Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 12 (18.6.1915)
- Date
- 1915-06-18
- Page
- Seite 102 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Hr. 12 nach der Lage der Verhältnisse mit Galizien weniger befassen können, weil es zum Teil von russischen Truppen okkupiert war, dagegen konnte er seine Fürsorgen den Gebieten Polens zuwenden, die von den deutschen Heeren besetzt worden sind und wo die Notwendigkeit Hilfe zu bringen, eine außerordentlich dringende war. Das jüdische Hilfskomitee für Polen. Für die Juden in Russisch-Polen hat sich ein besonderes Komitee gebildet, das Jüdische Hilfskomitee für Polen, dessen Vorsitzender der Vorsitzende des Hilfsvereins der Deutschen Juden Herr Dr. James Simon, dessen Schatzmeister Herr Max M. Warburg in Hamburg und dessen Schriftführer der Generalsekretär des Hilfsvereins der Deutschen Juden Herr Dr. Bernhard Kahn ist. Zum Geschäftsführenden Ausschuß gehören ferner die Herren Dr. Paul Nathan, Dr. Franz Oppenheimer, Landtagsäbgeordneter Justizrat Waldstein-Altona und Hauptmann Karl Melchior. Dieses Komitee verwaltet die amerikanischen Hilfsgelder. Es beschloß, in die erreichbaren Gebiete Polens eine Kommission zu senden, mit dem Auftrage, an Ort und Stelle die Verhältnisse zu prüfen. Die Kommission, der die Herren Dr. Paul Nathan, Rabbiner Dr. Fink, Hermann Struck, Dr. Eduard Heimann und Herr Dr. Berhard Kahn angehören, hat in der Zeit vom 17. Februar bis zum 17. April vier Reisen nach Polen unternommen und zwar eine in den nördlichen, eine in den mittleren und zwei in den südlichen Teil Polens. Aus den ausführlichen Berichten dieser Kommission sei folgendes hervorgehoben. Von den 10 polnischen Gouvernemente sind 8 ganz oder teilweise von den deutschen oder österreichischen Truppen besetzt. Die Gesamtzahl der Einwohner dieser besetzten Gebiete beträgt 5,290.000, unter diesen sind über 700.000 Juden: Die Juden machen über 13 Prozent der gesamten Bevölkerung aus. Da sie zu annähernd 70 Prozent in den Städten wohnen und naturgemäß die Not, in die der Krieg das Land gestürzt hat, sich am allerstärksten in den Städten fühlbar macht, so lastet die Kriegsnot mit besonderer Schwere auf der jüdischen Bevölkerung Polens. Das Judenelend in den eroberten Gebieten. D i e e r s t e Reise erstreckte sich auf die Gebiete Wloclawek, Plock, Kutno, Kolo, Konin. Diese Städte und Gebiete im Gouvernement Warschau und Plöck und im nörlichen Teil des Gouvernements Kaiisch sind am wenigsten schwer betroffen. Das will nicht sagen, daß der Krieg nicht auch in diesen Gebieten sehr großen Schaden angerichtet hat. Neben größeren und kleineren zerstörten Ortschaften sind zahlreiche Bauerngüter und Gutshöfe vernichtet worden. Einzelne Personen haben ihr ganzes Hab und Gut verloren; auch ganze Strecken der mit Winterfrucht bestellten Aecker sind verwüstet worden. Viel trauriger daran sind aber die Gebiete, die wir auf der zweiten Reise aufgesucht haben, deren größte Städte K a 1 i s c h und Lodz sind. Diese Gebiete der Gouvernements K a 1 i s c h und P et r i k a u zählen zusammen etwa 1K Million Einwohner, darunter 300.000 Juden. Mit den in den einzelnen Teilen vorhandenen Lebensmitteln können weniger als die Hälfte der Einwohner noch eine kurze Zeit lang ernährt werden, für 800.000 Menschen fehlen ausreichende Lebensmittel. Unter diesen 800.000 sind 500.000 Menschen, die zudem unterstützt werden müssen. Unter den 500.000 Unterstützungsbedürftigen sind weiter mindestens 120.000 Juden, denen es an allem Notwendigen zum Lebensunterhalt in ausgiebigem M^ße gebricht. Das Elend wird noch übertroffen von den Zuständen im Dombr ow a-Becken und im Fabriksbezirk von C z e n s t o c h a u, wohin die d r i f t e und vierte Reise führte. Hier herrscht ein ganz besonders schwerer Notstand. Das Gebiet von Dombrowa und Czenstochau, ferner die anschließenden, größtenteils unter österreichischer Verwaltung stehenden Kreise der Gouvernements K i e 1 c e und Radom zählen, soweit sie besetzt sind, an 800.000 Einwohner, unter denen sich 150.000 Juden befinden. Nur in den agrarischen Distrikten sind noch Lebensmittel vorhanden; für 400.000 Personen in den Industriebezirken fehlen genügende Mittel zum Unterhalt. Die Heranschaffung, und zwar die recht baldige, von ausreichenden Nahrungsmitteln ist noch rascher notwendig als in den oben genannten Gegenden, denn hier ist die Unterernährung bereits zu einer gefährlichen Grenze vorgeschritten, bei der der Ausbruch schwerer Epidemien bevorstehen kann. Von den 400.000 Menschen, die mit Lebensmitteln raschestens versorgt werden müssen, sind- 250.000 unterstützungsbedürftig, darunter über 75.000 Juden. Das jüdische Hilfskomitee arbeitet harmonisch zusammen mit dem interkonfessionellen Komitee für Polen und auch mit dem speziellen polnischen Komitee. Die russischen Pogroms. Zu den Leiden, die die Gesamtheit der polnischen Bevölkerung zu ertragen hatte, kamen bei den Juden noch ganz besondere. Bei allen Kriegswendungen, namentlich bei Rückzügen, wurden sie von den Russen ausgeplündert, viele wurden gemordet, weggeschleppt, Frauen wurden geschändet. Auf dem Lande ging es am furchtbarsten zu. Die Kommission hat sich bemüht, Aufnahmen über die Greueltaten zu machen, die begangen worden sind, und es wird erwogen, das bezügliche Material zu veröffentlichen und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch im neutralen Ausland. Es wurden von der Kommission zur Ausführung des Hilfswerks in Polen lokale Komitees eingesetzt; zur Hilfeleistung über die Grenze hinaus auch ein deutsches Komitee in Schlesien, das für seine Tätigkeit den größten Dank verdient. Die deutschen Zivil- und Militärbehörden in den besetzten Gebieten haben der Kommission bei ihren Arbeiten, die nach verschiedenen Richtungen hin auch im Interesse des Deutschen Reiches liegen, jedes Entgegenkommen bewiesen und ihren Vorschlägen Berücksichtigung zugesagt. Das Hilfswerk während der Kriegszeit konnte nur geleistet werden dank der Mitwirkung der deutshen Judenheii und bei der Größe und der Dauer der Not ist nachhaltige Unterstützung seitens derselben in weitestem Maße erforderlich. Die Ausführungen des Herrn Dr. Nathan fanden lebhaften Beifall. Herr Dr. Simon geht noch des Näheren auf die in P a- 1 ä s t i n a erfolgte Hilfeleistung ein. Es sind zunächst 40.000 Mark dorthin überwiesen worden. An Stelle des Schatzmeisters, der sich auf einer Reise befindet, erstattete Herr Dr. James Simon den Kassenbericht. Die Auswandererfürsorge in der ersten Hälfte des Jahres hat rund 144.000 Mark erfordert, das allgemeine Subventionskonto und das Schulwerk rund 280.000 M. Die Einnahmen aus Mitgliederbeiträgen und einmaligen Zuwendungen beliefen sich inkl. eines Beitrages der Jewish Colonization Association auf über einehalbe MillionMark. Darauf wird der Verwaltung einstimmig Entlastung erteilt.