Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 5 (19.1.1906)
- Date
- 1906-01-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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MmchtUMg Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Redaktion: IX/1» WassgaftL 81. Lelephotr Nr. 14-»». Sprechstunden r An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vorm. Postadresse: „Nationalzettung" Wien, IX|I. iMrtWtrOt» wegen verspStcier oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir UNS dringend. — Itzannrtrlpt« wer&n Ml<l»t xuriiekgerteiit. Postfvarkassen-Konto 47037. In daS Abonnement kann man täglich eintreten. Erscheint jede« Dienstag und Freitag. Nzeniiimer mit HeMszeber: Jabot Krens;. Inserate übttnehmen die firmen: 3. vanneberg, M. Hufes Nachfolger, yaasenstein tc Vogler, Rubolf Masse, M. pozsonyi, fl. Schalet in Wien, ferner alle kinnoncen.Lxpeditionen im fluslande. Einzel - Nummer in Wien LS Heller. Administration: Telephon AbonnementS-PreiS r Für Wien u. Oesterreich- Ungarn s. Frankozustellung: Ganzjährig. . . . L 12.- Halbjährig . . . . K Vierteljährig . . .K 8.- FürdaS gesamte AnSl r b Sangjährig . . . L 18.1» IX/1, Wasagastr 91. Nr. 14VSS Preis der Anzeigen: Diesmal gespalt. Nonpareillezeile oder deren Raum 12 h. „Gingesendet" die Sspaltige Nonpareillezeile Sv Heller. Bei mehrmaligen Aufträgen entsprechender Rabatt. Ptzrschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, Wien, II/3, Stefaniestraße 12; Robert Weiß, Wien, I. Jakobergasse 7. I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Uk. 5. Wen, 19. Jänner 1906 <82. Tedet 3666). VUL Jahrgang. Die pslitische Zukunft -re Juden. Von Dr. med. Isidor Schalit. Neide, gehatten in der anr 14. M. im Rvnachersaale stattgesundenen VolksvevsamMlnng. IM Jahve 1806 Vernichtete Kaiser Franz auf die-deutsche Kaffevwüvde. Gerade 100 Jahre herrisch, im Führe 1M6, legt Baron Gautsch dem österreichischen Parlament einen Entwurf des allgemetnen gleichen Wahlrechtes mit der Perspektive vor, die Österreichische M'ättkheit durch die nationale Autonomie zu heilen. Diese Jahre 1806 und 1606 sind zwei Marksteine in 'der österveichffchrn Geschichte, sie umfassen uNd fchlietzen endgültig eine historische Entwicklung — den Verlust der .Hegemonie der Deutschen In Oesterreich. Im Jahve 1806 ward der erste Schritt getan, Oesterreich, die Ostmark, von 'der deulschenGemetnschäft abizüfottdern. Wenige sind auserlesen, aus den Ereignissen ihrer Tage den Werdegang kommender Geschicke Au lesen. Welcher österreichische Staatsmann Hat im Jahre 1806 geahnt, daß der Verzicht des Kaisers 'Franz die Depossedierung der Deutschen in Oesterreich zur unausbleiblichen Folge Wden wivd? Allevdittgs, iM Jahve 1806 war die Gestchr nicht groß. Die Deutschen regierten in OeWrreich. Sie waren staVkmW Mächtig. Sie Hätten Nicht nUt die Machtsie.hatten auch das Wissen, die.Intelligenz — sie waren «der Staat. An ihren Kulturwert reichten die slawischen Völker nicht heran. Mer das 19. Jahrhundert, das so viele Nationen geeinigt und so viele Nationalitäten ge- 'schäffeu hat, daß es mit Recht das Jahrhundert dev MtionaNäten genannt werden kann, dieses Jahrhundert der Nationalitäten trennte nicht die Völker voneinander, sondern brachte sie zueinander. Dieses 19. Jahrhmidert 'legte Bretter Uber die Meere, ließ die Eisenbahnen erstehen Und' förderte Vevbin'durlgsrvege m»d Mittel zutage, die früher nicht etträttnlt lverden konnten. Der Fortschritt in der Technik und die großen Erfindungen benahmen den einselnen Nüttonalitätett ihre Evkttisioität. Die Völker kamen einander näher ütid sie lerilterr voneinander. Und wieviel haben die slawischen Nationalitäten in Oesterreich gelernt! Wie mächtig sind sie kulturell fortgeschritten! Wie trefflich haben sie es verstanden, sich wirtschaftlich uW politisch zu organisieren! — KulturdiffereNzeU zwischen Mitgliedern des deutschen Volles und 'bebfpiellveffe des tschechischen heute zu konstatieren ist «keine so leichte Sache wie im Jahre 1806 nnd da 'die slawischen Völker zum Bewußtsein ihrer Kraft und ihrer Macht und ihres Wertes für Len Böstaird Oesterreichs gekommen sind, haben sie den Deutschen das Gestttlldnis abgernngen, daß Oesterreich kein deutscher Staat, sondern ein vielsprachiger Staat ist. Das Jahr 1606 mit dem Ausblicke auf eine nationale Autonornie beschließt die Entwicklung, die mit dein Jahre 1806 begonnen hat. Im Jahre 1806 beries 'Napoleon das Synlwdrivn der Juden ein, nachdem 16 Jahre vorher, 1791, die Nationalversamnilung auf Antrag Mirabeaus die volle Gleichberechtigung der Inden ausgesprochen hatte. 1806 wurde der jüdische Status geregelt und die Assimilation offiziell eingeleitet. Im Jahre 1606, hundert 'Jahre hernach, stehen die JNöen vor o'ffenen Gräbern und beweinen nicht allein taufende ihrer Brüder und Märtyrer, sie beiklagen auch zerstörte Hoffnungen — einen 'erstorbenen Traum — und sie beklagen die Illusion, Laß Freiheit und Gleichheit, die sie mtterWurpst haben, buch ihnen Anteil werde. Wieder wurde in Rußland geplündert und gemordet, wieder wurden Greise verstümmelt, Kinder bestialisch gemordet, Frauen geschändet, wieder tränkte jüdisches Blut eine fremde Erde und die jüdische Welt ist ein Dal des Jammers und des 'Elends geworden. Hundert Jahre der treuesten Mitarbeit an allen Gütern der Menschheit, 'des selbstlosesten Verzichtes aus nationale Selbständigkeit und nationale 'WAÄe waren ein« v«^WbWx nrrh Hoffnungslose Arbeit. Diese hundert Jahre umfassen eine Entwicklungsepoche des Judentums, die nun mit dem Bankbruche der Assimilation geendet hat. In Rumänien würden die Juden als vaterlandslofe Gesellen hinausgetrieiben. In Rußland werdest sie als zu eifrige Patrioten hin geschlachtet und in Oesterreich müssen sie für das erbärmlichste Dasein den erbittertsten Kamps führen, stets itt der Furcht, was Set koumlettde Tag bringen mag, stets in der Besorgnis, daß die russischen GEel sich in österreichischer Fassott auch itt unserem Bande wiederholen könnten, so wie «in böser Wind deN Sattiett des Unktänies auch in die bMendsten Felder zu werfen vermag. Das kontinuierliche Angstgefühl hat Sitz Wdische PoNttt in den abgvlaufenen 100 Jahren beeiuslußt. So suchj ten sie den Anschluß an die Gemeinschaft der Völker, Um in i'HNeN ttnterzutzehen. Und wie aufrichtig Huben wir uns bemüht, uns in dieser Grsell- 'schäft zu erhalten. Haben wir uns nicht Mit unserer ganMn Sinnesart dem Milieu augepaßt, das UNs umgab? Haben wir nicht gelernt, die Sprache der Völker zu sprechen, wie sie selbst? Haben wir nicht Kunst und Wissenschaft bereichert mit ehrlicher Mühevoller Arbeit? Sind wir nicht in das Gemüt der Bolks'seele eingedrungen in den schönste« Medern bis hiUa'b zu Leu Gassenhauern jüdischer Dichter und Sänger? Dienen wir nicht treu und ergeben dem Staate? Ist unser Patriotismus schwächer a'ls 'der andere? Ja, Jude! Du darfst für das Vaterland dein Mut verspritzen, Über du sollst nicht Offizier werden! Du darfst der Wissenschaft dienen, aber eine Lehrkanzel darfst du nicht bekommen! Du darfst und du sollst und du mußt '»er beste Patriot sein, aber in der; Verwaltungsdienst davfst du nicht, du darfst auf den Hochschulen lernen und streben, aber über Arier sollst du kein Urteil sprechen dürfen! Das ist das Resultat der AUimilatiouspolitir oder, richtiger gesagt, der Bündttispoliti'k mit den Deutschen. Die Situation, in der sich die Inden befin- 'den, stellt sich folgendermaßen dar: Ein Mann geht in Gedanken versunken über eine Briicke. Wie er auWaut, bemerkt er zu seinem Entsetzen, daß der Muß ausgetreten ist und weit und breit Land «und Stadt überflutet. Die Not ist groß. Das Wasser führt schon Merlei Hausgeräte mit sich, nur fein Haus steht noch, zwar schon eittgeschloffm von der brandenden Flut, aber es steht noch. Statt nun hittlzueilen und zu retten, was zu retten ist, und sich und di« Seinen auf jenen hohen Hügel zu bringen, der ihnen Schütz gegen jede Wassergefahr bietet, packt ihn die BerzwÄflrmg und er springt in das Wasser. Die Inden suchten sich vor döm Ertrinken zu retten, indem sie itt 'das Wasser sprangen, indem sie sich assimilierten. Aber sie irrten sich. Sie sprangen iN keinen strömenden Fluß, der sie aufgenömüien Und versenkt hätte bis itt alle Ewigkeit. -Sie sprangen in eiNeü Sumpf, itt einen Morast, sie sprangen weich, Mer sie sprangen nicht tief, denn sie blieben stecken, sie wären nun assimiliert. Aber diese Situation beginnt Men Mig M werden. Sie wollen herMts NM nun stramMN sie und zappeln sie und je mehr sie es tun, destb tiefer sinken sie ilNd so reicht Mett der Morast 'schon bis an den Mund. Der Erfolg ihres Sprunges MV, Mtz zN den alten Motiven des Judenhasses, wie Fanatismus, Brotneid ufw-, sich ein neues Moment hinKugesellte, die ReaMon der Völker gegen die MfsiM'ikatton der Juden oder, wie es in Oesterreich heißt, der Kampf für die Raffenreinheit. Achtzehn JahrhuWerttz gehen die Juden fchon in eine fremde Schiffe und sie sind noch nicht über t ie AiÄ'CMaffe hiNNusgekommen. Sie wissen noch 'NMier MW, daß sie Nicht Deutsche Noch Tschechen uöch PvleN sind, sondern daß sie eine eigenärs tige, itt sich «bgeischlvffene Geiellschaftsgrilppe sind, NNr «das verpönte Wort von der Mischen Nation zü veiwri'öen. Daß sie ihre eigenen JutecesfeN und ihre eigene JNtereffeuuertt'tztuNg nötig HMeü. Mtz sie einen gemeiusMien Feind besitzen uüd ge- MeiNsäM sich Mützen müsscu, und Noch imune geben sie es auf, Mer neu aufstreben'den Partei als Bahnbrecher zu dienen. Die Juden sind noch immer keine Jirden. Sie griindeu noch immer Neue Parteien und bilden mit ihren Dickschädelrl die Puffer, mit denen alle andern Parteien einander anrennen, uud wenn der Zug glücklich rangiert ist, dann rollt er von dannen, aber ohne uns» wir werden auswa'ggouiert. Soll ich Sie an die deutschen Parteien erinnern, die sich der Inden so sehr bedienten, um sie im gegebenen Augenblicke im Stiche zu lassen? Soll ich Sie daran erinnern, was von der deutschen Linken zuriickgeblieben ist un'd daß der schwache Rest, die Deutsche Fortschrittspartel, sehnfiichtig den Slnschluß an die Deutsche Volks- Partei, an eine nnttsenlittsche oder bestenfalls eine asenritische Partei sucht? Die deutschen bürgerlichen Parteien haben nicht Nür ihr« Hegemonie in den letzten« Hundert Jahren eingebüßt. Sie haben auch in dem nationalen Kampfe, den sie führen, ihren FreiheitsgedaNkeil zirrückgestellt. dllle deutschen Parteien sind hellte judenfeiNdlich, eine eintzige ansgellomnl'eli, die Deutsche Fortschrittspaiboi, die airs der Krippe der Hande'lstam'Nlern mld einiger städti- »m- Die nächste NMmer erschewt Dienslng den 23. Jänner.