Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 5 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 5 Rational,^ itung heute mit Recht den Juden halten. Darum i st 5He erste Forderung, die wir aufstellen: Schaffung -er nationalen R ntonvm 1« für Oesterreich unter Anerkennung der jüdischen Nationalität. Eine nationale Anto;u>mie Mer ohne ein allgemeines gleiches Wahlrecht wäre ein Unglück, denn sie würde nur dazu sichren, die Vorherrschaft einer Klaffe zu stabilisieren, die bisher den nationalen Chattvinismus benützt hat, um Wer alle Golksinte ressen hiMveg ihren eigenen Interessen dient. Die »mtivitale Anton-vmie ist nur dann das Selbstbesttmmungsrecht der Völker, wenn diese ln tALrlze und nicht durch eine Klaffe das SelVstbestimmüngsrecht Wen können. Baron Gautsch wird als reaktionärer Mann gescholten, auch von allen denen, die im Jahre 1894 das allgemeine und gleiche Wahlrecht zuschanden intrigiert haben. Auch von denselben, die das samose KoaLtttonsministerinni geschaffen haben, die uns damals einen mit dem Wasser des Taufbeckens gewässerten Wein liberaler Prinzipien, gespritzt mit einer ziemlich starken Dosis Polnischbitter, serviert haben, einen Trank, auf den uns Juden schlecht geworden ist. Baron Gautsch hat sich unendlich moderner gezeigt als alle Liberalen vour Schlage Pleners, indem er die nationale Autonomie im Zusammenhänge mit dem allgemeine;: gleichen Wahlrecht gebracht hat. Aber die nationale Autonomie ist auch in dieser Kombination nicht vollkommen. Es gibt noch eine sittliche Forderung, die Minorität in den Völkern selbst zu schützen, und diesen Schutz gewährt nur das proportionale Wahlversahren. Dieses proportionale Wahlverfahren hat auch für uns Jrrdvn eine praktische Bedeutung. Bisher hatten rvir die Möglichkeit, mit Hilfe einiger Handelskammern Inden in den Neichsrat zu entsenden. Die Handelskammer;: fallen weg und damit entfällt auch diese Möglichkeit. Die Juden sind Heute in Oesterreich fast zwei Millionen Seelen stark. Sie bilden 4,8 Prozent der Gesamtbevölkerrmg. Sie sind fast ein Achtel so stark wie die Deutschen, die 86 Prozent zählen. Sie sind stärker als die Italiener, die 2,9 Prozent zählen. Sie find -fast so stark wie die Slowenen, die 6 Prozent zählen. Uttd während den Italienern 18 Mandate und der: Slowenen 15 Man'date eingeränmt werden sollen,wird denIuden auch nicht die Möglichkeit gegeben, auch nur einen einzigen Vertreter in das Parlament zu entsenden. Die sittliche Forderung nach Einführung des proportionalen Wahlverfahrens verbindet sich mit unserem praktischen Interesse und so stellen wir als den zweiten Punkt unseres Pvogrammes die Einführung des proportionalen Wahlverfahrens. Auch das proportionale Wahlbersahrcn kann von politischen Mäklern mißbraucht werden, um ihre Nechenkuuststücke zu zeigen, indem durch zweckmäßige Zusaminvenstellung von Stadt- und Landrvahlkreisen die erstcren majvrisiert werden. Darum lautet unsere dritte Forderung: Trennung der Siadtwahlbezirke von den ländlichen Wahlkreisen. -Damit kann aber unser Programm noch nicht erschöpft sein. Man spricht hertte bereits von der Durchführung der politischen Autonomie in der «Form, daß der Besitzstand der Nationen durch natiormle Wahlkreise oder Wahlkurten gesichert wird. Sollte dieses Prinzip auch wirklich zum Durchbruche gelangen, so müssen wir unbedingt auch die Schaffung einer tiidischen Wahllnrie verlangen. Unter allen Umständen müssen wir aber die Forderung erheberr, in Galizien und in der Bukowina Mische Wahlörper zu schassen. In Galizier, wird sicherlich die politische Autonomie in der einen oder der anderen Form zur Geltung gebracht werden und wir können nicht dulden, daß man über etnen so großen, opferwilligen und ergebenen Teil der .Bevölkerung einfach zur Tages ordnuug tibergehe, weil sie Juden sind. Ich resümiere: 1. Schaffung der nationalen Autonomie unter Anerkennung der tiidischen Nationalität; 2. Einsührung des proportionalen! Wahlversah rens,- 6. Trennung der Stadtvon derr ländlichen Wahlbezirken,- 4. Schaffung von Mischer, Wahlkurien km Falle der Einführung allgemeiner nattonaler WahMrien; 0. Urrbedingie Schassuug von jüdisktreu Wahlkörperu in Galizien und in der Bukowina. Diesem Progranwr haben bereits hunderttausend« Inden in Oesterreich zugesttmmt. Zahllos sind die Vetsalnimlurrgerr, die ttt Böhinen, ÄtLähren, Schlesien und viel mehr irr Galizien und in der Bukowina stattgesuttden haben — in diesen Versamm ln »men ist der wahre Volkswille zum Ausdruck gelaugt, unbeeinflußt von opportunistischen Ingrediemien, unbeeinflußt auch von jenen Kreisen, die sich für geborene Fä'chrer des jüdischen Volkes gehalten haben. Die Fabel ist endgültig zerstört worden, daß dt« Repräsentanz, das Judentum nur dort zu suchen ist, wo man den Mrmd so voll ntmult rmd die Tasche auch voll hat. Dias jüdische Volk ist erwacht und nichts wird es mehr hindern, von seinen Forderungen urid Wünschen abznstehen. Diesmal ist es die Proontz, die voranmarschiert. Sie aber, rrreine Herren hier in Wien, Sie dürfen nicht zuvückbleiben. Sie dürfen die Masse, die draußen irr der Provinz einen ungleich schwereren Kamps z>, fiihreu hat, nicht verlassen, Sie nrtissen ihnen beistehen und Sie müssen sich zu ihnen gesellen und Sie roeriden dann nicht nur klug und nützlich für sich, sondern auch brüderlich an ihren Brüdern gehandelt haben nrrd Sie werden auch Ihren Pflichten diesem Staate gegenüber vollauf entsprochen haben. Bevor ich schließe, nröchte ich noch einen Einwand, der mir in letzter Stunde begegnet ist, widerlegen. Die Bewegung um die jüdische Antonomte soll dem Geiste des Judentums widsrsprechen, seiner Missiorc zuwiderhaudeln. Verbleiben wir einen Augenblick bei diesem klassischen Worbe Mission. Mit diesem möchte ich eine ganze Reihe von der Volksseele suggerierter Gefühle benennen, suggeriert von einem machtvollen Hypnotiseur, mm We Masse noch weiterhin zu seinem Zwecke anszunützen. Der Landesknecht, der für eine Lärme seines LehenSherrn fett; Leben lassen müßte,- der Bauer, der der Welt Brot geben muß, damit ein Gutsherr schwelgt nrrd praßt, der Arbeiter, der bei einem Hnngerlohn verkümmern und verderben^ muß, um Handel und Industrie nrrd nebstbei auch seinen Brotherrn blühen zrr lassen — diese alle hatten eirre Mission. Solange aber der Bauer, der Arbeiter diese Mission hatten, i-m Interesse weniger auf ihre Menschenrechte zu verzichten, solange hatte ihnen der Begriff wenig genützt, hat ihnen die Mission die Arbeit nicht geleistet und das Brot nicht billiger gemacht. Erst in dem Augenblicke, wo sie die Nichtigkeit dieser Phrase erkannten, konnte der Bauer seine Leibeigenschaft abschütteln, Hatte 'der Bürger seinen KonstttNttonMsm>rrs, vermochte der Arbeiter überhaupt seine Forderungen ansznstellen. Diese alle Haben jetzt keine Mission mehr, ö. h. sie haben jetzt erst die richtige Mission, nämlich zrr leben, und so gut zu leben, als es eben adht. Die M ission, daß wir das auserwählte Volk seien, anserwählt, um in Knechtschaft, Erniedrigung nrrd Not anderen zu dienen, auserlesen, um von jedem Wüstling nrrd Idioten beschrnützt zu werden, nur weil ihn eine arische Mutter geboren hat, auserlesen, nnr zwei- und dreimal schaffen zu müssen, unr nur ein Einfaches der Lebensführung gewinnen zu können, diese Mission wollen wir begraben, endgültig begraben. Nur wenn unsere Herzen wieder nur eiu Gefühl durch-! ziehen, -wenn nur ein Gedarrte unseren Kvipf beherrschen wird, die Erkenntnis von der Einheit aller noch so schr zersplitterten Teile des Mischen-Volkes zu eirrem nnteilbaren, nrrauflösbaren Ganzen, nur dann können wir sagen, mir haben unsere Mission gefunden, die Mission, glücklich leberr zu wollen. Wahlreform in der Wiener Kultnsgemeinde. Das allgemeine Bestreben, in den bestehenden politischen und nichtpolitischen Körperschaften den Geist eines gerechten Wahlverfahrens einzuführen, mußte naturgemäß auch auf die Kultusgemeinden eine reformierende Wirkung ausüben. In den Provinzen Oesterreichs haben sich mehrere Kultusgemeinden bereits das allgemeine Wahlrecht zu eigen gemacht. Und nun geht auch die Wiener Kultusgemeinde, bie vielleicht das schlechteste und ungerechteste Wahlverfahren in der Welt besitzt, daran, ihr Wahlstatut zu reformieren. Die.Angelegenheit liegt jetzt in den Bezirkskommifsionen. Es wird nun an den für die Kultusangelegenheiten sich interessierenden Korporationen liegen, sich mit der Frage eingehend zu beschäftigen und ihren Standpunkt in je einem Memorandum nieder, zulegen, damit das gesamte diesbezügliche Material vorliege. Einen Anfang in dieser Richtung macht der orthodoxe Bethausverein „Machstke Hadath", dessenObmanii,HerrM e i s e ls,mitdenWünschen eines Teiles der Wiener Orthodoxie an die anderen Vereine und zunächst wohl an die Bezirkskommissionen herantritt. Wir geben hier die wichtigsten Punkte dieses Memorandums wieder, ohne zu ihnen vorläufig Stellung zu nehmen. Die Angelegenheit ist von außerordentlicher Wichtigkeit und alle Parteien und Gruppen müßten sich an der Diskussion über diese Frage beteiligen, wollen sie nicht den gerechten Vorwurf auf sich laden, im wichtigsten Momente geschwiegen zu haben. Und nun zum Memorandum M e i s e l s, besten wichtigere Ausführungen lauten: In einer Zeit, in der das allgemetne Rechtsbewußtsein so weit gediehen ist, baß es nicht wie bisher das Wahlrecht in die polttischen Vertrettmgskörper des Staates an materielle Leistungen von ausschließlich einer bestimmten Kategorie knüpft, kann es kaum irgend einem Zweifel begegnen, daß das Wahlrecht in der: Vorstand der isst. Knitusgemeinde nicht von Gesichtspunkten niederer Art und getrübt eren Rechtsbewutztseins getragen sein dars. Ein Widerstreben wäre äußerndem Hier gmrz verfehlt und niützte notwendig nur zu Versuchen führen, dasselbe ans dem Wege des polttischen Kampses zu brechen, dessen siegreicher Ausgang kaum zweisethast erscheinen kamr. Andrerseits sollen aber auch die Grundsätze der Billigkeit nach oben hin nicht außer acht bleiben. Dies voransgeschickt, erscheine;: mir die bisher ansgetauchten Vorschläge nicht annehmbar, weil sie: a) einen allgemeinen und dnr'chschlaglenden Gesichtspunkt vermissen lassen m«5 daher nur zu neuen Reibungen fiihreu müßten; b) weil der Vorschlag von bezirksweise»: Wahlen den ganz zufälligen Umsta-Nd des örtlichen Wohnsitzes zu einer priniz-ipiellen Bedeutung erhebt, der ihm keineswegs zu- Lommt, und außerdem für geeignete Kandidaten auch bisher aus diesen: Umstande kein ersichtliches Hindernis herizuleiten war; e) weil der auf Einführung einer obligatorischen 10 X-Steüer und die damit verbundene Erweiterung des Wahlrechtes abzielende Vorschlag außer acht läßt: 1. daß die Eintreibung dieser Steuer eine große Zahl von Exekutionen erforderlich machen wird, und zwar gerade in jener; Schichten der Bevölkerung, die aus wirtschaftliche Schonung besonderen Anspruch haben,- 2. baß die Kosten dieser exekrrti'ven Etntreiburlg die Eingänge der neuen Steuern fast verschlinge»; dürften,- 3. daß diese Maßregel, welche in erster Linie auf die Eriveckuug vor; Interesse an den Angelegetthoiten des JrlSeutnms m den dabei in Betracht kommenden Be- ^völkerungsschichte»; abzielt, ganz dazu angetan erscheint, diese mit Verbitterung gegen dasselbe z>u erfüllen. Wenn dem gegenüber dennoch die Verteihung des Wahlrechtes iu die Kultusgemeinde an alle jene Personen lnännliche;; Geschlechtes, die in; Besitze der blirgerlichen Ehrenrechte, das 24. Lebensjahr zu rückgelegt haben und zrvei Jahre in Wien ansässig sind, in Vorschlag gebracht »vird, ohne Rücksicht aus eine Leistung an direkter; Stenern, so geschieht dies in Erwägnrig der Tatsache, daß dieselben fast durchgehends diessällige Leistungen indiEer Natur anfzuweisen haben, und zwar: a) stetige, bezw. periodisch wiederkehrende: 1. durch den Verbrauch des rituell geschlachteten Fleisches und der Osterbrvte,- 2. durch die Benützung des Ritualbades,- 3. durch Erstehung eines Sitzes in einem 'Gemeirtdebezw. Vereiusbechause; 4. durch Mitgliedsbettrage für einen der izMreichen Humanitären, Gegen seitigtetts-, Gesell igbeits-, wissenschaftlichen rrrch nationalen Vereine,- 8. durch Verabreichung von Synagogenspenden gelegentlich der wochentägigon Gottesdienste morgens und abends; bj einmalige Leist'ungen durch Erlegung der vorgeschriebenen Taxen bei: 1. Beerdigungen; 2. Beschneidungen,- 8. Trauungen; 4. Ehescheidungen bezw. CHEoch; 6. R^ligionsprüfungen. Diese Artfwendungen repräsentieren in ihrer Gesamtheit eine bedeutende Leistung, denen gegenüber die Entrichtung einer 10 X-Stouer in dtvektem Wege kaum nennenslvert erschetttt. Es liegt KKCDSrtFOTnCKr 5. niTTELPflCH Spitzwegerich-Extrakt H»h;r""**»''•8 ♦(PaJaie Wa«) fan Zeotnun der 9Udt. Appetit u. Evolbrung sow. d«n K0rp«r etlrkend. Prall K2 Die „Nationalzeitung“ erscheint wöchentlich 2mal und kostet vierteljährig K 3.