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Neue Nationalzeitung · 1915-06-18 · Heft 12 (18.6.1915) · p. Seite 101

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Journal
Neue Nationalzeitung
Volume
XVII (1915)
Issue
Heft 12 (18.6.1915)
Date
1915-06-18
Page
Seite 101 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 12 .Neue National-2eitung" Seite 101 Der Hilfsverein der Deutschen Juden. (Generalversammlung.) Berlin, Anfangs .Juni. Am Sonntag, den 30. Mai 1915, fanden die Sitzungen des Zentralkomitees und der Generalversammlung des rfüfsvereins der Deutschen Juden statt. Es waren zahlreiche Mitglieder erschienen, auch von auswärts, so aus Königsberg i. Pr., Tilsit, Ostrowo, Königshiitte, Lissa, Posen, Breslau, Dresden, München. In der Sitzung des Zentralkomitees hielt Herr Dr. James Simon vor Eintritt in die Tagesordnung einen warmen Nachruf auf die seit der letzten Generalversammlung dahingeschiedenen Mitglieder des Zentralkomitees, die demselben seit der Begründung des Hilfsvereins zumeist schon angehört hatten und sich um sein Werk die größten Verdienste erworben haben. Darauf wird der Geschäftsbericht, der den Mitgliedern des Zentralkomitees zugegangen war, einstimmig genehmigt. In das Zentralkomitee wurde Herr Rabbiner Dr. Neuhaus-' Ostrowo kooptiert. An die Sitzung des Zentralkomitees schloß sich unmittelbar die Tagung der Generalversammlung, in der gleichfalls Herr Dr. James Simon den Vorsitz führte und zunächst der dahingegangenen treuen Mitgliedern gedachte. Herr Dr. James Simon führte dann aus, daß auch in den schweren Zeiten einer Katastrophe, wie sie die Welt bisher nicht erlebt hat, der Hilfsverein es für seine Ehrenpflicht hielt, seinen Aufgaben treu zu bleiben und seine Arbeit nach wie vor dem Wohle der ausländischen Glaubensgenossen seinem Programme gemäß zu widmen. Es erschien auch geradezu als eine Pflicht gegen das Vaterland, das Liebeswerk nicht fallen zu lassen. Die Tätigkeit hat sich in mancher Beziehung anders gestalten müssen als bisher. Ein Hauptteil der Arbeit, die sich auf die Auswandererfürsorge erstreckte, mußte seit Ausbruch des Krieges fortfallen, dagegen ist die kulturelle Tätigkeit in den Balkanländern und im Türkischen Orient in großem Umfange, soweit es die Verhältnisse irgend zuließen, aufrecht erhalten worden. Herr Dr. Nathan setzt im Anschluß an die Ausführungen des Vorredners auseinander, daß es nicht möglich gewesen ist, die Arbeiten wie bisher in den dreizehn Jahren fortzuführen, in denen die Tätigkeit im wesentlichen darauf gerichtet war, das Niveau unserer Glaubensgenossen im Osten und im Orient auf sittlichem und wirtschaftlichem Gebiete zu heben. Es sind andere bedeutsame Aufgaben in den Kriegszeiten erwachsen. Das Schulwerk des Hilfsvereines. Redner skizziert zunächst kurz die Tätigkeit auf dem Gebiete des Schulwerks. Es ist infolge der Kriegslage nicht möglich gewesen, mit allen einzelnen Unternehmungen in Galizien, Rumänien, Bulgarien, in der Türkei und namentlich in Palästina wie unter normalen Verhältnissen in engem Zusammenhang zu bleiben. Das große Schulwerk ist im wesentlichen durchaus intakt geblieben und es soll nach dem Friedensschluß weiter ausgestaltet werden, wie es den Verhältnissen an Ort und Stelle entspricht. Im ganzen unterhielt und subventionierte der Hilfsverein der Deutschen Juden auch im Berichtslahr 35 Anstalten in Osteuropa und im Orient mit rund 5000 Zöglingen-Kindergärten. Knaben- und Mädchenschulen, Kolonieschule, Talmud-Thora- Schulen, Handwerkerschule, Haushaltungsschule, Handelsrealschule, Mädchenheim, Kindergärntnerinnenkursus, Lehrerseminar. Die Aufwendungen für diese kulturelle Tätigkeit betrugen rund 270.000 Mark. Das Technikum in Haifa. Der Hilfsverein war in hervorragendem Maße auch an der Schöpfung des Technikums in Palästina beteiligt, das eine selbständige Gründung gewesen ist. Durch Unbequemlichkeiten aller Art, seit Ausbruch des Krieges und durch finanzielle Schwierigkeiten war es nicht möglich, das Institut wie gewollt fortzuführen. Die einzige Möglichkeit zur Sanierung bestand darin, daß die alte Gesellschaft, die es in der Hand hatte, den Konkurs anmeldete und daß der Hilfsverein der Deutschen Juden nach sehr eingehenden Beratungen dieses große Unternehmen übernommen hat. In diesem Augenblick wird es nicht betrieben und kann es nicht betrieben werden. Man muß den Frieden abwarten, um definitiven Beschluß darüber zu fassen, nach welcher Seite hin die weitere Entwicklung des Werkes stattfinden kann. Die Hilfstätigkeit während des Krieges. Unmittelbar nach Ausbruch des Krieges sah sich der Hilfsverein vor Aufgaben gestellt, wie noch niemals zuvor. Der Krieg erstreckte sich auf jene Gegenden im Osten, denen in Friedenszeiten in erster Reihe die Tätigkeit des Hilfsvereines gegolten hatte: Russisch-Polen und Galizien waren Schauplatz des Krieges, Gebiete, die von einer sehr großen Anzahl von Juden bewohnt werden. Es erschien als notwendig die Hilfsaktion nicht auf eine konfessionelle, sondern auf eine interkonfessionelle Grundlage zu stellen. Das Interesse in dieser ungeheuren Weltkatastrophe mußte sich nicht nur auf die Juden, sondern auf die Gesamtheit derjenigen erstrecken, die Not leiden. Zuvorderst kamen hiebei in Betracht die große Zahl der Russen, die sich bei Ausbruch des Krieges in Deutschland befanden. Der Hilfsverein hat sich von vornherein auf einen interkonfessionellen Standpunkt gestellt und schon bei Beginn des Krieges am 14. August dem Reichsamt des Innern ein Memorandum überreicht, in dem auf die außerordentliche Notlage der Russen in Deutschland hingewiesen wurde, eine Notlage, die sich auch auf die Reichen und Reichsten erstreckte, die sich plötzlich und unerwartet von jeder Verbindung mit ihrer Heimat abgeschnitten sahen. Schwer betroffen sind noch zahlreiche andere Kategorien, Angestellte und Arbeiter, die entlassen wurden, die wegen Militärpflichtigkeit in Deutschland zurückgehalten und in Deutschland anssäsige russische Staatsangehörige, die durch die wirtschaftliche Krisis in ökonomischen Verfall geraten sind. Es handelt sich schätzungsweise um 60- bis 80.000 Russen, nicht mitgerechnet die Saisonarbeiter. Es bildete sich, im Einverständnis mit den Staats- und Militärbehörden ein interkonfessionelles Komitee, dem der Hilfsverein der Deutschen Juden, sodann Persönlichkeiten, die vor allen Dingen der Arbeiterbevölkerung nahestehen und auch Vertreter von Kreisen angehörten, die Fühlung mit den Deutschen in den russischen Ostseeprovinzen hatten, welche einen erheblichen Teil der in Deutschland befindlichen Russen bilden. Der Vorsitzende dieses Komites ist Herr Justizrat Breslauer, die Arbeiten desselben werden im Büro des Hilfsvereins erledigt, dessen Beamte der schwierigen und aufreibenden Tätigkeit sich in hingehendster Weise unterzogen haben. Die Wirksamkeit ließ sich nur in Uebereinstimmung und ständiger Fühlung mit der Reichsregierung und dem stellvertretendem Generalstab und in Berlin der Kommandantur erfüllen, da unter anderem der Abtransport großer Massen nach Rußland die Erlaubnis der Behörden erforderte. Die Kommandantur stellte in zuvorkommender Weise dem Komitee für die Abfertigung der abreisenden Russen ihre Räume zur Verfügung. Ein zweites Erfordernis war es, für jene zu sorgen, die sich in den Gebieten aufhielten, wo sich der Krieg selbst abgespielt hat, in Polen und Galizien. Der Hilfsverein hat sich

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