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Nationalzeitung · 1906-01-16 · Heft 4 (16.1.1906) · page 1

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 4 (16.1.1906)
Date
1906-01-16
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Erscheint jede« Dienstag uud Freitag, gifjtnimtttf »ud Keransgebkr: Jakob Krans;. Inserat« üben,«hmen di« firmen: 3. vanned«rg. ITT. Pufcs Nachfo!g«r. Naasenstein k Vogler. Rnöolf atoffc, M. pozsonqi, fl. Schalrk in Wien, ferner all« Annoncen.Expeditionen tm Ausland«. Einzel - Nummer in Wien IS Heller. Berschleißfteüen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I. Wollzeile 11; Verlag „Zion" Wien, II/3, Stefaniestraße 12; Robert Weiß, Wien, l. Jakobergasse 7. Kr. 4. Pi*», 16. Jänner 1906 (19. Tedet 5666). VIII. Jahrgang. Kedattlion: IX/1. Wafagsssr 61. Lel-Phon Nr. 1478». Sprechstunde»» : Au Wochrntagkn von 10 dt» 12 Ndr von«, «ostadreffc: ..NqtiSmrlzrttuug" Wie». >Xj<. Bwttttrdffl wegrn vkrspLteier oder gar nicht «rfolol.r gi>- stellvng erbirrrn wir m>» drinaevd. — verttr» ntti»» ruriietlgttieltt. PeMpaekaffev-KriUo 47037. I» da» Nbonnrmntt kam, mau täglich emtreicn. Administration: r'elcphvn RbonvementS-PretS r Für Wie« u. Oefterretch- Uugaru s. FrankoziiNkll'mg: Vanzjährrg . ... ii IS. - Halbjäbrig . . . . K Blcrteljübtifl . . . K 3.- FÜrdaS gesamte AuSl d «an»j«hrig . . . K 15.13 IX/l, Walagastr 31. Nr. 1473». Preis der Anzeigen: Die Kmal gefpalt. Nonpareille« zeile odrr cereu Raiim 11 d. ..Eiugescndet' ,Ie31pailige Nonpareillezelle 50 Heller. Bei mchimaligen Aufträgen entsprechender Rabatt. Ein Tng der Wiener Jude«. Nachdein ungefähr 600 jüdische Volksversammlungen in der Provinz des Reiches die ganz entschiedene Erklärung abgegeben, daß die Juden Oesterreichs nicht gewillt seien, Lei Durchführung der Wahlreform in Österreich ebenso leer auszugehen, wie sie dies bisher bei allen Gesetzesvorlagen gewohnt »varen, kam vorgestern, Sonntag den 14. ds. die Wiener Judcnschaft zu WoAe. In drei großen Versammlungen in drei verschiedenen Bezirken der Reichshaupt- und Residenzstadt verkündeten ehrliche, für das Wohl des Judentums arbeitende und sich aufopfernde Männer den Willen des jüdischen Volkes, an der Erhaltung des österreichischen Staates Mitarbeiten zu wollen, wenn ihm . in dem großen Staatsgetricbe jener Platz eingeräumt wird, der einer opferwilligen und arbeitsfreudigen Nation zukommt. In allen diesen Versammlungen hat es sich gezeigt, daß der heilige Kampf, den wir'zu fuhren haben, sich nicht so sehr gegen die andersgläubigen Anhänger anderer Nationalitäten als vielmehr gegen diejenigen zu fuhren sein wird, die sich als imkere Führer aufdrangen, wenn es gilt, Nepräscntationürechte auszuüben, sich aber in ihre glänzenden Salons zuüickziehcn, wenn es heißt, das Recht des jüdische:! Volkes zu vertreten. Auch die Gegner der Form, lvie wir nnfercu Teil an der staatserhaltenden Arbeit für uns in Anspruch nehrnen wollen, haben sich ans dem Volke rekrutiert icub nicht ans den .streisen der Großjuden, die ihre Konventikel in Lembca-g sowohl wie in Wien hinter geschlossenen Türen und in Anwesenheit vorher politisch zensurierter Vertrauensmänner abhalten. Tie drei großen Versammlungen am letzten Sonntag haben uns viel Lehrreiches gebracht. Wir werden an der Hand deS gewonnenen Materiales und aus Grund der Erfahrungen, die wir am letzten Sonntage eon'acht, auch unsere weitere Aktion einrichien. Keine Hintertreppenpolitik, keine Jntrigue, kein Versteckenspiel und auch keine Drohung mit der Macht wird uns abhalten können, für die Rechte des jüdischen Volkes auch gegen den W'llen derjenigen, die sich heute noch Führer der Israeliten dünken, so lange zu kämpfen, bis es erkämpft sein wird. Im nachfolgenden geben wir den Bericht unserer Berichterstatter über den Verlauf der drei Versammlungen. Die einzelnen Referate holen wir sukzessive nach. Mit der Tagesordnung „Die politische Zukunft der Juden in Oesterreich" fanden Sonntag liier drei jüdische Volks versammln n-gen statt, die zur Neugestaltung der nnerpolitischen Verhältnisse durch die Wahlreform Stellung nahmen. In zwei Versammlungen kam es zu lebhaften Auseinandersetzungen zwischen Jüdisch-nationalen und Sozialdemokraten. In der Versammlung im R v n a ch e r s a a l hatte 'der Obmann des zionistischen Landeskomitees Dr. med. I. Schallt das Referat. Er führte aus, daß sich die Juden hundert Jahre lang alle Mühe gaben, in der Kultur der arischen I Völker aufzugehen. Speziell in Oesterreich haben sie sich den deutschfreiheitlichen Parteien angesch losten, die allein für sie eingetreten sind. Der Erfolg war, wie sich jetzt zeigt, kein großer, von einer Gleichberechtigung der Juden ist heute nur auf dem Papier die Rede. Es wäre ein großer Undank von den Juden, wenn sie vergessen würden, was sie dem deutschen Bürgertum schuldig sind. Aber angesichts der nationalen Bedrängnis und des Ansturms der Reaktion hat das deutsche Bürgertum, haben die dentschsreiheitlichlen Gruppen größere Sorgen, als sich um die Schmerzen der Juden zu kümmern. Der Selbsterhaltungstrieb zwingt die Juden, selbständig au der Sanierung der politischen Verhältnisse in Oesterreich mitzuarbeiten und eine Politik der Staatsinteressen zu treiben. Sie müssen alle Bestrebungen unterstützen, die die nationalen Interessen von den wirtschaftlichen und politischen trennen, und das sei die n a t so n a l e. A n t o n o m i e. Diese aber müssen auch die- Jkoen beanspruchen, wenn sie in Oesterreich kommt, weil sonst ihr Untergang besiegelt ist. Würde in Wien z. V. ein deutscher Nationalrat irgendwelche Rücksichten aus die JUben nehmen? Der E'in'wand, daß die Juden dadurch ihren politischen Einfluß verlieren, gelte nicht, weil aUch heute weder die arme n Juden noch die jüdische Intelligenz, sondern bloß ein paar reiche Herren ans Kosten der Juden Po- Irt'if machen. Die nationale Autonomie wäre allerdings ein Unding ohne das allgemeine, gleiche Wahlrecht. Neben der Autonomie aber verlangen die Juden zweitens innerhalb des allgemeinen Wahlrechtes ein P r oportio n a l - recht zuM Schutze der nationalen Minoritäten. Die J'il'deu sind in Oesterreich an Zahl stärker als die Italiener und nicht viel schwächer als die Slowenen und erheben danach ihre Ansprüche. Das dritte Postulat ist die T r e n u u n g von Stadt und Land bei der Einteilung der Wahlkreise zur Vermeidung der Majvrisiernng. Sollte das Prinzip des nationalen Wahlkat'asterS dUrchdringen, so verlangen sie viertens auch eine jüdische Kurie, insbesondere aber jüdische Wahlkörper in Galizien und der Bukowina, ivo man nicht über ein Zehntel der Bevölkerung einfach zur Tagesordnung übergehen kann, weil sie Inden sind. Endgültig ist die Fabel Vorbei, daß sich daS jüdische Volk von einigen reichen Lünten vertreten lassen könne, und ebenso die andere, daß es dazu ausevwählt sei, sich von allen Nichtjnden unterdrücken zu lassen. Das Judentum könne seine Interessen nur allein vertreten. (Lebhafter Beifall.) Advokat Dr. B a u m g a r t n c r tritt gegen . diese Forderungen aus, weil durch jüdische Abgeordnete die Juidensrage nicht gelöst sein werde und weil die Juden mangels einer gerne infamen I Sprache kein VE seien. Er werde sich sein Deutschtum nicht nehUien lasten. (Heilrufe.) j Advokat Dr. Z i n s, Vorstandsmitglied der j „Oesterr.-isr. Union", erklärt, er habe g e g e n die j Mehrzahl der Vertrauensmänner diese Forde-! rungen der Inden vertreten. Dreißig Jähe lang! «waren wir die deutschesten Deutschen, die polnischesten Polen, die liberalsten Liberalen. Aber 'wo sind unseve Erfolge? Mo ist unsere Gleichberechtigung. Die nationale Kurie wird nicht ein Ghetto s ch a f f e n, wir sind e8 niemals losg-eworden. Jüdische Abgeordnete sind absolut nötig. Ein Kompromiß mit den Polen gegen die Rnthenen — wie es Dr. Byk empfiehlt — sek ohne jüdische Klivie wertlos, weil die bloße Konzession einiger Mandate keinerlei Garantten für die Zukunft biete. Während der Aussuhrungen des nächsten Redners Dr. Kanner kam es zu stürmischen Unterbrechungen durch die JüdischnatLonalen und zu erregten Kontroversen zwischen diesen und den anwesenden Sozialdemokraten. Der Re>dner konnte minutenlang nicht fortsetzen. Luzi an Brunner eMärt, in der Wahlresorm gehe er mit dem Kaiser. Die Proporttonalwähl würde es nicht zulasten, daß in der Innern Stadt Wien 6000 Wähler 6 Abgeordnete und 4000 — keinen hätten. Das System werde den Juden ermöglichen, sich nach Belieben einer Partei anzuschließen: Gegenüber dem Sozialdemokraten 9!euner betont Dozett Dr. Pasmanik, daß der russische „Bund", der die Autonomie verfechte, sich ebenso auf Marx pro berufen wie die österreichischen Sozialisten kontra. Hierauf wurde eine Resolution angenommen, in der!das gleiche Wahlrecht mit Proporz zum Schütz der Minoritäten und für den Fall der Schaffung nationaler Kurien auch jüdische Wählkörper verlangt werden. Die Sozialldemo- 'traten stimmten bloß für-den ersten Teil der Resolution. I m Hotel Union im neunten Bezirk r e fe rie rtc Sch r iststette r D r. Paul Weiseng r ü n. Er widerlegte den Eiwmand von dem Verlust des politischen Einflusses durch die Feststellung, daß außer einigen Literaten niemand ein jüdisches Interesse vertrete. Die Liberalen haben es nicht einmal vollzählig gewagt, gegen die bekannte Rede des Dr. Lueger aufzutretcn. Die Juden seien derzeit einfach politische Schnorrer. Wenn man aber das Beikenntnis zur jüdischen Nation „reaktionär" heißt, so möge man nur einen Blick auf die jüdischen Revolutionäre Rußlands wetfen, denen es gar nicht cinfällt, ihre Nationalität zu verleugnen. Die Reibnngsflächen werden vermindert werden. In Galizien wohnen die meisten Juden in ruthenischen Gegenden und sie werden von den Rnthenen aufs äußerste verfolgt werden, wenn sie sich nicht von den Schlachzizen des PolenklUbs enianzipieren. In den Sndetenländern wiüder sind die Juden von.den Tschechen wirtschaftlich boykottiert — aber wetden sie deshalb von den Deutschen geschlitzt'? Auch der Abg. Dr. B y k habe d'eshalb schon einige Minimalsordcrungen der Jiidenschast konzedieren müffen und das sei ein starker Beweis für ihre Notwendigkeit. (Tosender Beifall.) Nathan Groß namens der „P o a l e i Zion" erklärt, für die Sozialdemokratie werde die jüdische Kurie nur ein Vorteil sein, weil sie vom Vorwur'f der „Verjudung" dann frei sei. Es werde dann keine „jüdische Sozialdeniokr'atte" geiben, wohl aber jüdische Sozialdemokraten. Auch Dg. B i r n v a n m (Mathias Acher) warnt die Svzialdenwkratie vor einer einseitigen Behandlung der Frage. In dieser Versammlung sprachen noch die Herren Plaschkes und auch zwei SoziaMomokrnten p v o, worauf die Resolnkion angenommen wurde. In der V e r s a m m l u n g in Niaria - h i (s, dtc im Hotel Savoy stattfand, referierte Richarb Rapaport, der sagte, daß heute eigentlich niemand namens der Juden sprechen dürfe, weil sie juristisch keine Körperschaft seien. Die Antonomie werde die Nation statt der Territorien zu Trägern der Rechte machen. Auch Beleidigungen des Judentums würden dann durch legitimierte Vertreter verfolgt werden können. In Oesterreich leben 1200000 Juden und eine gerechte VerteilNng müßte ihnen 20 Mandate schassen. Die Autonomie müste in der Gemeinde beginnen und sich bis zum Reich fortsetzen. An national organisierten Verwaltungsbehörden würden auch die Juden Vertretungen erhalten. (Lebhafter Beilfall.) Der zweite Referent, Advokat Dr. Ernst Franz Weist, nahm u. a. Stellung gegen die Die nächste Nummer erscheint Freilag den 19. Jänner.

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