Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 17 (3.9.1915)
- Date
- 1915-09-03
- Page
- Seite 139 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- Daugavpils 1× ep/1000225
- Hrodna 1× ep/1044655
- Kaunas 1× ep/1000678
- Kielce 1× ep/1001109
- Minsk 1× ep/1000754
- Płock 1× ep/1048069
- Radom 1× ep/1000823
- Riga 1× ep/1000826
- Vilnius 1× ep/1000947
- Łomża 1× ep/1048190
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Nr. 17 .Neue National-Zeitung'* Seite 139 Die Freizügigkeit der Juden in Rußland? Nach unverbürgten Nachrichten aus Petersburg soll der Ministerrat den Beschluß gefaßt haben, den Juden in Rußland die F r e i z ü g i g k e i t zu gewähren. Es soll nunmehr den Juden gestattet sein, sich überall (?) im russischen Reiche, mit Ausnahme von Petersburg und Moskau und einigen anderen Gegenden wie Turkestan und am Don, anzusiedeln und unbewegliches Eigentum zu erwerben. Diese Nachricht ist zu unverbürgt und zu dürftig, als man sich über das Ausmaß der neuen Rechte ein Urteil bilden könnte. Insbesondere vermissen wir die Bekanntgabe, ob es den Juden nunmehr gestattet sein soll, sich am Lande niederzulassen und überall Ackerbau zu treiben. Jedenfalls verkündet der neue Ukas einen großen Fortschritt gegenüber den bisherigen Verhältnissen. Das schreckliche Wort „Tscherta" (Ansiedlungsrayon) soll verschwinden. Denn bisher durften die Juden nur alles in allem in 25 von 73 Gouvernements des europäischen Rußland und auch hier lediglich in Städten und Städtchen, nicht aber in Dörfern wohnen. In diesen Gouvernements waren sie daher in den Städten zusammengepfercht, wo sie sich gegenseitig Konkurrenz machten und zum größten Teile in Not und Elend lebten. Allerdings bestanden gewisse Ausnahmen für diplomierte Akademiker, gewesene Soldaten und Gewerbetreibende, daß sie in ganz Rußland wohnen durften. Aber diese Privilegien blieben zumeist auf dem Papier. Es ist bekannt, daß invalide Soldaten aus dem russischjapanischen Krieg außerhalb des Ansiedlungs-Rayons ausgewiesen wurden, und selbst während des jetzigen Krieges schreckte die russische Barbarei davor nicht zurück, jüdische Soldaten, nachdem sie in den Kriegslazaretten operiert wurden, dann aus diesem Orte auszuweisen, sobald derselbe nicht im Ansiedlungs-Rayon gelegen war. In diesem Falle durften sie die eigenen Verwandten in den Lazaretten nicht besuchen. Es wurde bereits wiederholt in der europäischen Presse erörtert, daß jüdische Studentinnen, um außerhalb des Rayons eine Universität besuchen zu können, wie Petersburg, Moskau, Riga, Charkow, usw. sich bei der Polizei ein „Sittenbuch" nehmen mußten, jedoch von der Polizei sofort ausgewiesen wurden, wenn sie das Gewerbe nicht auch tatsächlich ausübten. Aus reiner Willkür wurden oft Städtchen zu Dörfern umgewandelt, und dadurch tausende jüdische Familien gezwungen, sofort ihren fieimatsort zu verlassen und sich in anderen Orten mit städtischem Charakter, wo ohnedies bereits Juden in Massen zusammengepfercht waren, eine neue Existenz zu suchen. Wenn die Freizügigkeit tatsächlich vom Ministerrat beschlosen wurde, so war dies eben nichts anderes, als ein Akt der Notwendigkeit. Abgesehen davon, daß, wie man glaubt, die russische Regierung sich dadurch eine freundliche Aufnahme ihrer Kriegsanleihe in den Vereinigten Staaten sichern will, scheint ein weiterer Beweggrund darin zu bestehen, daß die meisten Gouvernements des Ansiedlungs- Rayons bereits in Händen der verbündeten Mächte sith befinden und die hunderttausende aus diesen Provinzen von den Kosaken verschleppten Juden anderswo eine Unterkunft finden mußten. Nachstehende Gouvernements des Ansiedlungs- Rayons sind bereits besetzt: Warschau, Kaiisch, Petrokow, Radom, Kielce, Lublin, Siedice, Plozk, Lomscha, Suwalki, Kowno und Wilna, zusammen 12; es sind dies gerade die von Juden am dichtesten besetzten Gouvernements. Von den übrigen Gouvernements des Ansiedlungs-Rayon sind Grodno, Minsk, Wolynien und Witebsk (Dünaburg) arg bedroht; sie werden von den Russen geräumt und die Bevölkerung, darunter namentlich die Juden, unter namenlosen Entbehrungen verschleppt, ihr Hab und Gut vernichtet. In den vom Feinde noch nicht gefährdeten jüdischen Zentren werden Progroms vorbereitet, um die revolutionäre Gesinnung des Mobs abzulenken. Welchen Wert hat unter diesen Umständen die platonische Freizügigkeit, an die sich der untergehende Zarismus wie an einen rettenden Strohhalm klammern möchte? Nein, nein, dieses verrottete System mit seinem Heere von plündernden und schändenden Mordgesellen, und mit seiner käuflichen Beamtenschaft kann den sechs Millionen in dem einjährigen Kriege hart geprüften, an den Rand der Verzweiflung getriebenen Juden keine Erlösung bringen. Es muß und wird elend zusammenbrechen und erst aus seinen Ruinen kann für die Juden ein glücklicheres Los erblühen. Nicht eine halbe Maßregel, sondern die auf den Sturz des absolutistischen Zarismus folgende wirkliche Völkerfreiheit und Völkergleichheit in Rußland wird das Ende der jüdischen Sklaverei bedeuten. Die Erreichung dieses Zieles wird für die Gesamtjudenschaft ein reichliches Aequivalent für alle Schrecken und Bitternisse dieses endlosen Krieges bilden. L. Rückblicke. Was bedeuten all die Pein und Leiden, die das Judentum in der Vergangenheit über sich ergehen lassen mußte, angesichts des namenlosen Unglückes, welches das Jahr 5675 über dasselbe gebracht hat. Der grausame Krieg, dessen Schauplatz fast ganz Europa ist, hat wohl sämtliche Bewohner der kriegführenden Staaten in starke Mitleidenschaft gezogen: die Zahl der Witwen und Waisen ist unübersehbar, tiefeTrauer und namenloseSchmerzen sind die steten Gäste vieler Paläste und Bauernhütten. Mühselig erworbenes und ererbtes Gut sind der Willkür des Feindes preisgegeben, der Aermste sieht sein letztes Gut als Beute in der Hand des Feindes oder in Flammen aufgehen. Neben all diesen Grausamkeiten des Krieges, an denen das Judentum reichlich partizipiert, mußte es im abgelaufenen Jahre der Spielball in den Händen des blutrünstigen Zarismus sein. Zu den fast 6 Millionen Juden — also der Hälfte der Gesamtjudenschaft — die unter dem moskowitischen Joche zu seufzen hatten, gesellte sich noch durch die zaristische Invasion für eine längere Zeit des verflossenen Jahres ein großer Teil des galizischen und bukowinaerischen Judentums. Angesichts dieser Tatsache hätte man beinahe an der Zukunft des jüdischen Volkes verzweifeln müssen. Aber der Ausspruch, den wir all-