Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 17 (3.9.1915)
- Date
- 1915-09-03
- Page
- Seite 141 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 17 tNeueNatioiLal^Zeitung^ Seite 141 Sohnes sehen, von der er daheim seit Jahren gut und herzlich erzählt hatte. Zwischen Wiesen und Gehölz ging die Wagenfahrt von der letzten Station Dinglingen aus durch maienlaues leises Regengetröpfel eine Stunde lang dahin. Ein Dorf erschien, ein zweites. Ein schimmernder kleiner Weiher, darin sich das weißrosa Rund eines blühenden Bäumchens spiegelte, deutlich, ruhig, wie eine zweite Wirklichkeit — ein gestieltes weiches Bällchen, wie für Kinderhände. Und wieder Wiesen . . . Dann — fern, dumpf — ein Donnern . . . Gewitter? Nein: das ferne Herübergrüßen der Kanonen aus den Vogesen; es rollt über den Rhein, über die weiten Wiesenflächen heran bis zu den Ohren der beraubten Eltern, ein Gruß vom Kriege, der ihnen den Stolz ihres Alters genommen hat. Aber sie klagen nicht. Der liebe Alte, hoch und stattlich wie der hingeopferte Sohn, sitzt mir gegenüber im Wägelchen, meine Hand in der seinen, und wir plaudern von dem Unvergeßlichen, Unverschmerzbaren, der uns nach seinem Tode zusammengeführt, als ob wir uns von je gekannt hätten. Und als das Wägelchen vor dem schönen alten Fachwerkhause in Nonnenweier vorfährt, da umarmt mich die alte Mutter, aus deren bleichem Greisinnengesicht die Züge des Sohnes mich anblicken, wie eine Verwandte. Auch sie klagt nicht. „Es kommt vom Himmel," sagt sie einfach. Und mit den schnellen, sicheren Bewegungen, die ich am Sohne gekannt, eilt sie hin und her, dem Gaste aufzuwarten. Leise drängt sich die Sonne durch den letzten verschwebenden Regenschleier, spiegelt sich in dem Kaffeegeschirr, beleuchtet das große Bild des Sohnes, das an der Wand hängt — auch daheim in meinem Besitz als verkleinerte Nachbildung. Er sitzt vorgebeugt, mit dem gütigen aufmerksamen Ausdruck, mit dem er einem Bericht zu folgen pflegte. Und nun die größte Ehrung des Gastes: ich darf in Ludwigs Zimmerchen wohnen! Ehrfürchtig tret' ich ein. Er hat das kleine Viereck mit modernen, bequemen Möbeln ausgestattet. Ueber dem Bette hängen — garnicht sozialdemokratisch! — die Klassenmützen aus der Gymnasialzeit, die Soldatenmütze und die Achselklappen aus dem militärischen Dienstjahr 1894—95, und ein Rappier aus den Studentenjahren. Hier hat der Führer der Sozialdemokratie gewohnt, wenn er einkehrte bei den vergötterten Eltern! Im Wohnzimmer freilich hängt ein Bild von einem Parteitag — die Köpfe der Abgeordneten, kaum erkennbar in flüchtiger Wiedergabe. Sonst nur Familienbilder . . . Es klopft. Familienmitglieder kommen, mich zu begrüßen. Sie alle sprechen von Ludwig Frank. Jener Knabe war sein Liebling; mit den Kusinen hat er sich geneckt, von den Alten sich erzählen lassen. Drunten im Gärtchen hat er gern gesessen, sich an der neuerbauten Laube, an der Rosenwölbung über der Eingangstür gefreut . . . Wenn er einkehrte, war er nicht der berühmte Mann: er war der Sohn des Dorfes Nonnenweier, der alten Kameraden aufhalf und daheim blieb im Leben der Heimat . . . Aber sie ist ja auch so schön! Wohlhäbig und reinlich winden sich die breiten Straßen, prangt das hübsche Rathaus. Ich muß einmal Umschau halten, und der liebe Alte läßt es sich nicht nehmen, mich zu begleiten. Die Blicke Begegnender folgen uns . . . „Na, Samjel, hascht B'such?" schallt es jeden Augenblick herüber. Und mit einem Schalksgesicht ruft mein neuer alter Freund befriedigte Antwort zurück. Ein Bauer, die Hacke über der Schulter, bleibt plaudernd bei uns stehen. „Weischt: eine Freundin meines Ludwig selig —" „Haja — vom Ludwig.. . ." Dem ganzen Dorfe hat der Ludwig gehört. Das ganze Dorf war stolz auf ihn, ist es noch heut. Das ganze Dorf betrauert ihn, erzählt von ihm. „Schau — dort hat das Haus gestanden, wo der Bäcke-Schakob gewohnt hat . . . Wie der Ludwig ein Kind war, und wir ihn nicht finden konnten — wo war er? Auf des Bäcke-Schabobs Speicher. Da sai3 er auf einem alten Sester und las. Nie hat er genug haben können vom Lesen. Und wenns ein alter Kalender war . . ." Wir kehren beim Pcsthalter ein, der uns hergefahren hat, und in dessen Wirtsstüble ein Glas Bier getrunken werden muß. Wie oft hat der den Ludwig gefahren! Am schönsten war's wenn der Ludwig die Eltern überraschen wollt' — und der Vater kam ahnungslos daher auf der Landstraße . . . Hui — der Ludwig herausgesprungen aus dem Wägele und dem Vater Samuel um den Hals gefallen . . . Nachher schneidet der Posthalter mir aus seinem Garten einen großen blaßlila Fliederstrauß. Was tut man nicht für eine Freundin vom Doktor Ludwig Frank! Und wir bringen der lieben Alten den Strauß mit zum Sabbatschmuck des Wohnzimmers, wo sie schon die Leuchter aufgestellt hat zur Freitagabend- Feier, und das Gebetbuch zurechtgelegt, das sie fromm küßt, bevor sie es öffnet, und nach erledigtem Gebet, als ihr Gatte aus dem Gotteshause heimkehrt zu Tisch .... Am Sabbat begleitete ich meinen Freund, den „Onkel Samuel", in die Synagoge ... sie ist nicht so klein, wie ich sie mir vorgestellt. Wunderlich ist die Frauenschuh die Sitze sind mit dem Rücken gegen die Männerschul angebracht, wohl um Holz und Arbeit für eine doppelte Schranke zu sparen. So sitzen die jüdischen Frauen von Nonnenweier wohlbewahrt vor einem verwirrenden Ausblick auf die druntensitzenden Männer . . . Die Rosch-hachodesch-Predigt ist fertig von Karlsruhe herübergeschickt und wird vom Kantor, manchmal unter sichtlicher und hörbarer Mühe, abgelesen, wobei sich der kurzsichtige Vorleser krampfhaft auf die Kanzel niederkrümmt. Sonst aber verläuft der Gottesdienst nach alter Art würdig und ernst. Daheim darf ich die Zuschriften der Großen des Landes nach dem Heldentode des gefeierten Sohnes, darf die ihn betreffenden, gesammelten Zeitungsausschnitte lesen . . . Und plötzlich öffnet sich die Tür — aus einem jugendlichen Männergesichte blicken mich die großen lebendigen Augen des Verewigten an; und mit dem schalkhaften Lächeln des Vaters sagt Ludwig Franks jüngster Bruder: „Hab's schon gehört, daß Sie hier sind! Jeder im Dorfe hat mir's zugerufen!" An jedem Sabbat kam der gute Sohn von Straßburg herüber zu den Eltern, bis--ja, bis das Va-