Neue Nationalzeitung
- Journal
- Neue Nationalzeitung
- Volume
- XVII (1915)
- Issue
- Heft 12 (18.6.1915)
- Date
- 1915-06-18
- Page
- Seite 100 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 100 Neue NationalrZeitung" NTr. 12 liehen historischen Augenblicken zu bewirken vermag, lehrt uns die Gegenwart. Leider fehlt es jetzt den Polen an Politikern großen Stils, die den Blick für historische Perspektiven haben. Es wird dort vielmehr eine kleine Politik mit kleinen Mitteln betrieben. Die ganze Richtung, als deren Träger Abgeordneter Dmowski gilt, hat eine Begeisterung gezeitigt, die nur in hohlen Worten besteht und die Stimme des Volksgewissens nicht zu wecken imstande ist. Auf diese Tatsache ist auch das Verhältnis Polens zur russischen Gesellschaft zurückzuführen. Die polnische Fortschrittspartei hat eine Schlappheit und Unsicherheit bewiesen, die im Gegensatz zu ihren Grundideen steht. Vor mehr als hundert Jahren, nach der ersten Teilung, stand Polen einer drohenden historischen Wendung gegenüber. Aber es besaß damals Politiker mit weitem Blick, die offen erklärten, daß die Juden, die zwölf Jahrhunderte in Polen lebten, an der erstrebten Gleichberechtigung teilnehmen müßten. Unter den glühenden Vertretern der Judenemanzipation war Kosciuszko anzutreffen. Solche Namen und Ereignisse müssen mitunter aus dem Staube der Archive hervorgeholt werden als Beweis einer großen Epoche und ihrer großen Träger. Jetzt kommt die Stimme der Gerechtigkeit gar nicht zu Gehör. Als die Juden bei der Parlamentswahl zur vierten Duma in Warschau, auf ihre Mehrheit verzichtend:, einen fortschrittlich polnischen Kandidaten — Dumowsky — wählten, fehlte diesem die Entschlossenheit, den Aufschwung der Juden zu würdigen, und erstere mußten sich noch den Vorwurf gefallen lassen, daß sie angeblich nur ihre Tendenzen gegenüber der polnischen Gesellschaft demonstrieren wollten durch die Wahl eines Polen. Zu allen Zeiten war die jüdische Bevölkerung Polens solidarisch mit den politischen Idealen Polens. Auch jetzt steht sie auf diesem Standpunkt der allgemeinen polnischen Bestrebungen, trotz der durchlebten Schrecken der letzten Jahre. Die Polen gehen achtlos an der Tatsache vorüber, daß die jüdische Masse ein gleichwertig kulturell nationales Element bildet, mit dem ihre Politik zu rechnen hat. Gerade weil die polnische Politik der kulturellen Mittel nicht entraten kann im Kampfe um ihr Ideal, darf sie die jüdische Masse nicht ausschalten. Erklärten doch die polnischen Fortschrittler vor zwei Jahren gelegentlich der Parlamentswahl, daß sie die Theorie der „Zwei Stämme nicht anerkennen", sondern eine politische Einheit aller Bewohner Polens als wünschenswertes Ziel betrachten! Die Stellung der amerikanischen Juden zur polnisch-jüdischen Frage. Mit dem Verhältnis zwischen Polen und Juden befaßten sich zwei Versammlungen in New-York. In der ersten, die im Saale der „Cooper Union" stattfand, plädierte Artur Hausn e r, Ingenieur und Sozialdemokrat aus Lemberg, den die New-Yorker Blätter fälschlich als Reichsratsabgeordneten bezeichnen an seine jüdischen Zuhörer für die polnische Sache. Die Versammlung verlief überaus stürmisch. Hausner stellte sich als Vertreter des polnisch-nationalen Zentralkomitees, der ..provisorischen polnischen Regierung", vor und legte die Stellung seiner Auftraggeber zur Judenfrage dar. Er versprach den Juden bürgerliche Gleichberechtigung im zukünftigen freien Polen, wofür die Juden aller Länder als Gegenleistung sich zugunsten der Polen einsetzen müßten. Die Gewährung nationaler Rechte an die Juden lehnte er als „zionistische Forderung" ab. Die Juden müßten im polnischen Nationalkörper aufgehen. Dies sei der Standpunkt aller Richtungen im polnischen Volke, die im erwähnten Komitee vereinigt sind. Aus der Mitte der Versammlung wurde der Redner zu einer Erklärung bezüglich der Denunziationen und Pogrome von polnischer Seite gegen die Juden des Kriegsgebietes aufgefordert. Der Redner machte hiefür die polnische Reaktion verantwortlich, die Hand in Hand mit dem Zarismus gehe. Bei Erwähnung der polnischen Schandtaten gegen die Juden bemächtigte sich der Versammlung eine große Aufregung. Das Hausner'sche Programm, das für die Polen volles Selbstbestimmungsrecht fordert, während es für die Juden nichts übrig hat als das alte Rezept der nationalen Selbstverleugnung, stieß auf den Widerspruch eines großen Teiles der Versammlungsteilnehmer. Zur Annahme der verlangten Sympathieerklärung zugunsten der Polen kam es infolge dessen nicht. Die zweite Versammlung war gewissermaßen eine Antwort auf die erste. Sie fand am 6. »Mai in dem gleichen Saale statt und war so zahlreich besucht, daß eine Parallelversammlung auf der Straße abgehalten werden mußte. Es sprachen Dr. Schmarya L e w i n, der gewesene Abgeordnete der russischen Reichsduma, Professor Hurwitz, Ing. Kaplansky und andere. Den Vorsitz führte der bekannte Schriftsteller David P i n s k y. Folgende Resolution fand einstimmige Annahme: „Obgleich die feindliche Haltung eines großen Teiles der polnischen Bevölkerung, der polnischen Organisationen und der polnischen Presse der jüdischen Bevölkerung Polens gegenüber, eine Feindschaft, die ihren Ausdruck im Boykott gegen die Juden in Russisch-Polen, in der Niederhaltung der galizischen Juden, in den Verleumdungen und Denunziationen gegen die Juden der vom Kriege betroffenen Gebiete fand, zu russischen Militärpogromen und Blutbädern, zu brutalen Verfolgungen und Vertreibungen geführt hat, obgleich diese polnische Haltung den schmerzlichsten Eindruck und Erbitterung in der jüdischen Welt hervorgerufen hat, sind wir dennoch davon entfernt, die ganze polnische Nation mit den finsteren Kräften und Elementen des Chauvinismus zu identifizieren und unsere wohlwollende Stellung zum Kampfe des polnischen Volkes für seine Freiheit, Wiedervereinigung und Unabhängigkeit zu ändern. Gleichzeitig konstatieren wir, daß die polnischen Parteien der jüdischen Bevölkerung des erstrebten freien Polens die gesetzmäßigen Garantien für ihre nationale Existenz, verweigern und daß sie die Freiheit der Polen auf der Grundlage der nationalen Rechtslosigkeit und der Assimilation einer Minorität von drei Millionen Juden zu errichten beabsichtigen. Die Weigerung, die nationalen Rechte der Juden in Polen zu gewährleisten, macht die Bereitwilligkeit der polnischen demokratischen Elemente, den Juden bürgerliche Gleichberechtigung zu gewähren wirkungslos, da die systematische Propaganda der polnischen Parteien gegen die Anerkennung der nationalen Rechte der Juden in hohem Grade die Entstehung der Atmosphäre von Feindschaft gegen die Juden mitverschuldet und den Boden für den Vernichtungskampf gegen drei Millionen polnischer Juden vorbereitet hat. Ein dauernder Friede zwischen den Polen und den Juden wird nur dann möglich sein, wenn den jüdischen Massen im zukünftigen freien Polen neben den bürgerlichen Rechten äuch die nationale politische Gleichberechtigung hinsichtlich der Wahlen, nationalen Rechte für das jüdische Gemeindeleben, Sprache und Erziehungsinstitute sowie Selbstbestimmung in allgemeinen jüdischen Angelegenheiten werden gewährleistet werden."