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Nationalzeitung · 1906-03-02 · Heft 17 (2.3.1906) · p. Seite 3

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 17 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1/ . Natiünalzeitmig Seite b M« von den Assimilanten gesprengte eigene Bersamurlnng die richtige Meinung von denselben nur festigte. Der Funke ist entzündet, hoffentlich wirft ihn das D.-K. nicht einschlafen lassen nnd ihn zu einer lodernden Flamme entfachen! Das goldene jüdische Herz nnd das Elend der jüdischen Knltusbeantten. Jur „Ptoigev Tagblatt" wurde vor eimtzer Zeit eine Diskussion übe>r das Elend der jüdischen Kultnsbcomlen in Böhmen! geft'chlrt. Zu btefcmi Thema ^erschien munt int den jüngsten „Mitteilungen des „Israelitischen Landes- Lchrervereiues in, Böhmen" der nachfolgende Aufsatz: Herr RaMiner W r a n s, Aidlet^tosteletz, hat im; Prager Tagblatt" eine Diskussion über das Elend der jüdischen KuttuÄbeamten; in Böhmelr provoiziert, welche rrns jüdischen Lchvern kostbare Erfahrungen gebracht hat. Man wird sich den; .Nwueir W e i ß kp o p f, Kultus- Vorsteher im Blowitz, merken müssen, wenn man fürderhin; über! das; Diskussionsthema schreiben oder sprechen! wird'. Seine Erwiderung im genannten Blatte vom 17. November 1906 hat eine über das ihr individuell zustehend;e Maß hinansreichende Bedeutung-; es kamt, wenn; es nicht schönist, typisch werden, wenigstens für eine gewisse 51'atego^rie von Kultus ge meindeir in , Böhnten. Wir lernen; in diesem! Prommlzsa- .mento des Herrn' Weißkopf das vielgepriesene jüdische Herz von; eiiter 'ntciucn! Seite kennen. Wer bei der Frage über die Lage der jüdischen Kultusdeaniterr handelt es sich ja, gar nicht um das gute jüdische Herz: die jüdischen Lehrer, welcher Kategorien immer, verlangen keine' Almosen, keine Liebesgaben, sondern, sie beanspruchen ein ihrer Stellung, ihrem Stande argemessenes Entgelt. Ob mm eine Diskussion über diese Frage in ein nicht ausschließlich jüdischen! Interessen -gewidmetes Blatt gehört, muß 'dahingestellt bleiben. Meiner Ansicht nach sicherlich! nicht. Es war zu erwarten, daß die Redaktion; des „Prager Tagblatt", die Kontoristen für ihre Lamentationen' die jv;eitgehendste Kulanz zeigt, inde>m> sie ihnen die Spalten» ihres Blattes seit Monaten jeden Sonntag schrankenlos eilnränmt, der Diskussion! über das Kultilsbeamteneleud bakd ein Ende bereitc!n> werde.. Dieses- Ende ist ' kläglich zu nennen; denn, das Stadium, in welchern die Diskussion abgebrochen! wu'rde, kann; unmöglich für die Lehrerschaft ein erfolgreiches Resultat zeitigen. Hc;rr Weißkopf bleibt im „Prager Tagblatt" ur,widerliegt, Herr Kraus hat seinem Stande wider Mllen eine unairslöfchlichc Blamage verschafft. Möge es ihm und allen denjenigen eine heilsauw Lehre sein, die für ihre Beschwerden ein; ähnliches Forum suchen. Aber ganz ohne Etwiberung darf die neue Offenbarung des Herrn Kultusvorstehers in Blowitz dennoch nicht bleibeit,. Wiv werden! uns erlauben', so ruhig als es der Gegenstand und die Manier des Skriptunrs zuläßt, auf die einzelnen Punkte einzugchen,. Herr Weißkopf behauptet, ein Kultusbcarnter, der 1200 Kronen Gehalt hat, sei bedeutend 'besser Daran; als ein; k. k. Staatsbeamter mit 1200 Kroneir Gehalt. Dieser habe keiner! Heller Nebeneinkommen, lntisse sieben' Stunden, täglich, auch an Sonntagen, fleißig arbeiten, lebe anständig und zufrieden mit seiner Faniilio, müsse sich Pensionsabzüge gefallen, lassen. Der jüdische Knltusbeamte habe zu seinen! 1200 Kronen noch Natuvallvahnu-irg nu'd Nobonainkünfte im Mindestausmaße von 400 Kmnen. — Herr Kultusvorsteher Weitzkopf in Blowitz hätte nun auch die Staatsbeamtentategorie nennen sollen,, welche mit 1200 Kronen dotiert ist. Es wäre ihm schwer gefallen, denlni die modrigste, die, 11. Diätenklasse, hat einen (Grundgehalt von 1600 Kronen und eine dem Orte entsprechende Aktivitätszulage. Es gibt freilich auch geringer dotierte Staatsstelleln!; allein, nn! regelinäßigen Verlaufe der Dtenstjahre tritt ein, Ilvancoment znm definitiven Beamte, n ein. Diejenigen!, die sich mit einem vorläufigen Adjutum von 1200 Krou'eu begnügen müssen, sind zumeist junge, ledige Männer, die mit 100 Kronen; rnouiatlich, in Blowitz etwa ganz wohl existierenkönnten; aber eine Familie mit zu ernähren, konmrendiese B-eaurten gar nicht in die Lage. Herr W. vergaß zu, erlnähn>en, daß die Kategorie der Lehrer 2. Klasse nur 1200 Kronen Gehalt bezieht; auch hier trifft das oben Gesagte zu;. Absolvierte Lehramtskandidaten, die zumeist das 19. Lebensjahr zurückgelegt haben, erhalten sofort hm obigen Minimalgehalt nebst der orts gemäßen (in, Städten; von; mindestens 8000 Einwohnern 16 Prozent vom Grundgehalte) Aktivitätszulage. Wenn ein solch,er junger Manu sogleich heiratet und; Familie hat, trifft das von Herrn W. Gesagte allerdings zu; aber in! der Regel geschieht es nicht. Der Lehrer 2. Klasse jedoch avanüiert nach Mlauf von 10 Jahren in jede in Falle, oft aber in günstigen, Fällen' sch;on> früher, zmn Leh^ ner 1. Klasse mit 1600 Kronen Grundgehalt, zri, welchem; die erwähnten Zulagen und; Qninqnennalznlagen hinzukommen. Man, könnte diese Erwägung -bis ins Unendliche verlängern und alle die Möglichkeiten aufzählen, die sich bezüg-lich der E inkommensstei gerung von Staatsbeamten, rmd- Lehrern! auf glattem und norinaliemWege allein, darbtet en; käme nun auch das Moment besonderer Tüchtigkeit rrnd; anderer schwerwiegender Momente in! Betracht, dann wäre kein Ende abzrrsehen. — Fassen wir nun auch die Frage der Berufsbildung ins Auge, so ergibt sich, daß die Manipulationsbeamten mit der Ablegung einer Spezialprüfung sofort befähigt sind, das betreffende Amt zu; versehen, bei dem Lehre-rstan.de alllirdings; handelt cS sich! darum, immer auf der Höhe der pädagogischen Fertigkeit zu sein. Wie vchält es sich nun mit dem; jüdischen Kultusbeamtün mit 1200 Kbonen unD- Akzidentien? Ein lediger jüdischer Beamte könnte allerdings damit zufrieden sein;. Aber wie viele solcher gibt es? Man könnte nur wünschen, der Herr Kkcklusvorstehcr von Blowitz käme einmal in eine Lchrerversammlung; er würde darüber staunen, daß es sogar keine jungen! Knltusbeamten gibt, nur Gimuköpfe, bi<e die Last des Alters oder bfe noch schwerere Bürde der Sorgen, vorzeitig grau gemacht hat. Sind sie alle unwirtschaftlich,? Sicherlich nicht. Sie haben nur nicht die Umnöglichkeit mit 1200 Kronen nebst Akzideintien saint der Familie auszukomm>en, möglich machen können.; sic sind eben,'schlechte Lebenskünstler; sie darben, und— man muß es mit großen!! Schmerze sagen, — sie, hungern bei dem horrenden Einkommen-, bei welchem,, wie Herr W. behauptet, so. mancher Kanftnann auf -dem Lalndie glücklich; leben könnte. Herrn Weißkopf in Blowitz aber möchte ich sagen,: Ein Lehrer, der sich mit 600 fl. usw. Einkommen glücklich schätzt, ist ebenso viel oder weniger wert wie ein Kaufmann, dem nur 600 sl. jährlich! für die Erhaltung seines .Hauptbedarfes übrig bleibt. Wenn, Herr Weißkopf selbst Kaufmann, ist, muß er zugestehen, daß ein solches Geschäft nichts; wert, ein solcher Kaufmann, ein, armseliger Pfuscher ist. Ebenso der Rabbiner, Lehrer usw., dessen. Ehrgeiz sich zufrieden, gibt, mit dem Bettel von 1200 Kronen nebst Akzidentien glücklich zu sein. Gibt es denn, firn den Kbltusbeamten außer den: täglichen Brote^ nichts 'darüber hinaus'? Muß er nicht ein;e Zeitung, ein; Fachblatt lesen,? Muß er nicht ab und zu, ein Buch kaufen, das' sein Betufswissen fördert? Muß er nicht mit dem, was außerhalb seiner Genreinde auf bem Felde der Wissenschaft vorgeht, in> Kontakt sein? Muß er nicht seine Kinder bilden lassen, damit diese sich selbständig und anständig fort'bringen? Stehen ihm für seine Kinder Stipendien und Freistellenzur Verfügung wie deu k. k. Staatsbeamten und Lehrern? Und schließlich: erfordert, es Nicht die Besonderheit des Standes — denn trotz des Gesetzes, welches nU, Knlt,usvorsteher den, legalen Vertreter dev Religionsgesellschaft erblickt, gilt der besiblos, 41,4 'Prozent haben einen nngeMgentelr Besih und nnr 99,5 Prozent sind ver-hältnislnäßlg sichergestellt. Der Mangel an Grnnft und Boden z'wtlrg-t die beiden erste» Gruppen der Inden, wens-o wie ihre christlichen Nachbarn, Land zu pachten. Bon den Besitzle.sen pachten 50,9 Prozent, von den zweiten 98,9 Prozent nnd von den gesicherten nur 29 Prozent. Bon dem zngewiesenen Boden wird ein Viertel verpachtet: bemerkenswert ist, das; je kleitler die Zuweisung, desto seltener seine Verpachtung. In bezug auf das Arbeitsvieh stehen die Kolonien des Gouvernements Cherson nicht besonders günstig. Iw Jahre 1898 besaßen 91,9 Prozent der Höfe kein einziges Pferd, 6.8 Prozent besaßen eines und 61,3 Prozent zwei und mehrere. Es existiert natürlich ein Verhältnis zwischen der Größe des Hofes nnd der Mögllchkeit, Arbeitsvieh zu haltert: es ist aber nicht so ansgespvochen, rvie es zu erwarterr wäre. Unter den landarmen Höfen gibt es 36,8 Prozent, die kein Pferd besitzen, aber auch in der Grrrpp-e der „sichergestellterr" gibt es solcher 29,7 Prozent. Von der Hsesarntzahl der Höfe sind 97 Prozent im Besitz vor; BebanttngAlverkzengerl; die übrigen 68 Prozent slnft geziormgerr, ihren Boden mit fremden Maschinen zu bearbeiten. Gesät wird in diesen Kolornen hauptsächlich Roggen, und zwar aus 99,03 Prozent der BebaUungsslüche. Im ganzen werden für die Aussaat 34 616 Detzjatinen verwandt: 62.8 Prozent hiervon sehen überhaupt von fremden Arbeitskräften ab; 10,8 Prozent benützen Lohnarbe.iter und 27,9 Prozent säen überhaupt nicht. Sehr charakteristisch ist, daß 56,4 Prozent der gesamten Bebauungsfläche einem siebenten Teil der Kolonisten gehören. Das Ge samtein kommen einer Kolonistensamilie beträgt 200 Rubel: davon muß noch eine jede Familie jährlich 35 Rubel abzahlen. Es ist klar, daß ein Einkommen von 105 Rubel zur Befriedigung aller Bedürfnisse der Kolonistenfamilie bei weitem nicht ausreicht und daß sie, ob sie will oder nicht, gezrmmgen ist, sich einen Nebenerwerb, sei es durch Handel oder Handwerk usw., zu suchen. Dessenungeachtet beschäftigt sich die größere Hälfte der Kolonisten ausschließlich mit der Landwirtschaft. Die angeführten Zahlen zeigen tlar, daß der Disferellziernngsprozeß, der besonders stark in Südrnßland zutage tritt, auch die jüdischen Kolonien mit in sein Bereich gezogen hat. Wir sehen hier dieselben Erscheinungen, wie., sie schon von der Landesstatistik her für die gesamte Bauernschaft bekannt sind. Einerseits wächst die Zahl der besitz- und pferdelvsen, andrerseits die Zahl der gesicherten Höfe. Die Bevölkcrnng der Kolonien zerfällt ebenso wie die der Bauernschaft in zwei Gruppen: in das landwirtschaftliche Kleinbürgertun; und das landwirtschaftliche Proletariat. Schlecht entwickelte Technik, über die Kräfte hinansgehende Zahlungen, tiefes kulturelles Niveau, alles dies brachte auch die Kolvnien zur chronischen Hungersnot, zum allmählichen Ruin. Die Verfasser der „Materialien" glauben, daß durchs die Vergrößerung! der Landsvnds und die Verbesserung der Technik! die Kolonien zu retten wären. Uns erscheinen I jedoch diese Mittel nur als Palliatiomaßregeln.! Nur die allgemeille Hebung der Kultur des ganzen! Landes, verbunden mit der Beseitigung der jetzi- { gen Zustände von Grund aus kann die jüdische; wie auch die rnssische Bauernschalst vor dem Untergang retten. In einer etwas abweichenderen Lage, rvie die Ehersvnschen Kolonisten befindet; sich die besfambischen, die ihren Grund und Boder; auch nach dem Gesetz vom 9. Mai 1882 beibehielten. Das Gesetz vernichtete mudrei Kolonien, die sich auf gepachtetem Boden befandelr. In den sechs bessarabischen Kolonien sind jetzt 792 Familien seßhaft: sie besitzen 2942 Detzjatinen. Bon diesen Familien sind 250 (92 Prozent) besitzlos. Auf eine Lauft besitzende Familie kommen im Durchschnitt 5,48 Detzjatinen, so daß, die Bodenisicherstellung hier noch ungenügender ist wie im Gonoerrlenreitt Cherson. Unter Pflug sind 67 Prozent der gesamter; Bvdenfläche, als Weifte dienen 31,2 Prozent: Gattern und Weinkultur betragen 1,8 Prozent. Zu dem starken Landmangel gesellt sich hier noch die schwache Bestockung mit Arbeitsvieh. So Haber; vor; der; 536 Familien, die Boden besitzen, 218 (also fast 40 Prozent) keir; eirtziges Pferd, 172 besitzen eines und nur 146 zwei und mehrere Pferde. Es ist selbstverstänftlich, daß unter solchen Verhältnissen die Lage der Kolonisten eine ganz verzweifelte ist. Die Landwirtschaft kann ihnen KRCBSflPOTIieKE 5. niTTELMCII Wien,!., Hoher Markt Nr. 8 + (Palais Siua) im Zentrum der Stadt. + Menthol• Mnzbranntweia. der HttuUtttigkoU b. Erkältungen, Übermässigem Schweis» nach sportlichen Leistungen, Märschen etc. Preis 1 Krone 50 Heller.

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