Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 16 (20.8.1915)
- Date
- 1915-08-20
- Page
- Seite 134 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 134 _______ „Neue National-Zeitung" Nr. IG lieit zu machen, welche die Gemeinde der Lächerlichkeit preisgeben und einem sonst würdigen Rabbiner Deutschlands, der an seiner Stelle erfolgreich wirkt und für sie paßt, ein ähnliches Geschick mit tragischem Ausgang bereiten will, wie er es schon einmal einem würdigen Rabbiner Deutschlands bereitet hat durch Unverstand und Mißgriff. Das darf der Oeffentlichkeit nicht verschwiegen werden. Die zionistische Jahreskonferenz in Boston.*) Von Dr. S. Melamed. Auf der Konferenz in Boston wurde ganz schöne Arbeit verrichtet. Manhat wichtige Beschlüsse gefaßt, viel Geld gesammelt und riesige Demonstrationen veranstaltet. Aber in Boston wurde weder die zionistische Organisation, noch die Kolonialbank, noch der Nationalfond gegründet. Es wurden dort viele Reden gehalten — sehr kl'uge und weniger kluge — aber es wurde k e i n neue s Wort v e r k ü n d e t u n d k e i n e n e u e Parole ausgegeben, wiewohl gegenwärtig gewaltige Probleme in den Vordergrund treten und wiewohl die Führer einer großen Bewegung verpflichtet sind, den Massen einen neuen Weg zu zeigen. Aber anstatt einer neuen Parole und eines neuen Gedankens wurde in Boston sehr viel Bravo gerufen — ein bißchen zuviel. Man hat in Boston neue Götzen geschaffen aus Menschen, die gar nicht Götzen werden wollen. Fast jeder Redner in der Konferenz von Boston hat es für seine Pflicht gehalten, Brandeis als einen neuen Herzl zu verhimmeln; es gab auch solche, die soweit gegangen sind, Brandeis höher zu stellen als Herzl. Ich will hier gar nicht für die Ehre Herzls eintreten, nur vielmehr für die Ehre Brandeis'. Was muß sich denn ein Brandeis von Menschen denken, die ihn mit Herzl vergleichen oder noch gar höher stellen? Brandeis beginnt erst als Zionist zu arbeiten, d. h. auf jenen Wegen zu gehen, die Herzl gezeigt hat. Herzl hat aus eigener Kraft alles geschaffen, was der Zionismus heute besitzt: die Welt- Organisation, die Bank, den Nationalfond, den Kongreß, die diplomatischen Beziehungen usw. Brandeis ist zweifellos eine hervorragende Persönlichkeit, er beginnt aber erst auf dem einen oder anderen Gebiete zu arbeiten. Brandeis ist eine große organisatorische Kraft. Aber weil wir von ihm auf diesem Gebiete Großes erwarten, ist er dann schon ein Herzl oder größer als Herzl? Deshalb ist das Geschrei Brandeis—Herzl nicht nur subjektiv und objektiv närrisch, sondern es kann uns noch sehr viel schaden, nicht bloß moralisch, sondern auch politisch. Ohne davon zu sprechen, *) Die zionistische Presse in Europa hat sich sehr eingehend und überschwänglich mit der jüngst in Boston stattgehabten Jabreskoniierenz der amerikanischen Zionisten beschäftigt. In geradezu geschmackloser Weise wurde dabei dem Herrn Louis B r a n d e i s gehuldigt, zum Beweise, wie wenig demokratischer Geist in der zionistischen Partei herrscht. Denn Herr Brandeis ist Millionär .... Und das genügt gewissen Leuten .... Es ist deshalb von besonderem Interesse, die Stimme eines zionistischen Schriftstellers zu hören, der gegen diese Auswüchse der zionistischen Parteikonferenzen heftigen Einspruch erhebt. Wir entnehmen obigen Artikel dem New Yorker jiddischen Tagblatte „Die Wahrheit". Anm. der Red. daß es sehr geschmacklos ist Niemand empfindet das gewiß mehr als Brandeis selbst. Denn Brandeis ist ein Mann von Takt und Verstand. Leo Frank - tötlich verletzt. Das Attentat eines Mithäftlings. Wie wir bereits berichtet haben, wurde Leo Frank von Gouverneur Slaton zu einer lebenslänglichen Kerkerstrafe begnadigt und unter den größten Vorsichtsmaßregeln in die Strafanstalt Milledgeville überführt, da ein Ueberfall des Mobs auf ihn befürchtet wurde. Hier ist er jedoch nach kurzem Aufenthalte in der Nacht vom 17. Juli von einem Mithäftling, der eine lebenslängliche Kerkerstrafe abzubüßen hat, überfallen und tötlich verletzt worden; der Hals wurde ihm mit einem Messer buchstäblich durchschnitten. Nur dem Umstände, daß sich unter den Mithäftlingen auch ein ehemaliger Arzt befand, der alle Vorsichtsmaßregeln behufs Blutstillung sofort, bevor noch der Anstaltsarzt eintraf, ergriff, ist es zuzuschreiben, daß die -Katastrophe verhütet wurde. Frank ist sehr gefährlich verletzt, aber sein Zustand ist nicht hoffnungslos. Nach dem Attentat vermochte Frank noch folgende Worte hervorzubringen: „Ich denke, Sie haben mich endlich doch umgebracht." Daran knüpfte er die Bitte, man möge den Attentäter, ein Individuum namens J. W. Green, nicht bestrafen. Warum wurde Leo Frank begnadigt? Ein Interview mit Gouverneur Slaton. Die Umwandlung der über Frank verhängten Todesstrafe in eine lebenslängliche Kerkerstrafe hat in Atlanta in den breitesten Volksschichten eine unglaubliche Aufregung hervorgerufen. Es war sehr vernünftig von Slaton, daß er in der Nacht vor der Publikation seines Begnadigungsaktes unter strenger Ueberwachung Leo Frank in das Staatsgefängnis überführen ließ. Denn dieser Akt der Menschlichkeit und Gerechtigkeit hätte ihn bald sein eigenes Leben gekostet. Seine Wohnung wurde von Mob überfallen und wäre er wahrscheinlich selbst gelyncht worden, wenn nicht Militär eingeschritten wäre. Ueber Atlanta wurde auch der Ausnahmezustand verhängt, Dieser Begnadigungsakt war der letzte Regierungsakt des Gouverneurs Slaton, da seine Amtszeit einige Tage später zu Ende ging. Er begab sich auf eine Erholungsreise nach New York und wurde dort von einem Redakteur des bekannten Tagblattes „New York Times" interviewt. Dieses Interview ist ungemein interessant, da es die Anschauungen dieses objektiven und gerechtdenkenden Mannes offenbart. Ist Frank schuldig? Die erste Frage des Interviewers an Slaton war, ob seiner Ansicht nach FranK schuldig oder unschuldig ist. „Ich bin kein Dogmatiker", antwortete Slaton, „und ich gebe zu, daß man darüber verschiedener