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Neue Nationalzeitung · 1915-08-06 · Heft 15 (6.8.1915) · p. Seite 123

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 15 (6.8.1915)
Date
1915-08-06
Page
Seite 123 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15 „Neue National-Zeitung" Seite 125 Die Preis-Konkurrenz für den neuen Friedhof. (Ein Täufling vom Wiener Kultusvorstand preisgekrönt.) Das Sekretariat der Wiener Kultusgemeinde hat Mitte Juli d. J. nachstehendes Communique an die jüdischen Blätter versendet; an die jüdischen Blätter mit Ausnahme der „Neuen National-Zeit u n g". So pflegen es die Herren immer zu praktizieren, wenn etwas nicht in Ordnung ist. Und hier ist etwas sehr nicht in Ordnung. Dieses Communique lautet: „Das zur Beurteilung der eingelangten Wettbewerbsarbeiten für den neu zu errichtenden Friedhof der Wiener israelitischen Kultusgemeinde eingesetzte Preisgericht (Vorsitzender Stadtbaudirektor Ingenieur Heinrich Qoldemund) hat einhellig den ersten Preis von 4000 Kronen dem Projekt „Neugebäude", Verfasser Architekt Adolf Oberländer, Wien, 9. Bezirk, Ferstelgasse Nr. 4 (gärtnerische Raterteilung Titus Wotzy), zuerkannt. An Stelle des in der Ausschreibung vorgesehenen zweiten und dritten Preises von 3000 Kronen, bezw. 2000 Kronen, wurde je ein zweiter Preis im Betrage von 2500 Kronen zuerkannt: dem Projekt „Nekropolis", Verfasser Architekt Dr. Stephan F a y a n s, Wien, 8. Bezirk, Hamerlingplatz Nr. 7 (Mitarbeiter Gartenarchitekt Titus Wotzy, Wien, 21. Bezirk, Alte Donau Nr. 35), und dem Projekt „1. Nissan", Verfasser Architekt Ernst Lichtblau, k. k. Professor, Wien, 13. Bezirk, Ober-St. Veit, Schweizertalstraße Nr. 30. Ferner hat das Preisgericht beschlossen, dem Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien zu empfehlen, das unter dem Kennwort „Klagemauer" (Verfasser derzeit noch unbekannt) eingereichte Projekt um den in der Ausschreibung vorgesehenen Betrag von 1000 Kronen anzukaufen. Die Projekte sind bis Mittwoch, den 28. d. M., im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde, Wien, 1. Bezirk, Seitenstettengasse Nr. 4. 2. Stock, ausgestellt. Die Besichtigung ist täglich (mit Ausnahme von Samstag) in der Zeit von 9 Uhr vormittags bis 3 Uhr nachmittags gestattet." Aus dieser Verlautbarung ist zu ersehen, daß drei Preise verteilt wurden und ein Projekt überdies angekauft wurde. Den ersten Preis im Betrage per K 4000— erhielt Architekt Adolf Oberländer, den zweiten und dritten Preis von je K 2500.— die Architekten Dr. Stefan F a y a n s und Ernst Lichtblau, Professor an der k. k. Staatsgewerbeschule, Wien, XIII., Schweizthalerstraße 30. Für den Leser und oberflächlichen Beurteiler wäre damit der Fall erledigt. Die Jury, bestehend aus Mitgliedern des Kultusvorstandes und hervorragenden Fachmännern, hat die Preise offenbar den Würdigsten zuerkannt und ausbezahlt, die Millionen- Arbeit wurde an den ersten Preisträger vergeben, und so wäre vorläufig für die weite Oeffentlichkeit kein Grund, sich mit dieser Preisvergebung zu beschäftigen. So einfach ist die Sache denn doch nicht. Denn dasjenige, was die weite Oeffentlichkeit am meisten interessieren würde, hat das Sekretariat der Kultusgemeinde wohlweislich verschwiegen; nämlich, daß der Preisträger Ernst Lichtblau, der für sein, mit dem jüdischen Motto: „1. Nissan" ausgezeichnetes Projekt einen Preis von K 2500 erhielt, ein getaufter Jude ist. Man wird sich wohl daran erinnern, daß gerade innerhalb der Kultusgemeinde Wien, als derjenigen Gemeinde, die mit ihrem großen Perzentsatz an Täuflingen in der ganzen Welt nicht ihresgleichen findet, auch zuerst den Kampf gegen die Massen- Taufen aufgenommen wurde. Die „National- Zeitung" war das erste Blatt, welches die Namen der Renegaten publiziert hat und nach langem Widerstreben hat sich auch Kultuspräsident Dr. Stern veranlaßt gesehen, die beiden Gemeindeblätter zur Publikation der Austrittslisten zu veranlassen. Es handelt sich dabei nicht so weit darum, die Ausgetretenen als solche in der öffentlichen Meinung zu brandmarken, sondern mit Rücksicht auf die gemachten Erfahrungen, den Renegaten, die trotz ihres Austrittes aus gesellschaftlichen und geschäftlichen Gründen sich in jüdische Kreise drängen und jüdische Gesinnung heucheln, dieses Handwerk zu legen. Hand in Hand damit gingen die Bemühungen echt jüdisch gesinnter Männer, bei großen Preisausschreibungen der Kultusgemeinde den Kreis der Bewerber auf Juden zu beschränken, wobei der Gedanke auch mitentscheidend sein dürfte, Täuflinge, die aus geschäftlichen Gründen das Judentum im Stiche gelassen haben, von jeder Konkurrenz mit jüdischen Bewerbern auszuschalten. Man erinnert sich noch daran, welche schwere Kämpfe sich im Kultusvorstande abspielten, als es sich darum handelte, zur Bewerbung um den Bau des neuen Friedhofes und des Kinderspitals eine allgemeine j ü— d i s c h e Konkurrenz auszuschreiben. Wer hätte daran gedacht, daß trotz aller dieser Kämpfe, trotz des Beschlusses der Majorität des Kultusvorstandes, nur jüdische Architekten zur Bewerbung heranzuziehen. eingetaufterJude den zweiten Preis davontragen wird? I Und nun passiert folgendes: Der getaufte Jude Ernst Lichtblau reicht ein Projekt ein, das er mit dem Motto „1. Nissan" versieht. Er bezeichnet überdies alle seine Einzelpläne mit dem jüdischen Wappen (Magen David) und er bekommt den Preis. Allerdings wurde der Name des Verfassers erst bekannt, als nach Zuerkennung des Preises an das Projekt .,1. Nissan" das mit diesem Motto versehene, den Namen des Verfassers enthaltende Couvert eröffnet wurde. Aber als der Name Ernst Lichtblau bekannt wurde, da wußten ja die der Jury angehörigen Vorstandsmitglieder auch sofort, daß der Mann getauft ist. Sie mußten das wissen, denn sein Name war seinerzeit in den Austrittslisten enthalten und überdies befindet er sich in dem vom Steueramt der Kultusgemeinde geführten Verzeichnis der Ausgetretenen. Die Mitglieder des Kultusvorstandes haben aber geschwiegen, weil sie sich vor den christlichen Fachmännern, insbesondere vor dem städtischen Bau-Direktor Heinrich Goldemund schämten; sie schämten sich, weil sich ein getaufter Architekt um einen jüdischen Preis beworben hat. Sie machten daher gute Miene zu diesem traurigen Spiele, schwiegen und zahlten dem katholisch getauften Renegaten Ernst Lichtblau K 2500.— aus den jüdischen Steuergeldern aus. So bekämpft der Wiener Kultusvorstand die Massentaufen!

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