Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 14 (16.7.1915)
- Date
- 1915-07-16
- Page
- Seite 117 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 „Neue National-Zeitung" Seite 117 Die russischen Dementis der Judenpogroms. Line Kundgebung von 300.000 organisierten jüdischen Arbeitern in Amerika. - Die russische Regierung unterhält in den Vereinigten Staaten seit Beginn des Krieges ein Heer von Preßagenten, die die Aufgabe haben, die öffentliche Meinung der großen Republik zugunsten Rußlands zu bearbeiten. Einerseits wird dem amerikanischen Handel in Aussicht gestellt, Deutschland vom russischen Absatzmarkte zu verdrängen und die Milliarden- Einfuhr nach Rußland an sich zu reißen. So wird die Stimmung für einen Neuabschluß des wegen der jüdischen Paßfrage gekündigten Handelsvertrages gemacht. Mit der Spekulation auf die Profitsucht allein kann man jedoch die Oeffentlichkeit Amerikas nicht gewinnen, die durch die Nachrichten über den unaufhörlichen Kampf der russischen Regierung gegen die inneren Feinde — gegen Arbeiter, Finnen, Ukrainer — und insbesondere durch die Schandtaten gegen die Juden, beunruhigt ist. So erscheinen in der amerikanischen Presse von Zeit zu Zeit Ableugnungen der Berichte in der allgemeinen und jüdischen Presse Amerikas, wobei die Nachrichten über die militärischen Pogrome, die unerhörten Demütigungen und Leiden der russischen Judenheit, als böswillige Verleumdungen und „made in Germany" hingestellt werden. Dieser systematischen Irreführung der öffentlichen Meinung durch das russische Preßbureau trat die organisierte jüdische Arbeiterschaft mit einer Kundgebung entgegen, die, trotz der relativen Russenfreundlichkeit der englischen Presse Amerikas, in sämtlichen großen Tageszeitungen der Vereinigten Staaten zum Abdruck gelangte. Die Erklärung ist gezeichnet von den Vereinigten jüdischen Gewerkschaften, von dem Jüdischen Nationalen Arbeiterverband, der Jüdischen sozialistischen Partei „Poale-Zio n", der J ü d ischen Sozialistischen Federation und dem Arbeiter-Ring, die insgesamt mehr als 300.000 organisierte jüdische Arbeiter Amerikas umfassen. Es heißt in der Kundgebung: „Die unterzeichneten Vertreter großer jüdischer Organisationen der Vereinigten Staaten betrachten es als ihre Pflicht die Falschheit der offiziellen russischen Erklärung nachzuweisen, indem sie dem Publikum Tatsachen und Daten unterbreiten. Diese Tatsachen sind in russischen, polnischen und russisch-jüdischen Zeitungen in Rußland erschienen, unter der strengsten russischen Zensur .... 1. Juden, die ihre Wohnsitze in der Nähe der Kriegszone flüchtend verließen und außerhalb des Ansiedlungsrayons Zuflucht suchten, wurden von der Polizei zurückgetrieben und gezwungen, in ihre vom Kriege heimgesuchten Wohnsitze zurückzukehren. 2. Auf dem Schlachtfelde verwundete jüdische Soldaten, die in Krankenhäuser außerhalb des Rayons gebracht wurden, müssen in die „Tscherta" zurückkehren, sobald sie sich halbwegs bewegen können. In vielen Fällen wurden sie drei Tage nach der Amputation von Körperteilen zurücktransportiert. (Die Erklärung beruft sich auf einen Aufsatz des bekannten judenfeindlichen Publizisten Herrn Stolypin, eines Bruders des verstorbenen Premiers, in dem führenden Organ der Reaktionäre „Nowoje Wremja".) 3. Die Zeitungen bestätigen nunmehr, daß die russische Heeresleitung alle Juden aus den Ortschaften innerhalb einer 40 Meilen-Zone hinter der Schlachtfront vertrieben hat. Hunderttausende Juden wurden völlig ruiniert und Hunderte jüdischer Gemeinden zerstört. Der Grund dieser Massenverbannungen ist die schreckliche allgemeine Beschuldigung, daß die Juden deutsch-österreichische Spione seien. Diese von den russischen Behörden publizierten, unbegründeten Anschuldigungen haben zur Folge, daß die russischen Volksmassen und die Soldateska gegen die Juden aufgereizt werden. 4. Das russische Preßbureau beruft sich in seinem Dementi auf den Bericht einer russisch-jüdischen Zeitung..... aber das Preßbureau unterläßt zu erwähnen, daß die jüdischen Blätter in Rußland der allerstrengsten Zensur unterworfen sind und die volle Wahrheit nicht sagen können .... So wurde ihnen verboten, die Namen der Juden zu nennen, die das Georgiuskreuz auf dem Schlachtfelde erhielten, oder gefallen sind. 5. Die russische Zensur macht es der jüdischen Presse unmöglich, über Judenpogrome und Verfolgungen in Rußland zu berichten. Hingegen sind die allgemeine amerikanische Presse und sogar manche französischen und englischen Blätter darüber gut informiert, was in Russisch-Polen und Galizien vorgeht, und bis zu welchem Grade die Juden von russischer Grausamkeit und Barbarei leiden. Diese Preßberichte geben Tatsachen, Zahlen, Zeitangaben und Namen mit einer Genauigkeit an . . . ., so daß jeder Zweifel über ihre Richtigkeit und Verläßlichkeit ausgeschlossen ist. Die erwähnte Presse berichtet ferner über Massenhinrichtungen von Juden i n G a 1 i z i e n, Russisch-Polen und der Bukowina durch russisches Militär, was zum Teil auf die infame Politik gewisser Teile der polnischen Bevölkerung zurückzuführen ist, die die Juden als deutsche und österreichische Spione denunziert. Es ist zu ersehen, daß die russische Soldateska im eigenen Lande wie im Feindesland haust. Die unterzeichneten Vertreter der jüdischen öffentlichen Meinung Amerikas sind weit davon entfernt, das russische Volk für diese Ungeheuerlichkeiten und Barbareien anzuklagen. Sie machen jedoch die russische Regierung für das teuflische Werk verantwortlich und verlangen von der zivilisierten Welt, gegen die Politik der russischen Regierung Protest zu erheben, die nur ein Ziel hat — die Ausrottung des jüdischen Stammes. (Jak.) Kriegsnachrichten. Kennan für die russisch-jüdischen Emigranten. Ein Komitee der Hebrew Sheltering and Immigrant Aid Society of America (Hebräische Obdach- und Einwanderungs- Hilfsgesellschaft in Amerika), bestehend aus dem Präsidenten Richter Leon Sanders, Isidore Hershfield, einem Mitgliede des Law Comitee, Herrn Louis S. Gottlieb, einem seiner Vertreter in Washington, und Herrn Samuel Littmann, der die Gesellschaft in Ellis Island vertritt, hatten eine Audienz beim Sekretär Wilson vom Arbeitsdepartement, um gegen die Verschickung von Einwanderern via Archangelsk zu protestieren. Seit Beginn des Krieges wurden mehrere hundert Einwanderer, die für die Zulassung nicht geeignet erschienen, gegen Unterzeichnung einer Erklärung freigelassen, die ihre Rückkehr aus den Vereinigten Staaten in ihr Heimatland garantiert, sobald die Ueberfahrt mit Sicherheit vorgenommen werden kann, und es wurde von den Einwanderungsbehörden sogar der Versuch gemacht, sie auf russisch-amerikanischen Linien zurückzusenden, in der Annahme, daß solche Deportation jetzt ohne Gefahr vorgenommen werden könnte. Die oben genannte Gesellschaft war jedoch der Meinung, daß das Leben dieser Einwanderer in Gefahr wäre, wenn sie zurückfahren würden, erstens wegen der Möglichkeit eines Angriffes auf das Schiff,