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Nationalzeitung · 1906-03-02 · Heft 17 (2.3.1906) · p. [Seite]

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 17 (2.3.1906)
Date
1906-03-02
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. RatiomheitW Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Eigentümer und Herausgeber: Jakob Kraus;. Inserate übernehmen die firmen: 3. Danneberg, M. vukes Nachfolger, kfaajenjtein & Vogler, Kubolf Masse, Ul. pozsoni)i, fl. Lchalek in Wien, ferner alle flnnoncen.Lxpeditionen im fluslande. Einzel - Nummer in Wien IS Heller. VerschleißsteUcv unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegevgenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile II; Verlag „Zion" Wien, 11/3, Stefaniestraße 12; Robert Weiß, Wien, f. Jäkobergasse 7. Redaktion: IX/1, Wasagaffr 81. Telephon Nr. 14733. Eprechstnnden: An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vorm. Postadresse: „Nirtionaszeitung" Wien. IX|i. B Wb werden wegen verlpätcrcr oder gar nicht erfolater 8»- stellung erbitten wir uns drinaend. — Msnurlirlple werOe« «iem zuricfeaettem. Postsparkasien-Konto 47037. 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Unseres Wissens hätte diese Versammlung vor Einbringung der Gesetz-esvorlagc abgchalten tverdell sollen, denn der Zweck dieser Beratung war ursprünglich als ein Schritt gedacht, durch welchen die Anlage der Regierungsvorlage zugunsten der Inden Mährens hätte beeinflußt werden sollen. Nur von diesem Gesichtspunkte ans ist die vor einiger Zeit erfolgte mährische Reise des Sekretärs der „Union" erklärlich, indem man annimmt, daß die Satnmlung >dps nötigeil statistischen Mäteriales.. als Behelf notwendig erschien, nm die Regierung zu einer Berücksichtigung der „jüdischer! Interessen" in Mähren zu bestimmen. Für diese ganze Aktion, für diese sicherlich nicht leicht verständliche Politik wurde bekanntlich irr der „Union" das ebenfalls nicht ganz klare Wort von der „jüdischen Jnteressenpolitik" geprägt, als Gegensatz zu der nnsrigen, die eine „jüdische Politik" schlechthin ist/ Wir haben jetzt nicht die Absicht, gegen den Begriff eitler „jüdischen Jnteressenpolitik" zu Felde zu ziehen, und begnügen nrrs mit dem Hinweise darauf, daß diese Benennung gerade vom assimilatorischen und vom Standpunkte der Ablehnung aller nationalen Sonder i nte ressen des j ü dischen Volkes äußerst unglücklich gewühlt erscheint. Man kann nur dann Svnderinteressen haben, wenn man nationale Politik treibt, aber nicht, wenn man nur P a r t e i p o l i t i k treibt. Innerhalb einer Partei silld Sonderinteressen für einzelne Mitglieder einfach ausgeschlossen, weil dadurch das feste Gefüge, das eine Partei zu ihrem Bestände nötig hat, unhaltbar wird. Hingegen kann und lnuß eine national einheitliche Gruppe auf die Wahrung ihrer nationalen Sonderinteressen bestehen, wenn sie ihre Existenz- und Entwicklungs- Möglichkeit nicht preisgeben will, wobei eine soziale Klassenschichtung oder nennen wir es politische Parteischichtnng innerhalb der nationalen Gruppe nicht nur möglich, sondern geradezu wünschenswert ist. Aber dies nur nebenbei. Die Delegierten der mährischen Kültusgemeinden werden zu einer Beratung zusammentreten. Zu welchem Zwecke? Die. Wahlreforwnorlage lieg/ vor. Die Berücksichtigung einer jüdifchen Interessenpolitik für Mähren wird der größte Optimist nicht hineinzu-- lesen vermögen, und wenn eine Verbesserung durchiznführen ist, so wird sie am allerwenigsten zugnnste'n der Juden ansfallen. Es erscheint uns also tatsächlich unerfindlich, welche jüdische Jntevefsenpolitik die Inden Mährens jetzt, nachdem sie nur die Wahl zwischen Deutschen und Tschechen haben, betreiben wollen oder überhaupt betreiben können. Die Situation der Juden in Mähren hat sich zufolge des nmwrwnstlichen Optimismus, der den Inden stets innewohnte und zufolge der opportunistischen Politik der altliberalen Schule, deren unvernünftigsten Schüler die Juden waren, so verj zweifelt gestaltet, daß heute von einer politischen Gemeinsamkeit der mährischen Inden kaum mehr die Rede sein kann. Die Juden haben sich auf diesem heißesten Boden des Nationalitätenlänipfes im Verlause der Jahre sö' ungeschickt benommen, haben sich so sehr Zur die esne oder andere Nationalität — nurnicht für die eigene — engagiert, daß sie gewissermaßen als politischer Reservefonds angesehen werden, der derjenigen Nationalität zufällt, die in dieser politischen Aktiengesellschaft über mehr materielle Macht und mehr politischen Einfluß verfügt. Es ist heute schon so wenig an fii$ gemeinsames Vorgehen der mährischen Juden zu denken, daß. wenigstens national nicht einmal alle Inden eines und desselben Wahlbezirkes in einen und denselben nationalen Kataster gebracht werden können, weil die wirtschaftlichen Interessen der Juden der einen Ortschaft eines Wahlbezirkes von anderen nationalen Faktoren abhängen, als diejenigen der Juden der Nächstliegenden Ortschaft im selben Wahlbezirke. «Sollen etwa j ü d i s ch - k o n f e s s i o n e l l e Interessen gewährt werden? Für wen? Etwa für die Kultusborsteher, die selbst keine Rücksicht: üben auf die Vorschriften ihrer Religion? Will man konfessionelle Schulen durchsetzen, nachdem man die bestandenen unmöglich,. gemacht hat? Nachdem man den jüdischnationalen Standpunkt von vorneherein äblehnt, nachdem, die wirtschaftlichen Interessen der Juden angeblich von der Gefolgschaft abhängen, welche die Juden der einen oder anderen nichtjüdifchen Nationalität leisten und nachdem endlich jüdisch-konfessionelle Interessen für die meisten der mährischen Juden er- Feuilleton. Die ökonsmische Lage des jüdischen Proletariats in Rußland. Ans denn Russischen*) übersetzt von H. K. I. Die jüdische Kolottisationsgefettschaft gab am Ende des vorigen Jahres ein zweibändiges Werk, ^Materialien über die ökonomische Lage der Inden in Rußland" heraus. Ungeachtet seines großen Umfanges (die beiden Bände enthalten zirka 1000 Druckseiten) läßt das Werk, das nach Berichten spezieller Berichterstatter und teilweise auch nach offiziellen Urkunden znsaminetlgestellt ist, viele Seiten des ökonomischen Lebens der Inden entweder ganz unberücksichtigt oder berührt sie nur oberflächlich. So fehlen zürn, Beispiel in den „Materialien" Daten über die Beschäftigung der Juden mit Handel und über die liberalen Berufe; in dem Abschnitt, der sich mit der Industrie befaßt, finden wir fast keine Angaben über deic Arbeitslohn, über die Länge des Arbeitstages, über die Hygienischen Verhältnisse, in denen der jüdische *) „Obräsovallje" 1905, Zlugnstnummer. "Arbeiter lebt usw. Und dennoch, bei all diesen Mängeln, sind die „Materialien" ein wertvoller Beitrag für die russische ökonomische Literatur. In grellen Farben wird das trostlose Elend, der Kümmer «und die Verzweiflung geschildert, in denen die nach Millionen zählende jüdischeMaise lebt und entartet, wie ein Tier von einem Käftg umschlossen, in dem neuen Getto — in dem sogenannten „Gebiet der Ansässigkeit", jenen besonderen Lalldesteilen des westlichen llnd südlichen Rnßlaüd, in denen allein die Masse der Inden wohnen darf. Die in den „Materialien" gesammelten Zahlen und Tatsachen zeigen objektiv, welchen Wert das Wehklagen der „Nowoje Wremja" und ähnlicher antisemitischer Blätter hat, das Wehklagen über die Ansbeutllng der christlichen Bevölkerung durch die Juden, iiber die Notwendigkeit der Befchtttzung der Christen vor dem endgültigen Berfchlingell durch die Inden. Diese Zahlen zeigen, daß 00 Prozent dieser „Ausbeuter", die sich linier doppeltem Drucke befinden: unter demjenigen der gewöhnlichen Verhältnisse des russischen Lebens und unter dem des speziell jüdischen, daß diese „Ausbeuter" zu den arbeitenden Klassen der Bevölkerung gehören und daß sie in denselben, wenn nicht in schlechteren, schrecklicherell Verhältnissen ■te&cn wie die rllssischell Baüeni. Nach 5eu Zahlen der Volkszähl urig vonr Jahre 1807 lebten im ganzen Reiche 5189 401 Juden; davon im „Ansässigkeitsrayon", außerhalb dessen die nieistell von ihnen in Rußland nicht wohnen dürfen, und in Polen 4 874 686, das heißt 95,9 Prozent der gefaulten jüdischen Bevölkerung des enrvpä'ifchell Rußlands. Nur' ein ganz unbedeutender Teil derselben wohnt außerhalb der Städte, da kraft der „Provisorischen Vorschriften" vom 3. Mai 1682 es den Juden untersagt wurde, auf dem flachen Lande zu wohnen; der größte Teil also (87 Prozent) ist in den Städten zusamlnengepfercht. Bezeichnenderweise kornmen bet den Inden auf 100 Frauen nur 95,0 Männer. Dieses Borherrschen der Frauen wird begreiflich, wenn inan die größere Sterblichkeit unter deri Männern und die Abwandernng berücksichtigt. Wenden wir lms — nur in großen Zügen natürlich — zur Betrachtung der ökvnvmischen Vevhältttisse, urlter denen die fast 6 Btillionen zählende gehetzte jüdische Masse lebt oder, richtiger gesagt, dahinsiecht. Begillnen mir mit der Landwirtschaft. Das Verhalten der ruissöschen Regierillrg gegellüber der Beschäftigllng der Inden mit der Landwirtschaft wechselte im Laufe des vorigen Jahrhunderts in launenhafter und unerwarteter Weise. Ganz im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts — im Jahre 1804 — wurde den Juden durch die „B«rfügüllg über die Juden" das Recht gewährt, Grund und Boden durch Kauf zu erwerben oder in Pacht zll nehmen. Die jüdischen Landwirte »»- Die nächste Nummer erscheint Dienstag den 6. März.

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