Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 5 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Juden! Leset und verbreitet die „Nationalzeitung“. Seite 2 scher Wahlbezirke mit jüdischem Gin schlafe ihr Dasein fristet. Der blühende, traftstrotzendc Jüngling von anno 48 hat sich langsam in einen absterveilden launischen Greis verwandelt, dem nicht mehr. daS Feuer edler Leidenschaft innewohnt, nicht mehr die Begeisterung für alles Hohe und Hehre, sondern der nnnmehr in seinem warmen Sorgen- ,'tlchlc griesgrümlich und wetterwendisch alles Erhabene in den Kot zerrt mifo nunmehr nur nach Raffe und Geburt beurteilt. Heute kämpft man nicht mehr für Freiheit und Gleichheit, heute kämpft man für Rassenreinheit und Jude »sperre. .Heute stürmt man nicht mehr die Barrikaden, heute stürmt man höchstens die Aemter, in denen noch einige jüdische Beamte vegetieren. Uitö wieso tam es, das? in kaum fünf Dezcnnien ein solcher Umschwung im Denken itu'5 Fühlen eintreten konnte? Weil das deutsche Bürgertum vergessen hat, das; Freiheit und Gleichheit nicht Phantome, sondern erstrebenswerte und faßbare Jedale sind, das;, rvie die Natur in allen Zeiten und Träumen das große Gesetz der Wechselwirkung befolgt, es auch die Solidarität der menschlichen Interessen verlangt, zwischen den einzelnen Nationalitäten und den einzelnen Menschen die harmonische Wechselwirkung walten zu lafseit. Die einzige Partei im deutschen Bürgcrtllm, die sich noch fortschrittlich nennt, liegt im tiefen Schlummer, und wie sieht cs sonst im deutschen Mittelstände aus? Tie Frrrcht vor den Notmützen treibt sie in das Lager der schwarzen Soutane. Das ist nicht Liberalismus, echter Freisinn, das ist verendender Kapitalismus, der seiner Ausgabe nicht mehr gewachsen ist und der sich überhaupt nicht mehr kennt, der statt auf dem golhcncn Wege der 'Mittelstraße durch eine gesunde, soziale, reformaL torische Gesetzgebung, die Gegensätze zu mildern und auszugleichen, die Waffe aus der Hand wirft und aus Furcht vor der Revolution, sich in die offenen Arme der schwarzen Reaktion wirft. Wie ein Märchen hören wir manchmal von unseren allen Erzählern oder lasen wir es, wie liberal die Liberalen einstmals waren, wie energisch und zielbewusst sie eintraten für die Postulate des Freisinns, selbst mit Hintansetzung der persönlichen Interessen. Und heute! Welch eiu Zerrbild des Liberalismus jammert nutz entgegen, keine Spur von Freisinn, nur Klassenvertretung, Mamelukentu m, Streberei. Ein Adann, der sich in glücklichen Tagen ein Bäuchlein angemästet hatte, sitzt behaglich bei seinem Mahle, als plötzlich der Schreckensrnf „Feuer" in seine Ohren gellt. So schnell als es ihm sein Bauch erlaubt, läuft er zur Türe und will die Treppe hinab, aber zu spät, das ganze Stiegenhaus ist in ein Ranchlind Feuermeer gehüllt. Diese Flucht ist unmöglich und es bleibt ihm kein Ausweg, als sich in Verzweiflung -durch das Feilster auf die Gasse zu werfen. Er langt unten heil an.'Er war in einem Sprungtuche aufgefangen ivordeil. Bon diesem Tage an war er, der beleibte Bourgeois, der enragierteste Turner und Springer. Nicht daß er selber turnte und sprang, beileibe nicht, er hat ja schon eitle Probe seines Könnens abgegeben. Er wurde »uv Vorstandsmitglied des Turnvereines. Ein oder mehrere Male war das deutsche Bürgertum, der Not gehorchend und nicht dem eigenen Triebe, für den Liberalismus gesprungen und rvar iurmer wohlbehalten im Sprungtuche der Böller angelarigt. Das war damals, als rnan sich noch den Luxus einer liberalen Schlappe gönnen konllte. Aber, heute sind die Zeiten andere. Heute ist man nunmehr Vorstand eines liberalen Tllrnvereines geworden, man ist ja schon für den Liberalismus gesprungen. Heute sollen die Juden liberal sein. Es wäre eine große Undankbarkeit, wenn wir vergessen, wieviel Wertvolles umdem deutschen Bürgertitln zu verdanken haben, ivie wacker es an rrnserer Emanzipatioll mitgehoksen hat. Aber genügt denn eine fortschrittliche Tat für alle Eivigkeit, hilft der Erilte in diesem Jahre der Regelt und Sonnenschein des vergangeuen Jahres? Freiheit und Fortschritt sind keine Begriffe, die man registrieren und e i »schachte ln kann, um sie in später Zeit, einer erstaunten Hörerschaft zil demonstrieren. Freiheit mi'i» Fortschritt sind das Leber«, die Wirtlichkeit, das Streben in Unendlichkeit, der einige Kamps um die Güter der Waschbar! rtassord ich* 1 Geruchlos! ^.r^j Nationalzeitung Nr, 5 | Micnschheit, Freiheit und Fortschritt kennen keine Partfe und.keine Rast. Sie sind das Perpctüum mobile der Zivikisatioir. Die deittschen bürgerlichen Parteien habur nicht nur die Hege wo nie. in Oesterreich verloren. Die find um den Frsiheitsgedanken ärmer geworden und an dieses 'deutsche Bürgertum haben di: Juden in Oesterreich ihre Geschicke geknüpft und da sie null über 100 Jahre dieser Politik die Bilanz ziehen wollen, entdecken sie zu ihrem Entsetzen das greuliche Defizit. Sie haben ans die .Herrschaft und den fortschrittlichen Geist des deutschelt Bürgertums ellredritte Satzpost gelegt. Der Fortschrittsgeist und die Macht sind in Konkurs gegangen und damit sind die Juden bankrott gemorden. Mer ttnil stehen wir, vor der wichtigen Frage: waS denn sollen mir tun? Wie wollen wir unsere Zukunft einrichten, was wollen ivir, was müssen mir tun, um uns zu beschützen? Wollen ivir etwa eine'Politik der Passivität spielen, wolleit wir ruhig und gelassen .warten,' bis wir vollkommen zugrunde gerichtet sind? Haben wir denn noch viel zlt verlieren? Proletarifiert nicht unser Mittelstand von Tag zu Tag? Ist nicht unsere Intelligenz zu einem Intelligenz-Proletariat hcrabgc funken und die großen jüdischen Massen, die nicht Proletariat nnd Nicht Intelligenz sind, diese Lnftmeufchen, die nur vom Zufall leben, sollen wir die Hand resigniert in den Schoß legen nnd warten, bis die Sintflut über uns herciubricht? Können wir jetzt überhaupt unsere Jnteresselr von den Interessen des österreichischen Staates jetzt trennen? Kanne es uns gleichgiktig fern, wie Oesterreich gestaltet werden sott? Die Judenfrage wird weder in Oesterreich noch durch Oesterreich gelöst werden, daran müssen wir festhalten, aber wir besitzen leider noch nicht die Möglichkeit, ein jüdisches Gemeinwesen nach nnseren Wünscheir eiiizurichten. Noch sind wir hier und ivir haben eilt Recht, von diesent Staate, dem wir treu lind ergeben dienen, zu verlangen, daß ivir so behandelt werden wie die andern. Noch halben wir hier einen gemeinsamen Feind, dessen wir uns ge in einsam erwehren müssen, und wir müssen hier die Vorarbeit zur großen Airfgabc treffen, die dem Jndenvolk bevorsteht, indem wir den Juden zu einckm selbständigen, aufrechten und ivehrhasten Manw erziehen. Wie köuueir ivir dies, aber, wenn wir dem Juden nicht ei»raa! die minimalsten Existenzbedingungen gewähren können, und rvie können wir hoffen, diese Bedingungen zu schassen, in eineni Lande, in dem Handel und Wandel stockt, in dem trotz des natürlichen Reichtums den Armen das Brot so teuer rvird, tu dem nationales Gezänk und Gezeter höher eingewertet wird, als die Sorge des TageS, in dem den Leidenschaften der Völler gehuldigt rvird, statt ihren Interessen zu dienen. Wie ivvllen wir in dem Lande -Oesterreich dem ökonomischen Elend der Juden steuern, wenn es den anderen Völkern schwer wird, sich die wirtschaftlichen Existenzbedingungen zu schaffen? Es ist der Selbsterhaltuugstrieb, der die Juden zwingt, an der Sanierung mitzuarbeiten nnd jeder Politik entgegenzutreten, die den Staatsinteressen zuwiderlänft. Die Politik, die Sie bisher gemacht haben, war eine falsche. Oesterreich sind nicht die Deutschen, auch nicht die Tschechen, noch die Polen, sondern alle guten modernen Manschen, welcher Sprache und welcher Nationalität sie auch seien, die ihren Patriotismus nicht allein in der territorialen Gemeinsamkeit, sondern in der Gemeinsamkeit der Aufgabe erblicken, alle Böller und Stämme dieses Landes zur gegenseitigen Achtung und Duldung und zur gemeinschaftlichen und friedlichen Kulturarbeit aüfzu rufen. Die Juden müssen daher alle jene Bestrebungen ilntevstützen, welche dahin zielen, die nationaleil Interessen von deil politischen und wirtschaftlichen Interessen zir trennen. Diese Bestrebungen finden ihren Ausdruck in deil Bestrebungen, um die Erreichung der nationalen Autonomie in Oesterreich. Die nationale Autonomie soll derr einzelnen Nationen das Recht geben, ihre internen Angelegenheiten, ihre kttn retten Allsgaben selbstständig, ohne fremde Einmischnng zu regeln. Tie Frage der Nationalität lind die kulturellen Pvstnlate der Nationalitäten dürfen nicht mehr ein Politikum sein. Sie mlissen ansgeschaltet werdelr lrnd auf dem Wege der freien nationalen Autononrie den einzelnen Völkern zur selbständigen Entscheidung überlassen feilt, damit für die wirklich großen Kämpfe, für die polMscheu und wirtschaftlichen Probleme freier Raum gcscl-afst lverde. In diesen Kampfe um die nationale Autonomie dürfen die Juden nicht fehlen. Sie müssen in erster Neiße mttmavschicren. Sie müsien aber, auch laut. und vernehmlich ihren Anspruch an der nattonalen Antonomie verkünden, denn die österreichische Staatskasse zahlt nichts aus, -was nicht mit Wucht an der österreichischen Liquidatur etngereicht und mit Beharrlichkeit und Fleiß urgiert wird. Sollten es die Böller Oesterreichs nicht wissen,. so müssen rvrr cs ihnen sagen. Es. gilbt hunderttau- 'sende Juden, . ja die überwiegende Majorität der Juden in Oesterreich ist cs, die das Bedürfnis hat, sich national und kulturell auAzuleben. .Wir müssen in diesem Augenblicke un'sere, Forderung laut erhöben, denn sonst wird sie am Zahltage nicht honoriert werden. Es kann heute niemand sagen, wann die nationale Autonomie erreicht sein wird, aber die Ansätze werden henke schon geschaffen. Mer vollkommen unrichkig ist es, ' daß die territoriale Wahllreiseinteilung, wie sie.nun geplant wird, den natioualen Streü auS der.Welt schafft, im Gegenteil, er wird nur umso hcfllger entbrennen. Jedes Volk will sich ausleben und will .seine kultnrelleu VMirfuistc befriedigen und kein Voll wird, es zulaffen wollen, daß von seinem Stenergullden die Wünsche anderer Natilonerr befriedigt werden. Es mutz notweudigerwerse' von der pokitischeu.Autonomie zur kirlturellen, zur natiortalen 'frömmelt und wenn dieser Enttvicklungsprozes; vollzogen sein ivird, ohne daß sich die Jitden vorher gemeldet haben, wenn eine natronale Autonomie in Oesterreich geschaffen wird, die'eine jüdische Nation nicht erkennt, dann werden die Juden an ihrem eigencu Le übe verspüren, wie kurzsichtig sie waren, ivenn sie meinten, dieser Zltstand des Ntchtexrftierens sei daS Ideal, das sie mit Sehnlsucht so angestrebt haben. Nehmen wir den Fall Wien. In Wien würde ein deutscher Natkonülrat herrschen. Dieser wird nicht nur administrativ, sondern auch wirtschaftlich -und >krrlturell herrschen. Können sie glauben, daß dieser deutsche Rationalrat auf die kulturellen Bedürfnisse der Juden in Wien Rücksicht nchmen wird, indem er die Erziehung der jüdischen Kinder nach dem Wuuische der Juden einrichtet, ober indem^ rr jü>diSsche Lehrer anstellen wird? Können sie hoffen, daß die'ser Nationalrat auch den ivirtschafttichen BMirsnissen der Juden Rechnung tragen wird, indem er Juden zu Beainten ernennt und die Steller herabsetzen oder gar abschreibeu rvird? Man hat in den letzteir Tagen :irr anderes Schlagwort gebraucht: Die nationale Autonomie »vürde den Inden das politische Ghetto bringen, d. h. die- Juden würden ihren politischen Einfluß verlieren. Die Juden? Wer sind das? Sind das die großen breiten Massen, der Mittelstand oder die Intelligenz? Oder ist das vielleicht eine kleine Clique von Leuten, die es verstanden hat, die öffentkiche Meinung zu fälschen und au Stelle der allgemeinen Interessen ihre persönlichen S»t fetzen? Wer hat etwas zu verlieren? Das jüdische Volk oder diese 'kleine Clique? Dietse Wahlmacher? Diese Politikaster? U.n>d rvas ist das Große, daS diese Herren nicht verlieren wollen? Eine Avlnenratsstelle, oder ein Amt im Bezirksausschuß, oder im Ortsschulrat, oder die Chancen, in eineur Juöenzelte bei eineni arischen Noboloseste lnittuu zu dürfen? Ich glaube, diese guten Herren träumen, weint sie vermeinen, einen politischen Einfluß zu besitzen. Jedenfalls aber ist das jüdische Volk nicht dazu da, seine Interessen der 'Eitelkeit und der Eigenliebe einiger Herren zu opfern. Und war um soll für itns die Autonomie, die sür alle anderen etivas so Schönes und Herrliches ist, etwas Schlechtes sein? etwa eilt Ghetto fein? Am 7. Februar 1800 hat der damalige Knltnsminister Baron Gautsch bei Beratung der Kultlts-gemeiudevorlageu wörtlich gesagt: „Es ist eitle eigentümliche Erscheinung, während sonst iit begreiflicher Weise jede tlteligionsgesettschnft den Kreis 'dee inneren dliigelegenheiteu möglichst weit zu ziehen wünscht, die grösttniögliche Autonomie in Anspruch nimmt, wird hier — bei den Inden nämlich — tu der Einslußnahme des Staates, eine Panaeee gegen alle Ntißstände gesucht. Dieser Staichpunkt war aber für die Regierung ein schlechterdings nnannelimbarer." Tieiselbe Moralpauke -könnteBaron Gautsch, nunmehriger Ministerpräsident, auch Pollenz echte Reform-Schweissblätter