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Neue Nationalzeitung · 1915-07-02 · Heft 13 (2.7.1915) · p. Seite 109

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 13 (2.7.1915)
Date
1915-07-02
Page
Seite 109 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 13 Seite t09 Schützengräben, war der moralische Schmerz jeden Augenblick unser Genosse. Auf Schritt und Tritt verdächtigte man den Beweggrund unseres Vorgehens und unser glühender Wunsch, unser Blut für Frankreich zu vergießen, wurde durch das Verlangen gedeutet, die Suppenschüssel (la gamelle) zu bekommen. Ach diese unglückselige Gamelle, wie wurde sie uns schließlich zum Ekel und wie teuer bezahlen wir sie heute! Was konnten wir die ganze Zeit über darauf antworten? Hört man denn hier auf Worte? Gab es einen einzigen Menschen, der sich die Mühe genommen hätte, unsere Seelen zu ergründen, um uns zu begreifen? Nein. Man duldete, man verachtete uns vielleicht und so stehen wir vor Arras. In wenigen Stunden ziehen wir in den Kampf mit dem Befehl, den wir erhalten: „Sterben, aber nicht weichen!" Ich weiß, daß wir uns gut schlagen werden, daß wir mit offener Brust sterben werden und daß wir aller Welt zeigen werden, daß die Juden mit Stolz zu sterben wissen. Ich habe an diesem Abende nur einen Wunsch, vielleicht den letzten, den, Ihnen meinen Seelenzustand als Jude zu schildern, den man hier nicht begreifen kann, den man nicht liebt. Wenn Sie wüßten, meine teueren unbekannten Freunde, wie tief ich in meinen Gedanken Ihnen für die Liebenswürdigkeit dankte, mit der Sie uns die russischen Blätter schickten! Und darf ich es Ihnen gestehen? In meine Dankbarkeit mengte sich etwas wie Bitterkeit gegen Sie gerade wegen der russischen Blätter. Denn diese meldeten uns die Greuel, deren Opfer unsere in der fernen Heimat geblieben Brüder geworden sind. Alles, was Sie so zuvorkommend in diesen Blättern unterstrichen, wühlte unseren Schmerz auf und rief in uns den Wunsch nach Rache gegen irgend jemanden, gegen denjenigen hervor, der diese ungeheuerliche Ungerechtigkeit erfunden. Oh, wie glücklich wären wir, in einem französischen Blatte ein Wort der Entrüstung gegen soviel Unbill zu finden! Haben wir nicht unsere Pflicht voll und ganz getan? Und während der jüdische Soldat sein Blut in Strömen vergoß, füllen seine Frau, seine Schwester, seine Kleinen, mit Schmach und Schmähungen bedeckt, aus ihrem Neste vertrieben, die großen Straßen des Elends und des Unglücks. Jene Stellen, die Sie mit rotem Bleistifte unterstrichen, schienen mir, als wären sie mit dem Blute des jüdischen Soldaten unterstrichen. Der Tod flößt uns keine Angst ein, denn wir denken, daß er nicht unbemerkt bleiben wird, daß sich da irgend etwas Gutes für unsere verfolgte jüdische Rasse ergeben wird . . . Was machen in diesem Augenblicke meine Frau, mein Kind, wissen sie überhaupt noch, daß ich in diesem Augenblick lebe? Und ich bin doch glücklich, für das edle, republikanische Frankreich zu sterben, das aller Opfer würdig ist, denn es wird weder meine Frau noch mein Kind, das ich nicht einmal kenne, im Stiche lassen. Mein teueres Kind, Dein Vater geht in den Tod für eine große Idee und er wünscht, daß dieselbe Glut in Deinem Herzen brenne." v Die Behandlung, welche diesen jüdischen Soldaten selbst in Frankreich zuteil wird, könnte sie wohl überzeugen, wie naiv ihre Begeisterung für das „edle republikanische Frankreich" ist. Nun ja, indem sich Frankreich mit Rußland auf Tod und Leben verbunden hatte, glaubt es, auch russische Methoden den Juden gegenüber nachahmen zu sollen. Dieses Faktum möge aber denjenigen Juden in den neutralen Ländern, welche den Sieg der Entente herbeiwünschen, die Augen öffnen. Die Juden, welche in der österreichisch-ungarischen und deutschen Armee kämpfen, haben sicherlich zu solchen Klagen keine Veranlassung. J. K. Kriegsnachrichten. Der Sohn des Rabbiners Dr. Fink gefallen. Im August vorigen Jahres hat der Berliner Rabbiner Dr. Fink in einem flammenden Aufruf in der Tagespresse die deutschen Juden zum Kampfe, gegen Rußland gemahnt, indem er auf die Schmach hinwies, die dort die 6 Millionen Juden seit Jahrzehnten zu erdulden haben. Seine Worte haben Gehör gefunden und viele tapfere jüdische Soldaten haben sich freiwillig gemeldet. Auch der eigene einzige Sohn zog sofort freiwillig in den Krieg. Nachdem er in Belgien verwundet wurde, ist er nunmehr im Alter von 20 Jahren bei Arras gefallen. Der Verlust für die trauernden Eltern ist ein außerordentlicher und die zahlreichen Verehrer des Rabbiners nehmen Anteil an dem Schmerze, der die Familie betroffen. Rabbiner Fink war in Wien lange Jahre tätig und ist infolge eines seinerzeit in der Oeffentlichkeit viel besprochenen Konfliktes mit dem Präsidenten Dr. Stern nach Berlin übersiedelt. * Die Juden als Soldaten. Die Londoner Zeitschrift „The Graphic" bringt eine sehr interessante Abhandlung über die militärische Fähigkeit des modernen Juden, besonders des Juden in England. Der Jude, so wie da ausgeführt, ist nicht mehr jenes geheimnisvolle Wesen, wie ihn einst seine Freunde und Feinde darzustellen pflegten. Heute ist er von demselben Kampfesfeuer durchdrungen wie seine anderen Mitbürger; im Gegenteil, durch die Ueberfülle seines Denkvermögens hat er sämtliche ruhmvollen und fesselnden Perspektiven des Krieges erweitert. Das hat mit sich gebracht, daß die Zahl der Juden im englischen Heere nicht nur jede Erwartung überstiegen hat. sondern daß sie auch im Verhältnis größer ist, als in der übrigen Bevölkerung. Von einer jüdischen Bevölkerung von zirka 240.000 Seelen haben sich 10.000 Juden als Freiwillige im englischen Heere aufnehmen lassen. Das ist die Frucht des neuen Ideals der körperlichen Pflege, welches unter der jüdischen Jugend entstanden ist. Jeder Sohn will sich, indem er sich von den sitzenden Beschäftigungen befreit, physisch besser entwickeln als sein Vater. Es sind nun unzählige athletische, nautische und gymnastische Klubs, in,.denen die jüdische Jugend den weitesten Anteil nimmt. Als Resultat davon kann man bemerken, daß die Durchschnittsstatur .der Juden in England während einer einzigen Generation in: wunderbarer Weise gewaclisen ist. * Die Juden im Weltkrieg. Die Beteiligung der Juden am Kriege wird durch folgende im Sofioter „U t r o4i erschienene Statistik geschätzt. In der russischen Armee gebe es 300.000 Juden, in der österreichischungarischen 150.000 (darunter 16.000 Unteroffiziere und Offiziere, zwei Generäle), in der deutschen 10a000 (darunter 15.000 Unterofiiziere und Offiziere), in; der französischen 30>.Ö00, in der

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