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Neue Nationalzeitung · 1915-07-16 · Heft 14 (16.7.1915) · p. Seite 115

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 14 (16.7.1915)
Date
1915-07-16
Page
Seite 115 (sequence 3)
Language
German
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Die Judenfrage im Weltkriege. (Von christlicher Seite.) England war seinerzeit immer der Beschützer der unterdrückten Völker. Mit der Bibel in der Hand entsandte dieses „hohe Kulturland" seine Missionäre in die ganze Welt, um das Wort Gottes zu lehren. Die heiligsten Grundsätze waren, überall „Menschlichkeit" zu verpflanzen. In der Türkei wurden Christenmassakers verhütet, in Rußland und Rumänien die Judenverfolgungen eingedämmt, in China, Japan usw. das Christentum verbreitet, kurz, alle Welt sollte von dem englischen Volke Freude erleben und dieses als das „auserwählte Volk" anerkennen. Wer das innere Getriebe dieser edlen Gestalten nicht recht kannte, glaubte in Wirklichkeit, daß die Engländer aus reinster Philantropie in die Welt gekommen seien. Sind doch die glänzenden Taten des Montefiore. Beaconsfield (Disraeli), Gladstone usw. in diesen Belangen bekannt und konnte man aus diesen doch gewiß nichts anderes schließen, als eben dargelegt. Dem Muster Englands sind die Amerikaner gefolgt und auch als Weltbeglücker auf dem Gebiete der Menschlichkeit aufgetreten. Ja, auch die Franzosen und Italiener haben sich im Kreise der Nachahmer eingefunden. Eine Legion von Freimaurerlogen hat in der ganzen Welt verkündet, daß dort die wahren edlen Seelen sich befinden, welche berufen sind, die Menschen zu erlösen. Aber siehe da, was in den Ländern des Freigeistes eingetreten ist. Alle diese Länder, welche sich anschickten, mit aller Kraft die Judenfrage raschestens zu lösen, Amerika, welches sogar ob der schlechten Behandlung amerikanischer Bürger jüdischer Konfession in Rußland mit einem Wirtschaftskrieg drohte, stehen jetzt als Zuschauer (vielleicht als begeisterte Zuschauer), da Rußland alle Juden hinmordet und massakriert, öffentliche Progroms veranstaltet und lassen von ihrer „Menschlichkeit" nichts merken. Seinerzeit hat Amerika eine Unzahl von Kommissionen nach Bulgarien entsendet, um die bulgarischen Greueltaten im Balkankriege zu erforschen. Um die russischen Greueltaten schert sich unter diesen Ländern der Menschlichkeit niemand. Ueber die Mord-, Raub- und Schandtaten der Russen in der Bukowina ist gar vieles bekannt geworden. Doch weiß man bisher nichts, was die edlen Verfechter der Menschenrechte (?) in dieser Hinsicht unternommen haben. Nun haben aber die Russen in jüngster Zeit zwischen Dniestr und Pruth noch größere Greueltaten als bisher verübt, die nicht ungestraft bleiben dürfen. Unschuldige Städte, deren Bevölkerung sich an dem Kriege überhaupt gar nicht beteiligt hat, wie Zablotow, Sniatyn, Gwozdziec, Horodenka, Obertyn usw. wurden von den Russen ganz eingeäschert, nachdem zuvor die Juden ganz ausgeraubt wurden. Viele angesehene Juden wurden erstochen, erschossen und aufgehängt. Ja, Greise, Frauen und Kinder wurden nicht geschont. In der Ortschaft Slobodka lesna befindet sich eine „Baron Hirsch-Ackerbauschule", welche von der englisch-französischen Stiftung „Ica" in Paris erhalten war und bestimmt ist, jüdische Waisenkinder zum Ackerbau zu erziehen; sie wurde von den Russen niedergebrannt, viele Kinder mißhandelt und in russische Gefangenschaft geschleppt. In der Umgebung von Kolomea befand sich eine Dampfbierbrauerei in Korolowka, Stephan W e i ß gehörig. Diese Dampfbierbrauerei wurde von den Russen niedergebrannt und ganz vernichtet, der Inhaber Stephan Weiß samt 6 Angestellten ermordet, mit Benzin begossen und verbrannt und alles nebst Bargeld irri Betrage von über 100.000 K weggetragen. Von den Städten Zablotow. Sniatyn, Horodenka, Gwozdziec. Obertyn, Tlumacz, Tysmienica, Ottynia wurden alle männlichen Juden im Alter von S bis 70 Jahren zu Tausenden in russische Gefangenschaft geschleppt und wie Schafherden getrieben. Wer nicht gehen konnte, wurde erschossen oder erstochen. Billigen die die Menschenrechte verfechtenden Engländer, Amerikaner, Italiener und Franzosen diese Greueltaten? Bei der berühmten Preßzensur in diesen Ländern scheint es, daß das Gros der Bevölkerung von diesen Vorkommnissen nichts weiß. Die ruchlosen Machthaber vermeiden es füglich, der Oeffentlichkeit diese traurigen Tatsachen bekannt zu machen, weil sie fürchten, wegen solcher Bündnisse zur Verantwortung gezogen zu werden. Deshalb muß man diesen Leuten rücksichtslos die Maske herunterreißen und öffentlich bekannt machen, wie weit es mit der sogenannten „Menschlichkeit", die von dieser Seite geheuchelt wurde, gekommen ist. Wo Rußland den Fuß hinsetzte, wurden die Juden in der schändlichsten Weise gemartert, beraubt, geschändet und vertrieben. Und dieses Vorgehen wird von den Ententemächten, welche die Menschenrechte der ganzen Welt predigen und jeden glauben machen wollen, daß sie einzig und allein der Freiheit (?) wegen kämpfen, ohne weiteres gebilligt! Hinaus mit den Heuchlern, hinaus mit den Pharisäern aus den heiligen Hallen des Tempels der Menschheit! Volk, erwache und lasse einziehen menschlichen Geist, mache wieder Platz für den Erlöser. Der heilige Tempel wurde von den Heuchlern verunreinigt. Reinige ihn, dann muß die Gerechtigkeit siegen und kann der Weltfrieden nicht mehr lange auf sich warten lassen. Leo Frank — begnadigt. (Von unserem Korrespondenten.) N e w - Y o r k, Ende Juni. Das von einer antisemitischen Jury in Atlanta unter dem Zwange des heulenden Mobs am 26. August 1913 über Leo Frank verhängte Todesurteil ist am 22. d. M. n i c h t v o 11 s t r e c k t worden. Wohl sahen nicht nur die Juden Amerikas, sondern auch alle Freunde der Wahrheit und der Gerechtigkeit voll banger Sorge diesen Tag heranrücken. Denn am 9. Juni hat die Gefängnis-Kommission in Atlanta mit zwei Stimmen gegen eine die Begnadigung abgelehnt und als am 13. Juni der Gouverneur eine öffentliche Einvernahme des Staatsanwaltes und der Verteidiger über die Begnadigungsfrage durchführte, da wußte noch Niemand, wie die Entscheidung ausfallen würde. w Die nächste Nummer erscheint am 6. August d. J.

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