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Neue Nationalzeitung · 1915-07-02 · Heft 13 (2.7.1915) · p. Seite 108

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 13 (2.7.1915)
Date
1915-07-02
Page
Seite 108 (sequence 4)
Language
German
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Seite 108 ^Neue National-Zeitung^ Nr. 13 unsagbaren Unbilden des Schicksals das unverwüstliche Erbteil seiner Bekenner: „Siehe, es schläft und schlummert nicht der Hüter Israels." Das Gottvertrauen, das die Juden alle anderen Völker der Weltgeschichte überdauern ließ, verläßt sie auch nicht inmitten der Schrecknisse des furchtbaren Weltdramas, das sich vor unseren Augen abspielt; sie hoffen und harren und schöpfen Trost und Erhebung aus ihren heiligen Büchern, ihrem altehrwürdigen Schrifttum. Sie wallfahren zu den Bibliotheken und Lehrhäusern und bilden lebendige Mauern in denselben, daß die Diener Mühe haben, sich hindurchzuwinden und ihnen die erbetenen Bücher zu reichen. Die geräumigen Lesesäle vermögen die Zahl der Besucher nicht zu fassen; allein was ficht sie das an? Können sie nicht sitzen, so stehen sie stundenlang mit den schweren Folianten in den Händen und sie okkupieren auch die Vorräume. Alle Stände und Berufe und Altersklassen sind vertreten. Ergreifend ist es, daß auch rekonvaleszente Soldaten und Offiziere sich unter sie mischten. Vergleichen wir diese „unzivilisierten" Juden mit jedem anderen Elemente im großen Mischmasch des Völkerlebens, Welcher zweite Volksstamm wird in einer Lage, wie sie jetzt das äußere Dasein dieser Juden kennzeichnet, einen solchen Anblick bieten, wie die galizischen Gäste unserer Gemeindebibiothek, welche nur von dem einen heißen Wunsche beseelt sind, in dem Aufgehen in geistiger Beschäftigung die Oede des Exils zu vergessen? Wenn man eine Klage von ihnen hört, so ist es die, daß die Bibliothekbenützung nicht in noch weiterem Rahmen gehalten ist. Stundenlang warten sie mitunter, der bittersten Kälte trotzend, im Stiegenhause auf die Oeffnung der Bibliothek, um nur ja rechtzeitig zur Stelle zu sein. Der Andrang zu den Brotverteilungsstellen kann diesen Ansturm nicht übertreffen. Das ist K u 11 u r im Gegensatz zur Z i v i 1 i s a t i o n. Zu meiner nicht geringen Ueberraschung nehme ich wahr, daß den Flüchtlingen die Forschungen der deutschen protestantischen Theologen» keineswegs fremd sind, daß sie sich mit lebhaftem Interesse in die Arbeiten derselben über Bibelkritik und jüdische Geschichte vertiefen. Sie beschäftigen sich auch mit profanen Wissenschaften. Ein 84jähriger Arzt aus Przemysl schwelgt täglich in der Lektüre philosophischer Werke, die er nach einem System entwicklungsgeschichtlich studiert; Kaufleute, die sich in ihren kargen Mußestunden schriftstellerisch betätigt haben, bestürmen mich mit Fragen über die bedeutendsten Erscheinungen der letzten zwei Jahre auf religionsphilosophischem und völkerpsychologischem Gebiete; wieder anderen ist an der Erkenntnis der Fäden, die sich zwischen der Kabbala und der deutschen Mystik spinnen, gelegen. Ein Postbeamter aus Czernowitz sammelt mit Bienenfleiß Materialien zu einem Lexikon berühmter jüdischer Männer und Frauen, von dem bereits einige Lieferungen erschienen sind. Nicht wenige Flüchtlinge wollen es sich, da das Schicksal sie nun einmal nach Wien geführt hat, nicht nehmen lassen, die Geschichte der Juden in Wien oder gar die spezifisch Wienerische Note der Literatur kennen zu lernen. Das Hauptaugenmerk der letzteren ist auf Artur Schnitzler gerichtet. Mit Bewunderung schaue ich zu diesen heimatlosen Greisen, Männer und Jünglingen empor, von denen die Goetheschen Worte gelten: Wer nie sein Brot mit Tränen aß, Wer nie die kummervollen Nächte Auf seinem Bette weinend saß, Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte! Den harten Prüfungen, den unsäglich schweren Heimsuchungen zum Trotze leben und weben sie im Reiche der Ideen, und das macht sie stark. Der Geist überwindet die Materie, und dieser Umstand berechtigt mich, für die vielverlästerten polnischen Kaftanjuden ungeachtet ihrer absonderlichen Aeußerlichkeiten das Epitheton zu reklamieren, das Ibsen in einem Brief an Georg Brandes vom 1. Februar 1871 den Juden verleiht, sie zum „Adel des Menschengeschlechts" zu zählen. Russisch-jüdische Soldatentragik. Bei Kriegsausbruch ist eine große Anzahl russischer Juden, welche in Frankreich weilten und es als beschwerlich fanden, den weiten Weg ins „Vaterland" zu unternehmen, um ihrer Militärpflicht Genüge zu leisten, als Freiwillige in die französische Fremdenlegion eingetreten. Man sollte glauben, daß die edlen Franzosen, die doch so viel von Kultur und Humanität faseln und den Mund mit Protestrufen gegen den „deutschen Militarismus" vollnehmen, das patriotische Vorgehen dieser russischen Juden wenigstens zu würdigen wüßten. Dies ist jedoch nicht geschehen, und das Schicksal dieser Juden ist wahrlich äußerst tragisch. Die „Guerre Sociale", das einzige französische Blatt, das noch frisch von der Leber weg zu sprechen wagt, veröffentlicht nämlich einen sensationellen Artikel unter dem Titel „Zur Beschämung der Antisemiten" als Antwort auf eine Denunzierung des „Petit Parisien". Dieser hatte vor einigen Tagen sich sehr ungehalten darüber geäußert, daß auf dem Trödlermarkte des „Temple" (des Judenviertels in Paris), gewisse „fremde Elemente" allzu sehr vorherrschen, deren Platz wohl eher an der Front wäre. Darauf antwortet nun das Blatt Gustave Herves: Die mit Unrecht als „slavische Legion" bezeichnete Abteilung der Fremdenlegion, die in Wirklichkeit in ihrer großen Mehrheit aus freiwilligenrussischen Juden gebildet worden wäre, hat beim Sturme in der Umgebung von Arras all' denjenigen, die diesem beiwohnten, Rufe wahrer Begeisterung entlockt. Das kann um so weniger überraschen, als von den 4000 jüdischen Kämpfern kaum 190 aus der Schlacht zurückgekehrt sind. Das Blatt zitiert nun einige Briefe jener freiwilligen Kämpfer, so namentlich den eines gewissen L i t w a k, der wenige Stunden vor dem Tode desselben geschrieben worden war. Es heißt da: „Als wir jüdische Freiwillige in den Tagen, da die Gefahr der Republik drohte, mit den anderen Bürgern herbeieilten, hofften wir, bei den Militärbehörden dieses Landes eine Aufnahme zu finden, die den Gefühlen entspräche, die uns geleitet. Wie bitter aber war unsere Enttäuschung! Während des ganzen Winters, während jenes langen und mühevollen Aufenthaltes in den

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