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Neue Nationalzeitung · 1915-09-03 · Heft 17 (3.9.1915) · p. Seite 142

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 17 (3.9.1915)
Date
1915-09-03
Page
Seite 142 (sequence 6)
Language
German
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Seite 142 Nr. 17 terland auch ihn zu den Fahnen rief. Augenblicklich wird er in Braunschweig zum Infanteristen ausgebildet. Auch darüber jammern die Eltern nicht. Still verbirgt eins vor den andern die heimliche Sorge. Gottergeben tragen, was der Himmel schickt — das ist die ernste Lebensweisheit dieser aufrechten Menschen. Nur aus einen solchen Hause konnte ein Mensch wie Ludwig Frank hervorgehen: stark, aufrecht, ehrenhaft, zielbewußt und treu. So, wie nun der Jüngste neben der Mutter sitzt, die alte Arbeitshand wortlos liebkosend, so saß wohl auch der ältere Bruder da, wenn er heimkehrte aus seinen politischen Kämpfen und Aufregungen zu der warmen Friedensstätte der Heimat, des Elternhauses. Es sieht alles so einfach, so selbstverständlich aus. Und es ist doch so viel Selbstbezwingung, so viel Liebe, so viel Ehrfurcht und Schonung darin, so viel natürlicher Anstand den Tatsachen des Daseins gegenüber in dem Verhältnis dieser schlichten Menschen zueinander. Ehe der Sohn scheidet, empfängt er den Segen der Eltern. Das Haupt des zu Segnenden muß nach alter Sitte bedeckt sein; und so schlägt die Mutter dem Dasitzenden einen Zipfel ihrer Schürze über das Haar. So wird es auch bei den Andern geschehen sein, ehe sie ihm die Hände aufs Haupt legte — denn ohne den Elternsegen ging er niemals fort zu seiner Tagesarbeit in der Großstadt. Alle Angehörigen der Familie besuchen wir, der „Onkel" und ich. Die Tante bleibt daheim; und stubenbleich, wie ihr liebes Gesicht, finde ich auch die Gesichter, der übrigen alten Frauen der Familie — liebe, kluge Gesichter darunter. Sie gehen nicht aus, die alten Frauen von Nonnenweier. Keiner Städterin Haut sieht so weiß und geschont aus wie die der jüdischen Greisinnen von Nonnenweier .... In der Stube jeder Familie hängt eine große Photographie von Ludwig. Sie reden nicht viel darüber, aber das Bild redet selber, und der Blick, der darauf haftet. Auf den breiten sauberen Dorfstraßen begegnen uns sabbatlich promenierende jüdische Familien, viele jüngere Ehepaare mit ihren gutgekleideten Kindern. Denn es ist viel Wohlhabenheit im Dorfe. Friedlicher Abendschein, müßiges Schlendern. Auch junge Mädchen, manche nach der letzten oder doch vorletzten Mode gekleidet, wandeln in Reihen, die Arme ineinandergehackt — die jungen Männer fehlen auch hier. Und schwarze Kleider erzählen von den unvermeidlichen Verlusten . . . Auch am Rhein, einen Uferpfad im Gehölz entlang, bei schmetterndem Vogelgesang, bin ich spaziert. Gewaltige Weiden spiegelten ihr blasses Grüngrau in den Buchten und Lachen des ausgetretenen Flusses. Dumpf und fern rollte jener unheimliche Vogesengruß, uneingedenk der Sonntagsruhe . . . Der begleitende Onkel blickte befremdet umher. Nie war er hier gewesen in den 74 Jahren seines Nonnenweierer Daseins . . . Denn wer im Dorf geht je spazieren? Ein einziger Mensch, der sein Fischernetz aus dem Rhein zog, begegnete uns auf diesen Wegen, in die die schmale Zeile des blauen Sonntagshimmels zwischen den Waldbäumen hindurch auf uns niederlachte . . . Das ist Nonnenweier, die Heimat eines starken und gütigen Menschen, der sein blühendes vierzigjähriges Mannesleben ausgoß am 3. September 1914, in der Ganzheit seines Wollens für das geliebte Land, dessen würdiger Sohn er war. Er hat der Heimat, den Eltern nicht Lebewohl gesagt, ehe er zum Sterben auszog, um dieses feste, einige Wollen nicht zu erweichen und aufzulösen durch Rücksicht und Liebe. Weil er weich war gegen das, was er liebte, mußte er hart sein gegen sein treues, hingebendes Herz, Leo Frank — ermordet. (Das Opfer eines Lynch-Attentats.) Wir haben in der vorigen Nummer berichtet, daß Leo Frank, nachdem er vom Gouverneur Slaton zu lebenslänglichem Gefängnis begnadigt wurde, während des Schlafes von einem Mithäftling überfallen und mit einem Messer am Halse schwer verletzt wurde. Dieses Individuum namens Green, welches bereits zwei Morde auf seinem Gewissen hatte, leugnete zwar, bei diesem Verbrechen Komplicen zu haben, allein der Verdacht war allgemein, daß Green zu diesem Attentat von dritter Seite aufgehetzt und ihm zu diesem Zwecke das Messer zugesteckt wurde. Infolge dieses Attentates war Frank schwer verletzt, doch hat das schnelle Eingreifen der Aerzte zur Hoffnung berechtigt, daß Frank am Leben erhalten wird. Er selbst bat, man möge den Attentäter nicht bestrafen und er äußerte zu wiederholten Malen die Hoffnung, daß es ihm doch noch vergönnt sein wird, seine Unschuld zu beweisen. Leider war ihm dies aber nicht vergönnt. Schon bei seiner Ueberführung nach der Strafanstalt hat der Gouverneur wohl in Kenntnis der südamerikanischen Verwilderung des Mobs alle Vorsichtsmaßregeln ergriffen, um ihn vor den Exzessen des Pöbels zu schützen, indem er ihn in der Nacht vor Pubiizierung des Gnadenaktes vom Gerichtsgebäude in die Strafanstalt überführen ließ. Aber auch diese Vorsichtsmaßregeln waren nicht genügend. Es folgte bald das obige Attentat in der Strafanstalt, und nun, wie wir schaudernd aus den amerikanischen Blättern erfahren, als der Anschlag auf Frank mißlang, der Ueberfall eines bewaffneten Volkshaufens auf die Anstalt selbst. Wie amerikanische Blätter mitteilen, brachen am 17. August 500 bewaffnete Leute in die Anstalt ein, schleppten den schwerkranken Leo Frank aus dem Bette, zerrten ihn auf die Straße, wo sie ihn an einem Baum aufhängten. Wohl lesen wir nicht allzu selten, daß derartige Akte der Lynch-Justiz in den Südstaaten an Negern begangen wurden, es dürfte aber der erste Fall sein, daß ein Weißer auf diese furchtbare Art dem Mob zum Opfer fallen mußte. Schuld daran tragen nicht zuletzt Polizei und Staatsanwaltschaft in Atlanta, welche während der ganzen zwei Jahre, seitdem die Fabriksarbeiterin Mary Phagan auf mysteriöse Weise ermordet wurde, den Fabriksdirektor Leo Frank hiefür verantwortlich machten, wiewohl alle Indizien auf den Neger Conley hinwiesen. Leo Frank hat durch zwei Jahre ein psychisches Martyrium durchgemacht und sein entsetzlicher Tod setzt der antisemitischen Hetze im Staate

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