Mannheim
Compact Memory

Nationalzeitung · 1906-01-23 · Heft 6 (23.1.1906) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 6 (23.1.1906)
Date
1906-01-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2429839-2429840-2429846--041-2430093
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Nationalzeitung Nr. 6 CO o o ro 3 vs CO VS- I yourgdvffie in derseAen OrganMiorr verHarven dürfen. Sie übersehen, daß wir ein gewein-sames Ziel »»erfolgen, daß bei aller Differenz -er Klassen-. stand-puntte eine gemeinsame nationale Grundlage uns allen eigen ist. Der ZionisnvuZ ist der Iu-densta-at aus dem Wege, in »mce. Im übrigen fft der ZimtiSuiius »dicht auö dem jüdischen Proletariat heworgegangen, sondern es »varon znmeist bürgerliche Ideologen, ein Pinsker, Hetz. Birnbaum, Hevzl, die tljn aus der Schnisucht des Volles gehoben haben. Diesen ist es »nehr um die Lösirrrg der nationalen, als um die der sozialen Frage zu tun gewöfer». Als die nächste Aufgabe der „Poale Ziori" bezeichnet Redner die Schaffung einer interterritorialen poalczionistischen Weltorg-anffariorr, die die Vc'rv-egung verciniheitlichen und ein Regulator ihrer Entwicklung werden miiißtc. Zum Schlüsse bomertte noch Redner, dan von den hervorragendsten sozialisti-schen Führern Rußland, wie Plechanow, und des Auslarrdes dein „Poale Zion" Syrnpathien entgegen gebracht werden und daß zn erwarten sei, daß für den Fall, wo nicht mehr territoriale, sondern nationale Organisation aus den internationalen sozialistischen Parteitagen Vertreter! sein rverden, auch die „Poale Zion" als Gruppe innerhalb der großen Internationale anerkannt rverden wird. Dr. Paul Weisengrün, der nach Pasrnanik das Wort ergriff, suchte nachzuweisen, -ttatz das jüdische Proletariat im Zionismus nicht nur ein wichtiges, sondern das wichtigste Element darstellt. Der jüdische Proletarier ist wirtschasilich mrd national an dem Zionismus interessiert, während die reiche Bourgeoisie immer mehr eine Affimtlation sni generis dnrchmachr. Bei der Großbourgeoisie Hai sich bereits der Ruf bewahrheitet: „Bourgeois aller Länder, vereinigt euch." Oesterreich und der Berliner Vertrag. litt1;er dem Titel „Eine -diplomatische TragikomWve" schreibt Dr. S. B e r rr seid irr der jüngsten Nnm'mer der Berliner „Isr. Wochenjchr." sbhr treffend: Die österreichische Diplomatie ist in Hellern Aufruhr und in ihrem Zorn macht sie sich lächerlich. Bei den gegenwärtigen schlechten Zeiten mutz man für diese heitere Episode, die uns die k. u. k. österreichisch-ungarische Regierung verschafft, sehr daNWar sein. Serbien und Bulgarien hüben sich in der letzten Zeit zu einer rvirtsamen Abwehr gegen die gervalttätige Wirffchaftspolitik -Oesterreich-Ungarns vereinigt: es wurde zwischen ihnen eine sogenannte Zollunion vereinbart, deren Einzelheiten hier nicht erörtert werden sollen. Datz der Hieb diesmal auch krustig gesessen hat, beweist die grenzenlose Raserei, in die die österreichisch-- Nngarrscire Diplomatie geraten ist. Es schreit einfach zum Himmel, und wenn diese gottverdammte Zollunion nicht gleich -vom ErÄboden verschwindet, so mutz dieses Los -den genannten Balkan starrten zuteil werden. In Sofia und in Belgrad blieb man all diesen albernen Drohungen gegenüber recht kaltblütig und da verfällt man irr Wien ans eine recht geniale Idee. Daß diese Idee genial ist, darüber lätzt sich gar nicht streiten. Die k. u. k. österreichischungarische Regierung erinnerte sich mit einem Mal, datz es einen Berliner Vertrag vom Jahre 1878 gebe, und nach diesem besagten Vertrag sei Bulgarien ein Vasallenstaat der Türkei und gar nicht berechtigt, derartige Beträge ohne Zustimmung der Pforte abznschlietzen. Datz Oesterreich Ungarn bis jetzt selbst mit Bulgarien eilten Handelsvertrag hatte, über solcheKleinicsteiten wollen rvir hirmveggdherl. Aber es ist immerhin gut, der österreichischungarischen Diplomatie irr Erinnerung zu rufen, daß sie die erste war, die den Berliner Vertrag von 1878 in der unverfrorensten Weise verletzt hm. Ter Berliner Vertrag hat die Balkanstaaten nur unter der ausdrücklichen Bedingung für unabhängig erklärt, datz sie allen Bürgern ohne Unterschied des Glaubens und der Abstammung gleiche politische und bürgerliche Rechte gewähren. Rumänien hat bekanntlich diese Bedingung nicht erfüllt, dessen staatliche Unabhängigkeit wurde aber trotzdem von Oesterreich um -den Preis eines für diesen Staat günstigen Handelsvertrages anerkannt. Denselben Berliner Vertrag von 1878 roill nun Oesterreich-Ungarn jetzt, rvo es ihm patzt, für sich in Anspruch nehmen. Im diplomatischen Wörterbuch scheint das Wort Scham zu fühlen. Da wir schon vo-rn Berliner Vertrag sprechen, so möchten wir M dieser Gelegenheit eine andere geschichtliche Erinnerung auffrischen. Im Winlter 1879/80 war der bekannte französische Staatsmann Charles Louis de Freucinet, die „rveitze Maus", Leiter der auswärtigen Politik der Republik. Auch er rrmßte sich mit der Indenfrage irr Rumänien boschwstigen. Er beantragte damals im französischen ARnffterrat, Rnmänien von der lästigen Bedingung bezüglich der Gleichstellung der Juden zn befreien, indem seitler Ansicht nach die rumänische Regierung niclst gezwungen rverden dürfe, ,/Frenstden, die dein rnmäntschen Bott stets frernd bleiben werden, das Bürgerrecht zu verleihen." Es ist dies derselbe Freycinet, der später Waaahbar! Bastard ich»! Qaruahlast kKostgänger der P a im m ist en wurde, was ihn aber Nicht avhiclt, sich in der Folge auf die Seite der antisemitischen Nativ na listen zu schlagen und im Dreyfus-Prozetz von 1899 eine recht traurige Rolle zu spielen. Vor eitriger Zeit hieß es, daß dieser Ehrenmann Präsident der französischen Republik rverden rvvllte. Warum aber nicht Jesu iten-Elen c rat? Unsere lieben Sozialdemokraten. Zur Ehamkicristrk der .ftafhut-ft der s'vzmlbcniofra:ijd;-cn: PnAeiieinmg und ihrer Presse zur Judenfruge lassen lvir die unszugekornmenen Berichte folgen: Heiden, Juden oder Hottentotten. Der Obersozi Schnhmeier cifrent sichbei den Wiener Oien offen« «der st roßten Popularitäi, weil er ihnen so recht ausdein Herzen sprechen kann- In seinier „Volkstribüne" weiß er z. B. die antisemitischen Instinkte der roten Massen zu kitzeln! und zu streicheln trotz „Kikeriki" und „Deutsches Volksblatt". Am 17. d. Mts. referierte Schuhmeicr bei Stalehner iw Hernals über die Wahlresorm und polemisierte u. a. auch gegen die Anhänger Knnschaks: „Christliche Arbeiter," hieß es wortwörtlich, „nennen sie sich. Mit welchem Recht? Und was seid dann ihr, Genossen? Seid Ihr veilleicht Heiden oder lauter Inden oder Hottentotten?!" ■ I Brausender Beifall, stürmisches Gelächter. Tie Garde von Hernals fühlt sicheben über jene schäbiste Trias hoch erhaben. So erziehen die sozialistischen Führer ihr Volk. Was Wunder, wenn es dann bei den russischen Massakers für die gehetzten Hebräer nichts übrig hatte. Wir aber können dem Genossen Schuhmeier immerhin dankbar sein, daß er uns Juden, die man« uns in den Schullehrbüchern neben die Zigcuner 'rangierte, eine neue Nachbarschaft angewiesen hat — - Heiden und Hottentotten. Die internationale völkcrbefreicndc Sozialdemokratie w-ird sie stolz von den Herren Genossen betitelt. Wenn's aber gilt, uns Juden zngefügtes Unrecht abznwehrcn, schlagen sich die Befreier prinzipiell — in die Büsche. Hierbei durfte ich sie erst kürzlich ertappen: Zufällig hörie ich beim Bezirksgericht Landstraße eine Strafverhandlnng mit an. Tie k. k. Staatsanwaltschaft hatte den Fleischhanergehilfen Moses Lemberg wegen Betrugs angeklagt, weil jener — laut Anzeige der städtischen elektrischen Straßenbahn — mit einer 12 Hellerkarte eine Station über die 20 Hellerzone hinnus'gcfahren sei, also die Reichshaupt- und Residenzstadt Wien uni 8 Heller, mit welchem. Betrag sie sich durch den entsandten« Revisor dein- Strafverfahren anschloß, geschädigt habe. Der Strafrichter sprach den bisher unbescholtenen Angeklagten frei, weil dessen Verantwortung, er sei eingenickt und habe den Ausruf des Kondukteurs überhört, nicht unglaubhaft sei. Dieser Fall war allerdings reif für die Zeitung und der Gedanke naheliegend, daß gemeinster Judenhaß die Anzeige veranlaßt habe. So wenigstens schien -es dem Berichterstatter der „Arbeiten Zeitung" öder doch ihvem Gerichtssaal re da ftair, denn ihr Morgenblalt vom 11. ds. nagelte den Fall gebührend an und besorgte nur die kleine Retusche, daß der Hebräer Mose s L e m - borg in einen. Vollöliklarier M a r t i n L e rnp e r t umgeschmadt wurde. So hatte unser vorurteilsloser Schurock m der Pose eines edlen Verteidigers gegen die „borrrgcoise Profitgier" der verhaßten „Luegerei" eins versetzt und zugleich schlarr den Verdacht der „Judenknechtschaft" vermieden. „Tralalalala. so wird's gewacht - " Dr. C. M. Zweig. Die Lügen der'„Arbeiter-Zeitung" und des „Naprzod". Tie „Apbeiier-Mtung" läßt sich in einsm irr uirverischämtern -Tone abgofatzlerr Lornberger Telegranun belügen, daß die von. den Lorrr- 'berger Juden eiüberüsenerr vier BerAwlnlnngen vor» Verr Soziatrsten geifprcrr-at rvurlden. Den»- stpstenüber kvrrstatieren rvir, datz die Bertfammlnnsten, nrit Auönühnre einer einMen, die abgesagt wurde, albgehalben wirüden und datz in allen Bersam'mlurlgerr eirr-stiirnrnig die Resöluktonen ange- »rommen rvuvdcn, die von der Regierung di« Anerikennstng der lü'disthen Nnlionalttät und die Scha'ffung einer jüdffchon Asttono-mie fordern. — Von dem Kralgiuer soziMstischen „Naprzod" sind wir es stets gewöhnt, die lttgeühaiftesten Berichte iilber den ZionliSmns und die jüdischnationale Bewegung zu leisen, aber datz die „Ardeiter^Zeitung" sich dazu hergibt, solche ofseribarc-n Lügen zr» verbreiten, Hütten wir ihr nicht zngerniulet. Sollte»» dem Gegner gegenüber die verwerflichsten Mittel gilt genug fein? O. ft. Unter dein Titel „Jiddischem Nationalismus" schreibt das tschechische Blatt „Ostrovsky Dennik" („Ostmuer Tagblatt"): Unter den Inden ist eure neue Bewegung enp'tanbeu. Die Zionisten stellten die Forderung nach einer jüdischnationalen Kurie auf -- und riesenaus ganz Zisteithanien der. Regierung zu, dies bei der Wahlreformfrage znberücksichtrgcn. Es zeigte sich, daß die größere Mehrheit der Jrrdeu hinter dieser Bewegung steht, die nichts anderes bedeutet als den Kampf um die Arrerkennung der jüdischen 9tarionaUtät. Die Mehrheit der Wiener und Prager Juden sprach sich in Versaumrlringen für bk nationale Kurie aus, die galizischen stellen, gestützt ans ihre große Energie, die Forderung auf, die mährischen und schlesischen Inden sind für diese irationale Forderung. Sonntag sprachensich auch die Bielitzer JNderr dafür aus. Prinzipiell kann man dagegerr nichts einwcnden. Tie Inden sind lveder Deutsche noch Tschechen oder Polen, sondern eine Nationalität — und besitzen! das« Recht auf eine Minorirärsvertretuug^oie alle anderen Völker. Älber die Forderung der jüdischen Kumte darf nicht nrrr für die llteichsratswahlen einen Programmpunkt. der Nationaljrrdeu. bilden. Wenn' die Propagatoren es aufrichtig meinen, wenn sie nur die Anarkennrmg der jüdischen! Nationalität - durchsetzen« wollen, dann! dürfen sie sich nicht m den Streit der anderen. Volker mischen und müssen gleichfalls Selbständigkeit insbesondere für die Gemeindewahlen fordern.. Bisher standen! die Irr denauf Seile der Stärkeren. Tie Vtinorität knebetten sie. Mähren — und vorzüglich unser Ostrau - duldete diese Judeupolitik. Man kann ohne Uebertreibung behaupten', daß, wenndie Judeir nicht konsequent^ ans Seite der Deutschen stünden, die Majorität der deutschen. Städte in?Nähren — und auch Mährisch-Ostrau sich in tschechischer Vertvaltung befänden. Unsere Abgeordneten! nehmen gewiß zur Frage dar jüdischen .Kurie folgenden Standprmkt ein.: Wenn eine selbständige Judenkurie, für den Reichsrat sein soll, daun auch für den Landtag und für die Gemeinde. Und wenn, die Regieruin-g die Forderung nach einer jüdischen Minoritätsvertvetung anerkennt, dannmuß sie auch eine ischechifche Minoritätsver tretung, besouders' in Wien, anerkennen. Und die Deutschen, welche vermeintlich durch die Selbständigkeit der Juden leiden würden, müssen auch der Forderung nach einer Judenkurie bei allen Wahlen beitreten. Die Hilfe der Jbdenfcha.fi kam ihnen überall genug teuer zu stehen. Jui MährisckpOstrau mußten sie den Juden fast die Hälfte der Gemeindevertretung überlassen-. Und jetzt, da cs eine, deuische und tschechische Kurie für den mährischen- Landtag gibt, rächt, sich die Verbi»idung nüt den Jilden ans deutscher Seite spät genng. In allen Wahlbezirken lverden viele Inden befehlen, welcher deutsche Abgeordnete getväblt werden soll. Inallen! deutschen Wahlbezirkeit werden sie entscheiden - und das haben die Dentschnationalen davon, lvelche die Inden stets haßten. Die Realisierung der Jndenknrie in obigem Sinne können ivir nun begrüßen. Die jüdischnationalen Bestrebungen könne»» »ms nur sympathisch sein. Eine wohllierdicntc Lektion. Der Abgeordnete von Rz esz o w, Dr. G r e k, hielt vor einigen Tagen in seinem Wahlbezirke seinen Rechenschaftsbericht. In Begleitung WkMorm.ZebtveiZZblätttt^« 3839

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.