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Neue Nationalzeitung · 1916-04-01 · Heft 1 (1.4.1916) · p. Seite 5

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVIII (1916)
Issue
Heft 1 (1.4.1916)
Date
1916-04-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. I „Neue Nationat-Zeitung" Seite 5 Würde eines Wiener Oberrabbiners betraut zu werden. Der Starrsinn, mit dem Dr. Stern seine Absicht durchzusetzen bemüht ist, führt den entgegengesetzten Effekt herbei. Sein Einfluß reicht höchstens noch so weit, um für den Kultusvorsteher Dr. Schreiber beim Vertreter-Kollegium eine Mißbilligung zu erwirken, weil er es gewagt hat, die Kandidatur Dr. Nobels zu bekämpfen. Aber dieses Attentat gegen die Unabhängigkeit eines Mitgliedes des Kultusvorstandes hat offenbar darin seinen Grund, weil Dr. Stern der Ansicht ist, Dr. Schreiber sei nicht frei gewählt, sondern von ihm ernannt und habe daher — zu gehorchen. In dem Momente, da Dr. Schreiber nicht gehorcht, bekommt er die Mißbilligung und der Präsidial- Schames in Rabbinatssachen, der Kultusvorsteher aus Simmering, apostrophiert ihn in der Plenarsitzung: „Sie haben hier nichts zu suchen!" Fehlt noch, daß er ihn beim Kragen nimmt und hinauswirft. Eine noble Gesellschaft! Das gesamte wirtschaftliche Leben erfährt ebenso wie das Leben im allgemeinen während des Krieges eine vollständige Umwälzung. Der Wert des Geldes wird durch die Verhältnisse im Kriege täglich vermindert. Ebenso wie der Einzelne darnach trachten muß, seine Einnahmen zu vermehren, damit er seine normale Lebensweise befriedige, im selben Maße müssen es der Staat und auch alle öffentlichen Korporationen, welche über ein Budget verfügen. Aus diesem Grunde erscheint es sehr plausibel, wenn der Wiener Kultusvorstand jetzt daran geht, seine Einnahmen zu vermehren, denn in anderem Falle würde es zum Bankrotte führen. Auch der Staat hat schon mitten im Kriege Steuerreformen durchgeführt, die es ihm ermöglichen, das Gleichgewicht im Budget zu erhalten. Während jedoch der Staat von dem einzig richtigen Standpunkte ausging, daß die Kriegslasten vor allem diejenigen zu tragen haben, denen gerade die Kriegskonjunktur so gut anschlägt, und eine Kriegsgewinnsteuer schuf, erfahren wir aus der letzten Plenarversammlung des Wiener Kultusvorstandes, daß das Vertreterkollegium und sein Finanzreferent nicht die Anschauung der Allgemeinheit teilen und die Mehrausgaben der Gemeinde in einer anderen Form decken wollen. Außer der Kultussteuer verfügt die Kultusgemeinde über Einnahmen aus den Schächt- und Beerdigungsgebühren. Die Schechitapost bildet schon seit Jahren eine Passivpost für die Gemeinde, hingegen weist die Post Beerdigungswesen einen Ueberschuß auf. Aus diesen zwei Posten will der Finanzreferent der Gemeinde, wie es scheint, die neuen Mittel finden, um die finanzielle Notlage zu lösen. Denn er beantragte die Erhöhung der Schächtgebühren und einen bis zu 50 Prozent aufsteigenden Zuschlag derBeerdigungskosten für Zugereiste. (!) Trotz des Widerspruches einiger Herren aus dem Vorstande wurden die Anträge des Referenten angenommen. Während alle Steuerreformen bekanntlich zum Grundprinzip haben, nur die wirtschaftlich stärkste Oberschichte der Bevölkerung zu treffen, konstatieren wir in dem erwähnten Beschlüsse des Kultusvorstandes leider das Gegenteil. Koscherfleisch und koscheres Geflügel ißt in Wien nur der streng orthodoxe Jude. Daß zu den streng Orthodoxen die Mitglieder der höchstbesteuerten Kurie nur in sehr geringer Zahl gehören, dürfte von Niemandem in Abrede gestellt werden, ebenso unsere Behauptung, daß kein Mitglied des Wiener Kultusvorstandes sich ausschließlich auf Koscherfleisch beschränkt. Wer also soll diese neue Steuerlast tragen, wenn nicht der fromme, zumeist arme Jude! Aber auch die Zuschlagsgebühr für Beerdigungen Zugereister ist eine Belastung, die jetzt hauptsächlich denjenigen trifft, der infolge des Krieges sein Heim, seine Existenz und seine Habe im Stiche lassen mußte. Mit dieser Maßnahme will offenbar der Kultusvorstand zeigen, daß er seinen bisherigen Prinzipien den Flüchtlingen gegenüber treu bleibt; die gleiche Behandlung und das gleiche Entgegenkommen, die er ihnen als Lebenden entgegenbringt, beweist er ihnen auch nach dem Tode. Gegen derartige Beschlüsse des Kultusvorstandes, gegen dieses Attentat auf das Gewissen und die Taschen des allerärmsten Juden, muß man vom Standpunkte der Wiener jüdischen glaubenstreuen Bevölkerung mit aller Entschiedenheit auttreten. Daß dieser Kultusvorstand stets plutokratisch gesinnt war, ist ja bekannt; daß aber derselbe Kultusvorstand, dem kein Bewerber um den Oberrabbinerposten orthodox genug ist, gleichzeitig den armen Juden das Koscherfleisch verteuert, ist ein neuer Beweis für den Tiefstand des Greisenasyls in der Seitenstettengasse und seiner assimilatorischzionistischen" Mitläufer. Aus allen Weltteilen. Dank der jüdischen Gemeinde in Jerusalem an das Ministerium des Aeußern. Die österreichisch-ungarische israelitische Gemeinde in Jerusalem hat an das Ministerium des Aeußern in Wien folgendes Dankschreiben für die zu Gunsten der in Nahrungsnot schmachtenden Judenschaft eingeleitete Hilfsaktion gerichtet: „Die Unterzeichneten beehren sich einem hohen Ministerium des Aeußern den Ausdruck ihres tiefgefühlten Dankes zu unterbreiten. Unsere Notlage war auf das Aeußerste gestiegen. Wir drohten buchstäblich zu verhungern. Da wendeten wir uns hilfeflehend an unser Vaterland und dank dem hochherzigen Vorgehen des hohen Ministeriums ist uns die erbetene Unterstützung zuteil geworden, der verbrecherischen Brotrreistreiberei wurde in den Ann gefallen und unsere Kolonien sind vor dem Untergang bewahrt. Wir bitten ein hohes Ministerium, die Versicherung unserer tiefsten Ergebenheit und treuer patriotischer Gesinnung entgegennehmen zu wollen. Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst H. Brecher und C. S. Klinger."

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