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Neue Nationalzeitung · 1915-07-16 · Heft 14 (16.7.1915) · p. Seite 116

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 14 (16.7.1915)
Date
1915-07-16
Page
Seite 116 (sequence 4)
Language
German
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Seite 116 ________ „Neue National-Zeitung" Nr. 14 Erst am 21. Juni, einen Tag vor der geplanten Urteilsvollstreckung ging der Gouverneur an die Entscheidung und sie fiel zugunsten Franks aus. Wie weit der Gouverneur selbst den Mob fürchtete, geht daraus hervor, daß er zuerst Frank vom Justizgebäude in Atlanta insgeheim unter ausgiebiger Bewachung in eine Strafanstalt überführen ließ und erst als der Zug von Atlanta abgegangen war, ließ er die Begnadigung kundmachen. Er fürchtete offenbar, daß der Mob nach bekanntem südamerikanischen Muster das Gefängnis erbrechen und Frank lynchen könnte. Mit der Begnadigung Franks hat eines der furchtbarsten Justizverbrechen der Neuzeit seine formelle Erledigung gefunden; wir hoffen aber, daß Franks Lebensschicksal noch nicht besiegelt ist. Sein Leben ist vorläufig gerettet, aber seine Freiheit ist ihm für lebenslang genommen. Die Verteidiger werden weiter arbeiten und nicht früher rasten, bis Franks Unschuld bewiesen wird. Denn daß er unschuldig verurteilt wurde und lediglich ein Opfer blinden Judenhasses des Straßenpöbels von Atlanta ist, daran zweifelt heute in den Vereinigten Staaten Niemand mehr. Leo Frank ist ein Märtyrer des Judentums und wir neigen unser Haupt vor ihm. * Die Biographie Leo Franks. Leo Frank wurde im Jahre 1882 in Paris (Staat Texas) geboren. Als Kind übersiedelte er mit seinen Eltern nach Brooklyn, wo er die Mittel- und Hochschule besuchte. An der Cornell-University hatte er das Ingenieur-Diplom erworben. Im Jahre 1909 kam Frank nach Atlanta als Fabriksdirektor. Hier heiratete er im Jahre 1910 und lebte in glücklichster Ehfe bis zum 29. April 1913, an welchem Tage er wegen angeblichei Ermordung der Mary Phagan verhaftet wurde. Leo Frank spielte auch in der jüdischen Gesellschaft von Atlanta eine hervorragende Rolle und wurde im Jahre 1913 zum Präsidenten der Bnei-Brith-Loge gewählt. Im Jahre 1914 wurde er trotz der inzwischen erfolgten Verurteilung neugewählt. Auch eine — „Erklärung". Unter dem schlichten Titel einer „Erklärung" ist endlich die Kundgebung der „mosaischen" Würdenträger in Galizien der Oeffentlichkeit übergeben worden. Es war ja schon die höchste Zeit. Seit Anfang Mai ist das Konzept bereits fertig und die galizischen Rabbiner wurden in wiederholten Sitzungen, von denen in diesem Blatte bereits erzählt wurde, gedrängt, auch ihre Namen für diese Aktion herzugeben. Aber es war vergeblich. Die Rabbiner lehnten jede Mitwirkung ab. Und so entschlossen sich endlich die Verfasser der Kundgebung, ohne die Rabbiner zu handeln. Fünf Reichsratsabgeordnete: Dr. Kolische r, Dr. v. Löwenstein und Dr. Steinhaus (Polenklub), Dr. D i a m a n d und Dr. L i ebermann (Sozialdemokraten); zwei gewesene Landtagsabgeordnete: Dr. Aschken ase und S a r e; drei Kultuspräsidenten: Dr. S c h a f f, Doktor T i 11 e s und Dr. Glanz; schließlich Professor Rosenblatt aus Krakau, also zusammen e 1 f Herren haben die Erklärung unterfertigt und für dieselbe die Verantwortung übernommen. Schon die Personen, welche diese Erklärung gefertigt und nicht gefertigt haben, fordern die Kritik heraus. D iamand und Li eb e r m ann, die zwar von einer jüdischen Majorität gewählt und dennoch nur Arbeiterinteressen vertreten haben, entdecken hier zum ersten Male ihre jüdische Zugehörigkeit; dagegen vermissen wir die Namen derjenigen Abgeordneten, die im Polenklub am meisten die jüdische Note vertraten: Dr. Q r o ß und Rauch. Auch Professor Sternbach, der jüdische Delegierte im galizischen Landesschulrat, glänzt durch seine Abwesenheit. Was ist denn da geschehen? Sind am Ende Groß, Rauch und Sternbach — jüdisch-national geworden? . . . Aber das anzunehmen, dazu liegt kein Anlaß vor. Diese drei Herren waren gewiß nur mit dem Text nicht einverstanden. Die Erklärung selbst ist zuerst in der Wochenschrift „Polen" veröffentlicht worden und dann auszugsweise in der Wiener Tagespresse erschienen. Sie ist also bekannt und so wäre es schade um den Raum, wenn wir sie hier abdrucken sollten. Wir wollen daher hier bloß ihre wesentlichen Merkmale streifen. Die Erklärung stellt gar keine jüdischen Postulate auf. Draußen tobt der mörderische Krieg, in dem auf beiden Seiten über 600.000 Juden für ihr Vaterland kämpfen; die elf Juden, die sich herausnehmen, für 800.000 galizische Juden sprechen zu wollen, haben aber keine Sorgen, keine Wünsche, keine Aspirationen. Oder doch! Sie haben bloß einen Wunsch: Die Befreiung Polens von der russischen Herrschaft. Davon erwarten sie eine Lösung der Judenfrage in Polen und das Verschwinden des Antisemitismus. Denn, so argumentiert die Erklärung, in Polen gibt es keinen Antisemitismus. Er ist dem polnischen Geistesleben bisher wesensfremd gewesen. Der Antisemitismus gelangte nach Polen erst mit dem Einbrüche der russischen Juden (Litwaken), Trotzdem habe es in Polen nie einen Pogrom gegeben und was die Boykottbewegung betrifft, so geht die Erklärung einer Diskussion dieser Frage dadurch aus dem Wege, daß sie eine Erörterung „im Rahmen dieser Erklärung nicht für möglich hält." Den eventuellen Einwänden gegenüber, daß in Galizien, das ja Gott sei Dank nicht unter russischer Herrschaft steht, auch nicht alles ganz rosig ist, wird zugegeben, daß „die politische und wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien noch vieles zu wünschen übrig läßt", und daß auch in Galizien „naturgemäß starke Reibungen oder gar Rückfälle nicht ausgeschlossen sind." Man sieht also aus dieser Gegenüberstellung wie logisch die Verfasser dieser Erklärung zu denken vermögen: auf der einen Seite geben sie zu, daß die Haltung der Polen gegenüber den Juden in Galizien nicht ganz einwandfrei ist und auf der anderen Seite behaupten sie, daß der Antisemitismus nur eine Folgeerscheinung russischer Herrschaft ist. So dumm ist aber die öffentliche jüdische Meinung nicht, wie Löwenstein und Genossen — dies haben möchten. Sie haben durch dieses Machwerk wiederum einmal bewiesen, daß nicht die Interessen der jüdischen Bevölkerung, sondern Heuchelei und Liebedienerei die eigentlichen Triebfedern ihrer Politik sind. L.

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