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Nationalzeitung · 1906-01-05 · Heft 1 (5.1.1906) · p. Seite 4

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 1 (5.1.1906)
Date
1906-01-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Prcrau. Anr 28. Dezember fmiD im ()ie;igen Restaurant Haas eine Paragraph 2Brr sammlung statt, in der Herr Dr. K a d H ch über das Thema: „Nationale Autonomie und die Juden" referierte. An das mit graneni Beifall aufg.noimnenc Referat knüpfte sich eine Diskussion, an. der sich die Herren W o l f, Dr. Tanßky, M anM und D o n a t b beteiligten. Die Resolut an an den Äini-üerprrn sidemen, in. der die Gleichberechtigung der jüdischen Nation mit den übrigen N'ationerr gefordert wird, wurde m t allen gegen, eine Stimme angenommen. Göding. In einer von der jüd.-akadem. Ferialverbindnng „Gamala" in Göding einbcrusencn Paragraph 2-Bersannnlung über die „Nationale Autonomie der Inden" toct teil neben einem großen Te le der hiesigen Judenschaft auch viele Tschechen der Ginladung gefolgt, während die ebenfalls geladenen Führer der Deutschen durch ihre Abwesenheit glänzten. Nach dem Eröffnuugstvorte des Präses Herrn cand. mg. S. Stein ifc. erstatteie Herr Schriftsteller Dr. badisch das ebenso gläirzende wie sachliche Referat, das mit rauschendem Beifall ausgenommen wurde. Herr Dr. Kadrsch wies insbesondere auf die zerfahrenen Partewerhältnissc in Oesterreich hin, die nur den nationalen Haß schüren, charakterisierte in treffenden Worten den Bankrott der Assimilation und trat mir lichtvollen Argumenten für die Schaffung der jüdischnationalen Kurie ein als einzigen Ausweg aus dem Chaos der bisherigen politischen Kopflosigkeit der Juden, widerlegte den so oft geäußerten Vorwurf, als ob die Schaffung der nationalen Kurie für die Juden ein neues Ghetto herbeiführen würde, betonte insbesondere, daß der jüdische Nationalismus gegen niemand kämpfe, der ihn und sein Recht auf freie Entwicklung anerkenn!, daß er jedem die Hand zum Bunde reiche, der gleich uns für Freiheit und Gleichberechtigung aller Völker Antritt; an den fast einstündigen! Vortrag schloß sich eine anregende Debatte, in deren Verlaufe die Führer der hiesigen Tschechen, Herren Dr. H c ß und Dr. Hruby für d i e nationale Kurie e i n t r a L e n, au der sich ferner die Rabbiner Kern, Rosenzweig sowie der Präses beteiligten. Schließlich wurde «die vom Landeskomitee verfaßte Resolution bezüglich der nationalen Autonomie einstimmig angenommen; erst kurz vor Mitternacht endete dieser glänzende Abend, der den Beweis erbrachte^ daß nicht die ganze Jud.nschaft Göwas das jüdische Volk und seine Entwicklung betrifft, gleichgültig gegenübersteht, daß Z i o n i s m u s, gesunder jüdischer Nationalismus und friedliches.N eben einander leben mit den a n d e r e n Völkerschaften sich, nicht a u s s ch l i e ß e n. Das eine aber haben wir auch erkannt: daß wir ünen bis aufs Messer zu führenden Kampf mit der hiesigen Clique, die sich nicht entblödet, uns, die wir genug an andersnationalem Boykott zu tragen haben, noch einen Boykott im eigenen Lager aufzuzwingen, auszufcchtcn haben werden; wir werden in diesem Kampfe gegen, eine schamloseStrebercliquechie durch ihr skandalöses Vorgehen uns Juden in den Augen eines jeden ehrlich denkenden- Menschen zur Spottfigur macht, das ganze jüdische Volk in Oesterreich zum Richter anrufen und nicht eher ruhen, bis unsere Stammcsgenossen in Göding darüber aufgeklärt werden, wer eigentlich bisher ihre „Führer" waren! Die Mische National- Autonomie in Böhmen. Gablonz a. N., 1. Jänner 1000. FD. Das „Jüdische Wahlrech tskomitee für Oesterreich" hat bereits Rundschreiben in die verschiedenen Ortschaften geschickt, um Unterschriften zu sammeln von Männern, die diese hohe Sache unterstützen wollen. Wie wird sich aber die Mehrzahl verhalten, die noch nicht zionistisch gesinnt ist, die sich noch schämt, wenn sie den Namen Jud' hört? Werden sie endlich in die Reihe der Krieger treten, um mitzukämpfeir für die Inden Böhmens, für die Juden Oesterreichs, für das gesamte jüdische Volk?! Nationalzeitung Nr-. 1 Tie Juden Böhmens erfreuen sich ohue Zweifel e nes gesunden Wohlstandes und sind bereit, zu helfen, wenn man ihr Geld braucht für b.raubte und mißhandelte' - Glaubensgenossen. Aber bis jetzt konnten sie sich noch nicht entschließen, als eine geschlossene Macht anfzutreten und sich als Mitglieder einer selbstständigen Nation zu bekennen. Und gerade 7n Böhmen wäre es doch so leicht, einen unmittelbaren politischen' Einfluß zu gewinnen! Hur, in dem Land des ewigen polit.scheu Haders, wo zwei Nationen mit einer geradezu idealen Begeisterung anfeinander losschlagen und wo man die S t i m m e n der Juden doch b r a u_ch t oder besser m i ß b r a u ch. t! Wenn es h er ger.cht zuginge, müßten wir Inden im böhmischen Landtag m i n d e st e n s v i c r A bgeordnet e habe n, während, so viel ich rveiß, bis jetzt kein einzger Jude von Gnaden' der liberalen Parteien gewählt wurde! Und wie oft soll es noch gesagt loerden, daß die Deutschen — natürlich auch, die nationalen! — zu statistischen Zwecken die Juden, wo es nur angeht, immer zu d.rr Deutschen zählen! — afc:r sonst sind sie oben Juden und teure Deutsckiat mosaUcker Konfession! Ja, das sind sie auch, ganz echte, waschechte Juden! Aber sie sollt m es nicht nur im gesellsckaftlichen Leben sein, sonderir auch in den Wahllokalen! W.r will also noch zweifeln, daß unsere Agitatinr berechtigt ist, daß wir die Anerkennung der jüdischen- Nationalität fordern dürfen und müssen?! Oder erwarten die Juden vielleicht Dankbarkeit von. den Deutschen dafür, daß sie sie unterstützen, indem, sie den Deutschen helfen, deutsche Mittelschulen und die deutsche Universität in Prag zu erhalten? O, von dem Laster der Dankbarkeit sind heutzutage schon sebr viele Menschen befreit, am meisten aber die Deutschen irr Böhmen. Darum mutig heraus und fürchtet euch uicht! Die tschechische n Ab g e o r d ne t e n billigen u ns er V o r g e h e n und auch die Deutschnationalen müssen deren Beispiel folgen, wenn sie charakterfest sind. Die russischen Flüchtlinge in Wien. Die Not der Emigranten. Samstag abends fand im Hotel Guth eine von den „Poale Zion" <inberufene große Versammlung statt, die sich mit der Frage der gegenwärtig in Wien und in Oesterreich befindlichen russischen Flütlintze befaßte, die in großem Elend leben. Den Vorsitz irr der Versammlung führte Dr. Paul W e i s e n g r ü n. Das erste Referat erstattete Cand. mg. K a p - l a n s k y, der unter anderem bekanntgab, daß unter der Masse der irr Wien lebenden Flüchtlinge sich gegenwärtig etwa 150 in solcher Not befinden, daß sie in der Winterkälte vollständig unterstandslos sind und ihr Leben von einem Tag auf denanderen fristen. Die Stauung der auf der Auswanderung Befindlichen in Wien ist dadurch begründet, daß selbst solche Emigranten, die mit Reisepässen versehen sind und das Fahrgeld besitzen, auf der Auswanderung über Deutschland nach Amerika von der deutschen Negierung nur dann, über die Eintrittsgrenze gelassen werden, wenn sie Schiffskarten der Hamburg-Amerika-Linie, und nicht, wenn sie Karten nichtdentscher Schiffahrtslinien besitzen und etwa nach Rotterdam wollen. Die deutsche Regierung stellt sie auch dann, wenn ihre Fahrkarten bis Berlinlauten, auf eigene Kosten von Kattolvitz an, die österreichische Grenze, so daß sie notgedrungen nach Wien kommen müssen. Jit Wien werden. sie hällfig von Quartiergebern in unmenschlicher Weste bewuchert und liegen nach einigen Tagen auf der Straße. Erschütternd wirkten! in der Versammlung die Erzählungen einiger Flüchtlinge aus den am meisten bedrohten Gebieten, zumeist aus dev Gegend von Odessa, Kiew und Warschau. Einer von ihnen, namens D a n z i s, sagte unter Tränen: Man hat uns oft gesagt, wir hätten in Rußland bleiben und unsere Familie verteidigen sollen. Es gibt nichts mehr zu verteidigen. Was sollen wir weiter dort tun, wo unsere Familien ermordet worden sind? Unsere Frauen und unsere Kinder sind totgeschlagen, unsere Eltern liegen im Massengrabe. So lange einer von uns eine Fanr lie hatte, ließ er sein Blut für sie. Fast alle, die g.flohen sind, sind die letzten ihrer Familie. Hier aber verlangen wir kein Almosen, sondern bloß iregnd eine Arbeit oder d e Weiterbeförderung in ein Land, wo wir Arbeit finden. Lautes Weinen erscholl, als cjn zweiter Emigrant, namens L i f s ch ü tz, zu ein gen in: Saale airwesenden Schicksalsgenossen' gewendet, sagte: „Brüder und Schw.stern, wollt ihr jede, auch die härteste Arbeit tun, nur um leben Zu können?" Ein vielstimmiges „Ja" war die Antwort. „Und wäret ihr aus eurer Heimat geflohen," sagte er Wecker, „wenn, eine Möglichkeit des Bleibens gewesen wäre?" Einstimmiges „Neill". — Und dann, an die Wiener Versamnrlrmgsteilnehmer gewendet: Hat uner von Ihnen schon gesehen, daß man eine Frau in drei Te le zerschnitten und die Stücke zuin Fenster hinaus auf die Straße geworfen hat? Ich habe es in Rußland gesehen. Hat einer unter Ihnen erlebt, daß man einen Strick mn den Hals von zwölf Kindern gelegt und sie mit einem! Ruck erdrosselt hat? Ich habe es gesehen! Hat einer von Ihnen gesehen, wie man Kindern das Haupt gespalten hat, daß ihr Gehirn ins Gesicht der Mutter spritzte — und daß man dann die Wutter selber schlachtete? Ich habe es gesehen!" Im Saale sah inan bei diesen Schilderungen Männer und Frauen weinen. Unter anderen Rednern sprach dann auch Herr Stephan D e w o n i s k i, der Präsident des Oesterreichisch-russischen Hilfsvereins. Er konstatierte, daß unter den Gaben für die russischen. Juden sich auch ein sehr großer Beitrag eines katholischen Erzbischofs befinde. - — Redakteur K r a u s z und Hermann Plaschkes machten dann zur Abhilfe dieser schrecklichen, Lage d.r Durchwandernden eine Anzahl praktischer Vorschläge. Er beantragte unter anderem, daß diejenigen Wohnungsvermieter in Evidenz gehalten werden, bei denen russische Emigranten vorübergehend unter angemessen.n Bedingungen von einem Kontrollkonritoe untergebracht werden können, ferner sollten Ausspeisungen im Turnus in Bürgersiamilien, die sich zu diesem Lieb.swerk bereit erklären, und schließlich ein gemeinsames Vorgehen der Hilfs- Vereine veranlaßt werden. Nachdem noch mehrere Redner gesprochen hatten, wurde ein Komitee eingesetzt, das sich die Durchführung der gemachten Vorschläge angelegen sein lassen wird. Da viele der Anwesenden obdachlos waren, wurde für sie eine Sammlung durchgeführt, die ein namhaftes Erträgnis ergab. Depeschenwechsel mit dem Grafen Witte. Nach der Versammlung im Hotel Guth richtete Herr Stephan D e w o n i s k i, Präsident des Oesterreichisch-rnssisch.n H lfsvereines in- Wien, folgendes Telegramm an Grafen Witte in St. Petersburg: „Mehrere tausend unglücklicher russischer Juden, Männer, Weiber, Kinder und Greise, befinden sich — nachdem sie unzähligemale Todesschrccken überstcmden, welche das sonst gutherzige und tolerante russische Brudervolk über sie gebreitet hat — gegenwärtig in verzweifelter Lage in der österreichischen Kaiserstadt Wien, ohne Nahrung und mitten in der Winterkälte, ohne genügende Kleidung rmd schützendes Obdach. Das Mitleid der iEnheimischen ist außerstande, für die russischen Flüchtlinge auch nur das Allernotwendigste zu leisten, zumal die he-!sigeWohltätigkeitblutenden!Herzensvornehmlich an dieMillronen unbeschützterJuden inRußland selbst devikt. Herr Graf! Wohl sind Sie gegenwärtig mit schweren Sorgen für das Wohl Ihres Vaetrlandes beladen, doch Ihr großes Herz itnö Ihre bewundernswerte Tatkraft sind Ihren übermenschlichen Aufgaben gewachsen. Gott verleihe Ihnen die Kraft zum Segen Ihres unermeßlichen Reiches. Im Namen der unter schrecklichen Todesängsten Vertriebenen 'lehe ich Sie an: Bewilligen Sie anläßl'ch der Jahreswende von Staats wegen eine Summe zur Linderung der dringendsten.Not Jhrev unglücklichen, von der Heinratscholle vertriebenen Landsleute! Helfen Sie, und das .reue

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