Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 7 (26.1.1906)
- Date
- 1906-01-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Oie „Nationalzeitung“ erscheint wöchentlich 2mal und kostet vierteljährig K 3. Seite 2 Srationalsettung Nr. 7 retardierend auf die Entwirrung des Natio-nalitätenstrcites wirken. Denn zu. den> bestehenden Nationalitätengegensätzen käme noch eine furchtbare Verschärfung der Paitoikontmste, welche das Chaos und die Aioiinsiermlg ms Ungernessene steigern müßton-. Wir Juden hätten erst recht keine Ursache, einen solchen! Instand h-erbeizuwiiusche-n, denn, hier miitzte die Beweglichkeit unseres Charakters, der sehr einer Desorgamsierung zuncigt, neuerdnrgs Zll unserem Schaden, ausschlagen, indem unsere Kräfte sich noch mehr zersplittern würden. Dazu kommt noch die große Gebundenheit, welche das Proporlionalwah'lsystem' durch den Zwang, sich bestimmtrn Parteien anzuschliesten und den. Ausschluß aller „Wilden" erzeugt. Und der Jude neigt allzusehr — eine Ironie der Geschichte — mit der Majorität zu gehen, „mit dem Strome zu schwimmen". Ganz anders müßten sich die Verhältnisse in einer, Judcnkurie . gestalten. Nicht der faktischie, wohl aber der moralische Druck, sich derselben anztischließen., wäre, in großem Maße gesteigert, wir stünden nicht, im Gegensätze zu. anderen Parteien, der Kampf gegen die bisherige Judenpolitik würde in der eigenen Mitte arisgestagenwerden-, -die Minoritäts-Vertretung tväre gesicherter usw. Nunist es klar, daß man für die Inden keine Besonderheitenschaffen! wird!, d. h. im Falle der Einführung des Pwpomoualwablsystems lvird mankeine Judenkü-rie gestatten. Aber wir rnüsfenl dennoch diese Forderung unbedingt ausrechterhalten, nicht um öde Priuzipienreiterei zu betreiben,, sondern^ um eine unseren Bedürfnissen wahrhaft angemessene Forderung zu erheben!. Falschist es, die Judenkurie nur als ein bedingungsweise sekundär zu erhebendes' Postulat hinzustellen. Uebrigens können wi>r uns damit trösten, -daß Wahl karmr irgend ein Wahlsystem ini Oesterreich in reiner Form du-rchgeführt werden biirfie und daß es bei einer Kombinierung verschiedener Systeme dennoch möglich sein wird, irgendwelche Kautelenfür den Schutz der jüdischen Minorität zu schaffen. I. M. Genaffe Daszynski. Von OSkar Keßler. Wie nicht anders zu erwarten war, tonnte es auch Herr Daszynski nicht lassen, den Juden in eindringlichsten Worten vor der nattonalen Autonomie zu warnen. Zur Begründung seiner ablehnenden Haltung führt er einen ganzen Rattenschwanz von Argumenten an, die wir kurz besprechen möchten, obwohl wir überzeugt sind, daß Herr Daszynski bei dieser Sache sich nicht vom Interesse für die Juden, sondern von der Furcht leiten ließ, er könnte bei den kommenden Wahlen um seine getreuen Wähler, die Juden des Kazmierz, kommen. Im übrigen zeigt Herr Daszynski, wie schon so häufig baß seine ererbten assimilationswütigen SchlachzizMinstinkte nicht im geringsten erstorben sind und daß er dem Judentum und den jüdischen Fragen gegenüber eine Verständnislosigkeit an den Tag legt, deren sich ein Chinese schämen müßte, wenn es sich um europäische Angelegenheiten handeln würde. Doch höre«: wir, was Herr Daszynski, der erbittertste Bekämpfer einer eigenen jüdischsozialisliiHen Organisation, über diese Fragen zu lagen weiß. Herr Daszynski behauptet zunächst, daß die Juden nur eine Konfession bilden und daß, wenn man den Juden eine eigene konfessionelle Kurie einräumen würde, man in Konsequenz dieser Tatsache auch den Katholiken und Protestanten konfessionelle Kurien'zugestehen müßte. Dann bedeutet diese Kurie die Wrederbelebung, respektive die Modernisierung de§ Ghetto. Dann fragt er, ob wir Jargongymnasien haben wollen und zum Schluffe jammert er, daß man den jüdischen Obergenossen in der Organisation ihre Stellung untergrabe. Man sieht, mit welcher bewunderungswürdigen Logik Herr Daszynski den Gedanken, daß die Juden keine Nation bilden, zu Ende gedacht hat Für Herrn Daszynski gilt eine vieltausendjährige gemeinsame Geschichte gar nichts, die unvergleichlich eigenartigste Kultur der Juden nichts, die gemeinsamen Rasienmerkmale schon überhaupt nichts und der allen polnischen Parteien — Herrn Daszynski nicht ausgenommen — gemeinsame Antisemitismus um so weniger.-Dagegen würde er lieber den Kanalräumern das Recht einräumen, eine 'eigene Partei zu bilden, wenn sie in solcher Weise ihre wirtschaftlichen Interessen besser wahren könnten. Juden aber müssen Herrn Daszynski Trabantendienste leisten und schweigen, wenn sie nicht den autokratischen Groll des Herrn Daszynski verspüren wollen. Bekanntlich geht es ja den Juden Galiziens so glänzend, daß sie ganz getrost auf jede Vertreung im Parlamente verzichten könnten. Wenn die Polen die Wiederbegründung ihres Reiches anstreben, sagt nicht Herr Daszynski, daß die verlotterte polnische Wirtschaft neu belebt werden soll, dafür aber wird für beit Fall der Anerkennung einer jüdischen Nationalität das Ghetto seine'Auferstehung feiern- Es istfgut, -wenn in der interkonfessionellen Schule Judenvon Christenkindern gesondert werden und wenn von den fast durchwegs antisemitischett Lehrern die christlichen Kinder nur zurStrafe irr die Judenbänke gesteckt werden; dagegen wird es etn Ghetto fern, wenn ein jüdischer Lehrer, der mit Ausnahme des Religionslehrers, in der heutigen irtterkonfessionellen Schule zu einer Seltenheit geworden ist, jüdische Kinder unterrichten wird. Daß sie eine hatten, die noch heute Hunderttausenden heilig und teuer ist, wagt auch er nicht zu leugnen. Hingegen tut er als ob er nicht wüßte, daß von den 800.000 Juden Galiziens 750.000 sich der jüdischen Sprache bedienen, wiewohl ihn seine agitatorische Tätigkeit belehren konnte, daß er zur Verständigung mit den jüdischen Genossen und Wählern sich des Jüdischen bedienen mußte. Doch dies ist eine Frage, die momentan nicht einmal in Betracht kömmt. Die polnische Sprache wird in Deutschland nicht als staatsberechtigt anerkannt und die Polen ntüssen sich des Deutschen bedienen Hindert das die Polen sich als solche zu fühlen und sich als Volk zu bekennen? Eines föttnett wir Herrn Daszynski nachfühlen: daß die jüdischen Führer von den christlichen Genossen bald abgeschüttelt wären. Doch mag er nicht besorgt sein: Das Judentum hat noch keinen seiner rettmütigen Söhne verstoßen. Es ist aber Zynismus besonderer Art, wenn jemand zum Wohltäter dep anderen sich aüsschwmgt und sein eigen Fleisch und Blut schmählich zugrunde gehen läßt. Die jüdischen Geitossen werden Juden werden müssen, wenn sie überhaupt sich behaupten wollen. Und wenn Herr Daszynski, der sich in der Bekämpfung der jüdischen Autonomie mit dem Oberkahalnik und Großkorruptionisten Dr. Byk und dem Wunderrabbi von Belz verbttnden hat, uns vorwirst, daß wir Bundesgenossen der Kahalclique uitd der Plutokratie sind, so ist das ein Vorwurf, der zu blöd ist, um einer Antwort gewürdigt zu werden. Die Wahlrechtsbetvegung in der Provinz. Brün«. Sonn-tä-g Iben- 21. Jänner 1006 fatrö im stMstchen Redouleusaal-e eine UiässelHastbesuchte stWsche Verlfa-milil-un-g 'statt, i-n welcher Schriftsteller Mäststas Acher (!Dr. Nathan B!i r n b a u nt) über die iiativnMe Autonomie -der Juden sprach. Seine -glänzende, mchr ulS ein- -stündi-ge, frei gehaltene Rede tmtribc bst und ujfi von spontanem Bestall uulerö-vocheu. Mathias Acher führte -folgendes aus: Der Begvist -des Nationalen .könne drei-fachgefaßt werden: 1. Als Quintessenz des geschichtlichen Geschehens, also als Kä'mpif der Büster Um die Macht. 2. Ms zufälliges, lgleichg'iltiges Ding, das — von 'Ideologen «und- Strebern cmfgeba'uscht — die Meüschen verwirrt. 3. Ms Prinzip der MünniUMWe'it, die nicht niur nötig, sondern auch groß und schön ist. Diese letzte Auffassung — der Klulturnat'ionakisinus — beginne allmählich aufz'llsteigen 'und gerade die pnssstche Nevolutron, an deren Jahrestag der R-od-ner feierlich erinnert, y-abe z>um ersten Male ne>bcn den Forderungen früherer Nevo-lntionen auch das Recht der nationalen SeWstbrstimm-ung proAamiert. Wie «d'ief-e Emanation des Äustnrnastv-nalismins >im ostjüdilsche-n Volke von Jahr zu J-ahr herrlichere Blüten an Kraft und Schönheit treübe, das schildert Acher mit wirklich hinreißenden Worten. Aus die -We-ftjüden Mergehend, erklärt er die -Affim-ilation nicht für «u-nim-orälifch, aber für eine objektive Lüge. „Heraus a-us dem SchlWevrv i-n allen Ge'istesfarben! >Es gibt keine ganzen Menschen ohne bestimmte Nation, -wie es keine ganzen Menjfchen ohne Gelschlecht gibt! Die Assimilation -ist nicht der Dod-, -ab-er die Schande, die Berisump'sung, die Verkrüppelung, die Angst, die Komik, das Zwielicht, die Liige, die Vertu mpnng. W ä l z e n w i r s i e a b, d i e s -e S cha n d e! D ie e-iiserne Konsequenz des .modernen Knlturnationalisnins 'sei die Forderung Nach der j ü di 's ch e n Autonomie. Wir ford-ern jedoch nur das Grundrecht aller Nation vn, Regimenter im, Kampise zu bilden, wir treiben aber keine Ver- Muungsme-ierei z-w'ffchen K-lassen und Meinungen, wie ja auch die Schöpfung aus dem Chaos nicht -den iSpaltiu-n-gen i n der Schöpfung prWudiziert." A ch e r 'wider'legi-e nun die bekannten Einlwände, die durch die SchlWw-ort-e „konfessionelle Schule", „-Ghetto", „Haß", „Minorität" gegeben sind und schloß mit den -Worten-: ,Mas ntu,n „moderne" Juden nannte, -wären! es tticht. Denn sie -hatten nicht de-n Mut, mlitihrer- Jndioid>ualität, d. h. mit ihrer innersten Wahrhe'it in die neue Ze'it, in den gewaltigen Ka-inPf u!m das Glück -und, den F-rieden der Men-fchheit einMtreten. Sie war-ert 'Priie'ster der Wahrheit -mit einer he'im- Stammes. Zuerst wollte sie es nicht glauben und ließ die Sklaven kommen und fragte sie aus. Aber auch diese konnten ihr nur dieselbe Mär berichten und auch die Frauen des Palastes bestätigten es. Da weinte die Königin gar bitterlich und als der byzantinische Arzt, den Kaiserin Irene ihr gesendet, ins Gemach trat, da sagte sie zu ihm: „Ich weiß, daß mein Tod nahe. Deshalb bitte ich dich, du weiser Mann, gib mir jenes Tränklein, nach dem ich mich immer so wohl fühle. Du hast mir geholfen in schwerer Zeit, ich weiß, ich kann dir vertrauen, und also höre: Dieweil mein Gemahl, der große König, so sehr mit Schmach bedeckt hat mein ganzes Volk, ohne zu denken, daß ich von demselben Volke bin: deshalb will ich nicht mehr bei ihm bleiben, obwohl ich ihn liebe mit ganzem Herzen; sondern ich will zurückkehren zu meinem Stamme, um dort zu sterben. Also gib mir sogleich das Tränklein, damit ich frischer werde und sofort antrete die Reise zu meinem Volke." Der Arzt bereitete daraus den Trank zurecht, gleichzeitig aber schickte er zum Könige die Nachricht, daß die Königin entsliehen wolle zu ihrem Volke, um gemeinschaftliche Sache zu machen mit den Feinden des Königs. Und so geschah es, daß die Königin gefangen gesetzt wurde im Palast und der große Freutentag endete in Trauer für den König. __ iVasaltbar t ü•■••rdIaht I ■aruohlocl Bald daraus verbreitete sich die Kundschaft durch Belendscher, daß der 5L'önig seiner todkranken Gemahlin den Scheidebries geben wollte wegen ihrer Treulosigkeit. Er hatte sie nicht mehr gesehen von Angesicht zu Angesicht seit jenem Tage. Sein Herz war ihm schwer, denn er liebte sein Weib. Aber Treulosigkeit konnte er nicht vergeben. Sie mußte Liebe zu ihm nur geheuchelt haben, denn stand sie nicht im Begriffe, zu den Feinden zurückzukehren, als sie gefangen gesetzt wurde? Oder war die Krankheit vielleicht wieder ein Zeichen Gottes, der ihm im Traume schon einmal so wunderbar den rechteit Weg gewiesen? Denn Kaiserin Irene hatte ihm, als sie von der bevorstehenden Scheidung gehört, sagen lassen: Sie habe einen Traum gehabt. Ein Engel sei ihr erschienen und habe ihr befohlen, Chakan Bulan, den großen König, zu ehelichen. Und da er Jude und sie Christin sei, so solle jeder seinen Glauben behalten bis nach der Ehelichung. Dann würde Gott ihnen beiden den rechten Weg weisen. „Warum nicht?" dachte der König, als er einmal das Bildnis des herrlichm Weibes betrachtete. „Mein Glaube ist der einzig wah,re. Wie Gott mir den Weg gewiesen, so wird der Herr auch ihr den rechten Weg weisen wollen. Dann gibt es ein großes Reich Israels und vielleicht kommt dann Messias. Und der Allmächtige, gelobt sei sein Name, hat mich zum Werkzeug ausersehen, erst Byzanz und dann die Welt zum einzigeil Glauben zurückzubringen." Der Ausgang einer Ehe mit Irene stand ganz zweifellos fest in ihm. Es konnte nur einen Ausweg geben; hatte doch Gott selbst die Ehe gestiftet. Er fühlte sich stolz als Werkzeug Gottes und betrachtete mit Behagen das Gemälde des schönen Weibes. Wenn er dann an die kranke Königin dachte, so beschlich wohl ein Weh sein gerechtes.Herz, aber — Gott wollte es so, und sein Wille geschehe. Beweis warihm die Krankheit der Königin, ihr unerklärter Fluchtversuch und Irenes Traum. Wochen vergingen. Der Scheidungsbries war längst geschrieben, aber da man täglich den Tod der Königin erwartete, zögerte der Chan,, die Scheidung zu vollziehen. Auch beschltzch jedesmal ein Weh sein Herz, wenn er daran dachte, denn er liebte noch immer sein Weib.. Indessen wußte das ganze Volk um die bevorstehende Ehe des Königs mit Irene, und zum ersten Male murrte das ganze Volk gegen seinen König. Dieser aber ließ durch seinen Rat bekannt geben: „Es sei Gottes Wille, er wisse es. bestimmt, und Gottes Wille müsse geschehen." In der kleinen Holzhütte eines armen Ackerbauers lag auf einem Lager ausgestreckt ein junges Weib. Blaß war ihr Antlitz und Reform-$clwei$$blän*r™