Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 15 (6.8.1915)
- Date
- 1915-08-06
- Page
- Seite 125 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 Seite 125 sieht genommen. Zur Verfügung eines Teiles der Bevölkerung wurden sechsundzwanzig „Sonderzüge" bereitgestellt, die im Laufe von dreißig Stunden denn auch tatsächlich gegen vierzigtausend Personen beförderten. Welchen Anblick aber boten diese „Sonderzüge"! Sie bestanden aus je vierzig bis siebzig Güterwagen, die ein unerträgliches Bild furchtbarsten Jammers boten. Männer und Frauen, Kinder und Greise, Gesunde und mit ansteckenden Krankheiten Behaftete, Wohlhabende, Arme und alle möglichen Vagabunden — sie alle wurden als lebende Fracht in unübersehbaren Massen irgendwohin in ferne, unbekannte Gegenden geschafft. Die Züge hielten nur selten; hielten sie jedoch, so stets mindestens einen Kilometer vom Bahnhof entfernt, so daß es den zahlreichen Hilfscomites, die sich in aller Eile gebildet hatten, in zahlreichen Fällen unmöglich war, die Flüchtlinge auch nur mit den allernotwendigsten Lebensmitteln zu versehen; in vielen Fällen glückte dies nur, indem man zu dem in Rußland ja keineswegs unbekannten Mittel der Bestechung griff. Zu all dem Jammer, den diese Transporte als Gesamtbild boten, kamen nun die Hunderte und Tausende von Einzelfällen: in der Hast und Eile, mit der sich der Auszug hatte vollziehen müssen, waren viele Familienmitglieder voneinander getrennt worden, so daß man nun überall auf klagende Menschen stieß, auf Mütter, die ihre Kinder suchten, auf Kinder, die nach ihren Müttern schrien, und auf Familienväter, die ihre sämtlichen Angehörigen verloren hatten. Nur der allergeringste Teil der Ausgewiesenen konnte in den bereitgestellten Zügen untergebracht werden; Tausende und Abertausende waren gezwungen, auf Leiterwagen davonzufahren, für die oft geradezu märchenhafte Preise (80 bis 100 Rubel) bezahlt wurden; andere wiederum, die keinen Wagen aufzutreiben oder den hohen Fahrpreis nicht zu erschwingen vermochten, eilten, mit ihren wenigen Habseligkeiten beladen, so schnell als möglich auf den Landstraßen von dannen. Es war ein grausiges Bild: auf allen Wegen, die von Westen. Südwesten und Norden nach Wilna führten, zogen endlose Karawanen von hochbeladenen und vollbesetzten Wagen dahin und die Leute, die auf ihnen saßen, wußten einer so wenig wie der andere, wohin. So kam es, daß die Wandernden und Fahrenden binnen kurzer Zeit die kleinen Städte und Marktflecken überschwemmten, in denen sie Erlaubnis hatten, einen kurz bemessenen Aufenthalt zu nehmen, so daß plötzlich Orte wie Schosli, Jewje, Schirwonty usw. anstatt einer Einwohnerschaft von 800 bis 1000 Seelen eine solche von 5000 bis 6000 aufzuweisen vermochten. In der Synagoge von Schosli waren einige Zeit hindurch mehr als 800 Personen auf engem Raum zusammengepfercht, und trotzdem die jüdische Bevölkerung den Flüchtlingen bereitwilligst alle nur zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten überließ, verschlug dies doch alles nichts, so daß der größte Teil der Ausgewiesenen gezwungen war, in den umliegenden Wäldern unter freien Himmel zu übernachten. Als die befohlene Räumung der genannten Gouvernements einsetzte, bestürmte eine große Anzahl von Vertretern des Handels und der Industrie den Finanz- und Handelsminister mit der Bitte, daß man doch zum mindesten das Besitztum der Ausgewiesenen vorläufig unter staatlicher Bewachung nehmen möge, desgleichen wurden Abordnungen der Petersburger jüdischen Gemeinde, mit dem Dumaabgeordneten Friedmann an der Spitze, beim Premierminister Goremykin und dem Minister des Innern Maklakow vorstellig, mit der Bitte, die Unschuldigen vor dem furchtbaren Prüfungen zu bewahren. Erst am 22. Mai, als das Unglück bereits geschehen und die jüdische Bevölkerung ausgewiesen war, wurde der Ausweisungsbefehl zurückgezogen, wenn auch unter den denkbar entwürdigendsten Bedingungen. Der Militärgouverneur Fürst Tumanow, dem die betreffenden Gouvernements unterstellt waren, erklärte einer jüdischen Abordnung, die bei ihm vorstellig wurde, daß er die Erlaubnis zur Rückkehr der Juden nur geben werde, falls sich diese damit einverstanden erklärten, eine Anzahl von Geiseln, bestehend aus Rabbinern und anderen angesehenen und wohlhabenden Juden, zu stellen. Er fügte hinzu, die Abordnung möge im Falle ihres Einverständnisses der Bevölkerung in deren eigenem Interesse einschärfen, daß die Geiseln, falls der geringste Fall von Verrat festgestellt werde, ohne alle Umschweife auf der Stelle an den Galgen gehängt würden. Die Abordnung mußte unverrichteter Sache zu den wartenden Judenmassen zurückkehren, die bereits gehofft hatten, endlich wieder aufatmen zu können, und mußten ihnen berichten, welche neue Schmach man ihnen zugefügt habe. Nach langwierigen Verhandlungen wurde man sich dahin einig, den Vorschlag des Fürsten abzulehnen, da er einen Fleck auf der jüdischen Ehre bedeuten würde, und mit diesem Augenblick wurden zweihunderttausend Juden heimatslos . . . Es hat fast den Anschein, als sollte die jüdische Bevölkerung von W i 1 n a von dem Lose ihrer unglücklichen Glaubensgenossen einstweilen verschont werden, und zwar auf Grund der Fürsprache des Stadtkommandanten, der sich für sie in weitestgehendem Maße verbürgte. Dies hat jedoch nicht zu verhindern vermocht, daß in diesen Gegenden in den letzten Tagen neuerlich eine riesige Völkerwanderung eingesetzt hat: während der Kämpfe im westlichen Teil von Polen war bereits eine große Anzahl von Juden, die nicht selbst geflüchtet waren, ausgewiesen und nach Warschau gebracht worden, wo die jüdische Bevölkerung dieser Stadt natürlich nach Möglichkeit bemüht war, das Los ihrer schwergeprüften Glaubensbrüder zu mildern. Nun haben jedoch die Militärbehörden von Warschau den Befehl erlassen, daß die ges 'amte Bevölkerung von Warschau, diese itdem 1. Juni 1914 in dieser Stadt zugewandert ist, sie unverzüglich zu verlassen und sich in die öst- 18chen Gouvernements zubegeben hat. Wenn dieser Befehl nun auch nicht gerade unmittelbar gegen die Juden gerichtet ist, so liegt die Sache doch so, daß er in allerersten Linie einmal diese trifft, da sie den größten Teil der seit dem 1. Juli 1914 zugewanderten ausmachen. Wie aber müssen sich alle die anderen russischen Juden fühlen, die innerhalb der Grenzen des russischen Reiches leben und die man nun, nachdem sie in opferwilligster Weise unsagbare Opfer an Gut und Blut gebracht haben, schlechthin als Spione und Vaterlandsverräter bezeichnet?! Die Heimkehr der Flüchtlinge. Ueber Anordnung des Ministeriums des Innern haben die Flüchtlinge aus 23 namentlich angegebenen galizischen Bezirken binnen drei Wochen, d. h. bis 15. August nach Hause zurückzukehren, bei sonstigem Verluste des Anspruches auf freie Heimfahrt und auf die staatliche Unterstützung. Dieser Erlaß wurde von den Flüchtlingen mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Wohl kehren die meisten sehr gerne in ihre Heimat zurück, um dort eine neue Existenz zu beginnen, allein in sehr vielen Fällen ist ihr Heim zerstört, ihr Hab und Gut von den Russen ausgeplündert und sie finden zu Hause weder ein schützendes Dach noch die Möglichkeit, sich dasselbe derzeit wieder herzurichten. Mit Recht wirft daher das polnische Flüchtlingsblatt in Wien „Wiedenski Kuryer polski", vom 24. Juli d. J. in einem Artikel „Ist es nicht allzufrüh?" diee Frage auf, ob die Rückkehr der Flüchtlinge