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Neue Nationalzeitung · 1916-04-01 · Heft 1 (1.4.1916) · p. Seite 4

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVIII (1916)
Issue
Heft 1 (1.4.1916)
Date
1916-04-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Neue National-Zeitung" Nr. 1 bloße Parole bedeutet für uns das Schicksal der östlichen Judenschaft und aus diesem Grunde betrachten wir es für eine heilige Pflicht, die Tätigkeit eines Komitees zu beleuchten, daß den Titel „Oesterreichisches Zentralkomitee zur Wahrung der Rechte der Juden im nördlichen Kriegsgebiet" führt. Im Sommer vorigen Jahres haben wir in diesem Blatte Klage darüber geführt, daß sich keine jüdische Korporation in Oesterreich findet, die sich der Juden im nördlichen Kriegsgebiet als Beraterin zur Verfügung stellt. Wir verwiesen damals auf die Juden des Deutschen Reiches und darauf, was sie alles bis zu ienem Zeitpunkte für die Juden ihres okkupierten Gebietes schon getan haben. Heute, nachdem sich das vorgenannte Komitee gebildet hat, müssen wir die Entstehung desselben im Interesse derjenigen, für die es wirken soll, nur bedauern. Sehr achtenswerte Persönlichkeiten sind es, die ihre Dienste dem Komitee zur Verfügung stellen und viele von ihnen'sind von dem besten Willen beseelt, Ersprießliches zu leisten. Aber die Art der Zusammensetzung und die Prinzipien, die für dieselbe Geltung fanden, bedeuten einen Eingriff in die Ehre des galizischen und bukowinischen Judentums. Das Komitee, das sich Oesterreichisches Zentralkomitee nennt, hat sich bei Troppau die Grenze gesteckt. Aus allen westösterreichischen größeren Städten hat es Vertreter aufgenommen, nur die Vertreter der galizischen und bukowinischen Juden selbst haben in diesem „österreichischen Zentralkomitee" keinen Platz. Welches Vertrauen und welche Sympathie aber sollen die östlichen Juden einem Komitee entgegenbringen, das vorgibt, ihre politischen und wirtschaftlichen Interessen zu wahren und zu fördern, welches sich aber gleichzeitig wie durch eine chinesische Mauer von ihnen absondert. Aber auch auf die maßgebenden Behörden muß es eigentümlich wirken, wenn sie das Verzeichnis der Mitglieder dieses Komitees prüfen und die Personen, die im Namen der Ostjuden bei ihnen vorsprechen, betrachten. Zur Wahrung der Interessen der südländischen Flüchtlinge existiert in Wien ein Komitee, welches sogar einen ehemaligen österreichischen Ministerpräsidenten zum Obmanne hat. Dieses Komitee hat sich gewiß bei seiner Gründung nicht von dem Grundsatz leiten lassen, daß Südländer prinzipiell in demselben nicht vertreten sein dürfen. Wie wäre es denn überhaupt möglich, die Interessen der Südländer zu vertreten, ohne ihre eigene Meinung und die Erfahrungen ihrer Vertreter in Stadt, Land und Reichsrat zu vernehmen. Das österreichische Zentralkomitee zur Wahrung der Interessen der Juden des Kriegsgebietes setzt sich jedoch über diese Grundbedingung hinweg. Es ist der Meinung, daß sein Mitglied aus Brünn oder Troppau, dem nicht einmal die Verhältnisse der sehr geringen Zahl der Juden seiner eigenen Stadt bekannt sind, es fertig bringt, über das Wesen des Ostjudentums, das er vielleicht nur aus Franzos' Kulturbilder aus Halbasien kennt, sich ein Urteil zu bilden. Für die Zusammensetzung dieses Komitees ist folgendes charakteristisch: Seine Majorität besteht aus Bankdirektoren, und es gehört ihm keine Persönlichkeit aus dem Rabbinerstande, dafür aber ein zionistischer Kultusvorsteher an, der den Nachweis seiner Sympathien für die Ostjuden bisher noch schuldig geblieben ist. Der Spiritus rector des Ganzen ist Abgeordneter Camill Kuranda. Die Ostjuden warten in Demuth und Ergebenheit — was sich für sie geziemt — auf die Erlösung durch dieses sonderbare Komitee. I. G r o b t u c h. Das Greisenasyl in der Seitenstettengasse. Die neueste Blamage des Präsidenten. — Eine sonderbare Mißbilligung. — Die „Steuerpolitik" des Kultusvorstandes: Verteuerung von Koscherfleisch und Flüchtlingsgräbern. Jede wichtige Frage, die im Wiener Kultusvorstande zur Lösung zu gelangen hat, wird während des Regimes Dr. Stern nicht vom Gesichtspunkte der jüdischen Allgemeinheit, sondern lediglich vom rein persönlichen Standpunkte unseres hochverehrten 85iährigen Jubelgreises in Angriff genommen. Dies sahen wir auch jüngst in der Rabbinerfrage. Schon vor einem Jahre, als es der Oeffentlichkeit bekannt wurde, daß Herr Dr. Alfred Stern um jeden Preis und auf eigene Hand die vakante Oberrabbinerstelle durch einen Import aus Budapest mitten im Kriege besetzen will, sahen wir uns veranlaßt, in einem Artikel die Wiener Judenschaft auf die verhängnisvollen Folgen dieses eigenmächtigen Vorgehens aufmerksam zu machen. Wenn es damals Herrn Doktor Stern mit seinem Adlatus, dem Kultusvorsteher und Weinhändler aus Simmering, nicht gelungen ist, die Person ihrer Wahl dem Wiener Judentum aufzuoktroyieren, so nehmen wir in aller Bescheidenheit einen Teil dieses Verdienstes für unser Blatt in Anspruch. Nun hat sich Herr Dr. Stern in der Rabbinerfrage wieder blamiert — zum dritten Male. Nach Dr. Low aus Szegedin und Dr. Hevesi aus Budapest ist der versuchte Staatsstreich mit Dr. Nobel aus Frankfurt a. M. mißlungen. Der letzte mißlungene Gewaltstreich war allerdings etwas zu arg. Man sollte doch glauben, daß während eines Weltkrieges, der schon beinahe zwei Jahre dauert und in dem der weitaus größte Teil der Gemeindemitglieder für des Reiches Wohl mit dem Schwerte in der Hand kämpft, Entscheidungen, wie die Wahl eines Oberrabbiners von Wien nicht getroffen werden sollten. Er lebt und wirkt ja noch, der bisherige Oberrabbiner, und wenn er infolge seines vorgerückten Alters wohl nicht alle Funktionen, die mit diesem Amte in Verbindung sind, ausübt, so ist die Wiener Gemeinde noch nicht so arm an Rabbinern, die nicht befähigt wären, einen Teil dieser Funktionen in zufriedenstellender Weise auszuüben. In ruhiger Zeit und nach reiflicher Erwägung, ausgeschaltet von jeder persönlichen Absicht, auch nicht unter dem Drucke eines gewissen publizistischen Organes, soll die für das Wiener Judentum so wichtige Frage gelöst werden. Jeder, der dabei mitzureden haben wird, möge sich von dem Gedanken leiten lassen, daß nur die anerkannteste Persönlichkeit auf diesem Gebiete geeignet ist, mit der

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