Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 4 (16.1.1906)
- Date
- 1906-01-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Juden! Leset und verbreitet die „Nationaizeilung Seite 2 Jür. 4 Behandlutlg der Fmge durch die sc^ialderMkvatifchen Führer, die wöhl den anderiti Nationalitäten eine Sonderorgarti'salion zugeMe, nut den Fb-en nicht, die sie mit ihren nationalen Forderungen stets zurückweifen. Die Resolution wurde gegen eint bedeutende fvMl!demo7ratische Nlkiirotität angenommen. A«s»»«derer als AusdentunßSodjrkte. 'Ji ctujjo v f, (i'iiöe Dezember 1!)U5. Die Anhäufung jüdischer Auswanderer in österreichischen Städten, die aus verschiedcntlichen Gründen nicht weilerbefördert lverden können, wird in manchem Leser die Ansicht erwecken, daß die östlichen Juden im allgemeinen ein schlechtes Austvallderungsmateriai abgeben. Es dürfte daher die österreichischen Leser interessireen, zu erfahren, lvie amerikanische Llntorilaten über diese Frage denken. Ihr Blatt hat seinerzeit die Nachricht gebracht, daß der bekannte New Yorker Arzt Tr. Moriz Fischberg im Austrage der Washingtoner Regierung vergangenen Sommer eine Studienreise in die europäischen Allswanderungsgebiete unternahm. Nun wurde der Bericht des gelehrten Fachmannes veröffentlicht. Bei dem großen Ansehen, das Dr. Fischberg in Anierika genießt, ist es kein Zweifel, daß seine Beobachtungen uitd die Schlüsse, zu denen er gelangt, die im Verlaufe des diesjährigen Kongresses zu erwartende große Debatte über die Einwanderungsfrage sehr stark beeinflussen werden. Aus dem sehr umfangreich Berichte, der sich arich mit den aus dem Orient kommenden Auswanderern beschäftigt, sei hier nur derjenige Teil berührt, der Ihre Loser näher interessiert. nämlich die Beurteilung der aus Rußland, Rumänien, Oesterreich und Ungarn stammenden Einwanderer. Dr. F i s ch b e r g konstatiert im allgemeinen, daß das schlechteste Einwanderungsmaterial aus dem Orient (Syrien, Aegypten, Türkei) und aus Italien komme. Interessant ist die Entdeckung, die Tr. Fischberg in F r a n frei ch und Italien gemacht hat. Ta gibt es eine ganze Anzahl sogenannter „Auswanderer-Aerztc", deren Hauptgeschäft es ist, die wichtigsten Ktrankheiten, welche die Landung in Amerika unmöglich machen, lvie Trachom und andere infektiöse Augenkrankbeiten, „rasch und sicher" zu „heilen". Diese Aerzte haben ein Mittel, durch welches sie Trachome wollt nicht heilen, aber so geschickt „übertünchen", wie Dr. Fischberg diese „Kur" nennt, daß die Krankheit nicht auf den ersten Blick erkannt wird. Diese Aerzte, deren Namen und Adresse in dem Berichte genau angegeben sind, stehen mit Agenten von Schiffahrtsgesellschaften, deren Namen ebenfalls im Bericht angeführt sind, in Verbindung und bereichern sich an den (Groschen der armen Auswanderer, die erst im Einwandernngslande die traurige Erfahrung machen, daß sie Schwindlern und Betrügern zum Opfer gefallen sind, denn «. bie Untersuchung der Einwanderer gerade auf Trachom wird von sehr geübten Aerzten auf bas peinlichste vorgenommen, tntd die tneisten dieser „Kurierten" lverden erbarmungslos deportiert. Einem S ch tv i n d e l i n ent g e g e n - g e s e tz t e r R i ch t li n g fallen oft Amslvanderer aus R n ß l a n d. O e st e r r e i ch und anderen Staaten zum Opfer, deren Wanderung über Deutschland uitd Holland führt. Da werden oft gait', gesunde Menschen von Schiffsagenten für „augenkrank" erklärt, dann zu gewissen Aerzten geschickt, von denen die Bedauernswerten ausgebeutet werden, so daß sie den Hilfsvereinen zur Last falten müssen. Bleibt einem solche» Jrregeführten noch etivas l^>eld übrig, so redet ihm der Agent zu. eilte Schiffskarte zweiter Klasse zli lösen, damit er desto sicherer in Anierika landen könne. Diesen Einwanderern »vird die Landung natürlich anstandslos gestattet, denn sie sind lind tvaren za vollkommen gesund, aber sie schreiben dies der Tüchtigkeit ihres „Doktors" zu, der sie so „rasch uitd sicher" von „gefährlicher.Krankheit geheilt" hat. Diese Gefoppten, die keine Ahlinng haben, daß sie einer organisierten Schwindlerbande ^sssard ich! Gsruehloä! ZUM Opfer göfällen sind, werden dann selbst zu freiwilligen Agenten des „tüchtigen Doktors", VeN sie ihren Bekäiniten nitö NektvanbtAi in der altetl Heimat „belleils" eiitpfeblen. Bin ckllgemeinen geben die jüdischen Einwanderer aus Rußland» Oesterreich, Ungarn uitd Ruinänieli ein gutes Material ab. Die meisten von ihnen nehmen auch entsprechendes Barbertnögen von Häufe mit, iverüetl jeödrf) unter» lvegs bis juiit letzten Heller ansgetvnchert. So entstand baiin in Amerika das unbegründete Urteil, daß die Juden aus diesen Ländern als Bettler nach Amerika konnnen. Dr. F i s ch b e r g weist daraus hin, daß ein großer Teil derjenigen, die nach Amerika komincn, ursprünglich die Absicht hatte, in ein anderes Land auSzuwandern, aber Schiffsagenten in die Hände gefallen silld, die ihnen das Geld abnahmen und eine Schiffskarte nach Amerika einhändigten. Der Auswanderer weiß sich in solchen Situationen nicht zu helfen und ist gezwungen, sozusagen mit gebxmbener Marschroute wider Willen nach Amerika zu fahren.' Gegen alle diese Uebelstünde empfiehlt Dr. F i s ch b e r g die Einrichtung von Schn ß - st a t i o n c n f ü r Auslvande r e r aus europäischer Seite. Die Auswanderer sollten von verläßlichen Aerzten untersucht werden, noch ehe sie die Schiffskarten lösen. Außerdem müßten die Hilfsvereine diesen unerfahrenen, unwissenden Menschen auch im Notfälle R e ch t s s ch u tz gewähren gegen Schwindelärzte linb Agenten. Auf diese Weise würden die Auswanderer von vielem Jammer und Elend verschont bleiben und die Kassen der Hilfsvereine würden nicht so oft in Anspruch genommen werden, ohne daß die Auswanderer an ihr Ziel gebracht lvürden. A. G r ü n e r. Der jüdische Frauenbund Deutschland. ru Unter stattlicher Beteiligung der Delegierten «der angeschlossenen Frauen vereine und zahlreicher Gäste trat am 27. Dezember v. I. im Repräscntantensaale der jüdischen Gemeinde der vor eineinhalb Jahren gegründete Indische Frauenbund zu seiner ersten Tagung zusammen. Bon nah und sein waren die im Dienste der Wohlfahrtspflege stehenden, um die Sache der Armen und Bedrückten sich mühenden Damen eingetrvssen. Es hatten Vertreterinnen entsandt Berlin (20 Ddlegiertei, Eharlvttenburg, piipdors, Spandau, Prenzlan, Siargard, Kottbns, Leipzig, Dessau, Posen, Graetz, Alannheim, Hamburg, Lübeck, Bremen, Frankfurt a. M., Svldan irsiv. Insgesamt »raren nahegn siebzig Delegierte annvefeub. Utn tO"/. Uhr vormittags erbssneie die verdienstvolle Begründerin des Bundes, Fräulein B e r t h a P a p pe u h e i m - Fraiiksurt a. Bl., die Beratungen mit einer wohldnrchdachten, glänzenden Allsprache, in welcher sie die Ziele und Zwecke des „Jüdischen Frauenbundes" darlegte, welche darin gipfeln: „Die Massen der jüdischen Frauen anzuregen iHi'b fähig zu machen, svivvhl ihre allgemeinen Fränenrechte und F rauen- Pflichten int Staate und in der politischen Gemeinde rvahrzunehinen, als auch ihre Pflichten und Rechte innerhalb ihrer speziellen Religivnsgemeinschaft ntU Würde und Kraft nach innen und außen zu vertreten. Was die äußeren Ziele des Bundes betrifft, so decken sie sich mit denen der Franenbsivegnllg überhaupt. In unserei» großen Streben »vollen »vir nichts anderes, als was die Frauen im Allgemeinen auch wolle». Wir haben jedoch auch »»och Ausgaben als jüdische Frauen. Ein uralter Adel ist es, der uns verbindet. Der Adel besteht darin, daß die geistigen Errungenschaslen ans ethischem nn'd geistigem Gebiete, die »vir vertreten und unsere Vorfahren seit Tau'selldell vo>» Jahren vertraten, uns znsaininensühre» und von uns ans die anderen Religionsgemeinschaften nbergegangen sind. Mit Stolz tönnen ivir ans unser Adelsgeschlecht blicken. Dadurch haben uür aber auch die Pflicht, das Adelsschild zu verteidigen und nicht beflecken zu lassen. Ob ivir diese Verteidigung ans religiösen Rücksichten vornehmen und die Formen, die unserer Religi'on zu geh öre n, als springenden Punkt in der Verteidigung anselien, ob ivir die Formen neuer Pollenz echte flejwiWn nniittö mir für ötft ethischen FOait erwärmen kßünen, ist für die Ziele LW Vüüdes ohnr Velöüg. Jedet jüdische Verein bringt dem BitNölk etwaS, was zu iihtn gehört, was Ojr gemeiMin veMidigeli müssen. Der Erfolg des BuMö wird ein öreistichör seit»: Et wird das Bereiüßlebeü du sich vcrvöllkoMinnen ustd vertiefen, ftir jedcti einzAti^n Wretn Mt gewisse Schnur ng biingeii, «nö tiüest ist bei Kelt eint Stidere Stellung briirgcn nüd die jüdischen Frauen als solche vor einen ungc'ahnteu Pflichtenkrets stellen, mit dessen Erfüllung wir Großes schaffen können. Durch den Bund sollen die Frauen mtf die Lchädrn und Rückständigkeiten im gegenwärtigen jüdischen BercinSleben aufmerksam gemacht werden, und sie sollen die Einsicht und die Gewandtheit erwerben, diese Rückständigkeiten mit Erfolg zu bekämPfen. Viele Frauenvercine, die speziell Fraueninteressen und Interessen von Mädchen und Kindern vertreten, stehen entweider ganz unter Männerverwaltung oder nominell unter gemischter Verwaltung (Kindergärten, Waisenhäuser, Spitäler, Krankenpflege-, Be'kleidnngsvereine, sogar H'anshaltnngsschnten). Iw der Hilfsaktion für die Opfer der ruisischen Metzeleien haben die Frauen bisher nichts getan. Die größten Vereine, die alle fürs V-oU, also für die «Gemeinschaft von Männern, Franen und Kindern arbeiten, entraten bisher noch vollständig der Mitarbeit der Frauen, so der Galizische Hilfsverein (Jnldnstrien), die Baron Hirsch-Schulen, die I. E. A. lKolonisation), der Hilfsvevem der Deutschen J'nden (Auswandernng n'sw.), das Tent'sche Ziveigkomitee zur Bekämpfung des Mädchenhandels. Es ist dringend notwendig, daß sich die Frauen in alle diese Gebiete, in denen sie eigentlich tätig zu sein hätten, einarbeiteten. Es muß allerdings zugegeben werden, daß die Mehrzahl der im südlschen Verein sieben stehenden Frauen heute noch nicht einsichtig dnrchgebikdet und gewandt genug ist, N'NI in den Arbestsgebieten heute schon als Mitarbeiter eingereiht zu werden — die Bereitwilligkeit der Männer dazu vorausgesetzt. Aber ich sage absichtlich die Mehrzahl der im jüdischen Vereinsleben stehenden Frauen; denn j-ndische Frauen, die an nud für sich die Eignung für diese Arbeit haben, deren gibt eb auch heute schon eine stattliche Anzahl. Nur ist es sehr bedauerlich, daß es Frauen gibt, die ihre ganze rutellecktuellc Veranlagung, die Schärfe ihres Verstandes so'ivohl wie einen feinen Sinn für soziale Betätignng ihrer jiildischen Herkunft verdanken und dennoch einen Stolz darin setzen, sich restlos der Majorität anzuschließen, und alles daran setzen, ihre Zugehörigkeit zur Minorität zu. verivischen und zu verlöschen. Diese Frauen, die führend in der allgemeinen Wohlfahrtspflege sind, versagen, ivo es gilt, vorbildlich und belehrend für unisere große Gemeinschaft zu wirken; sie werden sogar unlogisch und ungerecht. Selbst diejenigen, die in die Tiefen der GesellschastAfchichie» steigen, um in den gesunkenen Frauen noch den Akenschen zu finden, siirden in der jüdischen Frau nur die Jüdin, für die sich nicht zu interessiere» als kosmopositisrh und tolerant gilt. lEs ist heute eine größere Schi räche, sich von uns zu wenden und denen anzn,schließen, die da sagen: „Es interessiert mich nicht, es ist nur konfessionell." Aber wenn man in deui „nur konfessionell" alle die llngerechtigkeiteri geschelien lasse» null, wie sie geschehen, dann ist es eine äb'solnre '.stolivendigkeit, daß wir uns znfa Mine »schließen. Ich zweifle nicht daran, daß, ivenu das Vereinsleben nn Bunde belebt, nmgestaltet und organisiert wird, sich FraUen entwickel» werden, die, ohne ihre Zttgehvrigieit zur jüdischen Gemeinschast zu verivischen, tüchtige soziale Arbeiterinnen iverden. Die nächste Ausgabe des Bundes, die mehr nach außen gehe» »vird, »vird eine N'mgestaltung der herkömmlichen Art der jüdischen Wohltätigkeit in eine rationelle Wohlfahrtspflege sein »iHissen. Denn tue»,n auch Religion Privatsache ist und Wohltiin ein Gebot unserer Religion, so ist Wohltätigleit lieute längst nicht mehr Privatsache, sonder» eine wichtige öffentliche Angelegenheit, in deren ^lehandlttttg dem Einzelnen unter lluistände» ei» großes und schiveres Stück Berantworl n »g.zufüllt." Alsdan» ergrisj Fräulein Lido nie Werner-Hamburg zu ihrem Referate: ,/D.ie W n teil n a h »i e der j ü d i s ch e » F r a u a n d e v G e »n e i » d e - A v m enpsl e g e" das «Iliettll! Kvform=$chwei$$bUilter