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Neue Nationalzeitung · 1915-09-22 · Heft 18 (22.9.1915) · p. Seite 148

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 18 (22.9.1915)
Date
1915-09-22
Page
Seite 148 (sequence 4)
Language
German
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Von ganz besonderer Bedeutung ist aber der Umstand, daß der Leiter der israelitischen Militär- Seelsorge gewissermaßen ein Repräsentant der israelitischen Konfession beim Militärkommando ist, daß er sämtliche Wünsche und eventuell auch Beschwerden der jüdischen Soldaten bei dieser Bebehörde vertreten kann und daß er somit die von Staatswegen bestellte Behörde ist, an die sich die jüdischen Soldaten mit ihren Wünschen und Beschwerden in religiöser Beziehung wenden können. Und gerade dieser berufene und anerkannte Repräsentant hat bis jetzt gefehlt Dieser Leiter der israelitischen Militär-Seelsorge hat aber nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, für das geistliche Wohlergehen der Soldaten im Bereiche seiner Wirksamkeit zu sorgen und ihnen -zur Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse zu helfen. Ueber unser diesbezügliches Ersuchen, uns gewisse konkrete Fälle bekanntzugeben, in welchen die israelitische Militär-Seelsorge bei den vorgesetzten Militärbehörden interveniert hat, erfahren wir folgendes: Ueber deren Intervention hat das Platzkommando angeordnet, daß bei jedem jüdischen Leichenbegängnisse auch ein jüdischer Offizier das Militärkommando vertrete. In einem anderen Falle wurde im Russen-Gefangenenlager einem dort anwesenden jüdischen Lehrer gestattet, die jüdischen Kriegsgefangenen in der Religion, respektive in der Bibel zu unterrichten. Weiters hat das Militärkommando angeordnet, daß streng orthodoxe jüdische Soldaten über ihren Wunsch nach ritueller Beköstigung ins Rothschild-Spital oder ins Allgemeine Krankenhaus transferiert werden. Auch in jüngster Zeit, betreffs der Bewilligung zum unbedingten Bethausbesuche am Versöhnungstag und an beiden Neujahrstagen, war die Intervention der israelitischen Militär-Seelsorge maßgebend. -:. Anerkannt muß aber auch werden, daß die Militärbehörde nach Möglichkeit den Wünschen der israelitischen Militär-Seelsorge entgegenkommt und ihr ihre Augabe erleichtert. Dieses harmonische Zusammenarbeiten zwischen den Militärbehörden und der israelitischen Militär-Seelsorge ist ein ganz besonders erfreuliches Moment, welches uns zur Hoffnung berechtigt, daß die israelitische Militär-Seelsorge keine bloß provisorische Institution bleiben wird. Meine Flüchtlings-Fürsorge. Von Dr. S. R. Landau. Die Befürchtungen gewisser Kreise, als ob die jüdischen Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina sich über die Kriegsdauer hinaus in Wien niederlassen würden, haben sich als unbegründet erwiesen. Seit Beginn der glücklich verlaufenen Mai-Offensive ist-ein großer Teil der Flüchtlinge nach Hause zurückgekehrt, und ein Spaziergang über den Schottenring, früher an der Polizei-Direktion, jetzt am Börsengebäude vorbei, oder ein Rundgang durch die Wartesäle der Nordbahn belehrt uns, daß die Ausfertigung der Heimreise-Pässe und die Ausfolgung der Fahrbilletts keinen gleichen Schritt zu halten vermögen mit dem stürmischen Drängen der Flüchtlinge nach der Heimkehr. Vor einem Jahre war es anders. Zehntausende Familien waren fluchtartig in Wien eingetroffen, aller Mittel zum Leben, ja selbst der notwendigsten Kleidungsstücke bar, froh, das nackte Leben gerettet zu haben und mit der Zuversicht, in der Reichshauptstadt eine Zufluchtstätte zu finden. An dem guten Willen der maßgebenden Kreise, die Flüchtlinge gastfreundlich zu empfangen, hat es nicht gefehlt, wohl aber an den hiezu notwendigen Einrichtungen, die nur langsam geschaffen und ausgebaut werden konnten. Da war jede private Beihilfe doppelt willkommen, den Behörden, deren Arbeit dadurch gefördert, und den Flüchtlingen, deren schweres Los erleichtert wurde. Meine Wirksamkeit begann mit Anregungen, die ich in einem sehr verbreiteten Montagsblatte betreffs Verpflegung und Unterbringung der Flüchtlinge der Oeffentlichkeit mitteilte. Ich hatte bald die gewünschte Gelegenheit, hierüber sowohl dem Herrn Statthalter von Niederösterreich als auch dem Bürgermeister von Wien in mündlichen Unterredungen Vorschläge zu verschiedenen Reformen unterbreiten zu können. Meine Teilnahme für das Schicksal der Flüchtlinge führte mich in die Baracken von Mähren, worüber der Bericht in diesem Blatte nur teilweise erschien. Dagegen konnte ich ein umfassendes Memorandum dem Ministerium des Innern vorlegen und hatte die Genugtuung, daß manche darin enthaltenen Anregungen bald ihre Verwirklichung fanden. Was in diesem Jahre aus privater Initiative für die Flüchtlinge geschah, wird kaum jemals detailliert geschildert werden können. Wir sehen da eine wunderbare Mosaik der Arbeit jüdischer Nächstenliebe. Da wurden neue Volksküchen aus dem Boden gestampft, Teehallen und Kleidersammelstellen über Nacht gegründet und die Spenden flössen überaus reichlich. So war es in Wien und in der Provinz, in Mähren, Böhmen, Steiermark usw. Auch Bosnien und Herzegowina blieben nicht zurück. Zirka 2000 Kronen kamen allein zu meinen Händen, dank der Sammeltätigkeit des Herrn Ch. W e i z n e r in Sarajewo, und neben den Wiener Flüchtlings-Speisehallen, denen ein großer Teil dieses Geldes zukam, konnte davon ser vielen Familien und Einzelpersonen, die einst auch selbst Wohltätigkeit geübt haben, die Schwere des Schicksals erleichtert und wenigstens vorübergehend eine Besserung ihres Loses verschafft werden. Zehn Kisten Kleider kamen mir aus Bosnien zur Verteilung zu. Welch gutes Werk war damit getan! Da kamen Personen und Familien, die sich in den öffentlichen Kleidersammelstellen nicht zeigen mochten: Hausbesitzer, Advokaturskandidaten, Rabbiner, denen es an primitivster Wäsche oder Kleidung fehlte. Für diese Leute, die sich vom Hause nichts als ihre Ehre und ihr Schamgefühl gerettet haben, wäre eine öffentliche Schaustellung geradezu demütigend und sie waren umso dankbarer, wenn sie nicht einmal ihre Namen zu nennen brauchten. Am allermeisten nahm mich die Rechtsschutz-Tätigkeit in Anspruch. Da gab es eine große Mannigfaltigkeit juristischer und auch nicht juristischer Betätigung: von der Konferenz in der Kanzlei bis zur Intervention bei den verschiedensten staatlichen Behörden und privaten Wohlttätig-

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