Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 17 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Nationalzeitung Nr. 17 wiesenernratzen in Wahrheit nicht mehr existieren, so ist es tatsächlich unerfindlich, welche jüdischer« Interesien durch eine Delegation der mächrischcn Juden ge «ne in sa m vertreten werden sollen! Wir von unserem Sta n dp unkt können uns daher angesichts der oben geschildertenSachlage nur der Ansicht unseres Mitarbeiters, des Herrn Joses Winter, anschließen: Die mährischen Inden tun mn besten, wenn sie weder von ihrem Eintragnngsrechte in der, Kataster, noch von ihrem Rechte, sich aus einem Kataster anstragen .zu lassen, Gebrauch machen. Die mährischen Inden müssen dadurch, daß sie ihre Eintragung in einen Kataster vollständig der Behörde überlassen, dokumentieren, daß sie sich dem Streite der anderen Nationen gegenüber ganz neutral verhalten. Diese Neutralität muß, wenn nur irgendwie tunlich, auch bei der Wahl durch Wahlenthaltung bekundet werden. Da man es verabsäumt hat, in Mähren eine einheitliche positive jüdische Politik vorznbcreiten und möglich .yn machen, und da man die Bestrebungen der Zionisten, die ans eine nationale Einigung der mährischen Juden abzielten, bisher gestört hat, so muß man heute wenigstens eine einheitliche negative jüdische Politik beginnen. Wer henke noch die Juden in das Lager einer bestimmten nichts«! di scher« Nationalität zu drängen versucht, begeht wissentlich ein Verbrechen an den Inden Mährens. Kundgebung des böhmische» Distriktskomiters. Das böhmische Distriktskomitee sandte folgendes Schreiben an den Obmann des Landeskomitees: P r a g, den 26. Februar. Herrn Dr. I. Schallt, Wien. Eener Hochwohlgeboren! Die uns zngegangenen Mitteilungen über Ihre Aktion in der Mahlreformfrage sowie Ihre Intervention bezüglich der Maßregelung unserer Brudervereine in Galizien veranlassen uns, Ihnen den herzlichsten Tank für Ihre Tätigkeit im Interesse des ganzen jüdischen Volkes auszusprechen. Wir Gefertigten halten es nicht für nötig, nochmals zu betonen, daß wir Ihnen, hochgeehrter Herr, das uneingeschrälMeste Vertrauen entgegenbringen. Aber wir danken Ihnen ganz besonders für die unbeugsame Energie, mit der Sie Ihre zionistische Pflicht erfaßt haben und jedem Zionisten ein leuchtendes Beispiel jüdischer Treue geben. Wir wünschen aufs innigste, daß Ihre so schön begonnene Aktion von Erfolg gekrönt sein möge, und daß Sie, hochgeehrter Herr, allen Ansechtungen und Verdächtigungen zum Trotz ausharren mögen, daß wir mit Ihnen ausharren, können Sie sich versichert halten. Mit treuem Zionsgruß die Mitglieder des. böhmischen Diftriktskomfteeö: Dozent Dr. W e l e m i n s k i), Dozent Dr. M a hl e r, Dr. K o h n, Julius L ö w y, Ludwig P r o vp c r, Anton Glaser, Mvriz L ö lw y. Brief aus Böhmen. sIirdischer Bolksverem in Kolm. Zionismus und Proletariat. Purimball der Koliner jüdischen Kaufmannschaft. Die „Iednota Leskoridovska". Kuttenverg, die Brutstätte tschechischer Assimilation.) Am 19. Februar veranstaltete der „Jüdische Vvlks-verein" in Kolin einen Bereinsabend, bei dem Herr I. U. C. Max G a ch aus Prag über das Thema „Z i o n i s m n s u n d Proleta - rint" sprach. In dem mehr als eine Stunde dauernden Referat entwickelte der Referent die Geschichte des Zionismus als Geschichte des jüdischen Proletariats, das sich national und wirtschaftlich organisieren will,' er bekämpfte den anationalen Standpunkt der Sozialdemokraten und zeigte an Hand der letzten Ereignisse, daß diese national arbeiten, hierbei jedoch den Klassenkampf nicht vernachlässigen und führte aus, daß der jüdische Handelsangestellte unbeschadet seiner Klasseninteressen sich zionistisch organisieren könne und müsse. Zum Schlüsse beleuchtete der Redner das Programm der „Poale-Zion" und forderte die als Gäste zahlreich anivesenden Handlungsgehilsen zum Beitritt in die Weltorganisation des Zionismus aus. Eine lebhafte Debatte, an der sich von zionistischer Seite die Herren Dr. O r n sie i n, phil. Fant l, Heinrich Ben tl e r und B. M and le l i k, von der Opposition die Herren Dr. Singer, I. U. C. Heller und ein „Sozialdemokrat" Klein beteiligten, knüpfte sich an das Referat. Der Sozialdemokrat" Klein leistete sich wieder einmal die gewohnten Auswüchse der Phantasie der Anationalen gegen den Zionismus und griff in — gelinde gesagt — taktloser Werse in höchst persönlicher Weise den als Arbeiterfrennd in weitesten Kreisen bekannten Großindustriellen Herrn Mandelik an, so daß er einen Entrüstungssturm entfesselte. Der Vorsitzende Rudolf Kvbler mußte endlich dem Radaumacher nach öfteren vergeblichen Ordnungsrufen das Wort entziehen nn!d in pathetischer Pose rief da Klein: „Handelsangestellte mir nach!": ilm einer gründlichen Abfuhr anszuweichen, riß er ans, doch die wenigsten folgten seinem Rufe. Einer Kritik haliett die Ausführungen solcher Herrchen gewöhnlich nicht stand und der Terror, den sich dieses Herrchen erlaubt und die Diktatur, die er sich den Handelsangestellten gegenüber anmaßt, werden wohl die vernünftigen Elemente in die richtigen Grenzen weisen. Die jüdischen Angestellten Kolins gehen den rechten Weg und hoffen wir, daß wir -von deren gewerkschaftlicher Organisation ans jüdischer Basis werden bald berichten können. Die Koliner jüdische Kaufmannschaft veranstaltete am 25. Februar unter dem Protektorate des Großindustriellen Herrn B. Mandelik in Radbvr einen Purimball, dessen beträchtlicher Reingewinn 311 25 Prozent dem jüdischen Nat'ionalsonds, zu 96 Prozent den« Ortswohltätigkeitsverein und zu 40 Prozent dem Galizischeu Hilfsverein zufällt. Der Besuch war sehr stark lnid zeigt die C'inkcilnng des Reingewinnes den gut jüdischen Sinn der Koliner Kaufleute am besten. Die feit einigen Jahren in Agonie liegende tschechische Asfirnilätion sstörnug fängt sich wieder zu rühren an. Man wundert sich zwar, wie in einen Leichnam Leben kommen konnte, wie dem Toten neues Leben künstlich eingehaucht werden kamt, doch stehen wir heute vor dem Faktum, daß die „Narodni Iednota öeskv/idovstä" am Flachlande wieder energisch einzusetzen beginnt. Das D.-K. darf sich nicht «««ehr der Ueberzeugung verschließen, das; eine Remednr heute unumgänglich nötig ist, daß die deutschen Gegenden zum Nachteile der böhmischen nicht favorisiert werden dürfen. Die „Lesko/idovska Iednota" setzt wieder ein, hier gilt es ihr eMich, einer« gründlichen Strich durch die Rechnung zu machen. Die Agitation in dem tschechischen Sprachgebiet muß zumtn.dest so intensiv werden, wie im deutschen, sonst Caveaut consule-«! Auch nach Czaslan schickteil die „LeZte Lide" ihren Emissär Dr. Bondy aus Kuttenbcrg am 18. Februar. Doch haben es unsere Irtden nicht der Mühe wert gefunden, zu erscheinen und so sprach Dr. Bondy zum größten'Teile vor seinen eigenen Gesinnungsgenossen. Das Referat war sehr schwach, man flickte den fadenscheinigen Rock der Assimilation mit neuen Phrasen! U-nd sofort ««ach dem Referat verkündet der Vorsitzende Be ran ans Kutte nb erg, daß das Präsidium in Anbetmcht dessen, 'daß Dr. Bondy um 6 Uhr wegfahren rvolle, die Redezeit auf 10 Minuten statuiert werde. Gegerr wen dieser Beschluß des Borsitzendcrl genrünzt rvar, ist nicht schwer zu erraten, doch desavouierte die Versammlung, selbst, den Vorsitzenden, indem sie dem Beschlüsse die Sanktion verweigerte. Herr I. U. C. Max G a ch alls Prag widerlegte die sophistischen Ausführungen des Referenten und Herr Gustav Fan kl wies die llu'sinnigerr Einwendungen irr die richtiger« Grenzen. Es sprachen, noch der nationalsvziale Hejnic (farblos) und Lehrer Jeniöek, der ivarm für den Zionismus eintrat. Als endlich den Führern der Assimikanten Inkonsequenz vorgeworfen wurde, verursachten diese einen solchen Lärm, daß die besonnenen Elemente den Saal verließen und wurden auf die Dauer von fünf Jahre«« von den Neichsste««ern befreit. Es wurden ihnen freie Bezirke in Neurutzlcmd übertragen itrtb für Ansiedlungszwecke 300 000 Rubel bestimmt. Damit waren aber auch 'die Bemühungen Mexanders des Ersten, unter den Inder« die Landwirtschaft zu verbreiten, zu Ende. Nikolaus der Erste erteilte den jüdischen Airsiedlern eine ganze Reihe von Vorrechten: die Befreiung von der schrecklichen, 25 bis 50 Jahre dauernden Wehrpflicht, die Befreiung von der Kopfsteuer ans 25 Jahre, von der Landessteuer aus 10 Jahre. E««de der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre wies die Regierung in den Gouvernements Cherson und Iekaterinostaw, in den westlichen Gouvernements und in Pole«« den Jude«« fiskalischen Grund und Boden an. Mit den sechziger Jahre«« begann i«n Verhalten der Negierung gegenüber der jüdischen Lan>d«virtschast ein jäher, eigentlich durch nichrs l-ervorgernfener Umschwung. Schon 1859 hörte das Arrsiedeln der Juden aus fiskalischen« Boden gänzlich auf. Nach der polnischen Erhebung, im Jahre 1801, wurde den Inder« untersagt, Land durch Kauf oder Pacht in den neun westlichen Gouvernements zu erwerbe««. 1882 wurden die vom Graisen Ignatieff verfaßten berüchtigten „Provisorischen Vorschriften" erlassen: kraft dieser «vurde den Jude«« ««icht «mr das Ankäufen oder Pachten jeglicher Immobilien außerhalb der Städte untersagt, sondern es wurde ihnen überhaupt verboten, ans dem flachen Lande zu wohnen. 1891 «vurde«« diese Forschriften" a««ch ans die Weichselgoll'vernelnents errveitert. In« Jahre 1906 endlich wurde den Juden auch untersagt, Grnrrdbesitz außerhalb des Ansässigkeitsgebietes zu er- «vcrben. Hierzu «nutz bemertt werden, daß ein solch jäher Umschwung in Wirklichkeit durch nichts hevvorgerufen worden ist und nur durch das Prinzip sic volo, sic jnbeo erklärt «verden ka««-n. Die jüdischen Lan'droirte dachte«« gar nicht an irgerrd eir«e Zlnsbeutung, triebe«« gar keine Politik, fordern bearbeitete«« ihren Boden und zahlten Steuern. Trotz aller möglichen Verfolgungen und Hindernde gibt es auch noch he ««Le — wem« auch r«ur in einer beschräirkten Zahl — jüdische Landwirke. Wir neben in der kokgendeü Tabelle eiriige Zahlen über die jüdische«« landwirtschaftlichen Arrsiedlungen: Zahl derselben Zahl dcr Zahl der Im ganzen Höfe Köpfe Deßjatinen*) Im „Gebiete der Ansässigkeit" 290 10.550 <13.312 '.<9.696 In Polen . . 2.509 12 54. 13.33-1- 13U?.>9 78 887 113.030 Die Untersuchungen zeigten, daß nicht die ganze Koloniebeoölkerung. sondern nur zwei Drittel derseilben, das heißt zirka 50 000 Köpfe, Ackerbau treiben. Andrerseits wurde aber festgestellt, daß 97 000 Inder« außerhalb der Kolonien sich mit *) 1 Deßjatine - 109^5 Ar. spezielle«« Zweige«« der Landwirtschaft beschäftigen, Ans solche Weise sind es im ganzen 147 000 Seelen der jüdischen Bevölkerung, die vor« der Landwirtschaft leben. Sie bearbeiten zusammen 132 505 Deßjatinen. Was den Grundbesitz bei den Inden betrifft, so gestaltet er sich nach den Angaben der Kolonisativnsgesellschaft folgendermaßen: Eigen Gevachlet Jni ganze» DbjlUinen Desijatinen Deßjatinen In« „Gebiet der Ansässigkeit* . ... 411.108 521.649 932.757 Außerhalb des „Gebiets" . 718.160 53.807 771.967 In Polen. 240 273 37.705 278 038 Im ganzen 1,369 541 613.221 1,982.762 Zu diesen Zahlen ist zu bemerken, daß von den 2 000 000 Deßjatinen, die den jüdischen Kapitalisten gehören, 90 Prozent Wälder sind. Lasse«« wir diese 0000 Unternehmer, denen 2 000 000 Deßjatiner« gehören, und die weder besser noch schlechter als andere Unternehmer sind, und betrachten wir näher die Verhältnisse, in denen die große Masse der jüdischen Bauern lebt. Obwohl sie in» allgemeinen den Verhältnissen, unter denen die übrige Landbevölkerung existiert, ziemlich nabe vckmnen, sind sie doch in verschiedenen Kolonien verschieden. In de«« Kolonien des Gouvernements Cherson leben 18 802 Jude«« ans eitler Fläche von 95 903 Teßjatinen. Aus eine Familie kommen also durchschnittlich 11,27 Deßjattne««, aus einer» Kopf l,9l. Bon der Gesamtzahl sind 19,1 Prozent Waschbar I Wasserdicht l Ger ueh los! Pollenz echte Reform-Sclnvmsbläiler