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Neue Nationalzeitung · 1915-09-22 · Heft 18 (22.9.1915) · p. Seite 150

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 18 (22.9.1915)
Date
1915-09-22
Page
Seite 150 (sequence 6)
Language
German
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Seite 150 Nr. IS am Institut einen unermüdlich hilfsbereiten Kameraden genommen. Wir alle trauern aufrichtig um ihn, denn wir schätzten ihn um so mehr, jeschwierirr e r es für ihn war, als einem Abkömmling einer jüdisch-galizischen Familie, sich seine Stellung zu erringen. Ich kann das um so offener aussprechen, als er sich diese Stellung ganz aus eigener Kraft, auf Grund seines vielseitigen Wissens und der Vorzüge seines offenen und warmherzigen Wesens eroberte. Max Landau, geboren am 19. Oktober 1886 in Brady, einer ostgalizischen Grenzstadt, entstammte einer: alten angesehenen Rabbinerfamilie, die früher in Prag ansässig war. Schon frühzeitig zeigte er seine besondere geistige Begabung, las als zehnjäriger Knabe mit Verständnis die umfangreiche Weltgeschichte von Held-Corwin, wie er überhaupt für Geschichte und Politik dauerndes Interesse bewahrte. Nichts war ihm lieber, als bei unserem Fünfuhr-Tee im Assistentenzimmer des Institutes mit den Ausländern über die großen Fragen der Weltpolitik zu debattieren. Er entschied sich vom Anfang an für das Studium der Medizin, welches er zunächst in Wien betrieb, nachdem er 1904 die Maturitätsprüfung am deutschen Gymnasium in Brody mit Auszeichnung bestanden hatte. 1906 folgt, ebenfalls mit Auszeichnung, das Rigorosum in Wien. Dann ging er hinaus in das Reich, studierte in Straßburg und München, welch letztere Universität ihn ganz besonders fesselte, so daß er sich nur schwer von ihr trennen konnte, wobei für ihn, den künstlerisch reich Begabten, die mannigfachen sonstigen Anregungen der Städ*- mit ins Gewicht gefallen sein mögen. Nach Wien zurückgekehrt, unterzog er sich am 13. Dezember 1909 der Schlußprüfung, die er ebenfalls in fast allen Fächern mit Auszeichnung bestand. Schon längere Zeit war der Entschluß in ihm gereift, sich c?anz der pathologischen Anatomie zu widmen. Deshalb hatte er bereits seine letzten Studiensemester ben&tzt, -um bei Weiehselbaum pathologisch-anatomisch -zu arbeiten. Da in Frankfurt bei Fischer eine Assistentenstelle ausgeschrieben war, bewarb er sieh um diese und wurde im Frühling 1910 Prosektor des -Instituts, welche Stelle er mehrere Jahre bekleidete, um 1912 zunächst als Volontärassistent, dann als Vollassistent am Freiburger Institut tätig zu sein. Zwei Jahre habe ich mit Landau zusammen arbeiten können. Ich kann mich keiner Stunde errinnern, wo mir die Zusammenarbeit nicht Freude und Gewinn bereitet hätte. Ich hatte ihm gesagt, daß die Hoffnung, sich-in Freiburg habilitieren zu können, f ü r i hn a 1 s Österreicher wenig Aussicht auf Erf üiHau h g hätt e. Aber er sollte für seine wissenschaftliche Arbeit jede Unterstützung bei mir finden, die-ich? zu bieten "imstande war. Denn ich sah sehr bafä; daß es sich bei Landau um einen jungen Forscher mit eigenen, fruchtbaren Ideen handelte, der auch über den engen Rahmen der pathologischen Morphologie hinaus die wissenschaftlichen Grenzge- Hete zu bearbeiten und ihre Methoden sich nutzbar zu jachen verstand. ^DWen«.\v\f.-''nach.', glücklich beendetem Kriege v i^e^^fht Köten; Zimmer des Instituts zusammen- ^^d^MMkiWmmliMüler Wehmut den Platz in dcrnSötecke betrachten, wo uns sonst Landaus kluge und-lNliffÖhe Z^ige-begegneten; der auch die wissenschaftlichen Debatten des Instituts so vortrefflich zu leiten verstand. Er war bei allen beliebt, hatte Verständnis für jedes Volk, blieb dabei immer der Österreicher. Vor ihm stand der besonders für ihn gebraute Tee, den deutschen „Kaffee" wies er zurück. Der einzige Eigensinn in diesem sonst so nachgiebigen Menschen, der nur dann scharf wurde, wenn es seiner Wissenschaft galt. Ihr gehörte er mit Leib und Seele. Aber darüber hinaus gab es auch für ihn ein höheres, sein Vaterland. Ihm opferte er sich ohne Zagen. Einzelheiten über die Ermordung Leo Franks. Die soeben eingetroffenen jüdischen Tagblätter aus Amerika bringen detaillierte Beschreibungen dieser furchtbaren Tat, welche nicht nur die jüdische Welt, sondern auch alle rechtlich denkenden Elemente des amerikanischen Bürgertums aufs mächtigste erschüttert hat. Schon der Hergang an und für sich ist für die staatlichen Einrichtungen in den Vereinigten Staaten sehr bezeichnend und erweckt in uns Vorstellungen an den entlegensten Wild-West mit seinen Lasso-Jägern und Cow-Boys, wo moderne Rechtszustände keine Giltigkeit haben. Wie es sich herausstellt, wurde die ganze Aktion, welche mit der Ermordnung Franks endete, von 25 Bürgern aus Marietta unternommen, die in diesem Orte jedermann kennt. Dieselben schlichen sich um Mitternacht, sorgfältig maskiert, an die Strafanstalt heran, durchschnitten die Telephondrähte und waren imstande, nachdem ihnen die Ueberwachungsmannschaft keinen besonderen Widerstand leistete, den von der schweren Verletzung noch nicht ganz genesenen Leo Frank in ein Auto zu schleppen, worauf sie mit ihm rasend davonfuhren. Die Räuber erklärten den Gefängniswärtern, man werde morgen früh Leo Frank auf dem Grabe der Phagan erhängt finden. Diesen Entschluß haben die Räuber nicht ganz durchführen können, da sie sich unterwegs infolge Tagesanbruches nicht mehr sicher fühlten. Sie haben daher in der Nähe der Grabstätte der Mary Phagan in einem Wäldchen den Lynch-Mord verübt; sie wurden bei ihrer Arbeit von niemandem gestört. Bis der Direktor der Strafanstalt eine telephonische Verbindung mit der nächsten Polizeistation herstellen konnte, waren sie bereits auf und davon. Was dann die Polizei selbst unternahm, konnte schwerlich zu einem Erfolge führen. Denn es herrscht in Amerika eine Ueberzeugung: daß die höchsten richterlichen und polizeilichen Beamten des Staates Georgia selbst dem Morde nicht ferne stehen. Was immer also jetzt unternommen wird, um die Mörder Franks zu eruieren, ist nichtsanderes, als eine Komödie. Charakteristisch hiefür und für amerikanische Verhältnisse überhaupt ist, daß der Polizeichef-von Marietta, dem Städtchen des Tatortes, an den berühmten Detektiv Burns in New York, der seinerzeit für Frank tätig war, folgendes höhnisches Telegramm sandte: „Leo Frank wurde gestern gelyncht, kommet schnell, um den Fall zu untersuchen." Der Bürgermeister von Atlanta, wo der Schwurgerichtsprozeß gegen Frank durchgeführt war, erfuhr die Nachricht von der Ermordung Franks in

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