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Neue Nationalzeitung · 1915-07-02 · Heft 13 (2.7.1915) · p. Seite 107

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 13 (2.7.1915)
Date
1915-07-02
Page
Seite 107 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15 ^_eue_Natipjial-Zeitung" Seite 107 Die Rückeroberung Galiziens. Keine der Galizien und Bukowina bewohnenden Nationalitäten hat mit größerer Freude die wunderbaren Siege unserer bundesgenössischen Armeen und die Zerschmetterung des russischen Feindes begrüßt, als die Juden. Denn kein Volk hat unter dem Joche der russischen Invasion so furchtbar gelitten, und für keines war die russische Herrschaft so sehr der Inbegriff barbarischer Verfolgung und blutiger Intoleranz wie für die Juden. Morde, Plünderungen und Schändungen, verbrannte Städte, Höfe und Gotteshäuser, das waren die Etappen und die äußeren Merkmale der russischen Siege, die das arme Land Qalizien heimsuchten. Bis endlich alle die Tränen und Wehklagen der gepeinigten Opfer vor dem Throne Gottes Erbarmen fanden. Und das gewaltige russische Heer, das sich unbesiegbar glaubte, das durch seine Massen jeden Widerstand niederzustampfen drohte, wurde in kurzer Zeit von den Zentralmächten aufgehalten, zurückgedrängt und aufs Haupt geschlagen. Galizien ist zum größten Teile wieder frei und die unter genialer Führung vorwärtsdrängenden verbündeten Armeen sind daran, die letzten Reste des zusammengebrochenen Feindes aus dem Lande zu werfen. Die jüdische Bevölkerung darf wieder frei aufatmen, sie erwacht aus dem Traume der blutigen Russenzeit und fühlt sich wieder froh und glücklich durch die Zusammengehörigkeit mit dem angestammten Kaiserhause, dem sie nicht für einen Augenblick die Treue versagte. Denn der galizische Jude, ohne Rücksicht auf seine rituellen Anschauungen, seinen Bildungsgrad und Beruf, ist durch und durch kaisertreu, österreichisch, schwarzgelb. Er hat keine Sonderinteressen; er kennt keine Sonderbestrebungen. Die Rückeroberung Galiziens wurde nicht bloß durch die Juden im Lande selbst, sondern auch überall, wo die galiziseheii Juden als Flüchtlinge ihr Dasein fristen, in begeisterter Weise gefeiert. Die zahlreichen Massen-Aufzüge und Huldigungsdepeschen legen dafür ein beredtes Zeugnis ab. Die galiziseheii Juden freuen sich, wieder Oesterreicher zu sein, nachdem sie nie aufgehört haben, sich als solche zu fühlen. Und sie wollen es auch künftighin bleiben. Wohl mag es in Galizien auch vereinzelte Juden, jüdische Politiker vielmehr geben, die aus Phantasterei oder kluger Berechnung den polnischen Unabhängigkeitsträumen die Verwirklichung wünschen — die großen Massen der jüdischen Bevölkerung stehen diesen Bestrebungen ferne. Sie haben keine Lust Bürger eines unabhängigen Polens zu werden; gewisse Vorgänge aus letzter Zeit haben ihnen erst recht die Lust hiezu benommen. Die galizischen Juden haben in diesem Kriege nicht nur Opfer an Blut gleich ihren Stammesbrüdern in den übrigen Provinzen der Monarchie, sondern auch an Hab und Gut gebracht, Opfer, deren Last viele ihr ganzes Leben hindurch zu tragen haben werden. Diese Opfer waren nicht vergeblich, das ist ihr wichtigster Trost. Die Rückeroberung Gali ziens gibt den galizischen Juden die Möglichkeit, als gleichberechtigte Staatsbürger ihr kulturelles Leben und ihre wirtschaftliche Existenz auch weiterhin auf den Grundsätzen der freien Selbsttätigling aufzubauen und angesichts der gebrachten Opfer hiebei auf die werktätige Förderung der staatlichen Faktoren zu rechnen. Auf den Ruinen Galiziens soll ein neues blühendes Galizien erstehen. L. Unter den Flüchtlingen.*) Von Bernhard Münz (Wien). Es gibt einen vortrefflichen, weisen Spruch, der uns mahnt, nicht auf den Krug zu achten, sondern auf das, was in ihm enthalten ist. So einleuchtend und selbstverständlich dieser Spruch auch ist, kamen wir doch vor lauter Empfindlichkeit und vielem Aesthetisieren nicht dazu, ihn zu beherzigen und nach ihm zu handeln. Gewaltige, wuchtige Ereignisse erst konnten uns bestimmen, das Sein über den Schein zu stellen. So bin ich durch den Krieg erst in die Lage gekommen, den Wesens wert der galizischen Juden, der Kaftanjuden, zu entdecken und sie zu bewundern. Ein Stück Neuland hat sich mir in ihnen und durch sie erschlossen. Als Vorstand einer großen Bücherei habe ich tagtäglich Gelegenheit, ihren überwältigenden Idealismus anzustaunen. Sie sind Märtyrer der aller Beschreibung spottenden bestialischen Kampfesweise des heiligen Rußland, das sich nicht darauf beschränkt, seine Heere mit denen der Feinde zu messen, sondern, eine Geißel Gottes, raubt und plündert, mordet und schändet und sengt und ganz besonders die Juden zum Ziele seiner Blindwütigkeit auserkoren hat. Um ihr und ihrer Familien Leben zu retten, haben sie den Wanderstab ergriffen, M:?us und Hof, Geschäft und Beruf im Stiche gelassen und, von allen Mitteln entblößt, als Bettler ihren Einzug, in die Kaiserstadt an der Donau gehalten. Aber sie haben nicht nur den Verlust an Hab und Gut zu bekhigen, sondern im Drange und Wirrsal der Flucht sind ihnen Familienmitglieder abhanden gekommen, Eltern sind von ihren Kindern, Männer von ihren Frauen getrennt worden. Kummer und Sorge, Gram und Verzweiflung, Elend und Entbehrungen aller Art sind die unzertrennlichen Gefährten der Flüchtlinge, sie haben ihnen deutliche Spuren aufgedrückt, sie gebeugt, aber nicht — gebrochen, denn das Judentum ist von jeher eine Religion der Lebensbejahung, der Optimismus ist trotz aller entsetzlichen, *) Dieser höchst aktuelle Aufsatz des Wiener Gemeinde- Bibliothekars, den wir in einer Frankfurter Monatsschrift finden, wird gewiß auch unsere Leser besonders interessieren, Anni. der Redaktion.

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