Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1915-08-06 · Heft 15 (6.8.1915) · p. Seite 124

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 15 (6.8.1915)
Date
1915-08-06
Page
Seite 124 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2425679-2425942-2425958--3218-2429792
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Seite 124 Neue National-Zeitung" N'r. 15 Ich halte jeden weiteren Kommentar für überflüssig. Möge sich die jüdische Oeffentlichkeit darüber ihre Meinung bilden. Aber ich denke/daß dieser Fall für den Wiener Kultusvorstand typisch ist. So recht bezeichnend für den darin herrschenden „Geist" der Feigheit und des Servilismus. Man bedenke nur: Der Kultusvorstand beschließt, nur an jüdische Architekten Preise zu vergeben und Mitglieder des Kultusvorstandes haben nicht den Mut, diesen Beschluß in der Jury zu vertreten. . . . Sie schämten sich ... Sie sollen sich schämen! Nun ist es nicht ohne Pikanterie, daß bei diesem seltsamen Beschlüsse auch zwei Zionisten mitgewirkt haben. Ingenieur Robert Stricker ist als Kultusvorsteher und Dr. Arnold Karplus als Preisrichter in dieser Jury gesessen, die einem getauften Juden den Preis der jüdischen Kultusgemeinde zuerkannt hat. Und so ist es begreiflich, daß Arm in Arm mit den beiden Gemeindeblättern auch diezionistischeZeitungüber den Fall schweigt. Sonst wirkten an diesem Beschlüsse noch folgende Kultusvorsteher mit: Ingenieur Jakob Gärtner, Hofrat Dr. R a p p a p o r t, Dr. Leopold K o h n, kais. Rat Siegmund Kauders (bekanntlich ein Vertreter der erzkonservativen Richtung) und Dr. Max Spitzer. * Die näheren Personaldaten des Herrn Ernst Lichtblau, der es so glänzend verstanden hat, sich mit dem „1. Nissan" und dem „Magen David" in den Besitz eines Preises zu setzen, sind: geboren im Jahre 1883 in Wien, katholisch, ledig. Wenn auch ein Wiener, so scheint er dennoch sehr gut den polnischen Spruch zu kennen: Nicht ehrenvoll, aber gesund. L. Ein Blatt aus der Leidensgeschichte der russischen Juden. ) Von Oberrabbiner Dr. Simonson (Kopenhagen). Schon vor Ausbruch des Krieges war es für jeden Kenner der Verhältnisse selbstverständlich, daß dieser Krieg innerhalb der russischen Grenzen über das russische Volk sicherlich schweres Unglück bringen werde, das größte jedoch, wie immer in solchen Fällen, über die russischen Juden. Es vermochte ihnen nichts zu helfen, daß gegen vierhunderttausend jüdische Soldaten unter den russischen Fahnen standen und daß die jüdische Bevölkerung seit Ausbruch des Krieges in Worten und Taten eine Loyalität zur Schau trug, die, wie verlautet, selbst an vielen maßgebenden Stellen außerordentlich überraschte. Das Unglück für die Juden war eben, daß der Krieg in Gebieten geführt wurde, in denen der größte Teil der Bevölkerung aus Juden bestand, was zur Folge hatte, daß diese Bevölkerung wohl oder übel mit in den Brennpunkt der Kriegswirren hineingezogen wurde. Hiezu kam dann nach *) Die furchtbaren Verfolgungen und Massenaustreibungen der jüdischen Bevölkerung in Rußland, gegen die dte Leiden unserer Ahnen in Spanien und Portugal ein Kinderspiel waren, geben der jetzigen moskovitischen Kriegsführung ihre Signatur. Obiger Aufsatz des Oberrabbiners von Kopenhagen, der in der dortigen „Politiken" veröffentlicht wurde, sorgt dafür, daß die gesamte Kulturwelt von den Schandtaten des Bundesgenossen Frankreichs und Englands Kenntnis erlange. Anm. der Red. den russischen Misßerfolgen nur allzubald noch der Umstand, daß man, um eine plausible Erklärung verlegen, kurzweg die Juden beschuldigte, sie hätten fortgesetzt den deutschen Armeen Spionagedienste geleistet. Es ließen sich über diese durchaus grundlosen Anschuldigungen dickleibige Werke schreiben; da mir der Raum jedoch verbietet, hier näher darauf einzugehen, so möchte ich an dieser Stelle nur davon sprechen, welche Ungeheuerlichkeiten allein gegen Ende des verflossenen Monats an den Juden der westlichen Ansiedlungsbezirke begangen worden sind, wobei ich betone, daß das mir vorliegende Material nicht etwa aus Zeitungsnachrichten, sondern von Männern herstammt, deren Angaben uneingeschränkten Glauben verdienen. Nachdem die Juden bereits wochen- und monatelang vorher in jeder nur erdenklichen Weise von den russischen Behörden drangsaliert worden waren, traf sie der Hauptschlag gegen Ende des vorigen Monats, indem die russischen Militärbehörden ohne den geringsten Anlaß plötzlich die Verfügung erließen, daß 200.000 Juden ihren bisherigen Wohnsitz unverzüglich zu verlassen hätten; so wurden die Gouvernements Kurland, Kowno und zum Teile auch das Gouvernement Suwalki, die eine außerordentlich dichte jüdische Bevölkerung aufweisen, von den Juden, um den technischen Ausdruck zu gebrauchen, kurzerhand „gesäubert". Die Frist, die man den Unglücklichen einräumte, schwankte zwischen acht Stunden (Szawle) und dreißig Stunden (Kowno). Im Gouvernement Kowno allein wurden um diese Zeit mehr als 160.000 Personen ausgewiesen, deren Schicksal als besonders hart betrachtet werden muß, wenn man sich vergegenwärtigt, daß fast eine jede dieser jüdischen Familien einen oder mehrere Angehörige unter den russischen Fahnen stehen hat. Augenzeugen, die der Durchführung des Erlasses beigewohnt haben, berichten von geradezu grauenvollen Bildern. Man glaubte sich in das Mittelalter versetzt, wenn man die endlosen Züge der russischen Juden sah, die aus allen Städten der erwähnten Gouvernements innerhalb wenigen Stunden verjagt worden waren, ohne daß irgend eine Ausnahme gemacht worden wäre: Kinder und Greise, Schwangere und Wöchnerinnen, Sterbende und Wahnsinnige, Krüppel und Blinde — sie alle traf das gleiche grausame Los. Es war völlig gleichgiltig, ob eine Familie nachweisen konnte, daß soundso viele ihrer Angehörigen draußen an der Front kämpften; ja man ging sogar so weit, nicht nur jüdische Soldaten, die sich auf dem Wege der Genesung befanden, auszuweisen, sondern selbst solche, die noch in schwerverwundetem Zustand in den Lazaretten lagen. Gleichzeitig mit diesen mußten selbstverständlich sämtliche jüdischen Aerzte und Pfleger die verbotenen Gebiete verlassen, die jüdischen Hospitäler und Siechenhäuser wurden geschlossen und Städte wie Kowno, Ponewjesch und Wilkomir, die eine vorwiegend jüdische Bevölkerung hatten, waren im Laufe von wenigen Stunden wie ausgestorben. In Verzweiflung über die ihnen angetane Unbill, Ungerechtigkeit und Schmach vernichteten viele der Ausgewiesenen mit eigener Hand ihre Wohnstätten und den ererbten Hausrat, den sie doch nicht mitnehmen vermochten, bei welcher Gelegenheit in vielen Fällen unschätzbare künstlerische Werte zugrunde gerichtet wurden. Das Schlimmste jedoch war, daß der Erlaß der Militärbehörden nicht allein auf Ausweisungen lautete, sondern zugleich auch bestimmte, daß die Ausgewiesenen in die östlichen Teile des Ansiedelungsbezirkes, also in die Gouvernements Tschernigow, Poltawa, Jekaterinoslaw und Taurien auszuwandern hätten. Obwohl es nun — noch dazu in Rußland! — von vornherein völlig unmöglich erscheinen mußte, die Ausweisung der Juden nach dem festgesetzten Programm durchzuführen, so wurde doch in dieser Beziehung nicht die geringste Rück-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.