Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 14 (16.7.1915)
- Date
- 1915-07-16
- Page
- Seite 118 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 118 „Neue National-Zeitung" Nr. 14 zweitens wegen der Gefahren der Unterseeboote und drittens, weil an Bord der Schiffe Munition mitgeführt werden könnte. Aus diesen Gründen erhob sie heftigen Widerspruch gegen die verschiedenen Anstrengungen, diese Einwanderer zurückzuschicken. Richter Sanders verlas ein Telegramm von George Kennan, dem berühmten Kenner der russischen Verhältnisse, das wie folgt lautet: „Auf dem Etappenwege nach Südrußland verschickte Einwanderer würden 1000 bis 1200 Meilen zu reisen haben, da die Eisenbahnen mit Truppen und Kriegsmunition überfüllt sind. Die Einwanderer würden täglich mindestens 15 Meilen zu Fuß zu gehen haben. Sie würden unter Bewachung zusammen mit gemeinen Verbrechern zu wandern haben und würden mit letzteren in schmutzigen, ungesunden Gefängnissen mit unvermeidlichen Verzögerungen zu übernachten haben. Die Reise würde drei bis vier Monate dauern und Ynit großen Beschwerlichkeiten und Gefahren verbunden sein. Die meisten der schwächeren Teilnehmer würden wahrscheinlich an Krankheit und Erschöpfung zugrunde gehen. Ich bezweifle stark unser moralisches Recht, mit menschlichen Wesen solche Experimente anzustellen. Wir versuchen, den Leidenden in Rußland zu helfen und Todesfälle zu verhindern, aber durch die Rückkehr dieser Leute würden wir das Unglück nur vergrößern." Dieses Telegramm, zusammen mit anderen klaren Beweisen und Dokumenten, die vom Komitee vorgelegt wurden, machte auf Sekretär Wilson Eindruck und infolgedessen hob er sofort den Befehl wegen der Deportation dieser Einwanderer auf. Ein Aufruf um Tefillin. Aus dem Bureau der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" wird uns geschrieben: Angesichts der herrschenden T e f i 11 i n n o t haben wir im Jänner d. J. um Ueberlassung aller für den Besitzer entbehrlicher Tefillin zur Befriedigung des starken Bedarfes an solchen in Kriegsgefangenenlagern und in den galizischen Flüchtlingszentren gebeten. Der Erfolg unserer Bitte war befriedigend und wir konnten hunderten von Gesuchen entsprechen, nachdem wir die eingegangenen Tefillin einzeln hatten prüfen und zum Teil reparieren lassen. Der Vorrat ist indessen jetzt völlig vergriffen, während sich die Gesuche sowohl von seiten russisch-jüdischer Kriegsgefangener als auch aus den kleinen Orten Böhmens und Mährens, in denen sich galizische Flüchtlinge aufhalten, von Tag zu Tag mehren. Es ergeht daher die dringende Bitte an jeden, der entbehrliche Tefillin zur Verfügung hat, diese unserem Bureau, Schützenstraße 14, so. rasch wie möglich zur Verfügung stellen zu wollen. Eine amerikanisch-jüdische Untersuchungskommission am Kriegsschauplatz. Das American Jewish Relief Committee (Amerikanisch- Jüdische Hilfskomitee) beschloß im Einvernehmen mit dem Verband der galizischen Juden in New- York, eine Untersuchungskommission aus drei angesehenen Persönlichkeiten nach dem Kriegsgebiet zu entsenden, die die Lagt der vom Krieg betroffenen Juden erforschen soll. An die Ausführung dieses Beschlusses wird geschritten werden, sobald die. geeigneten Personen gewonnen und die erforderlichen Formalitäten erledigt sein werden. * j Gottfried Sender. | Der Lehrer an der jüdischen Lehrerbildungsanstalt in Berlin, Gottfried Sender, der durch seinen Heldenmut sich neben der Leutnants-Charge auch das eiserne Kreuz I. und II. Klasse erworben, ist leider am 13. Juni gefallen. Einige Wochen vor seinem Heldentode hat ihm die Berliner Judengemeinde ein namhaftes Ehrengeschenk angeboten, das er jedoch ablehnte, weil er „bloß seine Pflicht" erfüllt habe. Die Bedeutung dieses seltenen Juden wird am besten von seinen Kollegen gewürdigt. Ihr Nachruf möge auch hier festgehalten werden: „Tieferschüttert beklagen wir seinen jähen Tod. Durch seine edlen menschlichen Eigenschaften, namentlich durch die Aufrichtigkeit seiner Gesinnung und die Geradheit seines Wesens ist er uns allen in der kurzen Zeit seiner Tätigkeit an unseren Anstalten ein lieber Freund geworden. Durch unermüdliche Hingabe an die ihm anvertrauten Pflichten, umfassende Kenntnisse, Ernst der Lebensauffassung hat er als Lehrer einen tiefgehenden geist- und gemütbildenden Einfluß auf unsere Schüler ausgeübt. Und was ihn in seinem Berufe auszeichnete, selbstlose Hingabe, auf das Praktische gerichteter Blick, das hat er auch im Kriege bewahrt. Ein edler Mensch, ein tüchtiger Lehrer, ein treuer Diener unseres Vaterlandes ist mit ihm dahingegangen. Sein Andenken wird für immer gesegnet sein." * Für einen jüdischen Kongreß. Die vereinigten New-Yorker Gemeinden haben am 27. Mai nochmals eine Sitzung abgehalten, welche 7 Stunden dauerte und einen stürmischen Verlauf nahm. Die Opposition drang mit der Resolution durch, daß die Delegierten des „American Jewish Committee" sich für die Einberufung eines all gemeinen Kongresses der jüdischen Organisationen einsetzen müssen. Marshall, der Präsident des Komitees, dankte zufolge dieser Resolution ab, und man befürchtet auch die Demission des Rabbiners Dr. Magnes als Präsident der „Kehilla". Jakob H. Schiff hatte die Resolution empfohlen. Vor der Debatte wurde die Resolution beifällig angenommen, dem Präsidenten Wilson das Vertrauen auszusprechen, jedoch mit dem Zusatz Jakob H. Schiffs, daß diese Kundgebung von ihnen in ihrer Eigenschaft als Amerikaner und nicht als Juden geschehe. Mitte Juni fand in New-York eine Vorbesprechung von Vertretern großer jüdischer Organisationen statt, die zur Einsetzung eines Organisations-Komitees zur Einberufung eines jüdischen Kongresses führte. An der Konferenz beteiligten sich große Orden, wie Independent Order Brith-Abraham, Order Brith-Schalom, Order Bne-Zion, Jüdischnationaler Arbeiterverband, die Vereinigung der orthodoxen Organisationen, der Rabbinerverband, die zionistische Federation Amerikas und andere jüdische Verbände. Das eingesetzte Organisationskomitee soll mit anderen großen Organisationen des Landes in Verbindung treten, um die Plattform des Kongresses auszuarbeiten. Es soll auch der Versuch unternommen werden, sich mit dem American Jewish Committee über seine Beteiligung an dieser Aktion zu verständigen. Die Art und Weise jedoch, wie diese Verbände an die Bildung des Organisationskomitees herangetreten sind, beweist, daß sie fest entschlossen sind, gegebenenfalls über das Jewish Committee zur Tagesordnung überzugehen und den Kongreß unbekümmert um seinen Widerstand zu organisieren. Als Plattform des jüdisch-amerikanischen Kongresses wurde die Sicherung der bürgerlichen und nationalen Gleichberechtigung der Juden in allen Ländern sowie einer Heimstätte für die Juden in Palästina akzeptiert.