Mannheim
Compact Memory

Neue Nationalzeitung · 1915-07-02 · Heft 13 (2.7.1915) · p. Seite 111

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 13 (2.7.1915)
Date
1915-07-02
Page
Seite 111 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2425679-2425942-2425956--3203-2429775
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 13 „Neue NationairZeitang^ Seite Iii Die Juden in Italien. Die letzte- Religionszählung im Königreich Italien hat im Jahre 1909 stattgefunden und ergab 35,617 jüdische Seelen Dazu kommen noch 19.000 Juden in Tripolis. Sehr verschiedenartig ist der Ursprung der italienischen Juden. Nach Professor Ermano Loevinson in Rom bildeten im Altertum den Grundstock die aus Palästina und anderen Teilen Asiens sowie aus Afrika Zugewanderten, deren Zuzug weder im Mittelalter noch in der Neuzeit ganz aufgehört hat. Aber viel stärker war im Mittelalter die Zuwanderung aus Deutschland, an welche unter anderem die häufigen Familiennahme Tedeschi (Deutsch) und Ottolenghi (Ettlinger) erinnern. Doch war von bedeutend größerem Einfluß auf die Judenheit Italiens die spanisch-portugisische Einwanderung vom Ende des 15. bis weit hinaus ins 16. Jahrhundert; im 17. Jahrhundert kommt noch der Zufluß aus Polen hinzu. Laut „Corriere della Sera" hat der italienische Kriegsrninister im Einvernehmen mit der israelitischen Gemeinde vier Rabbiner als Feldprediger in der Armee eingestellt. Im Mailänder Spital ist die Seelsorge für die verwundeten jüdischen Soldaten dem Oberrabiner Alexander da Fano und dem Rabbiner Cäsar Astrologo übertragen. Vor einiger Zeit war in mehreren jüdischen Blättern, auch in Wien, davon die Rede, daß in Mailand im Beisein des gewesenen Ministerpräsidenten L u z a 11 i und des gewesenen Kriegsministers Ottolenghi eine jüdische Konferenz zum Zwecke der Intervention für die russischen Juden stattgefunden hat. Diese Nachricht kann aber nicht ganz richtig sein; General Ottolenghi ist nämlich vor mehreren Jahren — gestorben. Es dürfte sich vielmehr um einen Herrn Giuseppe Ottolenghi handeln, welcher Vereins-Sekretär der Mailänder „Jung Israel" ist. * Russische Kriegszensur. Die Redaktion der von der russischen Behörde unterdrückten hebräischen Zeitschrift „H a s c h i 1 o a c h" teilt der gesamten jüdischen Presse mit, daß die Zeitung sofort nach Aufhebung des Verbotes in vollem Umfang und voller Auflage wieder erscheinen wird. Jüngst wurde die in Petrograd in russischer Sprache erscheinende jüdisch-nationale Wochenschrift „Razswie t" von der Kriegszensur eingestellt. Dagegen wurde die Herausgabe einer jüdischen Tageszeitung in Petrograd gestattet, die auf die jüdische Bevölkerung im Interesse der Regierungspolitik wirken soll. Sie heißt: „Die Volksstimme". * Englische „Toleranz". Aus London wird gemeldet: Das englische Kriegsministerium hat die Bitte des englischen Board of Deputies (Kultusvorstand), die kriegsgefängenen deutschen und österreichischen Juden mit Koscherfleisch zu versorgen, abgelehnt. Diese Absage rief unter den englischen Juden viel Verdruß und Kränkung hervor. Es nähert sich also England immer mehr dem niedrigen Niveau seines russischen Verbündeten. Kriegsliteratur. Jüdisches Kriegsgedenkblatt. Heft 2. Inhalt: Gedenkblätter mit 20 Porträts gefallener Offiziere und vier Ordensauszeichnungen. Im Selbstverlage des Herausgebers M. Frühling, Wien 1915. Jüdisches Archiv. Mitteilungen des Komitees „Jüdisches Kriegsarchiv." Nr. I. Im Verlag R. Löwit, Wien 1915. Kriegsbriefe deutscher und österreichischer Juden. Herausgegeben von Dr. Eugen Tennenbaum. Neuer Verlag, Berlin 1915. Dem jüdischen Kriegsgedenkblatt haben wir bereits in unserer Nummer 6 d. J. eine ausführliche Würdigung zuteil werden lassen. Nun ist das 2. Heft erschienen. Es steht dem ersten keineswegs nach. Der Verfasser war bemüht, den 2(> jüdischen Offiziershelden, denen dieses 2. Heft gewidmet ist. in ausführlichen, mühsam zusammengesuchten und wo dies möglich war durch die Schilderung der Waffentaten ein dauerndes und ehrenvolles Andenken zu sichern. Es sind zumeist Männer, die in ihren Zivil-Stellungen sich bereits eine schöne soziale Position erworben haben, manche, wie Oberstabsarzt Dr. Klein und Oberstleutnant Fleischer hatten eine ehrenvolle militärische Vergangenheit hinter sich. Außer den Genannten verdienen noch eine besondere Erwähnung die in desem Hefte eingehend behandelten Leutnant Advokat Dr. Zuckermann, der durch seine Kriegslieder berühmt gewordene jüdisch-nationale Dichter, und Reserveleutnant Ernst Epstein, welche beide das Militärverdienstkreuz 3. Klasse sich erworben haben, die Militär-Aerzte Dr. Anton, Dr. G r ü n f e 1 d und Dr. M u n d, die als Opfer ihres Berufes fielen, und schließlich der Staatsbahningenieur Bela Hirschler in Huszt, welcher sich in den Karpathen freiwillig mit der Lokomotive zu einer Erkundigungsfahrt meldete und auf dieser Fahrt als wahrer Held, von 17 Kugeln getroffen, gefallen ist. Ein reiches Illustrations-Material trägt dazu bei, den historischen Wert dieser Arbeit zu erhöhen. Durchwegs originelles, gewissenhaft zusammengetragenes und ungemein schätzenswertes Material steckt in dieser Arbeit, die bereits in den höchsten militärischen Kreisen große Anerkennung gefunden hat und der nur noch in jüdischen Kreisen die weitgehendste Verbreitung zu wünschen wäre. Leider können wir die unter dem Titel „Jüdisches Archiv,, erscheinenden Mitteilungen, auch wenn wir sie neben der vorgenannten Arbeit anreihen, nicht auf die gleiche Höhe stellen. Dieses jüdische Archiv hat gewiß auch seinen Wert als eine Art „Observer", indem es in sehr gewissenhafter Weise Zeitungsausschnitte über jüdische Kundgebungen, Aeußerungen hervorragender Personen, die furchtbaren Verfolgungen der Juden in Rußland und in Galizien durch die russischen Kosaken und deren Häuptlinge sammelt. Wir finden eine Reihe von Auszeichnungen jüdischer Soldaten, wir vermissen aber die Auszeichnungen jüdischer Offiziere. Ueber die Tendenz dieses Unternehmens selbst heißt es in der Einleitung, daß seine Aufgabe darin bestehen soll, die rückhaltlose patriotische Treue gegenüber den Feinden der Judenschaft nachzuweisen. Durch das „Kriegs-Archiv" „wollen wir in den Kampf gegen das Uebelwollen und für das volle Recht gerüstet sein".Alles in allem scheint es sich um ein antiantisemitisches Unternehmen zu handeln. Mit Rücksicht auf die hinter diesem Unternehmen stehenden Personen, die der Wiener Zionisten-Partei angehören und sich bisher gegenüber der Abwehrbewegung stets ablehnend verhalten haben, scheint uns diese jetzige Art der Stellungnahme jedenfalls bemerkenswert. Die Sammlung der Kriegsbriefe enthält 64 Briefe aus Frankreich, Belgien, England, Ostpreußen, Russisch-Polen, Galizien, Bosnien und Serbien, die einen Zeitraum von vollen acht Kriegsmonaten umfassen. Bunt, wie die Herkunft der Schreiber, sie gehören allen Schichten und Berufen, allen religiösen und politischen Richtungen an, die die Judenheit nur kennt — ist auch der Inhalt. Sie schildern alle möglichen militärischen Situationen, von der Einkleidung der Rekruten bis zum Krachen der Schrappnells in offener Feldschlacht. Wir lesen den Abschiedsbrief des kleinen jüdischen Viehhändlers, Vaters von sieben Kindern. Er hat sich mit sich und seinen Angehörigen beraten und ist auf die Stimme seiner Mutter gegangen. „Ich bin", sagte er, „die fünf Bücher Moses durchge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.