Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 18 (22.9.1915)
- Date
- 1915-09-22
- Page
- Seite 149 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 „Neue NaMonal-Zeitungl* keits-Organisationen, ja sogar bis zur Stellen-Verinitilung .... Nach dem 10. Dezember 1914 wurden Flüchtlinge nicht mehr nach Wien gelassen, sie kamen dennoch und verlangten eine Intervention bei den Polizei- Kommissariaten und der Polizeidirektion, die mit verschiedenem Erfolge von mir versucht wurde. Wenn die unterste Instanz versagte, mußte die oberste Instanz (das Ministerium des Innern) angerufen werden. Die Flüchtlinge, die sich des Wiener Aufenthaltes erfreuen durften, hatten noch andere Sorgen. Die einen wollten eine Stelle, die anderen ein Darlehen; Frauen zumeist eine Nähmaschine. Es gab viele, die Sparkassenbücher hatten, oft über namhafte Beträge, und dennoch nichts flüssig machen konnten. Diesen half ich durch Eingaben an die Baron Hirschsche Wohltätigkeitsstiftung und in einigen Fällen war auch ein Erfolg da. Die Stiftung gewährte ein Darlehen gegen Verpfändung des Büchels. Diese Intervention verschaffte mir bald den Ruf eines tüchtigen Darlehensvermittlers. Ein sehr respektabler Bürger aus Sokal machte mir dieses Kompliment und unter Berufung auf seine Position in seiner Heimat wollte er in Wien Wechselkredit haben. Ich mußte ihm leider meine Mithilfe versagen, da ich nur mit Sparkassabüchern „arbeitete". Dafür hatte ich mehr Qlück bei einer Stellenvermittlung. Einer meiner politischen Freunde wollte einen Petenten, einen Buchhalter aus Ostgalizien, loswerden und wies ihn — an mich. Ich sollte dem Manne eine Stelle verschaffen. Der Zufall wollte es, daß, als er zu mir kam, auch ein Klient, der Direktor einer amerikanischen Gesellschaft, ein Reichsdeutscher und Deutschnationaler, mich besuchte. Ich klopfte sofort bei ihm an; er hatte gerade einen tüchtigen Buchhalter benötigt. Aber den — jüdischen Flüchtling aus Ostgalizien . . . den mochte er nicht. Ich gab die Sache nicht verloren. Es fand sich bald ein netter Vertreter dieses Hauses, der den Direktor hart bedrängte, damit er mit dem „Flüchtling" es wenigstens versuche. Und schließlich überwand der Direktor sein Vorurteil; er engagierte den Mann und ist mit ihm s e h r z u f r i e d e n. Er hat auch schon die Tochter des Flüchtlings angestellt. Die Rechtsschutz-Stunden gaben mir Gelegenheit, furchtbares zu hören über den Verlust von Hab und Gut durch feindliche Invasion. Dem Wunsche der Betroffenen auf Geltendmachung ihrer Ansprüche konnte mit Rücksicht auf den damaligen Stand der Kriegslage nur in den wenigsten Fällen entsprochen werden. Schließlich bezog sich der Rechtsschutz noch auf Militärsachen, wie Auskünfte über Zulässigkeit von Enthebungen oder die Beschaffung von staatlichen Unterstützungen für die Verwandten der Soldaten, und auf Flüchtlinge, die als russische Staatsbürger in Wien konfiniert werden mußten. Es waren alle niedergedrückte Menschen, die schon ein tröstendes Wort, ein Hoffnungsstrahl, aufzurichten vermochte. Den ganzen Winter und auch den Frühling über boten meine Kanzleiräume mit dem Gemisch von typischen Gestalten aus dem Osten einen seltsamen Anblick, an dem so mancher Einheimischer Anstoß nehmen mochte. Aber dieses enge Durcheinander paßte zu unserer Seelenstimmimg: es war eine Illustration zu den Kämpfen in den Karpathen. Heute, da der Feind verjagt, das Land frei und der Strom der Flüchtlinge wieder heimwärts zieht, haben wir Muße, an jene schreckliche Zeit zurückzudenken und was jeder von uns auf seinem Platze geleistet hat. Dr. Max Landau. Von Professor Aschoü (Freiburg).*) Im Dienste für das deutsche Vaterland, das er im weitesten Sinne des Wortes verstanden wissen wollte, starb in Wien am 30. April Max L a n d a u an einer Typhusinfektion. Glühender Anhänger der deutschen Kultur, hatte er bis zuletzt die Notwendigkeit eingehenderer Verständigung zwischen dem Deutschen Reich und den deutschösterreichischen Staaten als dem Vorort der südosteuropäischen Völkerfamilie gepredigt. Als der Krieg ausbrach, eilte er sofort von Freiburg nach der österreichischen Heimat, um sich zum Militärdienste zu stellen. Man entließ ihn, da man zunächst der Reserve nicht bedurfte. Aber Ende September kam der Befehl, in Wien die militärische Prosektur des Garnisonspitals zu übernehmen. Es wurde Landau schwer, Freiburg zu verlassen, da er hier bereits eine systematische Prosekturtätigkeit im Anschluß an die mit reichlichem Zufluß bedachten örtlichen Lazarette begonnen hatte. Brachten uns doch die ersten Wochen des Krieges mit ihren schweren Kämpfen bei Mühlhausen und Saarburg so vielseitiges und wissenschaftlich bemerkenswertes Material, wie es sonst nur in den Kriegslazaretten zu beobachten ist! Aber sein engeres Vaterland verlangte seiner und so folgte er dem Rufe seiner Pflicht. Viele Monate hat er in Wien das dortige Kriegsmaterial auf das sorgfältigste studiert, nach gemeinsam aufgestellten Gesichtspunkten gerade die Fragen der physiologischen Abnützungsvorgänge, der allgemeinen Gesundheitslage, der anatomisch faßbaren Diathesen geprüft und auch bereits zum größten Teil mikroskopisch durchgearbeitet, mir wiederholt von den erfreulichen Fortschritten seiner Studien berichtet, als plötzlich eine Unterbrechung des Briefwechsels eintrat. Alle Nachrichten aus Wien waren gesperrt. Es galt der Vorbereitung der großen galizischen Offensive. Da kam unerwartet ein Telegramm. Es brachte die schmerzliche Nachricht von dem Abieben Max Landaus. Erst später erfuhr ich brieflich Genaueres über den Verlauf der Krankheit, der er zum Opfer gefallen. Er erkrankte ziemlich plötzlich 8. April. Die Diagnose blieb zuerst unklar, bis Roseolen auftraten und die Blutproben positiv wurden. Ein Kollaps in der dritten Woche brach dauernd seine Kräfte. Unter den Erscheinungen einer schweren Nephritis und Pneumonie ging es zu Ende. So hat dieser Krieg auch unserem Kreise einen vielverheißenden jungen Kollegen, mir einen stets arbeitsfreudigen tüchtigen Assistenten, den Herren *) In dem demnächst erscheinenden III. Heft des „Jüdischen Kriegsgedenkblattes" wird Professor A s c h o f f, der berühmte Patholog an der Universität Freiburg, seinem leider allzufrüh der Wissenschaft und der Familie durch eine epidemische Krankheit hingerafften Assistenten, Dr. Max Landau, einen überaus herzlichen Nachruf widmen. Mit gütiger Erlaubnis des Herausgebers des „J. K.'\ Herrn Moritz Frühling, sind wir schon heute in der Lage, diesen Nachruf, unter Weglassung des rein wissenschaftlichen Teiles, zu publizieren. Die Red.