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Nationalzeitung · 1906-02-02 · Heft 9 (2.2.1906) · p. Seite 4

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 9 (2.2.1906)
Date
1906-02-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Die „Nationalzeitung“ muss in jedem öffentlichen Lokale aufliegen! Seite 4 Nationalzeitung Nr. 9 freu und bewiesen durch diesermassenhafte Erscheinen, daß sie, die Vertretenen, ein besseres politisches- Verständnis für die Wichtigkeit dieser Frage haben, als ihre Vertreter i-nti Kultusvorstande. Auch zahlreiche Scziaideinokra'.en hatten sich eingefunden, mit denen es gleich bei der. Wahl des Bureaus zu Konflikten kaiu. Ins Bureau wurden gewählt: Dr. B l u m, Dr. Klein und jur. Gelle r. Vorsitzender Dr. B l u m kritisierte zunächst in scharfer und sarkastischer Weise die Erklärung des Kultusvarstandes in unseren Lokalblättern. Hierauf ergriff Herr Dr. Leop. Kahn, der Refevem des Abends, das Wort. In zweistündiger, glänzender Rede, cm1 der Hand eines 'reichen' ge^ schichtlichen- und Tatsachjeivmateriales wies der Vortragende auf die Schaffung der jüdischen Kurie und Autonomie, als den einzigen Ausweg aus der prekären! politischen! Situation der Juden hin und richtete am Schlüsse seiner Ausführungen an die Anwesenden den begeisternden Appell, zu beweisen, daß dieser große geschichtliche Moment nicht ein kleines Geschlecht aerrossen habe. An das mit begeistertem! Beifall aufgenommene Referat schloß sich eine stellenweise, überaus stürmische Debatte. Gegendie Schaffung von jüdischen Kurien sprachen Dr. Klein und die Sozialdemokraten Tr. Groß und Arbeitel. Die vorgebrachten- Einwände waren die üblichen! unsrer bomgeoisen und sozialdemokratischen Assimilanten. Ganz besonders zeichnete sich Herr Arbeitet, na:ü>rlich ein Jude, aus. In feiner von den sattsam bckaunkeu fozicrldemokratischen rasen strotzenden Rede verstieg er sich sogar zu der Behauptung, „daß es in, Galizien fast gar keinen Antisemitismus gebe", l Woher er diese neueste Weisheit schöpft, ist unergründlich.) Als solche „Argumente" nicht verfangen wollten, nu-ßten Entstellungen und Verleuimdungen herhalten. So: der Zionntenkonareß hatte -ein; Huldigu-ngstelegraMur _ an den Zaren abgesandt; die russischen. Zionisten kämpfen an der Seite der Reaktionäre; die Zionisten unterstützten die Selbstwehr nicht usw. Durch solche „Beweise" suchte er seine B-ehauvtuugen zu stützen. Wir beneiden wirklich die Sozialdemokraten um diesen „Führer". In überaus wirksamer Weise traten. Dr. Bluni und Dt'. Kahn diesen Einwändeu entgegen. Hieraus — es war bereits 1 Uhr geworden und nur sehr wenige hatten sich, aus der von über 800 Personenbesuchten Verscnnmlung entfernt — gelangten zwei Resolutionen zur Abstirnmung. Die bekannte Resolution an den Ministerpräsidenten wurde fast einstimmig, nur einige Sozialdemokratenstimmten dagegen, angenommen. Eine zweite Resolution, in welcher dem Kultusvorstande wegen seiner Stellungnahme zu unserer Bewegung die s ch ä r f st e Mißbilligung ausgesprochen wurde, wurde mit Stimmeneinbelligkeit angenommen. B i e l i tz. im Jänner 1906. 8- Die Agitation in -er Provinz. Prag. sE i n e -g e s p r e n g t e t s ch e ch i schjüdische A g i t a i i v n s v e r s a nt m l u n g.) Ten tschechischen Juden gehen die Bestrebungen zur Erlangung der jüdischen Wahlkurie so recht gegen den Strich, Nicht genug daran, daß ihr Parteigänger Pleschner die Wahlrechtsversammlung am 3. ds. durch seinen Vergleich des Juden mit einem Verbrecher gesprengt hat, verfaßten sie noch eine Resolution, in der sie gegen die Errichtung einer jüdischnationalen Kurie protestieren, und beriefen eine Versammlung ein, in der siihren Protest öffentlich verkündigen -wollten. Am 27. v. M. versammelte sich eine ansehnliche Anzahl von Jüdischnationalen in der tschechisch-jüdischen Versammlung. wohl die Hälfte der gesamten Teilnehmer repräsentierend. Advokat Dr. Reiner erösfnete die Versammlung, bei der jeder wenigstens ein Referat erwartet hatte, und leitete nach einigen wenigen Worten die Diskussion ein, nachdem er noch den Jüdischnationalen volle Redefreiheit garantiert hatte: doch galt für die Tschechen mosaischer Konfession eine ganze und für die Jttdischnatlvnalen eine beschränkte Freiheit des Wortes. Der sattsam bekannte I. S. Kraus leierte seine alten widersinnigen Einwände gegen das jüdische Volkstum herunter, Magistratsrat Dr. Stein wollte überzeugend wirken, doch erreichte er gerade das Gegenteil von seiner Absicht: seinen Ausführungen entnahm man, wie wenig Verständnis die tschechischen Juden fürs Gesamtjudentum besitzen. Ter Sozialdemokrat Dr. Langer und die tschechischen Juden Dr. Bondy und FUE. Guth versuchten es, die Ausführungen der jüdischnattonalen Redner Lebenhart, Werthetmer und Gach abzuschwächen, doch mit sehr wenig Erfolg. Zum Schlüsse der Debatte wurden Generalredner gewählt: Gustav Fantl für die Errichtung der jüdischen Kurie und Pleschner kontra. Herr Fantl entledigte sich seiner Ausgabe in vollendeter Weis«, doch als Pleschner die Rednertribüne betrat, wurde ihm von seiten der Jüdischnationalen eine -derartige Katzenmusik veranstaltet, daß der Regierungsvertreter die Versammlung anflöste. Unter Klängen der „Hatikwah" verließen die Jüdischnationalen den Saal, nachdem sie dom Schänder der jüdischen Sache eine genügende Lektion erteilt hatten. Es wird nunmehr den Herren die Lust vergehen, in jüdischen Angelegenheiten einen solchen „Juden" sprechen lassen zu wollen! Jüdischer Volksverein „Zion" Podsbrad. Am 21. Jänner fand eine äußerst zahlreich besuchte Versammlung unseres Vereines statt. Herr phil. Gustav Fantl aus Prag hatte es übernommen, über „Jüdische Renaissance" einen Vortrag zu -halten und gelang ihm in -formvollendeter Rede, den Werdegang der Wiedergeburt des jüdischen Volkes klarzulegen und agitatorisch zu wirken. Seinen Ausführungen, -denen laug andauernder Beifall folgte, schloß Herr Dr. G a ch auö Prag ein Referat über die Wähle es orm und die Frage der jüdischen Autonomie an. Er deckte unnachsichtlich die Schäden der Assimilationspolitik auf und mies nach, daß nur ein zielbewuhtes Zusammenwirken aller Juden Oesterreichs zu einer Sanierung der Verhältnisse führen könne. An Hand der Mitteilung, daß der tschechische Assimllantenführer Leon Bondy irr Prag einen Juden in Podebrad brieflich ersucht hatte, für die Wahl des Jungtsch-echen Baxa bei den nächsten Reichsratswahlen -bei den dortigen Juden sich -zu verwenden, zeigte er die Auswüchse, welche die Assimilationspolitik zeitigte und forderte auf, für die jüdische Kurie einzutreten. Eine diesbezügliche Resolution wurde einstimmig angenommen. Nachdem noch Herr Ludwig Markus aus Kuttenberg in volkstümlicher Weise den wirtschaftlichen Standpunkt erklärt hatte, schloß der Vorsitzende Herr Rabbiner V otesi die Versammlung. Ein ziemlicher Agitationscrfolg und ein erfreuliches Wachsen des zionistischen Gedankens ist -a verzeichnen und der junge, tätige Verein nur zu seiner Tätigkeit zu beglückwünschen. Frrcöck-Misick. Am 25. Jänner fand hier eine Versammlung statt, in der Herr Dr. Kadisch über die Frage einer jüdischen nationalen Kurie referierte. Die diesbezügliche Resolution -wurde, nach einer erregten Debatte von der sehr gut besuchten Versammlung mit -überwältigender Miajorität angenommen. Es bot sich das eigentümliche Bild, daß die reichen Assimilanten eine nationale Politik der Juden als Unglück für die Juden verdammten und -das Festhalten am Deutschtum als einzig richtiges Verhalten vvrsch rieben. Und eben diese Inden, die überwiegende Mehrzahl unter ihnen, nahin das „Unglück" aus sich und die Resolution an, in der Errichtung einer nationalen Kurie für die Juden gefordert wird. Vermerkt sei noch das eigentümliche Verhalten des Rabbiners Herrn Tr. Drr-binsky. Nachdem Herr Dr. Drobinsky eine vor kurzer Zeit vorgelegene Petition, in der die Errichtung einer nationalen Kurie gefordert wird, unterschrieb, erklärte er in der Versammlung, für die Resolution nicht stimmen zu können, nachdem er sich mit der Frage überhaupt noch nicht besaßt habe und beantragte, in acht Tagen eine neuerliche Versammlung einzuberufen, bis dahin. könne inan sich lnformier'eu. Eine.-halbe Stunde später jedoch, im Verlaufe der Debatte, war Herr Dr. Drobinsky schon soweit informiert, um die Frage der nationalen Autononrie der Juden unter großem Aufwand von Temperament zu verwerfen und sich auf Seite der maßgebendsten Persönlichkeiten der Knltusgemeinde, die zufällig Anhänger der Assimilation sind, zu stellen. Für die Majorität unserer Juden, die Handels¬ und Gewerbetreibenden, ist der -wirtschaftliche Boykott der Tschechen ein genügendes Argument. Und im übrigen sind sie selbst bewußt und stolz genug, für eine zweifelhafte gesellschaftliche Duldung seitens der Deutschen ihr Judentum nicht zu verstecken, I. Jüdische Versammlungen in Bielitz. Herr Dr. Kadi sch, Schriftsteller aus Wien, der nach Abschluß seiner fünf-wöchentlichen Agitatiottstournee durch Mähren und Schlesien, -wo er in fast 30 jüdi'^en Versammlungen referierte, in Vielitt einen kurzen Aufenthalt genommen hatte, sprach Samstag und Sonntag hier in drei Versammlungen. — Samstag abends referierte Herr D. Kadisch über das Thema: „Die Juden uub der neue österreichische Kurö". Er beschäftigte sich mit der Frage der nationalen Autonomie der österreichischen Inden und beleuchtete eingehend die Stellung, welche die Juden anläßlich des neuen Kurses in Oesterreich einzunehmen -haben. An den überaus sachlichen fast einstündigen -Vertrag knüpfte sich eine lebhafte und sehr interessante Debatte. — Sonntag nachmittags sprach Dr. Kadisch im Kreise junger zionistischer Privatbeamten, die demnächst einen Verein bilden werden, Redner führte aus, daß die Betonung der Tatsache, daß die Juden -ein Volk sind, keineswegs einen ch a u v i n i st i s ch e n N a t i o n a l i s m n s in sich schließe. Die Betätigung als Angehöriger des jüdischen Volkes schließe nicht aus die gemeinsame Arbeit mit den Modernen anderer Völker im Zeichen des politischen uu& sozialen Fortschrittes. Nationalsein heiße nicht ch a u v i n i st U sche Neber heb n ng, Hetze ge ge n a ndere Völker, sondern Arbeit für die kul - t u r e l l e und wirtschaftliche Hebung d e s e i g e n e n Volkes, vor allem anderen Arbeit für die Armen, Enterbten und Elenden. Und hier sei die Brücke vom Nationalismus zum Internationalismus. Ein Nationalismus, der nicht. chauvinistisch und ein Sozialismus, der die Einzel- und nationale Individualität respektiert, schließen sich nicht ans, sondern ergänzen einander. Speziell int Nationalitätenstaate Oesterreich, dessen Staatsgedanke kein nationaler oder konsessiolleller sei« kann, aber ein svjzialer sein müsse, -schließe das Bekenntnis zur jüdischen Nationalität nicht aus das Zusammenarbeiten mit allen jenen, '»velche die Neugeburt des Reiches im Sinne der nationale« Autouolnie aller Völker in beiden Reichshällften, des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtelind ö-er radikalen Sozialrefornr erstreben. Am Abend sprach der Referent in einer Versaruml'UM des jüngst gegründeten Vereines ziorlistischer Handelsangestellter und Arbeiter „Poale Zion" t» ihrem Vereinslokale über „D i e A lt f g a b e « des jüd. Proletariates'". Zunächst erörterte er eingehend die von seiten des jüd. Proletariats einz-unehmeude Stellung in -der Streitfrage „Palästinensismus oder Derr-itorralismus". Dann kam er auf die spezifischen- -Aufgaben des jüd. Proletariats zurüch Redner trat für eine lnoderne, von jedem Chauvinismus freie nationale und eine lnoderne soziale Arbeit im Geiste Henry H^eorges', Franz OppenHeimers und Damaschkes ein. Dann beleuchtete er die spezielle« -rvirtschastlichen Aufgaben auf dem Gebiete der Gewerikschasten, der Kousurn - Genoffenschafte« und überhaupt einer wirtschaftlichen Organisation, erläuterte eingehend die Frage der Bodenreform! und des Genoffenschastswesells u-nd forderte, daß das jüdische Proletariat aller anderen Völker eine vori allen Dogmen lind veralteten Borstelluuge« emanzipierte moderne nationale und soziale Richtung einschkagell. Teschen, 21. Jänner. Am 21. d. fand hier im- Hotel Zeutr-albahnhof eine Versaminlung statt, i« der Schriftsteller Dr. H. Kadi s ch aus Wien vor einem zahlreichen jüdischen Publikum einen Vortrag über die Wa-hlrefornr -hielt. Der Vortrageuöe beleuchtete die staats-rechtli-ch nationaleu Kämpfe in der Niion-archie seit dem Jahre 1848 und die bisherige Stellung der Jude« zu ihnen. Er trat für eine Revision der R e i ch s v e r f a s -su n g im Sinne der nationalen A u t v n o m i e für alle Völker des Reiches und -auch für d i e I u de« ein, als die einzig mögliche modern österreichische und mvd-ern jüdische Politik. Äiedner nnterzieht. insbesondere auch den ma-gyar-ischen Chauvinismus und die Politik dc-r ungarischen Juden einer eingehenden Kritik und beweist, daß nicht die auf jüdische Autonomie gerichtete Politik der jüdischerr Moderne, sondern der bisherige Weg zur Jsolierung und wirtschaftlichen Schädigung, der Jude« führt. Nachdem mehrere Interpellationen vom Nefereuten beantwortet waren, gelangte die vou Dr. Mar Kleinberg begründete bekannte Resolution zur Anuahme. Oderberg. Am 22. Jänner tagte hier trotz der entschiedensten Opposition und gegnerischer Minierarbeit eine Versammlung, inder Dr. Kadisch iiber nationale dlntononiie und die Jude«, in Oesterreich sprach. Redner beleuchtete eingehend die Ursachen des Nationalitäteustreites und -des damit vielfach zusammelrhängenden Rassenantisenritlsmus, legte die Verderblichkeit der bisherigen, das R e i ch, alle seine Völker und irr erster Linie die Juden schädigenden assiinilatorische« Politik dar und trat an der Hand der russische« Verhältnisse für die S ch a f f u u geinerHe i mstütte und nach gründlicher Veleuchtnug der in-, nerpolitischerl Verhältnisse in Oesterreich für -die Autonomie der I n d e n wie aller anderen Völker der beideir Reichshälften ein. Schließlich wurde eine Resolution an den Ministerpräsidenten Gautsch angenommen, in welcher die Anerkenn n n g der j ü d i s ch e n Ratio n und die Berücksichtigung derselben durch Schaffung jüdischer Kurien gefordert wird. Die Briiffeler Konferenz. sBvn unserem Spezialberichterstatter.) B r ü s f e l, 20. Jünller 1906. Heute uin halb zehn Uhr nrorgens ivlirde die vom jzionistischLlt Aktionskomitee cinberitfene allgemeine jüdische Kouserenz zur Beratung der Lage der Jlldell in Rnßlaud eröffnet. Die Konferenz fand im Hotel Mengele statt und »vg-r von eta 160 Delegiertet! und Gästen besucht. Di« größte Zahl der Delegierten bestarrd ans Zivtlisten, die „I t o" schickte einige Delegierte auS England Ulld Rußland: die A n g l v Jem i fh A s s v z i a t i v u war durch die Herren K i s ch nntz S p i e l rn a n tl, der H il s s v e r e i n dev D e n t s ch e ,t I u de n durch Dr. Na t ha n vertreten. Den Vorsitz führte Herr David W o lsss o h n als Führer der Zionisten, der ln einer kurzen Eröffnungsrede die Delegierten begrüßte unfeiner Hoffnung Ausdruck gab, daß die Kon feie uz etwas Ersprießliches zum Wöhle der Juden leiste« werde. Stach einer kurzen Debatte über die Geschäftsordu-ung wird das Wort de»c verschiedene« Referenten erteilt, die sich int allgemeinen sehr kurz fassen und tnerkwürdigertveise nninittelbar anfeinanderfolgen. AlS erster ergriff das Wort der greise Jt-oist Prof. Mandel stamm aus Kiew, der ausnahmsweise eine längere Siede hält. Seine Rede ist auch in jeder Hinsicht ein klassisches Meisterwerk: inhaltsreich und formvollendet. Er schildert die gegenwärtige unerträgliche Lage der Juden in Rußland, die „ein Gew i Ml° mel von -kä mpfe« de n u nd fl te hen de« Juden" vorstetten, weist ans die Wunden hin, die der „Bund" dem russischen Judentum aeschla»' geu, beschreibt die Qualen der plan- und ziellose«

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