglichkeit einer nationalen Vertretung vorwegnehmen, oder bis zur Unmöglichkeit erschweren. Auf die eigenartigen Verhältnisse in der Bukowina, mußte gebührliche Rücksicht genommen werden. Nnr so war es zu verhüten, daß die Juderr nicht der Spielball der nationalen. Leidenschaften der Mitbewohner des Landes werden. Es wäre darum nur ein Gebot einer wohldurchdachten ausgleichenden Gerechtigkeit gewesen, wenn man. durch Zusammenschluß einiger Orte mindestens zwei jüdische Wahlkreise geschaffen häite. Denn die heute vorhandenen drei städtischen Mandate sind weder für die Juden noch für die hierbei in erster Reihe in Betracht kommenden christlichen Deutschen unbedingt sicher. Nach dem gegenwärtigen Stande der Dinge wird und muß es zueinem Kampfe kommen, bei dem es gar nicht ausgeschlossen ist, daß ein lachender Dritter ein Mandat als willkommene nationale Beute erhascht. In richtiger Würdigung der tatsächlichen Verhältnisse wies deswegen unser Landeschef einer Deputation christlicher Deutschen gegenüber darauf hin, daß „'die Deutschen durch zweckentsprechende Kompromisse namentlich in Czernowitz jedenfalls» ein Reichsratsmandat erhallen werden". Gemeint sind'Kompromisse mit den Juden. Die „Nachrichten" aller, das Organ des von Juden gewählten und auch mit jüdischem Gelbe bezahlten Magistratsdirektors Wiedmann, machen zu diesem wohlgemeinten Rate des Dr. Bleyl'öben die bezeichnende Anmerkung: „Das wäre für die Deutschen schr demütigend!" Man Halle dieses Bekenntnis fest: Wiedmann findet Kompromisse mit den Juden für die Deutschen demütigend. Man muß da fragen: fand derselbe Wiedmann nicht die jüdischen Stimmen, die ihm zu einem Landtagsmandate mühelos vecholfon, ebenfalls demütigend? Wiedmann schlug damals sogar den Wog in die israelitische Knltusgemoinde ein, u>m diese Sti mmen — die dem Ru fe St Wuchers, den Argumenten Srekels folgten -- zu ergattern. Für seine Person, war so ein Kompromiß gar nicht demütigend, ober für einen anderen eventuell besonnener denkenden christlichen Deutschen, foCen sie es fein. Denn ein Friede mit den Juden. — darüber besteht kein Zweifel — wäre ja gleichbedeutend mit dem Einstellen der Wiedmannschen Hetze gegen Straucher und dessen Anhang; wäre gleichbedeutend mit dem Ausschalten eines zu hübscher Manierlosigkeit bereits ausgearteten persönlichen Kampfes in, den „.Nachrichten". Wiedmann will den Deutschen nicht den Frieden mit den Juden gönnen, sonst wäre er nicht so skrupellos, eine Deputation christlicher Deutschen. in Wien, zu Lueger 3.1t. führen; und darum perhorreszierl er Kompromisse. Die Juden wissen sehr gut, woran sie mit den Deutschen sind, so lange sie ein Wiedmann führt. Sie suchen einen Wählkampf nicht, aller sie fürchten ihn auch nicht. Sie stehen geschlossen unter der belvährten Führung des Dr. Straucher da, und er sowie die anderen Vertrauensmänner der Juden, werden im geeignete Momente gewiß ehrliche politische Freunde, welche die stets verläßliche Bundesgenosfenschaft der Juden zu schätzen und zu schützen wissen, finden und sich erhalten." Eine Versicherungsgesellschaft gegen Zudenmasiakers. Eine grotesk-bizarre Idee beschäftigt gegenwärtig die russisch-jüdische Presse. Dias eine Blatt nimmt sie bitter ernst, das andere mokiert sich über sie, und wieder ein, anderes flucht wie ein Spatz über diese eines selllstbewußlen Volkes unwürdige Idee. Hat da ein in russischer Sprache erscheinendes jüdisches Blatt: „Jewrejskaja Schisny" („Jüdisches Leben") die Idee ausgeheckt, daß, nachdem wie es scheint, die Juden in Rußland noch lange, schr langenicht darauf rechnen können, daß ihr Leben, ik>r Hall rmd Gut durch den gesunden Volksgeist' oder durch die Mackst eines auch auf die Juden sich erstreckenden freiheitlichen Gesetzes gesichert werde, so bleibt ihnen nichts anderes übrig, äls sich selbst gegen, die Nachteile von Mastenausschreitungen gegen jüdisches Leben zu versichern', und zwar auf ganz nüchterner, ganF modern wirtschaftlicher Basis, Indern sie eine große „Versichernngsgesellschäft gegen, Pogrome" ins Leben rufen. Der Gedanke, der in dem genannten Blatte mit allem Ernst und einem, großen», einer viel größeren Sache würdigen wissenfchaftlickieu Apparate auseinandergesetzt wird, ist tatsächlich' so schrecklich, für das Judentum so erniedrigend und wirft auf die ganze trostlose Situation in Rußland ein so grelles Licht, daß mmt an ihnen nicht achtlos vorübergchen 'darf. Die Sache liegt klar zutage! So oft über unsere Brüder im Zarenreiche ein großes Unglück herein,bricht, ' geht gleichsam, eine Erschütterung durch die Judongassen, der ganzen Welt. Der große KlingMeutel wird geschwungen und die altbewährte jüdische Wohltätigkeit mit allen' ihren guten und schlechten» Begleiterscheinungen — die letzteren häufen sich immer mehv — setzt überall ein. Die Mittel, die bei aller Anstrengung aufgebracht werden, reichen^ in, der Regel nicht aus, die dringendste Not der Betroffenen zu lindern, abgesehen davon, daß die überhastete Wohltätigkeit nickst immer dort lind in den seltensten Fällen so hilft, wo und wie geholfen werden, sollte. Was liegt da näher, als -das Prinzip der Selbsthilfe auch für diese Fälle in Anwendung zu bringen? SeWhiffe! Ist das wirklich Selbsthilfe, ist das wirklich Vorsorge, wie wenn, wem, sich gegen die Folgen, von- Elementarerei'gmssen, wie Hagel, Feuer oder körperlichen Unfall, mit einem Worte, gegen 'die Fährlichkeiten des Zufalles versichert, den man, nicht anklagen, an dem man nicht Rache nehmen kann, weil man keinen Rechtsanspruch an ihn, hat?! . . . Dieser Gedanke einer Versicherung gegen Judenmassakersi ist. ein tieftraurig-es Zeichen der Hoffnungslosigkeit, er ist ein erschütternder Ausdruck jenes drückenden Fatalismus, der auf uns Juden zum großen Teile noch lastet. Mir dieser Vevsicherungsidee wird den blutrünstigen Judenschlächtoveiou der Stempel der Selbstverständlichkeit,, der Charakter des Unvermeidlichen aufgedrückt, mit denen man sich allfinden muß, wie man sich mit einer FeuerZbrunst abfindet, die in einer Viertelstunde die Ergebnisse jahrelanger mühseliger Arbeit zunichte macht, oder wie man sich! mit einer Epidemie abfindet, die laufende von blühenden Menschenleben hinwegrafft. „Goluspsychologie" nennt der Petersburger „Fraind" diese bizarre Idee. Jawohl, nur Goluspsychologio kann ein solches Hirngespinst erzeugen, die Psychologie einer noch i n, nerlich geknechteten, innerlich unfreien, mit sich selbst und seiner Zukunft im Unklaren befindlichen Volksma-sse kann zu dieser Form einer Selbsthilfe treiben, in einer Zeit, wo es gilt, einem Volke zu dem' ersten Freiheitsschimmer zu verhelfen! Nicht Versich e u n n g gegen die Folgen von Pogromen, sondern Verhütung von Judenmassakers durch' gut organisierte, mannhafte Selbstwehr habenunsere Brüder in Ruß- Die angeführter: allgemeinen Tatsachen genügen vollständig, um einen Einblick in die wahrhaft schreckliche Monomische Lage zu gewinnen, in der sich die jüdischen Landwirte befinden, deren unaufhörlicher Kampf mit dem Elend gewöhnlich mit dem Sieg des letzteren endet. Außer der natürlichen Spaltung der Kolonisten in Vauern-kleinbürgert'um- und Proletariat, die durch die allgemeinen ökonomischen Verhältnisse herbeigerufen ist und zum allmählichen Landmangel des einen Teiles der Kolonisten führt: außer dein Druck allgemeiner, kultureller u-nd rechtlicher Verhält n-isse, die es dem Bauern — sei er Jude oder CHM — unmöglich machen, sich von dem Elend zu befreien, haben die jüdischen Kolonisten noch unter speziellen jüdischen Verhältnissen zuleiden, so zum Beispiel unter dorn Verbot Boden. zu pachten ldas Recht daiM besitzen nur Kolonisten des Gouvernements Jekanerinoslaw), oder ihn als Eigentum 'zu er,verben, oder unter dem Verbot, Arbeit in anderen Landbezirken zu suchen usm. Jedenfalls sind es nicht die Kolonisten, die jenmnden ansbeuten, nicht sie sind es, die frewde Interessen bedrohen, und doch sind die allgemeinen und besonders die speziell, von antisemitischen Veamterr herausgelklttgelten jüdischen Verhältnisse geeignet, die 147 000 Köpfe zählende jüdische Landbevölkerung den: ewigen Elend und Hunger in die Arme zu- .werfen. Waschbar! Wasserdicht l Qaruchlo«! Schalem Alejchem-Mend. (Vorlesung -eigener Dichtungen am 4. März 1906.) Aus dem „freien Lande, wo eS keine Nagaiken und keine Kosaken» gibt", wie Scholen: Alejchem (S. Rabinowicz) im Beginne seiner ersten Dichtung mit einem Anflug von Sarkasmus sagt, bringt er uns seine herrlichen Gaben. Eine längere Krankheit hinderte ihn, es früher zu tun, und als Rekonvaleszent trat er Sonntag vor das zahlreich erschienene Pulllikuni'. Nachdem Mathias Acher ihn» begrüßt, seine hervorragenden! dichterischen Leistungen und den Wert und die Schönheit dev jüdischen Sprache heworgehoben hatte, erschien Scholen: Alejchem. Stürmischer Beifall empfing ihn. Dann trat spannende Stille ein-. Mit einem „Scholen:" begrüßte er bie Zuhörer. Nnb dann führte er uns in den Osten. In die Stadt Kaßrijlewkc, seinen Wohnort. In herrlicher Sprache, mit schlichtem, nicht berechneten, aller um so stärker wirkenden, Humor führte er uns Typen und Szenen alls dem. Osten vor. Und fast bei jeden: Satze müßten die Zuhörer herzlich lachen, sich dein seltenen Genüsse, wahrhaften jüdischen. Humor zu hören, ungefälschtes jüdisches Leben, die echte jüdische Seele auf sich wirken zu lassen, hingehend. Wie mancher bedauerte es, nickst alles veristanden zu haben! Aller alle fühlten, daß sie diesen Abend ganz rmtor sich, ganz mitten drin im jüdischen Leben sind, und manches Vorurteil würde zerstört, aller Erwarten, befriedigt.. Wie herrlich klingt doch diese Sprache ausechtem Dichtermund, schlicht, ohne, Pathos, -aller um so wirkungsvoller vorgetragen. Wasder Böhme Vrchlicky gesagt, wir mußten es Sonntag empfinden»: Das Jüdische ist die Dichtersprache kat' exochen. Keine Tendenz, wie sie leider -oft 'bei den westjüdischen Dichtern, zu finden, ist. Wer wollte, konnte wohl das Nichtgesagte und Nichtbeallsichtigt-e hineindeukeu (z- B. bei „Der Kaporeß:shtrajk" und „Wenn ijch bin Rojtschild"). Daß der Dichter stürmisch, akklamiert wurde, ist überflüssig zu sagen. Noleus volens mußte er sich bequemen, den, zmnerst aitls dem Manuskript vorgetragenen Dichtungen noch eine zuzufügen. Es ist jetzt nicht die Gelegenheit, das Genie Schot mr Lllejcheins zu würdigen». Wer es Sonntag genießenkonnte, wird wohl einen dauernden, tiefenEiudruck mitgenommen haben. Wie reich, wie herrlich ist dieser arme», dumpfe jüdische Osten! Den, Veranstaltern dieser Feier gebührt aufrichtiger Dank dafür, das; sie uns dieses Genie zu genießen ermöglichten-. A. L. pollenr eckte Reform-ScbweissbläKer

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