Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 17 (3.9.1915)
- Date
- 1915-09-03
- Page
- Seite 140 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 140 JNeue National-Zeitung^ Nr. 17 jährlich in der Hagada von Pesach wiederholen und der uns die Kraft verliehen hat, bis heute unter den lebenden Völkern zu bleiben: „In jeder Zeitepoche entstanden uns Feinde, die unsere Existenz als Volk vernichten wollten, aber unser Gott rettete uns immer aus ihren Händen", kam auch im abgelaufenen Jahre zur vollen Geltung. Der Zarismus mit seinem größten Heere der Erde, der gleichsam der Todfeind des Judentums ist, wird von den verbündeten Heeren der Zentralmächte, die für Recht und Menschlichkeit kämpfen, vernichtet, und so finden wir auch in der Gegenwart das bestätigt, was uns unsere Geschichte der Vergangenheit erzählt, daß alle jene, die das Judentum am grausamsten behandelten, ein böses Ende fanden. Wenn wir uns anschicken, zum Jahresschlüsse einen Blick auf die Leistungen, die das Judentum Oesterreichs für Kaiser und Vaterland aufbrachte, zu werfen, kann es uns um das Resultat derselben nicht bange sein. Zu Hunderttausenden stehen die Söhnt des jüdischen Volkes im Felde, von ihrer Tapferkeit wissen uns die kompetentesten Stellen zu erzählen. Die Juden und Jüdinnen im Hinterlande sind überall dort zu finden, wo es gilt, patriotische Pflichten zu erfüllen. Wer sich der Aufgabe unterziehen würde, eingehend die Spendenlisten seit Kriegsausbruch bis heute zu lesen, muß zu dem Resultat gelangen, daß die Summe der jüdischen Beiträge weit über deren Perzentsatz in der Bevölkerung hinausgeht. Reich und arm im Judentume wetteifert, sich dieser großen und so schweren Zeit würdig zu zeigen. Hat aber das österreichische Judentum im vergangenen Jahre auch seine Pflicht gegen sich selbst erfüllt? Was haben die führenden Faktoren des Judentums in Oesterreich beigetragen, um das Schicksal der galizisch jüdischen Flüchtlinge zu verbessern, wo und wann konnte man während des langen Kriegsjahres eine gemeinsame jüdische Kundgebung vernehmen? Wo und wann versammelten sich alle jüdischen Mitglieder des Reichsrates, um ihren Wählern zu verkünden, daß sie in dieser schweren Zeit hinter ihnen stehen? Wo waren die jüdischen Korporationen und führenden Persönlichkeiten, als es galt, jenen Teil der galizischen Flüchtlinge, die in Ungarn vorübergehend Zuflucht suchten, dort gegen Willkür jeglicher Art zu schützen? Jüdische Korporationen und führende jüdische Persönlichkeiten haben wir bei all diesen Anlässen überall vermißt. Wohl aber haben einzelne Wiener, bömische und mährische Juden in diesem Jahre den Flüchtlingen gegenüber Taten vollbracht, die würdig sind, stets im Gedächtnis der österreichischen Judenschaft zu bleiben. Auch gegenüber den Juden aus jenen Teilen Russisch-Polens, die dank der herrlichen Waffentaten unserer Armee jetzt in unserem Besitze sind, haben es die Führer der westlichen Judenschaft bisher an Fürsorge fehlen lassen. Wir hören und lesen es täglich von vollständig einwandfreier Seite, wie die zaristiche Macht seit Kriegsausbruch auf den Juden dieser Provinzen gelastet hat und welche Schandtaten die Zarenarmee bei ihrem Abzüge an den Juden speziell vollzog. Wäre es da nicht im allgemeinen Interesse, hauptsächlich aber auch ein Akt der Humanität, wenn sich die führenden Kreise des österreichichen Judentums mit der schrecklichen Lage dieser Unglücklichen befassen und ihre Not lindern würden. Wie das gemacht werden sollte, dafür bieten die Aktionen, die die Juden Deutschlands mit so vielem Erfolg seit Monaten dort durchführen, ein sehr nachahmenswertes Beispiel. Nicht begreiflich ist es, wenn gerade jetzt einige Persönlichkeiten das Bedürfnis haben, die Juden Palästinas für jetzt und alle Ewigkeit zu versorgen. Wir kennen die Not, unter welcher die Juden Palästinas auch in Friedeiiszeiten leiden und in welchem Maße sie gerade während des Krieges gesteigert wurde. Diese nach Kräften zu lindern, ist Pflicht jedes Juden; keine Gelegenheit darf versäumt werden, um Sammlungen für diese Juden zu veranstalten und das Ergebnis derselben raschestens dem Bestimmungsorte zuzuführen. Die passenste Gelegenheit für die Sammlungen bieten uns die kommenden Feiertage. In dieser Zeit die österreichische Judenschaft aber mit Zukunftsplänen für Palästina zu beschäftigen, da hart an unseren Grenzen hunderttausende Juden Hungers sterben, bedeutet eine vollständige Verkennung der Verhältnisse. Ein jüdischer Gemeindebund für Oesterreich, wie er jüngst Gegenstand heftiger Diskussion war, wäre eine Notwendigkeit. Aber es müßte zuerst seine Lebensfähigkeit bewiesen werden. Dievollständige Zertrümmerung des Zarismus und die Erlösung der sechs Millionen Juden, die unter seinem Joche seufzen, ist das Kriegsziel, das wir herbeisehnen. Die bisherigen Erfolge der Verbündeten lassen es auch erwarten. Mit diesem Tröste, der unsere armen Brüder für alles Ungemach des verflossenen Jahres entschädigen soll, ziehen wir in das Neue Jahr hinüber. I. G r o b t u c h. Heimatdorf.*) Zur ersten Wiederkehr des Todestages Ludwig Franks am 3. September. Von Leonie Meyerhof (Frankfurt a. M.). Es war im Mai. Weißrosa Schaumkränze von Apfelblüten umgaben das weiträumige, reinliche Dorf. Aus den ländlichen Gärten quoll Fliederduft, über ihre Zäune hingen die gelben japanischen Laternchen des Goldregens. In diesem traumhaft üppigen Jahr, wo das Blut der edelsten Jugend den Boden des Vaterlandes düngt, gedeiht neben dem Schrecklichen das Schöne in unerlebter Pracht. Es hielt mich nicht länger: ich mußte die Heimat des toten Freundes kennen lernen, Ludwig Franks — eines der ersten und teuersten Opfer, dieses endlosen, furchtbaren Krieges. Seine alten Eltern riefen mich zu sich. Sie wollten die Freundin des *) Am 3. d. M. jährt sich der Sterbetag Ludwig Franks, jenes Führers der deutschen Sozialdemokraten und Mitgliedes des deutschen Reichstages, der als Kriegsfreiwilliger gleich zu Beginn des Krieges auf dem Felde der Ehre fiel. Die Verfasserin dieses Artikels, den wir der Zeitschrift „Liberales Judentum" entnehmen, hat es unternommen, aus diesem Anlasse ein Bild des Milieus zu entwerfen, in dem Ludwig Frank geboren und erzogen wurde. Die echt jüdische Note dieser Schilderung des Vogesendorfes und seines Getriebes ist ganz eigenartig und neu; sie wird darum auch unsere Leser gewiß tief ergreifen und ihnen die historische Persönlichkeit Ludwig Franks näher bringen. Anm. der Red