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Neue Nationalzeitung · 1915-08-20 · Heft 16 (20.8.1915) · p. Seite 132

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 16 (20.8.1915)
Date
1915-08-20
Page
Seite 132 (sequence 4)
Language
German
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Seite 132 Neue National-Zeitung" Nr. 16 deren, und, je dichter der Knäuel wurde, um so eifriger schössen die Russen hinein. Die schlagenden Pferde rings um sich, arbeiten die einen; die anderen eilten an den Rand dieses verzweifelten Knäuels dem Feind entgegen, ihn durch wohlgezieltes Feuer abzuhalten; überall Not und Tod! Dazu schüttete der Himmel alle seine Schleusen über die traurige und erschreckende Szene; die Wagen schwankten und starrtem in unermeßlichem Kot, aus aller Wunden mischte sich Blut mit Lehm und ein Wille von Eisen, ein Gehirn von übermächtiger Klarheit gehörte dazu, unter solchen Umständen und in solchen Klumpen Ruhe, Fassung und Ordnung zu bringen! Leutnant A r j e hielt seinen Trainzug von der Panik, die bei dem ganzen umliegenden Train eingerissen war, mit wunderbarer Ruhe frei, löste seine Wagen los, mit denen er schon den ganzen Tag gefahren war, und fuhr, immer die Karabiner nach dem Feinde, weiter, in den grauen, trostlosen Regenschleier hinein, aus dem jeden Augenblick das Hufgetrappel der Kosaken entgegenkommen konnte. Den ganzen Tag, die ganze Nacht zogen die Pferde, zum Abfüttern und Rasten war kaum Zeit; und als der Morgen gekommen war, ging der Zug dennoch weiter, weiter; volle dreiunddreißig Stunden! Und bis zum Sterben erschöpft, aber in vollster Ordnung, erreichen der Leutnant und die Seinen das Korpskommando, dem er, außer anderen wertvollen Akten und sonstiger Bagage, sieben Millionen Bargeld — die ganze Kriegskasse — gerettet hatte. Das Militärverdienstkreuz III. Kl. mit der Kriegsdekoration war der Lohn für diese bravouröse Tat. Der Verpflegsakzessist Ernst Brandeis als Arzt. Die Gesetze des Friedens haben nicht Gültigkeit für den Krieg. Im frieden ist jeder Truppengattung die Eigenart ihrer Wirksamkeit gesichert, jedem Offizier die Grenze seines Tätigkeitskreises geboten. Im Krieg, in dieser Feueresse der Gefahr, schmilzt alles zusammen, enger binden sich die sorgsam getrennten Bestimmungen im Ziele jener höchsten: des Sieges. Tausendfach haben wir die .Rollen getauscht gesehen: Kavalleristen im Schützengraben, Artilleristen, die Attacken reiten, Sappeure, die stürmen, Aerzte, die Erdhöhlen graben helfen, Priester, die Soldaten zum Sturm aufrufen — jede Waffe, jede Stelle dient im Notfalle der anderen. Und die wahre Tüchtigkeit des Offiziers zeigt sich darin, daß er nicht nur in seiner engeren, ihm gemäßen Sphäre erfolgreich zu wirken versteht, sondern überall, wo es nottut, Helfer und Führer zu sein vermag. Diese Vielgestaltigkeit und unniversale Tüchtigkeit hat in hervorragendem Maße auch der Landsturmverpflegsakzessist Ernst B r a n d e i s beim ersten Korps erwiesen, als sich in der Krankenhaltstation besonders schwierige Umstände ergaben. Seine Aufgabe war, seiner Stellung gemäß, eigentlich nur für die Verpflegung der Station Sorge zu tragen, Vorräte zu requirieren und die Magazine zu überwachen. Aber als die Verwundeten unablässig zuströmten, war es auch nötig geworden, für ihre Unterbringung zu sorgen, immer neue fluteten von den schweren Kämpfen zurück und der wichtigste Helfer fehlte: ein Arzt. Der Verpflegsakzessist B r a n d e i s zögerte nicht, obwohl bis zur Erschöpfung von seinen eigenen Obliegenheiten beansprucht, auch diesen Dienst zu übernehmen. In einem Samariterkurse geschult, besaß er Kenntnis genug, um mit Hilfe einiger Sanitätssoldaten den Verwundeten Verbände anlegen zu können und ihnen Labung zu bieten. Mancher wackere Soldat ist durch sein energisches Eingreifen vor dem Verbluten geschützt worden und die musterhafte Obsorge in allen seinen Anordnungen erzielte in dem Anstrom der Hilfsbedürftigen Ruhe und Ordnung. Als dann der Kampf immer näher an das Dorf sich heranzog, dachte der wackere Akzessist nur an das Schicksal der ihm Anvertrauten und des ihm unterstellten Gutes. Während schon die Geschoße gegen die Häuser sausten, organisierte er mustergültig den Abtransport und die Räumung der Magazine. Verpflegsbeamter, Arzt und Kommandant in einer Person. Kein Verwundeter blieb in der gefährlichen Zone zurück, nicht das geringste Material ging dank seiner Umsicht dem Aerar verloren und erst als der Abbruch der Krankenhaltstation klaglos vollzogen war, verließ er als der Letzte das schon vom Feinde umstürmte Dorf. Dieser ganz ungewöhnlichen Verwendbarkeit dankt Verpflegsakzessist Ernst Brandeis auch seine sofortige außertourliche Beförderung zum Verpflegsoffjzial und seiner Unerschrockenheit das goldene Verdienstkreuz mitder Krone am Bande der Tapferkeitsmedaille. Regimentsarzt Dr. Heinrich Glaser. Der Held des Hilfsplatzes. Die weithin sichtbare Fahne des Roten Kreuzes auf weißem Grunde ist nach den internationalen Vereinbarungen der Genfer Konvention dazu bestimmt, die Stätten der Hilfe, Lazarette und Verbandplätze zu schützen und inmitten der Vernichtung den Wehrlosen und Leidenden ein Asyl zu bieten. Den Russen aber ist, wie der gegenwärtige Krieg in Hunderten von Fällen gezeigt hat, diese heilige Flagge der Menschlichkeit nur eine willkommene Zielscheibe für ihre Geschütze, und mit einer verhängnisvollen Regelmäßigkeit lenken sie ihr Feuer gerade dorthin, offenbar in der Hoffnung, dadurch Verwirrung in unseren Reihen zu erzielen und das begreifliche Entsetzen der Schutzlosen auch auf die Kämpfer zu übertragen. Aber die Geschehnisse haben bewiesen, daß durch den Heldenmut der Aerzte die Zuversicht der Truppen bei solchen frevelhaften Vorstößen gegen das Völkerrecht statt vermindert, nur erhöht und zu doppelter Leidenschaftlichkeit gesteigert wird. Ein Beispiel bietet das mustergültige Verhalten des wackeren Regimentsarztes Dr. Heinrich Glaser, der als Chefarzt beim Infanterieregimente „Kaiser" Nr. 1 fungierte. Als die Russen am 3. August den Hilfsplatz von Goskieradow rücksichtslos beschossen, daher man die Kranken nach Dynow zurücktransportieren mußte und als aus den gleichen Gründen die Sanitätsstation von Osny am 7. September in Margynow Schutz vor der zynischen Geschoßstreuung zu suchen hatte, zeigte Regimentsarzt Dr. Glaser eine derartige Kaltblütigkeit, daß die Verwundeten inmitten des höllischen Feuers vollkommene Ruhe bewahrten. Er verband, labte und pflegte, ohne die einschlagenden Geschoße überhaupt zu beobachten und nahm durch seine heroische Sicherheit den Blessierten gänzlich das Bewußtsein der Gefahr. Der Aufschub wurde klaglos durchgeführt, mehr als

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