Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 17 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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iieite 4 Nationalzeikmg JNr. 17 Kultrtsbeatttte allein der Oeffentlichkci: als solcher —, Daß eben, dieser Kultus beamte c;i'ti mindestens von drückenden Sorgen freies Dasein führet Und hat endlich Herr Wübersehen, daß trotz der unverhältnismäßig hohen Pensionsbeiträge die PeniftonSquote der jüdischen! Ku'ltus'beantten nur 480 Kronen — 240 fl. jährlich beträgt? Aber HerrKrilmsvorsteher Weißkopf bringt noch etwas Schwererwiegendes vor: Was leisten denn die Herren für! zirka 1000 Tironen Eiirfommen? Ter Wahrheit gemäß müßten die Kultusbeamtett nach Herrn Wsagen: Wir smd höchstens 10 Stunden ivöchentlich beschäftigt, die übrige Zeit gehört uns, ohne jede Beschäftigung für die Gemeinde. Dieser Latz verdient in seiner monuinenlaleir Größe und Wahrheit > verewigt zu werden. Wir begnügen uns-, weil , er typisch ist, ihn niedriger zu hängen. — Herr j W. hat zri wenig gesagt: Manch einer von den j Kultusbealnteir hat nicht einmal 10 stunden! der Woche zu tun', freilich manch einer auch mehr, doppelt und dreifach so viel. Hier liggt die Frage aber nicht wieviel Stunden er beschäftigt sei — denn der Beamte kann doch unmöglich seine Leistung nach der Elle verschleißen. Er dürfte sich nicht weigern, seine Arbeit der Gemeinde zrr widmen, wenn auch, z. B. in Blowitz drei- oder viermal mehr Stunden in der Woche ihm zugewiesen würden; er konnte dann höchstens sagen: Ich kann diese Arbeitslast nicht bewältigen. Aber liegt es denn an ihm, daß er nur 10 oder gar weniger Stunden wöchentlich 'beschäftigt ist? Liegt es an Ihm, daß feine Gemeindemitglieder an Wochentagen vom Morgen- und Abendgottcsdienste wegbleiben, und Freitag abends und vielleicht auch am Sabbat kein Minjan! ist? Kann er etwas dafür, daß die Schulkinderzähl eine minimale ist, so daß er nnr ein Minimum an Unterrichtsstunden erteilen kann? — Aber er hat ja die übrige Zeit für sich, ohne Beschäftigung ftir die Gemeinde — sagt Herr Weißkopf. Was hat diese Anmerkung für einen SinU? Soll der Kultusbeamte vielleicht in der unfreiwilligen Mußezeit einem anderen Berufe nachgehen, etwa hausieren, oder dem Herrn Kultusvorsteher Koniordie-nste verrichten,? Ich schließe; denn mich übermannt ein Gefühl von Schmerz und Zom, wenn! ich sehe, wie herrlich sich das berühmte jüdische Herz entwickelt hat. Das eine jedoch tritt als unerbittlich strenge Erfahrringswahrheii av! uns heran: Es ist geradezn ein Verbrechen, junge Leute zu Kultusbeamten heranzubilden, solange ein solcher in dm Grundlageir seiner Existenz abhängig ist von Kultusvorstehern, von der Gesinnung, wie sie diese Diskussion gezeigt hat. Auhew Emes. Oberrabbiner David Friedmann gestorben. AnS Nerneth Keresztttr iDeutsch-Kretktz) bei Orden bürg geht uns die Nachricht zu, das, der dortige, in wer ortbvboxen Ind-enbeit Ungarns und des AnSlandes bochangesehene Oberrabbiner Daviad Fried m a n n im öULebeuSjahr in den ewigen Frieden eingegangen ist. Der verewigte Ga«» liat 88 Fahre in der genannten Oleine in de wahrhaft segensreich gewirkt. Er ivar im Rabbinat der Nachfo-lg-er seines Schiviegervat-erS Rabbi Menachem K a tz, der nach mehr als öOjci'fmficm Wirken int Alter von mehr als hundert Jahren abberufen tvnrde. Rabbiner Friedman» leitete schon als jultger Mänu von kaum mehr als 20 Jahren die große Jeschi,wah und der Ruf seiner großen Gelehrsamkeit und seiner ungewöhnlichen pilpnl'istischen Schärfe ivar schon damals ein bedeutender. Er entstammte einer uralten ungarischen Rabblnerfamilie: sein Vater wirkte in Kerl und Berbv als Rabbiuatsverweser. Rabbiner Daand Friedmann vereinigte in 'einem Wesen ehrsurchtgebietende altrabbinische Würde mit der alle Herzen bezwingenden Liebenswürdigkeit des Weltmannes. Er zwang selbst religiös Indifferente in den Bann seiner außerordentlichen Persönlichkeit und auch der von modernen Ideen und Anschauungen Erfüllte ging nicht von ihm ohne nachhaltige Anregungen. Mit 'seiner hochragenden talnmdische Autorität verbad er ein geradezu frappierendes Verständnis für modernes Wissen und er vertrat die Anschauung, daß auch die geistigen Errungenschaften der Weisen der nichtjüdischen Völker, unserer ganzen Würdigung wert seien. Besonders merkwürdig war sein Verständnis für sozialpolitische Fragen und aus dem Borne seines tiefen talmudischen Wissens brachte er auf diesem modernsten Gebiete Ideen hervor, die als Perlen des praktischen Humanismus besonders den Arbeitern gegenüber zu bezeichnen sind. In der Hebung werktätiger Menschenliebe gab er seiner frommglüubigen Gemeinde leuchtende, bewundernswürdige, ja oft genug geradezu heroische Beispiele. Er war mit irdischen Gütern nicht gesegnet und erfuhr an sich die Berechtigung des Satzes, daß das Geschick der Nachkommen der Großen zumeist ein trauriges ist. Oberrabbiner , Friedmann war der Schwiegervater des Ober- | rabbiners Rottenberg in Wadowice und des I Oberrabbiners Snyten in Raab. Ein dritter j SchwiegerMn, Klc in, w'irskt in Nemeth Kevesztur als Dajon. Er ist wbhl der berühmteste Nachfolger im dl inte des Verklärten. Es wäre dies der gelindeste Standesausd'ruck gegen den Abgeschiedenen und seinen Vorgänger im Rabbinat. Dem verewigten Gaon bleibt ein nie verlöschendes verehrungsvolles Andenken bei allen gläubigen J'N'den gesichert. nicht die Mittel für eine satte, ja nicht einmal für eine halbsatte Existenz sichern. Die Kolonisten sind also gezwungen, im Handel, Handwerk nsw. sich einen Nebenerwerb zu schassen. Etwas besser ist die Lage derjenigen Familien, die Tabaklultnr treiben: solcher gibt cs in Bessarabien 456 mit 2105 Köpsc'n. Sie bearbeiteten im Jahre 1860 478 Ta'bakanpslanzungen. Fast die ganze Tabak- 'knltur befindet sich jetzt in den Händen der Jaden. Diese erfordert keine schwere, aber doch ausdauernde und sorgfältige Kleinarbeit. Alle Mitglieder der Familie eitles jüdischen „Pflanzers" bis 3« den achtjährigen Kindern müssen an der Produktion teilnehmen. Eilte mit Tabak bebaute Detzjatine kann jährlich 810 Rubel Neingewinn abwerfen. Früher lebten auch die „Pflanzer" Verhältnismäßig gut: aber in der letzten Zeit hat sich ihre Lage infolge der Konkurrenz der Großkapitalisten des Kaukasus und der Krim bedeutend verschlechtert, so daß heute schon ein Teil der Kolonisten Ä'ein'tnltnr treibt. Die letztere kann sich jedoch itifolge des niedrigen Kuttnruweans nicht zu einem speziellen Errverbszireig entwickeln. Wie wir schon erwähnten, lvnrden die jüdischen Kolonien in den Nord- und Sndivestgouvernements zur Regiernngszeit Nikolaus des Ersten gegriindet. Das den Juden dort angellviesene Land besaß viele Mängel: der größte Teil wurde ihnen durch die Revisivtlskominifsion im Jahre 1872 ans dem Gimnide wieder genommen, weil die Instruktionen dahin lauteten, daß mir denijenigen von ihnen Land anzuweisen ist, die. zur Zeit der Kommission selbst den Boden bearbeiteten. Die Frage aber, ob die Inden Ackerbau treiben, wurde von den benachbarten BauerngeMeinden beantwortet! Die Bauern hofften nun, daß das den Juden abgenommene Land an sie selbst übergehen würde, und genierten sich deshalb nicht, die Unwahrheit zu sagen. Die Komlnissiolt nahm ans die Behauptung hin, daß die Juden keinen Ackerbau trieben, ihnen das Land rveg. .Jedoch wurde es nicht den Ballern zu gewiesen, sondern fiel in die Hände der Herren Revisoren selber. (Fortsetzung folgt.) Dunles Feuilleton. Eine jüdische Karriere im Ghetto. Aus PrzemySl (Galizien) wird uns geschrieben: Viel Avffchen erregt es hier, daß ein 2ttjährig«r „Kuftanjude" vor einigen! Tagen die Matnrilätsprüfnng mit grttein Erfolge bestanden hat. Ter Maturant, Nissan Stei n, trägt noch ötaftan, und seine Schläfen schmücken zierlich geringelte Stimlöckchen. Stein galt schon als kleiner Junge als großes Tätont. Mit zehn Jahren halte er fast schon den ganzen! Talmud sanit allen lvichtigeren. Kommeitbaren im Kopfe. Im sechzehnten Lebensjahre wurde Eine Judendebatte im Krakauer Gemeinderate. Anläßlich der jüngsten Budgetdebatte im Krakauer Gemeinde rote, nahm der jüdische Gemeinberat Tr. Adolf Groß?lirloß iir längerer .Rede gegen die Zinücksehunig der Juden' im Gewerbe wie ouch im LehrerstoNde, Stellung 311 neh'meir. Sr. W 1 0 ß lvies darauf hin, daß die Krakauer Jim,tti rgei n fei 1 leJnden a 1 ifnehmen, obgleich das Gesetz religiöse Jrnmngen nicht kenne. Das Absnvde an Viosenv Vorgehen zeig: sich z. B. beim Fleischevgewerbe, das noch am ehesten einen religiösen! Anstrich habe, Niid auch dieses Gewerbe könne n,icht irach Reliaionen geschieden werden, da ja bekanntlich christliche Fleischhaner genau so Koscherfleisch veirkanfeir, lvie die jüdischen Nicht ko sche r fle i sch. E i n. I u d e k a n> ir i n St r a k a u k ei n S ch n st e r m e i st e v w e 1 d e n. „Ich kann meinen Sohnznnr Advokaten, Arzt oder Professor orziehan", ruft Dr. Groß aus, „und die A'dvokatenkanrmer, bezw. die Aerztekannner wird ihn aufirehmien, aber Schnfternreifter kann er nicht werden, weil ihn-Äie Schtifterin'MMg als Lehrling nicht aufnehmen! will." Der Jude kann in Krakaneventuell llniversitätsprofessor oder Gymnasiallehrerl werden, aber als V 0 bk S s ch u l l e h r e r findet er keine Anstellung. Ja sogar int jüdischen. Viertel von Krc^aul werden die jüdischen Lehrer allmählich crrO den. Schulen verdrängt. Dr. Groß verwahrt sich geigen die getvaltfame „Verchristlichung" der Volksschule besonders in den Stadtteilen, wo die Majorität dev Schulen Inden sind. Dr. B 0 n k n w s k y bemühte sich in seinon> gegeir Dr. El r'o ß gerlichtei.eir Llnssiihrnivgen, die von diesem gerügteir Zustände zrr rechtfertigen, und gab rmverblüint zu, daß alles ausgewendet werde, um, die Jndeir einem, selbständigen Kleingewerbe sernznha lten. In scharfer Rede wendete sich Dr. I. Birnbauin gegendie antisemitischen Ausfithrrmgen, des Dir. B o n, k o w s k y, die gegen das Gesch der bürgerlichen Gleichlheit artf allen Gebieten, des öffentlichen Lebens, so auch inr Hatrdel und Gewerde verstoßen. Er fordert b-eti; Bürgermeister auf, diesem Gesetze Geltnn>g zu verschaffen und die rmgesehkichen Zustände in den gewerblichen Kvvporationeit, abzustellen. Hiermit war das Intermezzo v-orüber. Die Inden in Tunis. In der französischen Kammer ist eine Bvoschüve des Juden Maridochi Sinadja ans Trmis als Unterlage kr Forderriugeir der Inden \\i er „glücklicher Ehemann". Als Vater dreier Kinder — 01. stand damals im. 22. Lechensjahre — entschloß er sich als Privatist, sich dem Gyinnlasialstudirmi zu, .widmen,. Er strtdierte mit solchem Eifer, daß cs ihm gelang, jährlich je eine Do-ppelprüfung zn bestehen. Stein hat di«?lbsicht, sich um ein« Rabbürerstelle zu bewerben. Stein., der, nebenbei gesagt, ein eifriger Anhänger des Zionismus ist, bildet heute den. Stolz der Przemysler „Gaß'". Ist das Simchas-Thora-Fest ein religiöses Fest? Mit der Prüfung dev Frag«, ob. in der Störung des Simchas-Thova-Festes ein Vergehen gegen die Neligioii! zu, erblicken ist, hatte sich vor einigen. Tagen die zlveite Strafkammer des Frankeirtihaler (Dentsch.lanld>) Laindesgeeichtes zu^ beschäftigen. Der Handelst na mt Salomdtr Hirsch von Dirmstein, wdhirte mn 22. Oktober 1906 mit einem zweieinhalb Jahre alten Kinde in, der dovtigen Synagoge dem Laubhüttmseste bei. Da das Kind in' der Synagoge umherlief, wurde Hirsch, von dem Vorstand der Knltusgetneittde zur Rede gestellt, worauf das Kind laut tveinte, was eine Störung des Festes verrrrsachte. Der als Sachverstänidlgev vernomitnione Kantor Levy aus Fraukenthal bekundete, das Sitnchas- Thora'-Fest sei kein eigentlich religiöses Fest, sondern stelle «in« Art Kirchtvcilh da r (?!), sodaß dazn Kinder mitgetwinuteir werden bünftcn.