Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 1 (5.1.1906)
- Date
- 1906-01-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/2429839-2429840-2429841--007-2430054- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 1 Nationalzeitung Seite 5 Jahr soll dafür Ihrem- Monarchen und dem großen russischen Volke Freden, Glück und Eintracht bringen.! Stephan Dewonisk i." _ Hierauf ist Herrn Dewoniski tags darauf die folgende Depesche zugekommen: „Bedaure lobhaft, mich außerstande zu sehen, Ihrem Gesuch eine we tere Folge zu geben. GrafWitte." Aus der Wiener Kultusstube. Für Sonntag den 31. Dezenter hatte der löbliche KultuNvorstand zwecks Beratung des Voranschlages pro 1003 eine öffentliche Sitzung angesagt. Erpicht, diese seltene Gelegenheit zu benützen, war ich Schlag 10 Uhr am Platze. Gewiß werden die ehrwürdigen Gemeindevät-er sich heute AU Herol'den der Wünsche und Hoffnungen machen, von denen die Herzen der Juden Wiens, ja Oesterreichs so übervoll sind. Allgemeines Wahlrecht, jüdische Wahl- und Kuttusautonomie. Welch bittere Enttäuschung! Hier ist noch immer, mag nun Dr. Alfred Stern oder, wie heute, sein Vize Dr. Gustav Kohn den Vorsitz führen, „Liberal" im schlechtesten Wortessinne Trumpf und auch die Opposition wagt bloß schüchtern, mit vielen Bücklingen vor den Oberbonzen, sich vorzntragen. Nur eine gründliche Wahlreform und das Eindringen einer ganzen L i st e volksbewußter Männer kann da Mandel schassen. Darum sperrt sich die Clique gegen die Wahlreform und darum müssen und werden wir sie durchsetzen. Kaisevl. Rat Hirsch als Finanzrefercnt verliest den Voranschlag, wonach den Einnahmen pro 2 441340 X Ausgaben pro 2 483 934 X gegenüberstehen, sohin ein unbedecktes Defizit von 42 S94 X resultiert. Unter den Einnahmen weisen die größte Steigerung auf die, gleich den Ergebnissen des Vorjahres, um 70 000 X erhöhte KNlkussteuer pro 1220000 X, ferner die Friedhofs- und B-eerdignngsgebühren, unter den Ausgaben das außerordentliche Erfordernis für die Vollendung der Renovierung der Synagoge Tempelgasse pro 110 000 X. Da erst jüngst zwei Drittel des Kaufpreises für das Nachbarhaus Seitenstettengasse 2, also 820 000 X, erlegt wurden, sei in der Kassa Ebbe und — zur Vermeidung neuer Darlehen — Sparsamkeit dringend rütlich. Obevfinanzrat Dr. Benj. Rappaport, gleichsam der Korreferent, rühmt dem Bludget nach, daß es diesmal wahr fei, im Gegensatz zu früher, als man sich Mehreinnahmen und gar an. Kültus'ste'uer nicht zutraute. Er hofft, das Defizit werde nach den bisherigen -Erfahrungen und bei den hohen, wohl uuansb rauch baren Zbusgabeve fernen pro 202 000 X sich schließlich ausgleichen. Die Ausgaben wären noch immer reduzterbar. So sehr die Statutenänderung durch Agendenznweis vom Plenum ans Vertreterkolle-g zur G-eschäftsbefchlennignng beitrug, so sehr tue noch die Ausschaltung der Komlnifsionen not, die heute meist über Anweisung der Vertreter vor deren Beschlußfassung erst befragt werden. Me im Friedhofsamt das persönliche Interesse glücklich ausgerottet wurde, fei auch im Schulwesen noch zu bessern, wo heute viele alte Lehrer und verdächtige Krankhe itshä u stmgen ko stspieligc Supplenturen heischen. Die Ausgaben für das 'Spital feien durch Ausschaltung aller nicht zweifellos Armen von der Gratisbehandlnng und durch Ueberweifuug der Verabfolgung von Medikamenten und Verbandstoffen an die armenknndige Chewra herabzudrückeu. Die tollere Gesanttverwattung sei durch die vielen von früher herstammenden, teils unfähigen, teils überflüssigen Beamten verschuldet. Ihre freiwerdendell Stellen sollen teils durch billige Diurnisten, teils durch besserdotterte fähige Beamte ersetzt werden. Die derzeitige Systemifierullg, welche die Diener vielfach den Beamten im Gehalt gleichstellt und bis zu 2680 X steigen läßt, sei unhaltbar. Besonders schleppend fei der Geschäftsgang bei der von 10 Beamten bedienten Buchhaltung. Darum sei der Uobergang von der doppelten zur kamera-listisihen Buchführung empfehlenswe rt. Ellbogen findet die Ausgaben zu hoch, die Einnahmen zu niedrig an-gesetzt. Haben letztere schon 1905 -eil Voranschlag um 168 000 X überragt, wie erst 1900 nach der neuen Stenereinschätzung! Bet dieser günstigen Finanzlage könne ohne weiteres die vonihrn scholl seit 1898 urgtert-e Herabsetzung der Mmtmälste'uer von 20 X ans 10 X beschlossen werden, zumal die Statutenänderung ohnedies unausweichlich sei. Es fei nur gerecht, wenn viele Ueberlastete so auf 10 X erinätzigt würden; hingegen werden, da hellte von 168 000 Wiener Juden nur 28 000 Steuerträger sind, bei Anilahm-e von 6 Kopf pro Familie, 11000 ziiwach-f-en. Die Bethansbe reine feien, wenn ihnell altch diesmal die Subventionen von 20 000 auf 80 000 X erhöht wurden, noch immer zu wellig gewürdigt; so gebühre ihnen ein Sitz im Gertreterkolleg. Der Bau der Tempel am Bollert und in Wieden-Margareten sei unaufschiebbar. — Die 260 000 X fiir den Religions- «unterricht an den Staatsschulell seielt bei der lächerlichen Stundenzahl vergeudet; nur eigene Religionsschulen können unsere Jugend vor Entjlldung retten. — Das Uebergewicht der, weurr auch fleißigen Vertreter zeige sich schon aus der Zahl ihrer Sitzungen (100 gegen 20-80 Plenarsitzungen). Demgegenüber müssen die Rechte der allein sachkundigen Kommissionen im Statut festgelegt werden. Nur die neu zu bildende Bautommission solle Arbeiten vergeben, nicht mehr die Beamten. Als Bücherrevisor bezeuge er Fleiß und Tüchtigkeit der Buchhalter. Dr. Spitzer wünscht, daß künftigen Budget sitzungen der Vertreter die übrigen Vorsteher mit beratender Stimme zugezogen werden. Ueberhaupt sei gegenüber der Uebermacht der Vertreter, die ohnedies nur durch illegale Hilfsmittel ihre Agenden aufarbeiten können, eine Rückkehr -zum alten Statut nötig. Das Defizit sei fingiert. Die -Steinern würde» mit weniger Unlust gezahlt, wenn die günstige Finanzlage einbeiannt wäre. — Rühmenswert sei der jüdifchkonservattve Zug der Gemeindeführung, besonders die aufstrebenden Vorlesungen. (Landau zu Bloch: ,>Weil die Vorträge großartig sind!" Bloch bekommt Schreibkrampf.) — Jnl Hinblick auf die preußlsche Schulvvrlage müsse das jüdische Lehrerseminar noch heuer ins Leben treten. Der Lehrplan für den stets beliebteren Religionsunterricht sei reformbedürftig. Gottlob betrachte sich der Vorstand nicht mehr als rein administrative Körperschäft, sondern nehme zu den letzten wichtigen Ereignissen Stellung. (Wieso? Weil er die Tranerverjälumluug im Sofiensaale hintertreiben wollte?) Vertreter Dr. Max. Steiner meint, statt des Plenums sei itain das Vertreterkolleg überlastet. Daher die jahrelangen Nestauzen selbst in wichtigen Fragen, wie Armeureform, Scheidungstaxen, Lehrerkonserenzen. Durch die Präpoleuz der Vertreter werde der übrigen Vorsteher Interesse g-e'schwächt. Nappaports Angriff gegen die MeditamentenverLbfolgung sei kleinlich, seine Emp- -fehluug der lamerälistischeu Buchhaltung gegenüber der doppelten geradezu rückschrittlich. Vertreter Edler v. K -n f f n e r bekennt sich als unbedingtere Zentralisten. Die vorwiegend administrativen Agenden, der Kuttusgemeinde lassen sich nur von einer kleinen Körperschaft -leiten; ihm sei schon das Vertreterkolleg mit den langen Debattenüber Lappalien zu vielköpfig. Es könne n-ur entlastet werden, einmal durch Zuweisurlg der Unterstützungsanliegen an die fach- -kuudige Arrnenanstalt, dann durch größere Selbstständigkeit für die geiviß tüchtigen und fleißigen Beamter:. — Die vorsichtige Budgetierung sei allein karrfmännisch. — Er bekämpft — rnöge es auch nach außen dringen — das allgemeine Wahlrecht. Dann würden ja auch die von der -Gemeinde Unterstützten wählen. (?) Selbst die 10 X- Minimalsteuer würde einen Ausfall ergeben (Rappaport: Ganz richtig!) und daß kein Interesse für eirre -Wahlrechts-erweiterung bestehe, beweisen die ganzen vier freiwilligen Zensiten. (Es sind in Wahrheit 400!) Salo C o h n behauptet, Wierr trage die schwerste Kuttusstenerlast. Selbst Berlin Hache ein Kultussteuermin im nur vor: bloß 3 Mark. Allerdings sei dort der Staat der kostenlose Inkassant Jonas We'it rügt die späte VerteilMg des Vor-anschlages. Doch sei er nicht rrnr irrw dem Statut, das n-nr vage arrgefeindet werde, sondern noch mehr mit den Vertretern selbst zufrieden. — Rappapo-rts Kritik der B-earrrterr war geradezu ungerecht. Drill-geud rrrahnt er, zrvei im Voranschlag bedachte Institutionen ernstlich zuverwirklichen, jene der jüdischen KrarrkenpsleMririrrerr und das — ohnehin schorr fundierte — Kinderspital. Ein Appell all das jüdische Herz werde das -Geld reichlich schaffen, wie eben jetzt für Rußland. (Mar- -lnorek: „Das war gar n'ichts von Oesterreich!" Prof. E h r ni a n n beklagt, daß die verläßlichen Gutachten, der Kommissionen vom Verkrekerkolleg nicht genug gewürdigt werden. Dem os-fenbaren Mißbrauch des Spitals durch Bemittelte werde das von: Statthalter versprochene Regulativ für Ambulatorien stenern. — Das Armenwesen sei veraltet. Neben hllngerllden, verschämte rr Arnien lebe eine, selbst mit Fälschungen arbeitende V-ettelindnstrie. Nur das Elberfelder System a la Prag könne da helfen. Die Idee jüdischer Krankellschwestevn sei nnr durch eilten Verein durchführbar. Er sei grundsätzlicher Anhänger des allgemeinen Wahlrechtes wegen der mvrali- -fchen Wirlun-g, doch sei es in der Kuttusgemeinde weniger berechtigt, weil da keine indirekten Stellern bezahlt werden und iinmerhin ein Sprung ins Dunkle, zmnal jetzt, rvv viele Hilfsbedürftige -zuw-andern. (Vegeisternng bei Salo C-ohn und Horner.) Kauders urgiert n. a. ein hebräisches Vdkabelbuch für die Akittelschnlen, L a n d a u verlangt mehr Kosch-erfleischbällke und will erfahren haberr, daß im allgeuleill-en Krallkelchause fromme Kranke bis zu drei Tagen auf rituelle Kost warten nlttssen. Architekt Nt a r in o re k betont nuter t-eilnahinsloser Uilviche, die bessere politische Hattrulg deS Vorstandes sei den: Drängen der Wähler zu dankell. Bei Herabsetzurrg der Ariinimalstener anf 10 X sei, selbst wentl von den 17 000, die heute 20 X zahlen, die Hälfte 'ermäßigt würde, erst 85 000 X Ausfall, der durch neugewonnene Zensiten spielend hereillz-ubriligen sei. Redner beschwert sich, -daß daö Bertreterkolleg seine vor Jahresfrist gestellterr Wahlreforlnaltträge trotz Ternltnsznfa-ge ignorierte und beantragt sofvrttge Wahl einer fünfköpfig-en WaHlrefornlkommislsion ans dem Plenum. Er fragt, warum die Subvention für die Lü-lnm-elschule in Jerusalem gestrichen sei, »t-nd beantragt St-reichiulg der Snbventton von 6 X für den deutschen Geschichtsverein. Sachs meint, die sofortige Errichtung des jlidischen Lehrerseminars, rvelln auch aus alleiniger Kraft der Wiener Juden, sei unerläßlich. Die Besteuerllng an-f Grund der P-ersvnaleinkommensteuer würde die Ein-nahmell erhöhen. (Widerspruch -Cohns. Dr. Kohll: „Bei den Reichen gewiß!") Dr. Berger filldet die Ausgaben für Unterricht zir gering. Die Talmud-Thora schule, die einzig?, seit 40 Jahren rühmlich bestehende Judenchule Wiens, werde zu Schluß des Schlttjahres anitätsbchörökich geschlossen. Wenn die Gemeinde chon nicht gleich der evangelischen den Ehrgeiz labe, eine kon-fessiotlelle Mnster'jchnle selbst zu erjaltell, solle sie doch durch größere Subvention den Schulneubau ermöglichen. Dr. Nappap-vrt erklärt, das Vertreter- -kvlleg ha>be b>eschlossen, das Pflegerinnenheim durch einen Verein oder aber selbst zir schaffen. Seine Angriffe gegen Kom-misfionen und Beamte inüsse er ausrechthalten. >Salo C v h n bestreitet die Verläßlichkeit der Jnformativnerl Landaus. In seillem Schlußwort führt H i r s ch aus, die Zähl der Zensiten sei seit 1905 (21800) trotz eines Abganges von 869 1906 anf 28 000 gesti-ogen. Wer mit Recht gegen die 20 X-Steuer rekurriere, werde ohnehin heute schon aus 10 X ermäßigt. (Ja, ill-egalerweise!) Er bleibe der doppelten Buchhaltung treu. Vorsitzender Dr. K o h n gibt nun noch jeidem Beschwerdeführer, besonders Herrn Marmorek, ein Zuckerl, alle nötigen Reforlnen seien schon im Vertreterkolle-g im Zuge. Nur gegen das allgemeine Wahlrecht müsse er sich schon jetzt u-nmastiert aussprechen. „Es würden da -Elemente a u f k o nl m e n, von denen wir nichts zu e r w a r t e n haben als U n e r - f r enli ch e s." Das Vertreterkolleg werde übrtgerrs n-och tm Jänner oder Februar seine Mahl-- reform vors Plenum bringen. Die Läinmekschule lverde llicht mehr subventioniert, weil die hierfür in Aussicht genommenen Jahre eb-en abgelaufen sind, lind der über feinerzeit'igen Antrag des Oberrabbiners Güd-omann fnbventionierte deutsche Geschichtsverein müsse weiter snbventioniert werden, weil die hierfür in Zlnssicht genommenen Jahre noch nicht abgelaufen siild. Da es -schon weit über Mittag ist, werden alle Anträge zu-rück-gezogen ulld die Sitzung — bei Zlnivesenheit von 18 der 32 Vorsteher — geschlossen. Dr. E. M. Zweig. Zum Angriff auf die Wiener Kultusleamten. Wir erhalten folgende Zuschrift: Gechrter Herr Redakteur! In der öffentlichen Plenarversammlung des KultusvmstaNdes tzo-m 31. d. M. gelegentlich der Budgetberatung ließ es sich Herr Oberfinanzrat Rappaport nicht nehm-en., auf die Verwallungsbeamten der Kultusgemeiude loszuschlagen. Schon mit Rücksicht auf seine öffentliche Stellung sollte der Herr Oberfinanzrat etwas vorsichtiger fein und nicht durch öffentliche Anwürfe öffentliche Erwiderungen Hervorrufen. Der Herr Ob.rfinanzrat vergrößert durch seine ungerechtfertigten Ausfälle nur jenenUnwillLN. den das von ihm praktizierle DrucksysteMW^ gemein hervorruft. Es sei ko-nstatiert,^vaß Dr. Nappaport die Kanzleien der Geme'nde mit Ausnahme des^ureaus des ersten Sekretärs seit seiner ZMksamkeit als Kultusvorsteher überhaupt noch nicht betreten hat, den größten Teil dw Beamten gar nicht kennt, demzufolge auch nicht in der Lage ist, eine Kritik über die Fähigkeit der Beamtenzu üben. Wohl ist er Obmaun des Personalkomitecs und cs ist! bekannt, daß er in dieser Eigenschaft stets sich bemüht, die ohnedies erbärmlichen Existenzbedingungen der Kultusgmieindebeamten noch weiter zu verschlimmern. Tatsache ist jedoch, daß der Herr Oberfinanzrat nunmehr bereits seinen zweilen „Schützling" in die Dienste der Kultusgemeind-e untergebracht hat! Möge Herr Dr. Rappaport, statt die Beamten seine ganze, gewiß nicht jüdisch: Härte fühlen zu lassen, deren Gehaltsklassenschema ein wenig studieren. Er wird dann zur Erkenntis gelangen, daß es in keinem öffentlichen D'enste materiell gleich ungünstig gestellte Beamte gibt und daß für diese Bezahlung die Fähigkeiten und Lctstun-g>n der Kultusbeamten nicht gering genug fein können. Hochachtungsvoll Einer für alle. Vermischte Nachrichten. Wien. (Genemlivevsamm'lung des Bvigtttenan-er Temp-elver-eines.) Montag den 18. v. M fand in den Räumen des Cafe „Neptun", 26. Bezirk, Mathilbenplatz 7, die -diesjährige Generalversammlung des Brtgtttenauer Tempelvereines statt. Präzise 8 Uhr abends eröffnete der Obmann .Herr Knltusvorstoher Hermann Eltbogen, die Versa-mmlullg, b-egrUtzte die zahlreich erschienenen Mitglieder sowie die beiden Delegierten der tsraellttschen Kilttusgenioinde, die Vorsteher Herren